San Diego Chargers in der Sezierstunde

Die San Diego Chargers schreiben derzeit die meisten Schlagzeilen mit dem wankelmütigen Kurs der Owner-Familie Spanos, die derzeit alle Möglichkeiten prüft, die Stadt gen Los Angeles zu verlassen. Chef Alex Spanos, der über viele Jahre als außergewöhnlich loyal zum südkalifornischen San Diego galt, soll schön langsam die Geduld verlieren, weil sich die Stadt in harten Stadionverhandlungen keinen Cent öffentlicher Beiträge aus den Rippen leiern lässt.

Qualcomm Stadium

Qualcomm Stadium

San Diego spielt seit fast 40 Jahren im Qualcomm Stadium, einer Arena, die in Zeiten von Hightech-Arenen mit verschließbaren Dächern oder Full-HD Ausstattung als hoffnungslos überholt gilt. Sogar die Liga hat sich bereits eingeschaltet und das sonnige San Diego trotz idealem Klima von der Liste potenzieller Superbowl-Austragungsorte gestrichen, sollte es zu keinem Stadionneubau kommen.

Immerhin ließ sich die Stadtverwaltung in den letzten Wochen zur Abhaltung eines Bürgerentscheids hinreißen – solche Referenden sind nicht nur hierzulande eine ständige Wundertüte. Weil die NFL derzeit mit neuen Umzugsfristen testet, ist es ungewisser denn je, dass die Chargers auch 2016 noch in San Diego auflaufen werden. Los Angeles, schon in den Gründerjahren Heimat dieser Franchise, lockt mit frischen Millionen und Finanzspritzen.


Sportlich war 2014 trotz gleichbleibender Saisonbilanz (9-7) ein Rückschritt im Vergleich zur Saison 2013, was nicht nur am Verpassen der Playoffs liegt: San Diego war in vielen Bereichen ineffizienter und muss nun als Team gelten, bei dem Regression zuschlagen könnte: 8.0 Siege nach Pythagorean und eine 5-2 in engen Spielen sehen in den Bolts eher einen glücklichen Absolventen von 2014.

Offense

Der große wunde Punkt ist schnell ausgemacht: Fehlende Power an der Anspiellinie. Die Offensive Line winkt man gerade noch so durch, aber in der Defensive Line fehlt es eklatant an höherwertigem Talent in ausreichendem Maße, und so erstaunt es umso mehr, dass GM Tom Telesco im Draft per Trade (!) nach oben (!!) einen Runningback holte: Melvin Gordon.

Gordon galt nicht als wirklich überragendes Talent, auch wenn er am College zuletzt die 2000yds-Marke locker knackte. Aber Gordon spielte in Wisconsin, und jeder weiß, was Wisconsin besonders gut kann: Offensive Line. Gordons größte Stärke – die extrem langen Läufe ob seiner viel gerühmten „Vision“ – werden in der NFL hinter einer schwachen Line verpuffen.

Das heißt nicht, dass Gordon floppen muss. Es ist schlicht die Tatsache, dass ein Runningback mit einer relativ kurzen Lebensdauer und hohem Grad an Arbeitsteilung deutlich weniger Einfluss auf das Spiel nimmt als Offensive und Defensive Liner, die meistens deutlich mehr Snaps spielen und im Optimalfall an die 1000 Snaps spielen können.

Gordon wird als Nummer 1 übernehmen und damit den quirligen Brandon Oliver (2014: 3.6yds/Carry) verdrängen. Als 3rd-Down Back dürfte nach seiner Genesung wieder der sympathische Hinterwäldler RB Danny Woodhead fungieren.

Zentrum der Offense bleibt aber natürlich das Passspiel und somit QB Philip Rivers. Rivers gehört zu den oftmals übersehenen Quarterbacks, weil er unter Palmen nie einen Superbowl gewonnen hat. In lichten Jahren aber war Rivers eine einzige Offenbarung und trotz seiner unkonventionellen Wurftechnik ästhetisch einer der wenigen QBs, die einem Aaron Rodgers das Wasser reichen konnte.

