Tampa Bay Buccaneers in der Sezierstunde

Absturz der Tampa Bay Buccaneers auf den Bodensatz der NFL im ersten Jahr unter dem „Retter“, dem neuen Head Coach Lovie Smith: 2-14 Saison samt Top-Draftpick. Das hatte man nicht erwartet von der Mannschaft, die noch vor zwei Jahren als so reich an individuellen Talenten galt und deren größtes Problem mit dem Weggang des verhassten Cheftrainers Schiano vor eineinhalb Jahren aus dem Weg geräumt schien.

Bevor wie die Buccs jedoch in Grund und Boden schreiben, sei aber schon erwähnt, dass die Lage so hoffnungslos dann auch nicht ist: Tampa war sagenhafte 1-8 in engen Spielen, und auch die Pythagoreische Erwartung von 4.4 Siegen ist zwar nicht überragend, deutet aber klar darauf hin, dass die Buccs unter Wert geschlagen wurden.

Wohl auch deshalb blieb man nach der Saison ruhig, vermied den erneuten großen Cut. Lovie Smith darf weiterarbeiten. Smith ist in Tampa eine hoch angesehene Person, seit er um die Jahrtausendwende im Trainerstab am großen Aufschwung der Buccs zur NFL-Macht mitwirkte. Am einzigen Superbowl-Sieg 2002/03 war er zwar nicht mehr beteiligt, aber allein die Tatsache, dass er die an der Bucht entwickelte „Tampa 2“ Defense in die Liga hinaus trug, rechnet man ihm bis heute hoch an.

Offense

Das größte Problem bei Smith-Mannschaften war aber immer die Offense, auch 2014 verantwortlich für den großen Sturzflug. Die Effizienz-Stats lesen sich atemberaubend schlecht:

Pass-Offense    5.7 NY/A  #29 der Liga
Run-Offense     34% SR    #31 der Liga
INT-Quote       3.8%      #32 der Liga
Fumble-Quote    3.0%      #32 der Liga

Das ist eine Region mit Oakland und Jacksonville. Nicht ohne Grund versteifte sich die sportliche Leitung von Anfang an auf die Quarterback-Position mit ihrem #1-Draftpick, und sie zogen den durchaus nicht unumstrittenen QB Jameis Winston von der nahe gelegenen Florida State University.

Winston klingt insofern nach einem guten Pick, als dass er seit Jahren den Druck gewohnt ist und sich auch von alltäglichen Anfeindungen nicht aus der Ruhe bringen lässt. Winston als Spieler fuhr vor zwei Jahren über den College Football drüber als gäbe es kein Morgen mehr und gewann alle erdenklichen Titel und Preise, aber es gibt neben seinen charakterlichen Bedenken auch Fragezeichen ob er im Spiel nicht zu häufig die eigensinnige Entscheidung trifft, anstelle nach Skript vorzugehen.

Smith installierte in Dirk Koetter einen neuen Offensive Coordinator, nachdem das Experiment mit College-Guru Jeff Tedford letztes Jahr schief ging, weil Tedford sich lange mit Herzproblemen herumschlug (Tedford ist nun Headcoach in der CFL).

Koetter gilt als Mann, der weiß was er tut. In Jacksonville und Atlanta machte er überwiegend positive Arbeit mit seinen Offenses – und er wird den Teufel tun und seinen jungen Quarterback so zu verheizen, wie es notgedrungen bei den Jaguars mit Blaine Gabbert anno 2011 geschah.

Es ist nie ideal, in einer Mannschaft von Lovie Smith Offensivspieler zu sein, aber Winston dürfte angesichts des Umfelds mit Koetter zumindest keine unlösbare Aufgabe bekommen. Er sollte einzig auf seinen Fahrten zwischen Tampa und seiner Heimat in Alabama nicht zu häufig bei alten Freunden in Tallahassee (Florida State) vorbeischauen.

