NFL-Franchises im Porträt (25): Cincinnati Bengals

Die Franchise-Serie zur NFL zieht sich nun schon viereinhalb Jahre. Acht Teams fehlen noch. Heute an der Reihe: Die Cincinnati Bengals, ein „Small Market Team“ aus Ohio, das in den 1980er Jahren zweimal um ein Haar die große Dynastie der San Francisco 49ers zum Wanken gebracht hätte.

Gründung im Zorn

Die Geschichte der Cincinnati Bengals kann nicht ohne Erwähnung der Cleveland Browns erzählt werden. Deren Owner Art Modell hatte sich mit dem Head Coach und Namensgeber der Browns-Franchise, Paul Brown, Mitte der 1960er Jahre verkracht und die Ikone Brown aus Cleveland fortgejagt. Brown zog nur ein paar Meilen weiter nach Südwesten, in die schmucklose Industriestadt Cincinnati.

Brown galt als kompletter Football-Junkie, der kein Leben ohne die Schweinehaut führen konnte. Es hielt ihn nur ein Jahr lang auf den Golfplätzen. Schon 1966-1968 kribbelte es wieder, und er gründete in der jungen Profi-Liga AFL (American Football League) ein Team mit Namen Cincinnati Bengals. Als Teamfarben führte er Orange/Schwarz ein – eine Provokation gegenüber den Cleveland Browns, die dieselben Mannschaftsfarben hatten.

Der Zufall wollte es, dass nur wenige Jahre später im Zuge des Zusammenschlusses von AFL und NFL 1970 Browns und Bengals in dieselbe Division eingegliedert wurden. Die Rivalität zwischen den beiden Franchises konnte so auch sportlich aufleben und gilt heute trotz der relativen Erfolglosigkeit beider Mannschaften als eine der intensivsten in der Liga – The Battle of Ohio.

Innovation, Innovation, Innovation

Aus Cincinnati sind erstaunlich viele Einflüsse in die Liga hinaus getragen worden. So zum Beispiel in den 1970ern der Prototyp der West Coast Offense, die Bill Walsh als OffCoord in Cincy kreiert hat (und zeitlebens „Cincinnati Offense“ nannte). Der umtriebige Walsh hatte aber ein Problem: Head Coach Brown sekkierte ihn nach allen Regeln der Kunst und verhinderte jahrelang einen Head Coach Walsh. Walsh verließ frustriert die Bengals, sollte sie aber später zweimal in der Super Bowl schlagen – ausgerechnet.

Zweite große Innovation, diesmal in den 80ern: Die No Huddle Offense, die bis dahin nur als Stilelement der two minute offense gebraucht wurde. Unter Head Coach Sam Wyche spielten die Bengals fortan über vier Viertel einen unheimlich flotten Offensivfootball. So flott, dass man alsbald die Regeln ändern musste, damit die Defense überhaupt zum Auswechseln kam.

Dritte große Innovation: Der Zone Blitz. Kreiert vom DefCoord/Gott Dick LeBeau. Ironie des Ganzen: Aus Cincinnati wurde die West Coast Offense auf die Welt losgelassen. Aus Cincinnati kam dann auch mit dem Zone Blitz das wirkungsvollste Gegenmittel zur West Coast Offense. Allein: Die „Pioniere“ (Bengals) haben jeweils weniger profitiert als die „Follower“ (49ers in der Offense, Steelers in der Defense).

So ganz schlecht fuhren aber auch die Bengals mit ihren Neuerungen nicht: Sie spielten in den 1980er Jahren zweimal in der Super Bowl: 1981/82 und 1988/89. Zweimal verlor man in extrem engen Spielen ausgerechnet gegen die 49ers von Bill Walsh. Vor allem die Ausgabe 1989 gilt bis heute als eines der besten Endspiele. Nur eine typische Angriffsserie von Joe Montana in den letzten Minuten des Spiels drehte die Partie 20-16 zugunsten der 49ers. Cincinnati blieb weiter titellos – und ist es heute.

Das hässliche Entlein

Viel schlimmer: Nach der zweiten Superbowl ging es mit dem Team abwärts, hinunter in ungekannte Niederungen. Cincinnati gab sich der Lächerlichkeit preis. Die Umschreibung der Franchise von Paul auf dessen Sohn Mike Brown brachte erstmal zwei Jahrzehnte der Misswirtschaft mit sich. Die Franchise hatte den Ruf, die Scheiße förmlich anzuziehen.

