NFL-Franchises im Porträt, #27: Kansas City Chiefs

Die Kansas City Chiefs und vor allem ihr Gründer Lamar Hunt spielten in der Anfangszeit der Superbowl-Ära eine gewichtige Rolle und haben somit entscheidenden Anteil, dass die NFL sich so entwickeln konnte wie sie sich entwickelt hat. Sportlich dagegen ist man ein eher lieblicher Underdog geblieben.

Die Gründerjahre

Die Wurzeln der Kansas City Chiefs liegen in der Beigeisterung des Ölmagnats Lamar Hunt für den Sport. Hunt bemühte sich Ende der 50er erfolglos um eine NFL-Lizenz und gründete 1960 als Reaktion gemeinsam mit einer Riege an Kollegen im Klub der Millionäre nicht bloß seine eigene Football-Franchise, sondern gleich dazu noch eine ganze neue Liga: Die AFL (American Football League). Hunt stationierte seine Franchise in Dallas, und nannte sie Dallas Texans.

Die Texans waren recht erfolgreich und zogen trotz der relativ unbekannten AFL im Hintergrund auch ganz gute Zuschauerzahlen an, aber trotz des Titelgewinns 1962 entschied Hunt Anno 1962 den Abzug aus Dallas, weil er sich nicht in der Lage sah, mit den ebenso 1960 gegründeten, aber dank NFL-Hintergrund bekannteren, Dallas Cowboys mitzuhalten. Hunt schob seine Mannschaft nach Kansas City, Missouri, und nannte sie Kansas City Chiefs. Der Spitzname „Chiefs“ rührt vom Spitznamen des damaligen Bürgermeisters von Kansas City.

Die Chiefs blieben eines der besten Teams der AFL, und Hunt wurde mit seinem Verhandlungsgeschick zu einem der einflussreichsten Owner im Profifootballgeschäft. Als Mitte der 60er der Streit zwischen AFL und NFL um die Rechte an den besten Spielern eskalierte und die Gehälter in astronomische Höhen schossen, schaffte Hunt still, heimlich und leise am Tisch die Voraussetzung dafür, dass die beiden Ligen schrittweise fusionieren konnten. Als Tribut an Hunts Leistung ist noch heute die AFL-Siegertrophäe Lamar Hunt Trophy nach ihm benannt.

Eine der Konsequenzen davon war die Einführung des AFL-NFL Championship Spiels, das im Jänner 1967 erstmals ausgetragen wurde – vor halbleeren Rängen in Los Angeles zwar, aber es sollte später als Super Bowl I (Namensgeber des Endspiels: Lamar Hunt) in die Geschichte eingehen. Kansas City nahm daran als Gewinner der AFL teil und wurde von den Green Bay Packers 10-35 abgeschlachtet.

Hunts Chiefs holten die Super Bowl drei Jahre später, Super Bowl IV, als man die hoch favorisierten Minnesota Vikings besiegte. Spieler des Spiels damals: QB Len Dawson. Es ist bis heute der einzige Superbowl-Sieg der Chiefs.

Auf den Titel konnte man sportlich nicht wirklich aufbauen. Dawson ging auf die 40 zu und beendete seine Karriere, und eine Fehlentscheidung nach der anderen sorgte alsbald dafür, dass die Chiefs für die nächsten zwei Jahrzehnte erstmal auf den Boden der NFL durchgereicht wurden. Immerhin schaffte man Infrastrukturen, und zog 1972 in das riesige Arrowhead Stadium ein, das bis heute als eines der schönsten und lautesten Stadien in der NFL gilt.

Die 1990er

Erst mit der Einstellung des General Managers Carl Peterson Ende der 80er konnte der Negativtrend gestoppt werden. Peterson hatte keine Scheu, alte Zöpfe abzuschneien und installierte Marty Schottenheimer als „seinen“ Head Coach. Schottenheimer galt schon zu jener Zeit als berüchtigter Seuchenvogel, der als Cheftrainer der Cleveland Browns die Scheiße nur so anzuziehen schien, und Schottenheimer sollte das Pech in den Playoffs auch in Kansas City treu bleiben.

