Drecksstadt

Lektüre im letzten Flieger: Muck City – Winning and Losing in Football’s Forgotten Town, geschrieben 2012 von Bryan Mealer. Eine Story, die als harter Tobak daherkommt. Muck City, das ist Belle Glade, eine Stadt nahe des Lake Okeechobee in den Everglade-Sümpfen von Florida, gelegen inmitten eines der fruchtbarsten Gebiete in den Vereinigten Staaten mit ihren tiefschwarzen Böden („wie Talkumpuder oder einfach nur verstreuter Espresso“).

Es sind die Böden, in denen so konzentriert wie nirgendwo sonst die besten Athleten der Vereinigten Staaten aufwachsen: Muck City („Muck“ = Dreck) hat mit seinen gerade 17.000 Einwohnern mehrere Dutzend NFL-Profis herausgebracht. Einer von ihnen ist Jesse Hester, genannt „The Jet“, der in den 80ern und 90ern für die Oakland Raiders und Indianapolis Colts spielte, und in diesem Buch als eine der Hauptfiguren agiert.

Jesse Hester ist nach seinem Karriereende nach Hause zurückgekehrt an die Glades Central High School, als Head Coach, der sich auf Mission sieht. Hester will seinen Spielern weniger den Football lehren als das Leben. Hester kennt das Leben, beziehungsweise dessen harte Seiten – denn er ist in Muck City aufgewachsen.

Muck City gehört zu den trostlosesten Orten in den USA. Die Kriminalitätsrate konkurriert mit den schlimmsten Orten in den Staaten. Die Kleinstadt liegt keine Autostunde von Palm Beach entfernt, doch sie könnte auf einem anderen Planeten angesiedelt sein. Alle Probleme unseres 21ten Jahrhunderts treffen sich auf kleinstem Raum – Gangs, Drogen, Mord- und Scheidungsraten jenseits von Gut und Böse, schwangere Kinder, abgefackelte Baracken. Viele Jahrzehnte wurden Schwarz und Weiß strikt getrennt. Noch heute ist die Glades Central High School, Heimat der Raiders, zu 99% schwarz. Dass Abbruchrate hoch und Notenschnitt verheerend ist, sollte niemanden überraschen. Dafür sind die Footballer Weltklasse.

Hester hat es nicht als einziger geschafft. Zeitgenössischen Fans werden Namen wie Fred Taylor, Anquan Boldin oder Rickey Jackson bestimmt was sagen – sie alle spielten bei den Raiders. Rund acht von ihnen schaffen es jedes Jahr auf große Colleges, alle paar Jahre springt ein Pro-Bowl würdiger Profi dabei raus. Kurz: Die Heimat der besten, schnellsten Athleten in den Staaten, Glades Central, genießt in den Staaten einen legendären Ruf.

Das Buch begleitet Hesters Mannschaft eine ganze Saison (2010) hindurch, und doch tue ich mir noch immer schwer, es als Football-Buch zu beschreiben. Muck City ist vielmehr ein 300 Seiten schweres Werk über Abgründe der Gesellschaft, ein schonungsloser Beschrieb einer Welt, die ein Großteil „von uns“ nie live zu sehen bekommt.

Da hätten wir zum einen Hester selbst. Er ist gleich Coach wie Vaterfigur für viele seiner Spieler, viele von ihnen Waisen schon in jungen Jahren. Einer von ihnen ist sein Lieblingsschüler, Jamarcus Rowley, den alle nur Marco nennen. Rowley ist ein Linebacker, umworben von den größten Unis in und um Florida. Doch Rowley hat einen Traum: Er möchte seine Glades Central zur Staatsmeisterschaft führen. Das hat er im Geiste seinem erschossenen Vater versprochen.

Rowley wagt für 2010 sogar den Move auf Quarterback, getrieben vom Wahnsinn, die Meisterschaft nach Hause zu holen, in „seine“ Stadt. Rowley hat jedoch Probleme, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Er stöbert sich zu lange durch die Foren, die ihn als fett und ungeschickt beschimpfen. Lange braucht Coach Hester, um Rowleys Gedanken in die richtigen Bahnen zu lenken.

Hester ist eine emotionale, inspirierende Leaderfigur. Er ist ein starker Coach, gewinnt 34 von 40 Spielen in drei Jahren. Sein Team 2010 ist die beste, die er jemals leitete. Im Großen und Ganzen versteht er sich gut mit der neuen Generation, doch es gibt auch Momente, in denen dem Leser klar wird, dass hier eine alte und eine neue Welt aufeinander prallen.

Niemand verkörpert das besser als der Superstar, Kelvin Benjamin (später FSU, heute Carolina Panthers), mit seinen bald 2m the beautiful freak genannt, der am Platz alles Gute, nebenher jedoch allen Verfall der Sitten in der Jugend von heute verkörpert.

Benjamin schaut Pornos auf dem Handy und weigert sich, mit Helm aufzulaufen – sein neues Piercing am Ohr darf keinen Schaden erleiden. Er kann es sich leisten. Sogar die ärmsten der Armen an den hoffnungslosesten Highschools fühlen sich wie Götter, die sich alles erlauben dürfen, hofiert von College-Coaches und ESPN-Reportern, abends vor großen Menschenmassen wie junge Gladiatoren in der Arena.