Was die Bengals in den Neunzigern an Draft-Flops zogen, geht auf keine Kuhhaut, und nicht immer musste man sich komplette Inkompetenz ankreiden lassen. Bei RB Ki-Jana Carter (Top-Pick 1995) zum Beispiel rissen sämtliche Bänder in allen Knien, bevor er überhaupt seinen ersten NFL-Snap in Empfang genommen hatte.

Andere, wie DT Dan Wilkinson (Top-Pick 1994) fühlten sich in der Stadt rassistisch verfolgt und erzwangen einen Abgang. Die beiden hoch gedrafteten Quarterbacks Dave Klingler (1993) und Akili Smith (1999) zeigten sich heillos überfordert mit der Aufgabe NFL. Sogar Dick LeBeau, als Defensive Coordinator eine Legende in Cincinnati, brachte als Head Coach nur losing seasons.

Die Ära Marvin Lewis

Erst der 2003 aus Baltimore geholte Defensivstratege Marvin Lewis brachte die Franchise wieder auf solide Beine. Lewis holte quasi als erste Amtshandlung mit QB Carson Palmer einen jungen Franchise-QB und bastelte um ihn herum innerhalb von drei Jahren einen potenziellen Superbowl-Champion zusammen.

Dann schlug die Seuche wieder zu. Im ersten Bengals-Playoffspiel seit Ewigkeiten rissen bei Palmer im Januar 2006 im zweiten Spielzug sämtliche Bänder und man verlor ein hart umkämpftes Heimspiel gegen den Divisionsrivalen Pittsburgh.

Palmer war nachher nie mehr der gleiche. Die Bengals durchlebten mit Lewis als Headcoach zwar nicht nur ruhige Zeiten, aber Lewis konnte sich trotz des weiterhin fehlenden ersten Playoffsieges bis heute auf dem Trainersessel halten. Wer sich heute über die andauernde Stagnation bei den Bengals ärgert, darf im Hinterkopf behalten, wie katastrophal es um diesen Club vor der Lewis-Ära gestanden hatte – und schon sieht Lewis viel besser aus als man meinen würde.

The Jungle

Paul Brown Stadium, Cincinnati

Paul Brown Stadium, Cincinnati

Seit 2003 sind die Bengals im Paul Brown Stadium (66.000 Plätze) daheim. Die Arena gilt mit ihrer asymmetrischen Architektur durchaus als Schmuckstück und taucht in diversen Fachzeitschriften immer wieder als Geheimtipp für Stadionbauten auf. Das Stadion wurde wie üblich in den Staaten stark von der öffentlichen Hand mitfinanziert. Es liegt schön zentral mit Blick auf die Stadt und direkt vor dem großen Fluss von Cincinnati. Genannt wird es The Jungle, natürlich sehr kreativ wenn das Vereinsmaskottchen der Bengaltiger ist.

Battle of Ohio

Größte Rivalen der Bengals sind wie eingangs erwähnt die Cleveland Browns – eine Feindschaft, die auf alten persönlichen Animositäten zwischen Paul Brown und Art Modell gründet. Da beide Teams seit 1970 in derselben Division spielen, konnte sich neben der lokalen auch eine echte sportliche Rivalität entwickeln – in den letzten Jahren spielte man sogar mehrmals echt krasse Shootouts gegeneinander, die zu den punktereichsten Spielen in der NFL-Historie zählen.

In Cincinnati sieht man sich zudem den Arbeitern von Cleveland sozial überlegen. Cincinnati gilt als eher konservative Stadt und nähert sich kulturell den Midlands sowie dem US-Süden an, während Cleveland mit derlei Volk nichts zu tun haben möchte und sich lieber als Anschlusspunkt zu den Metropolen des Nordostens positioniert. Ich werde mich auch immer an eine Geschichte erinnern, die mir mal erzählt wurde: In den 80ern warfen Gästefans im Bengals-Stadion Trümmer von den Tribünen. Der Head Coach der Bengals ergriff sofort das Mikrofon und brüllte sie an: Ihr seid nicht in Cleveland, ihr seid in Cincinnati!

Eckdaten

Gegründet: 1968
Besitzer: Mike Brown (Hauptberuf Erbe)
Division: AFC North
Erfolge: Superbowl-Verlierer 1982, 1988, 13x Playoffs (5-13 Bilanz) – Stand: 2015

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