Rivers‘ 2008-2010 Spanne gehörte zum besten, was die NFL an Quarterbacking gesehen hat, und nachdem ihn alle schon abgeschrieben hatten, feierte Rivers vor zwei Jahren sein Comeback im Pantheon der großen Franchise-QBs. 2014 war nicht ganz so gut. Wie er in Woche 2 die Seattle Seahawks zerlegte, war zwar ganz großes Kino und eines der Highlights des Jahres, aber hernach brach die Offense um ihn herum komplett zusammen, und San Diego endete mit 6.7 NY/A, 37 Sacks und 18 Interceptions.

Einen Teil der Entlastung soll RB Gordon bewirken. Den anderen Teil der aufgepeppte WR-Corp, der Stevie Johnson als Neuzugang aus San Francisco willkommen heißt. Johnson gilt als neue Slot-Waffe und als Ergänzung zu den Outside-WRs Floyd (möchte nach 2015 seine Karriere beenden) und Keenan Allen. Vor allem von letzterem verspricht man sich nach einem etwas schaumgebremsten letzten Herbst (77 Catches, 783yds, 4 TD in 14 Einsätzen) nun den endgültigen Durchbruch.

Und einer von den Jungen muss durchstarten, will man sich nicht darauf verlassen, dass der zeitlose TE Antonio Gates noch länger so weitermacht. Gates sah schon die letzten Jahre immer wieder ziemlich shot aus, nur um periodisch immer wieder die Monsterspiele rauszuhauen. Viele nehmen nun aber an, dass der junge Ladarius Green 2015 endgültig als neuer Stamm-TE übernehmen wird.

Die Offensive Line sieht zwar in OT Barksdale (kommt aus St Louis) und OG Franklin (kommt aus Denver) zwei Neuzugänge, gilt aber dennoch noch immer als etwas suspekt, vor allem als Lauf-Block Unit. Man kann nun immerhin den ausgemachten Schwachpunkt OG Troutman aus der Stammformation nehmen, aber auf der „anderen“ Guard-Position tut sich das nächsten Problem auf: Man wird den 350-Pfund Bomber D.J. Fluker wohl von Tackle reinziehen auf Guard – Fluker (1st Rounder 20123) soll in den ersten beiden Jahren schwer enttäuscht haben.

Defense

Seit Jahren schleppen die Chargers eine bestenfalls unterdurchschnittliche Defense durch. 2014 konnte sich die Unit von DefCoord John Pagano zwar zu respektablen 6.2 NY/A gegen den Pass „hochspielen“, aber das brachte nur bedingt was, da man gegen den Lauf mit nur 53% Success-Rate (#28) null Punch hatte.

Noch am besten besetzt ist das Defensive Backfield, das in SS Eric Weddle und dem CB-Tandem Verrett/Flowers drei Pro-Bowl Kaliber sieht. Nur leider fällt hinter dem Trio auch in der Secondary die Qualität rapide ab. Als dritter Mann balgen sich der in New Orleans gescheiterte CB Patrick Robinson und Rookie Chris Mager (3te Runde), und die zweite Safety-Position riskiert ein offenes Scheunentor zu werden.

Noch problematischer ist die Front-Seven, die möglicherweise am dünnsten besetzte Front-Seven der NFL. Die Probleme fangen bei den Ankermännern an: DT Liuget ist der einzige Defensive Liner von Format, wohingegen seine Partner in der Line, seien es Reyes, Lissemore oder Tjong-a-Tjoe eher enden wollenden Applaus kassieren.

An den Flanken ließ man den uralten DE Freeney gehen, hat aber bestenfalls zwei NFL-taugliche Alternativen parat: Melvin Ingram (letztes Jahr 4 Sacks) und Jerry Attaochu (als Rookie 2 Sacks in 11 Kurzeinsätzen). Attaochu gilt als großes Talent, soll aber noch zu eindimensional sein und gegen den Lauf zu wenig beitragen. Ingram halt mal als großes Talent, hat aber in seinen ersten Jahren nie wirklich überzeugen können.

Auf Linebacker wollte man Manti Te’o schon wegtraden, fand aber keinen Abnehmer. Sein Nachfolger steht bereits im Kader: LB Denzel Perryman aus der 2ten Runde im Draft.

