NFL-Franchises im Kurzportrait, #28: Philadelphia Eagles

Keine andere Stadt liebt und hasst ihre eigene Mannschaft so sehr wie Philadelphia, wo das Publikum innerhalb von Minuten von himmelhochjauchzend auf zu Tode betrübt wechseln kann und sogar einige der besten Spieler der Teamgeschichte gnadenlos auspfiff.

Der Vogel schlüpft

Die Anfänge der Eagles-Franchise sind wenig ruhmreich. Man war 1933 Produkt einer Pleite einer alten Footballmannschaft. Der erste Eagles-Owner bekam trotzdem eine Lizenz in der NFL, und so wurde man gemeinsam mit den Pittsburgh Steelers in die Liga aufgenommen. Die ersten Jahre verliefen eher blass, und schon bald war man durch den aufkommenden Weltkrieg in seiner Existenz gefährdet, weil die besten Spieler allesam nach Europa in den Kampf geschickt wurden. Während der Weltkriegszeit fusionierten die Eagles daher mit den Steelers und traten kurzzeitig als als „Steagles“ auf – viele Erfolge gab es dabei nicht zu feiern.

Die beiden ersten Titel wurden 1948 und 1949 geholt – jeweils Endspielsiege ohne Gegenpunkte, was bis heute einzigartig ist. Zum dritten Mal Champion wurde man 1960, als man zur einzigen Mannschaft ever wurde, die Packers-Coach Vince Lombardi in den Playoffs putzte.

Jene 1960er Mannschaft wurde von QB Norm Van Brocklin angeführt, einem der großen, vergessenen Quarterbacks in den NFL-Annalen. Der zweite große Star zu jener Zeit war der kürzlich verstorbene Chuck Bednarik, ein slowakischer Einwanderer, der als letzter echter Vollblut-Footballer im Stile von Oranje Football gilt. Bednarik heizte jedes Spiel Fulltime als Center und Linebacker durch und gilt als solcher noch heute als Legende.

Danach folgten zwei Jahrzehnte Erfolglosigkeit, bis man unter dem Offensivcoach Dick Vermeil 1980 plötzlich die Superbowl erreichte, aber als Favorit gegen die Raiders verlor.

Die Ära Reggie White

In den späten Achtziger Jahren stellten die Philadelphia Eagles eine der markantesten Mannschaften der Liga, und viele Fans sprechen noch heute mit einer Mischung aus glänzeneden Augen und Wehmut über jene Zeit, in der man den cholerischen Buddy Ryan zum Head Coach bestellte und eine ganze Ecke an charismatischen Spielern im Kader hatte.

Als Dreh- und Angelpunkt galt DE Reggie White, 1985 zur Mannschaft gestoßen, der von Tag eins an über das Spielfeld hinaus zu einer Ikone in der Stadt mutierte und bis heute als größter Spieler der Vereinsgeschichte gilt. White hatte in seiner Zeit bei den Eagles mehr Sacks als Spiele, und sein wuchtiger Spielstil ist bis heute ebenso Markenzeichen wie seine #92 geblieben.

Aber es war nicht nur White, es war auch sein Kollege in der Defensive Line, DT #99 Jerome Brown, das Plappermaul, der gemeinsam mit White für einige der besten Defenses aller Zeiten sorgte. Dritter großer Stern war QB Randall Cunningham, von vielen noch heute als größter QB-Athlet aller Zeiten verehrt, quasi der Vorfahre von Michael Vick und Co. Cunningham war seiner Zeit mit seinem Improvisationstalent voraus, aber die NFL hatte in Zeiten, in denen die West Coast Offense gerade die Liga überrumpelte, kein System, das Cunninghams Talente zur vollen Entfaltung bringen konnte.

Die Eagles blieben unter Ryan und dessen Nachfolger Rich Kotite am Ende ohne Superbowl zurück, und doch kann man die Begeisterung der Massen für diese Mannschaften nachvollziehen, hat man sie nur einmal spielen sehen. Das Schicksal will es, dass Brown Anno 92 in seiner Blüte einen tödlichen Autounfall hatte, dass White aufgrund eines Missverständnisses nach Green Bay weiterzog und Cunningham seine Lust fürs Footballspielen verlor. Aber du musst nicht immer die Titel gewinnen um in Erinnerung zu bleiben.

So bleiben auch große Niederlagen bestehen im kollektiven Gedächtnis. Die Fog Bowl Ende der 80er war die berühmteste, als mitten im Spiel im Soldier Field in Chicago ein undurchdringlicher Neben aufzog und eine eigentlich überlegene Eagles-Mannschaft die Partie abschenkte, steht symbolisch für die Zeit, in der Philly trotz aller Voraussetzungen nie den Durchbruch schaffte.