Winston muss allerdings mit eher suspekten Kollegen in der Offense zusammenarbeiten. Die Offensive Line ist ein Flickwerk, nachdem die gut gemeinten Experimente mit Leuten wie Carl Nicks oder Donald Penn schief gegangen waren. LG Logan Mankins gilt als Stabilisator, und gegen C Dietrich-Smith und RT Dotson sind zumindest keine gröbere Bedenken anzumelden, aber auf Left Tackle (Donovan Smith) und möglicherweise Right Guard (Ali Marpet) drohen Rookie aus der 2ten unr 3ten Runde in der Stammmannschaft aufzulaufen.

Auf Runningback sieht es immer mehr danach aus, als sei Doug Martins überragende Rookiesaison 2012 der Ausreißer gewesen, nicht die beiden veheerenden Folgejahre (letztes Jahr: 3.7yds/Carry für Martin). Seine Backups Chris Sims und Bobby Rainey sind spielerisch unerfahren und charakterlich Zeitbomben.

Auf Tight End, oft eine Sicherheitsoption vor allem für junge QBs, kann Winston in Seferian-Jenkins, Myers und Stocker nur auf mittelmäßige Optionen zurückgreifen. Wobei Seferian-Jenkins erst in sein zweites Jahr geht und noch Luft nach oben haben dürfte.

Tatsächlich hängen sich viele daran auf, dass die Buccs auf Wide Receiver exzellent besetzt sind, aber auch hier würde ich das „exzellent“ mit einem Sternchen versetzen. Bei Vincent Jackson sind die Zahlen in jedem Jahr als Bucc schlechter geworden. Jackson geht zudem in sein 11tes Profijahr, weswegen durchaus ein weiterer Leistungseinbruch zu befürchten ist.

Viele hängen sich an WR Mike Evans auf, dem man 2014 ein überragendes Rookiejahr bescheinigte. Tatsächlich aber hatte Evans genau genommen neben viel Graumaus nur drei wirklich „große“ Spiele als Rookie – und die kamen gegen Atlanta, Washington und New Orleans (man sehe sich auch die Total-Yards in der untersten Zeile an).

Interessant bei Evans finde ich auch den Verlauf der orangen Kurve, die den Prozentsatz der tiefen Anspiele nachzeichnet. Evans wurde als Rookie sensationelle 47% tief angespielt, aber die Häufigkeit der tiefen Anspiele bedingte bei ihm nicht zwangsläufig die Effizienz, die ihm in den großen Zeitungen nachgesagt wurde, wie diese Grafik zeigt:

WR Mike Evans 2014/15

WR Mike Evans 2014/15

Hinter Jackson und Evans wird es überdies seeehr schnell sehr leise im WR-Corp. Es wird also auf eine Offense hinauslaufen, in der Koetter mit ziemlich limitierten Ressourcen arbeiten muss. Der potenzielle Schaden durch die zusammengewürfelte Offensive Line muss minimiert werden, dem Laufspiel zumindest ein Hauch eingeatmet werden, damit der Pass entlastet werden kann. Winston als Vollzeitstarter einzuarbeiten wird keine einfache Aufgabe.

Defense

Kommen wir zur Defense. Auch diese sah vor erst zwei Jahren wie die neueste Weltklasse-Unit aus, aber der Komplott aus Weltklassespielern führte nicht zu erstklassigen Resultaten. Heute sind nur mehr wenige Leistungsträger von damals verblieben.