Ausblick

Head Coach Mike McCoy muss mit einem soliden, aber keineswegs spektakulären Kader arbeiten. Die Offense wird zwar von einem famosen Quarterback angeführt, aber ihr gehen die Waffen für das tiefe Spiel ab. Das Running-Game sollte im Vergleich zum Vorjahr eine Schippe drauflegen können, aber die Offensive Line ist nur eine Verletzung von der Katastrophe entfernt.

Die Defense hat in Leuten wie Weddle, Flowers, Liuget oder Verrett schon einige sehr brauchbare Bausteine, aber zu wenig Tiefe. Viel wird am Pass Rush hängen und ob Ingram/Attaochu den Durchbruch schaffen. Als relativ problematisch ist der weiterhin fehlende Punch an der Line of Scrimmage zu sehen, wo es hinter Liuget zu dünn wird und ein echter Nose Tackle fehlt.

Es muss vieles optimal laufen, dass San Diego in der AFC in die Playoffs rutscht.

7 thoughts on “San Diego Chargers in der Sezierstunde

  1. Green bekommt auf jeden Fall vier Spiele als Starter um sich zu präsentieren. A.Gates ist wegen PED vier Spiele gesperrt.

  2. Der Trade für Gordon ist, obwohl ich ihn mag, schon sehr komisch, man hat 3 gute RB’s und, wie von dir erwähnt, andere große Baustellen.
    Außerdem hätte man auch Matthews relativ billig halten können.

    Liuget mit Geld zuzuschütten, obwohl die 2 Starspieler und Identifikationsfiguren Weddle und Phil auslaufende Verträge haben ist auch eine mehr als fragwürdige Entscheidung.
    Ist ja auch nicht so, dass Liuget bisher in der NFL überragend gespielt, vollkommen überbezahlt mMn. Von 22 34-DE, die letzte Saison 50% der Snaps ihrer D gespielt haben, bei PFF #16, die Saison davor #21 von 24.
    Letzter in beiden Jahren war übrigens Kendall Reyes.

  3. Weddle ist 31 und damit nächstes Jahr in einem Alter, in dem NFL-Teams zu oft bereut haben, große Verträge an Defensive Backs (und natürlich andere Positionen) ausgeschüttet zu haben.

    Die Frage ist mehr, oder San Diego den „Re-Build“ einleiten will, z.B. indem man auch mit Rivers nicht oder nur zögerlich verlängert. In diesem Fall würde man erwarten, dass San Diego Weddle schon jetzt verkauft – ein Superbowl-Aspirant dürfte durchaus Interesse daran haben, ihn für ca. einen 2nd-Rounder oder 3rd-Rounder zu bekommen.

  4. Der Quotenkommentar vom Chargers Fan mus an dieser Stelle natürlich kommen.
    Prinzipiell sehe ich vieles ähnlich, aber zu ein paar Punkten möchte ich dann doch was schreiben.
    Rivers ist in der Offense unantastbar. Was D.J. Fluker betrifft. Wer einen RT an #11 Drafted bekommt halt einen RT. Insgesamt sah er aber deutlich besser aus, als ich befürchtet habe. Fluker ist im Gegensatz zu einigen anderen Spielern keiner, der dir den letzten Nerv raubt.
    Running Backs. Weder Woodhead noch Oliver sind 3 Down Backs. Die Offense hat schwer darunter gelitten, wenn Mathews draußen war. Für mich war hinter Gurley und Gordon ein massives Value Loch von daher habe ich den Pick ausdrücklich begrüßt.
    Deine Einschtzung zu den Receivern und Tight Ends teile ich. Ich traue aber dem UDFA Titus Davis schnell eine gute Rolle zu.
    Die D Line ist schwach, Liguet hat sich letzt Jahr zuminedest ein wenig gefangen, Reyes sollte man auf Dauer ablösen.

    Den Pick von Perryman habe ich überhaupt nicht verstanden. Die zweite oder dritte Runde wäre der Ort gewesen um mal in die D Line zu investieren. Daher sehe ich den Draft auch vor allem am zweiten Tag sehr kritisch.

    Die Secondary ist nun endlich mal so aufgestellt, dass man nicht dauernd außeinander genommen wird. In der Hinsicht hat das FO einen durchaus guten Job gemacht.

    Ich bin skeptisch, auch wenn die Offense an guten Tag toll ausgpielen kann. Ich würde stand heute von irgendwas Richtung 8-8 ausgehen.

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