Erstmal aber wichtiger für die Franchise: Man erreichte überhaupt wieder die Playoffs. Man war wieder wer. Schottenheimers RRPP (Run, Run, Pass, Punt) Offense galt nicht wirklich als Augenschmaus, aber dafür spielten die Chiefs eine erstklassige Defense um den Hall of Fame Passrusher Derrick Thomas herum. Ab Mitte der 90er konnte man in QB Joe Montana und RB Marcus Allen zwei Altstars zu den Chiefs locken – Leute, die die Offense vitalisierten, aber es sollte letztlich nie ganz zum Durchbruch reichen.

Schottenheimer verkündete zum Ende der Dekade frustriert seinen Rücktritt, den er bis heute bereut, und nach dem Abgang von LB Neil Smith gen Denver und dem Tod von Derrick Thomas stand erst einmal der Neuaufbau an.

Die 2000er

Ab 2001 coachte nach Jahren unter dem grauhaarigen Schottenheimer der nächste Dinosaurier die Chiefs: Dick Vermeil, der vor Urzeiten die Eagles mal in den Superbowl geführt und dann um die Jahrtausendwende mit den Rams das Unmögliche geschafft hatte (Super Bowl Champion 1999/2000). Vermeil galt wie Schottenheimer als extrem emotionaler Coach, der gerne mitten in seinen Ansprachen in Tränen ausbrach, und er sorgte sofort für Aufbruchstimmung, baute innerhalb kürzester Zeit eine Offense auf, die quer durch die Lande für staunende Augen sorgte.

Mitten drin: QB Trent Green, Vermeil schon aus gemeinsamen Rams-Zeiten bekannt, TE Tony Gonzalez, und RB Priest Holmes, der als frisch gebackener Superbowl-Sieger aus Baltimore kam, dort aber überflüssig geworden war. Holmes war einer der Helden, die in meiner Anfangszeit in der NFL am massivsten aufgeigten. Seine Spanne 2001-2003 gilt bis heute als relativ einzigartig: Im Schnitt über 2100yds und über 20 TD pro Saison allein für Holmes.

Allerdings war die Defense ein einziges Torso, und so flog man immer wieder zu früh raus. Das Playoffspiel gegen die Colts im Jänner 2004 ist immer noch einfach nur Wow! Eine O-r-g-i-e an Offense und Touchdowns (null Punts) und am Ende verloren die Chiefs daheim 31-38.

Auf Vermeils Abgang folgte ein erneuter Niedergang mit mehreren Saisons am Bodensatz der NFL. Seit einigen Jahren geht es unter Head Coach Andy Reid wieder etwas bergauf.

Arrowhead Stadium

Arrowhead-Stadium

Arrowhead-Stadium

Arrowhead ist mit seinen 70.000 Plätzen ein Kronjuwel der NFL – es gilt als besonders laut und ist, wenn gefüllt mit lauter rot gekleideten Menschen, einfach nur beeindruckend. Spitzname nicht von ungefähr The Red Sea (Das Rote Meer). Mehrfach um- und ausgebaut, aber die Chiefs verweigern sich einem Neubau, da man die Seele des Clubs nicht verlieren will. Wozu auch?

Rivalität mit den Raiders

Hauptrivale der Chiefs sind die Oakland Raiders. Die beiden Franchises wurden gleichzeitig gegründet, und während die beiden Ownerschaften in den frühen Jahren noch kooperierten und die AFL-Speerspitze in den Verhandlungen gegen die NFL in Al Davis (dem Rowdy-Commissioner) und Lamar Hunt (dem Verhandlungsführer) noch gemeinsam autrat, entwickelte sich über die Jahrzehnte eine über den Sport hinausgehende Rivalität zwischen den beiden Divisionsrivalen.

Im Prinzip wird jedem Chiefs-Neuzugang erstmal die Feindschaft zu den Raiders eingeimpft, bevor es losgeht. Schottenheimer, Rich Gannon, Marcus Allen, und wie sie alle heißen: Für viele von ihnen (einige wechselten die Seiten) waren die Angelegenheiten mit den angeblich „ungebildeten“ Raiders persönliche Angelegenheiten, die man nur mit Siegen heilen konnte.

Eckdaten

Gegründet: 1960 als Dallas Texans
Besitzer: Familie Hunt (Öl- und Sportbusiness)
Division: AFC West
Erfolge: Superbowl-Champ 1969, Superbowl-Verlierer 1966, AFL-Champ 1962, 1966, 1969, 17x Playoffs (8-15) – Stand: 2015

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