Die Ära Reid / McNabb

Die letzte große Zeit der Eagles brach 1999 an, als man den Mastermind der evolutionierten West Coast Offense, Andy Reid, zum neuen Headcoach bestellte. Reids erste Handlung war die Einberufung von QB Donovan McNabb im Draft – eine umstrittene Wahl, die das wetterwendische Publikum in Philadelphia von Tag 1 an in Stellung brachte.

Warum man McNabb in der Stadt der brüderlichen Liebe nie haben wollte, weiß niemand so genau. Dass McNabb teilweise brillante Leistungen trotz unterirdischer Ballfänger zeigte, war der Meute ebenso egal wie die Tatsache, dass der, den sie eigentlich alle wollten (RB Ricky Williams), sich als grasrauchender Sonderling erwies und andernorts schwer floppte.

Nutzte nix. Die Eagles standen viermal in Serie im NFC-Finale und 2004/05 im Super Bowl, und doch wollte man minimum dreimal pro Saison McNabb aus der Stadt buhen und Headcoach Reid absägen. Überhaupt hielt man sich konstant immer im oberen NFL-Drittel, ohne jemals den Titel zu holen. 2008/09 scheiterte man wieder im NFC-Endspiel – und zwei Jahre später war der schwarze McNabb weg und dafür der schwarze Michael Vick der neue QB.

Seit zwei Jahren ist man die Spielwiese von Head Coach Chip Kelly, der als Wunderknabe von der University of Oregon gekommen ist und die Liga in Sachen Trainingsmethodik und offensiver Spielweise revolutionieren soll wie einst nur Klinsmann den deutschen Fußballverband.

Lincoln Financial Field

Lincoln Financial Field

Lincoln Financial Field

Seit 2003 spielen die Eagles im Lincoln Financial Field (67.000 Plätze), das das Veterans Stadium mit seinem unbespielbaren Kunstrasen abgelöst hat. Das Linc gilt als eines der wunderschönen Stadien – auch mir sagt die Architektur sehr zu. Berüchtigt ist die Arena wegen der Boo Birds, die Donovan McNabb noch bis Lebensende im Ohr haben wird. Fortschrittlich ist die Arena, weil sie ausschließlich von Solarenergie betrieben wird.

Rivalitäten

Hauptrivale der Eagles sind die New York Giants. Das liegt natürlich in erster Linie an der Eingliederung in dieselbe Division (NFC East) sowie der geographischen Nähe entlang der atlantischen Megalopolis, wo du von Philadelphia die Meadowlands in kurzer Zeit mit dem Auto anfahren kannst. Eagles und Giants formen eine Rivalry, die in den Staaten immer wieder als eine der intensivsten, engsten angesehen wird.

Es gab zwischen beiden Teams etliche legendäre Partien. Das Miracle of the Meadowlands aus den späten 70er Jahren war das erste “große” Eagles-Comeback, als Herm Edwards einen Fumble in den letzten Sekunden zum entscheidenden Touchdown zurücktrug. Das zweite große Comeback feierten die Eagles vor etwa einem Jahrzehnt, als Brian Westbrook den entscheidenden Punt zum Touchdown zurücktrug.

Das spektakulärste Spiel zwischen den beiden Rivalen fand auf diesem Blog bereits Liveberichterstattung, Ende 2010 kurz vor Weihnachten, und wurde schnell Miracle of the New Meadowlands getauft. Es war die Partie, als die Eagles im Schlussviertel von den Toten auferstanden und in der letzten Sekunde wurde der Punt der Punts geschlagen:

Zweite große Rivalität verbindet die Eagles mit den Dallas Cowboys. In dieser Angelegenheit gelten die Eagles als unterlegene der beiden Mannschaften, aber vor allem um Anfang der 1990er Jahre sowie Mitte/Ende der 2000er gab es einige hitzige Auseinandersetzungen zwischen den beiden Teams, bei denen teilweise laut gejubelt wurde als sich gegnerische Spieler verletzten oder zwischen den Mannschaften gewechselte Spieler wüst beschimpft wurden.

Eckdaten

Gegründet: 1933
Besitzer: Jeff Lurie (Filmgeschäft)
Division: NFC East
Erfolge: NFL-Champ 1948, 1949, 1960, Superbowl-Verlierer 1980, 2004, 24x Playoffs (19-21)

2 thoughts on “NFL-Franchises im Kurzportrait, #28: Philadelphia Eagles

  1. Pingback: NFL-Franchises im Kurzporträt, #29: New York Giants | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  2. Ich habe ja nicht wirklich was übrig für die Eagles, aber an das Comeback kann ich mich lebhaft erinnern und aber das sind Spiele die kann man sich in Abständen immer wieder anschauen.

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