Des Buches bester Part aus Footballsicht sind Byron Mealers Reportagen von Trainings und Spielen. Phasenweise wirst du als Leser direkt in den Raum versetzt, du sitzt neben Jesse The Jet, hörst im zu wie er den Spunden vom Leben erzählt. Du gehst mit der Mannschaft hinaus an den Spielfeldrand. Du zitterst mit, kaust an deinen Fingernägeln, so detailliert läuft der Film vor dir ab, als die Glades Central in den Playoffs antritt, und letztlich dramatisch mit einem Punkt die Meisterschaft verliert. Mealers Detailtreue geht bis hin zu den Namen der angesagten Spielzüge. Geile Momente.

Doch lassen wir das Spiel, das uns vom Alltag ablenkt. Das Spiel, das von der Jugend missbraucht wird nur noch als Sprungbrett zu vermeintlichem Ruhm. Muck City ist vor allem Alltag, und weil der Autor hier keine reine Footballreportage schreiben wollte, wird eine dritte Hauptperson eingeführt, Jonteria Williams, eine mittellose Cheerleaderin mit einem ganz anderen Traum: Sie möchte Ärztin werden.

Williams ist getrieben von einem inneren Willen, der sogar Quarterback Rowley in den Schatten stellt. Sie ist besessen davon, Noten wie Moneten zusammenzubringen um sich irgendwann ein Studium an an einem großen College zu leisten. Bloß: Wer was leistet, ist nicht hoch angesehen in Muck City.

Das Thema Neid ist eines der zentralen Elemente in diesem Buch, und es ist vielleicht der Hauptgrund, weswegen ich die Vokabel „verstörend“ als durchaus angebracht in der Beschreibung von Muck City empfinde. Der Neid betrifft nicht nur Miss Williams. Viel mehr: Er betrifft alle, die es schaffen.

Das ist nicht der amerikanische Weg, die Tellerwäschergeschichte, die man so häufig vermittelt bekommt. Hast du es erstmal geschafft, stehen sie schon Schlange, dich wieder runterzuziehen wie die Krabben im Kübel, die warten, bis die erste den Rand erreicht hat, nur um sie gemeinsam wieder zurück auf den Boden zu ziehen.

Jesse Hester, der Spieler, erfuhr es am eigenen Leib, wie Taylor, wie Boldin, wie sie alle, die zurückkamen. Erst jubelte man ihnen zu, aber als sie zuhause über die Straße liefen, mauschelten sie sich heimlich in die Ohren, schnorrten, bedrängten sie bis sie wieder verschwanden – erst dann rühmte man sich wieder mit „ihren Hometown Helden“.

Coach Hester, der Trainer, erfuhr es noch einmal am eigenen Leib, sechs Tage nachdem er das Finale verloren hatte, mit einem Punkt, zum zweiten Mal in Folge: Er wurde gefeuert. Der Mann, der dem einst stolzen Programm der Raiders Stabilität verschafft hatte. Der nicht nur seine Spieler gecoacht hatte. Der seinen Jungs das Leben gelehrt hatte.

Muck City jubelte. Sie zogen ihn runter, hämten, verspotteten ihn. Das Leid der anderen ist meine Freud. Manchmal denkst du, die Verzweifelten sind verzweifelt aus eigenen Stücken. Es braucht keine Gier der Kapitalisten, keine Politik der starken Männer, keine dunklen Mächte, die kein Interesse an einem Schließen der großen Schere haben. Diese Stadt ist dort, weil sie es nicht anders kann. Weil sie nicht den Willen aufbringt, sich zu verändern. Weil sie alles zu sich runterzieht, zu einem Punkt an dem die wenigen, die es durchbrechen, sich nie mehr blicken lassen.

Ich empfehle jedem, das Buch zu lesen, aber sei vorbereitet, dass es dir die Augen öffnet. Die Szenerie ist so surreal, auch weil du sie dir nur in Gedanken ausmalen kann. Letztlich ist die Story so amerikanisch wie sie un-amerikanisch ist. Und hinterher schaust du mit anderen Augen auf diesen Ort, auf diesen Sport, und du suchst nach Antworten auf Fragen, die du bis vorhin gar nie gestellt hast.

4 Kommentare zu “Drecksstadt

  1. Klingt sehr interessant, werde mir das Buch bestellen!

    Kurze Anmerkung, die Stadt wo Boldin, Rickey Jackson und auch andere jetzige NFL-Spieler wie Janoris Jenkins, Antone Smith oder Pernell McPhee herkommen ist nicht Belle Glade sondern Pahokee. Pahokee spielt jedes Jahr im Muck Bowl gegen Belle Glade.
    Die beiden kleine Städtchen haben schon über 60 Spieler in die NFL gebracht, Football ist wohl die einzige Chance für viele.

  2. Wow, vielen Dank dafür. Das Buch liegt gleich in meinem Warenkorb.
    Und auch hier wieder (so wie bei den letzten paar Beiträgen) bedaure ich, dass es einige deiner Texte nicht als Podcast gibt.

  3. Pingback: Anquan Boldin: Der Bulle tritt ab | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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