Man warf Lovie Smith, dem quasi-DefCoord, letztes Jahr vor, mit dem Revis-Rauswurf und der Installation seiner Tampa-2 die Mannschaft komplett aus dem Konzept gebracht zu haben – und bei 6.8 NY/A (#26 der Liga) ist dies vielleicht ein haltbarer Vorwurf. Wenn man sich jedoch den Saisonverlauf der Buccs-Defense ansieht, so lässt sich doch ab Saisonmitte eine gewisse Stabilisierung erkennen – selbst gegen die Super-Offenses wie Green Bay oder New Orleans fuhr man annähernd durchschnittliche Effizienz-Werte ein:

EPA/Play Buccs-Defense 2014

EPA/Play Buccs-Defense 2014 (negativer Wert = starke Defense)

Der wichtigste Spieler bleibt nach wie vor der sehr teure DT Gerald McCoy, der sich 2014 trotz Verletzungsproblemen und limitierter Einsatzzeit zu 9 Sacks durchwuchten konnte. McCoy gilt in einigen Kreisen als Ärgernis, weil er so oft in Abseits springt (ca. 10 Offsides 2014), aber als vermutlich bester 4-3 Under Tackle ist er der Mann, um den herum das System gebaut ist.

Druck von der Defensive Line ist in jeder Lovie-Smith Defense das zentrale Element. Allerdings gibt es neben McCoy nur noch wenig Spielermaterial mit viel „Upside“. DT Melton hat seine besten Tage hinter sich und dürfte keine gute Besetzung für die 4-3 NT Position sein, die wohl von McDonald oder dem zuletzt enttäuschenden Spence besetzt wird.

An den Flanken stehen mit DE Gholston, DT/DE Johnson und DE English nur Rollenspieler oder anderswo gescheiterte Existenzen bereit, und im Draft ignorierte man die Position komplett.

Gesattelt ist man immerhin auf Linebacker – in der Smith-Defense auch immer eine wichtige Position. OLB Lavonte David gilt als Musterschüler und trotz seiner gedrungenen Statur als absolute Offenbarung, als neuer Derrick Brooks. Sein Counterpart LB Lansanah soll sich auch ganz gut eingelebt haben – einzig in der Mitte gibt es mit Bruce Carter und Khaseem Greene noch Fragezeichen.

Die Secondary sieht mit CB Verner einen guten Manndecker, der aber auch nur ein großartiges NFL-Jahr nachzuweisen hat (2013 in Tennessee), in CB Banks immerhin einen Jungspund mit Hoffnungsschimmer, und in Slot-CB Sterling Moore jenen Mann, der die Patriots einst in die Superbowl brachte. Moore soll sich seit jenem Freak-Moment aber zu einem ganz passablen Spieler entwickelt haben.

Auf Safety hat man sich aller Altlasten entledigt: Goldson und seinen verheerenden Vertrag wurde man wie erwartet los, und Mark Barron, den 1st-Rounder 2012, verschiffte man schon Mitte letzter Saison in einem Verzweiflungsmove nach St Louis. Das hat zur Folge, dass Lovie Smith nun auf zwei Altbekannte aus Chicago setzen muss: Chris Conte und Major Wright – wie zuversichtlich das stimmt, bleibt offen. Vielleicht kann sich Chris Hackett, der ungedraftete Rookie von TCU, einen Platz im Kader ergattern.

Ausblick

Es hinterlässt mich immer noch sprachlos, wenn man den Kader von 2013 mit jenem von 2015 in Tampa vergleicht. Es wollte schlicht nicht sein, dass sich in Tampa alle Puzzleteile fügten. Immerhin hat man jetzt aber wieder einen Kern. Er ist zwar klein, aber dafür tatsächlich fein. Um Leute wie McCoy und David kannst du eine dominante Defense bauen, vor allem mit einem Anführer Smith.

Und sollte Winston die in ihn gesetzten Erwartungen erfüllen, hat Tampa auch die Position besetzt, der man so viele Jahre, ja fast Jahrzehnte, nachgelaufen ist. Tampa hat einen Kern, auf den aufgebaut werden kann – vielleicht nicht heuer, aber mittelfristig.

Die Personalsorgen in der O-Line sowie auf Defensive End werden ein Hindernis auf dem Weg nach oben sein, die besorniserregende Besetzung der Safety-Position könnte ein Killer sein, aber 5-6 Siege würde ich doch von dieser Mannschaft in der anstehenden Saison erwarten.

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