Chipadelphia

Vor ziemlich genau einem Jahr hatte ich auf diesem Blog ein loses Transkript einer Pressekonferenz von Chip Kelly. Seither hat sich einiges getan in Philadelphia: Die Eagles spielten erneut 10-6, diesmal mit verpassten Playoffs und etwas lahmerer Gesamtleistung. In der Folge gewann Kelly den internen Machtkampf und wurde zur zentralen Figur im sportlichen Bereich befördert. Es folgte eine Bizarro-Offseason, in der Kelly eine Reihe von hinterfragenswerten Entscheidungen traf.

In schöner Regelmäßigkeit wird Kelly von gefeuerten Spielern in den Senkel gestellt. Leute wie McCoy oder Jackson schwangen die Rassismuskeule. Mathis warf Kelly Wortbruch vor. Der jüngst verkaufte Brandon Boykin sieht Kelly mehr als Mauer denn als Mensch. Chip Kelly mag keine guten Footballer. Er mag nur Menschen, die seiner Idee folgen. Er verabscheut gute Footballer. Er mag nur Spieler, die seinem System vertrauen. Er hat sehr spezielle Ansichten von Football.

And so on. Dass Kellys Vertragsmanagement (Stichwort: Salary-Cap) und seine Wertschätzung für Spielertalent (Bradford vs Foles) eher den Raiders als den Patriots ähnelt, dafür gibt es nach dieser Saison Indizien. Unbestritten bleibt, dass Kelly eine sehr eigene Vorstellung von den Spielertypen hat, die seinen Kader letztlich formen.

Ein McCoy passte nicht ins System, weil er zu lange zaudert. Ein Boykin war zu klein. Bei Kelly zieht sich durch seine Vita, dass er immer wieder strikt nach einem Modellathleten suchte, der jede seiner Positionen besetzen sollte. Kellys Lieblingsspieler ist 2m groß, 120kg schwer und kann die 40 Meter in 4 Sekunden durchsprinten.

Ein kleiner Slot-Corner wie Boykin wird in der heutigen NFL der Gronkowskis, Johnsons oder Bryants kein leichtes Leben führen. Die NFL bewegt sich tendenziell sowieso in Richtung größer und stärker, weg von den kleinen Irrwischen, die mit ihren dünnen Armen und Beinen nach drei Jahren verbrannt sind. Kellys Einschätzung über Boykin muss gewesen sein, dass er diesen Mann nicht als Outside-CB aufstellen kann, und auf einen Querdenker im Slot kannst du verzichten. Oder so.

Kelly hat schon im Vorfeld des Drafts seine Vision seiner Mannschaft diskutiert: Die Backups müssen idealerweise wie die Starter aussehen. Du kannst keinen 2m-QB als Starter haben und der Backup ist ein 1,75er mit Sprinterqualitäten. Du musst schon einen Plan haben. Und deswegen suchen wir auch bestimmte Typen von Athleten, nicht jeder passt zu uns. Es gibt in der Historie der NFL etliche gefeierte Coaches und GMs, die nach diesem Credo Mannschaften zusammenstellte – die Planet Theory ist eine von ihnen. Allerdings ist der Super-Athlet nicht immer der Super-Footballer. Kelly weiter:

„A two-gap defensive lineman looks different than a one-gap defensive lineman,“ Kelly continued. „That’s just kind of how it is. We want taller, longer guys with longer levers that can two-gap. And if you look at our D-Line, they’re taller and longer than when we first got here. That’s because we went from a 4-3 Wide-9 to a 3-4. You had to make that adjustment along the way. You couldn’t do it in one fell swoop. We did the same thing when I was at Oregon. The kid who got picked in the first round this year, Arik Armstead, most people were recruiting him as an offensive tackle coming out of high school. We recruited him as a defensive lineman. He got picked in the first round. Probably a first-round pick next year will be DeForest Buckner, who was kind of a carbon copy of what Arik is.

„But that’s what we’re looking for. When you kind of have those height/weight/speed parameters by position, it narrows it down, narrows the pool down in terms of what you’re looking for. But that’s what you play with. It’s tough to play with a 6-foot, 290-pound guy who’s not gonna be a good two-gapper. It doesn’t mean he’s not gonna be a good football player. It just means he doesn’t fit in terms of what we’re trying to get accomplished.“

Boykin oder McCoy sind nicht die einzigen, die nicht Kellys Vision eines Footballers entsprachen. Der Eagles-Kader hat weitere etwas untersetzte Spieler im Kader, die in Zukunft wackeln könnten. Ein LB Kendricks zum Beispiel gilt nicht als ideale Statur, obwohl er häufig ob seiner Vielseitigkeit geschätzt wird.

Der umfassende Chip

Mike Tanier schreibt beim Bleacher Report über das Weltbild des Chip Kelly. Tanier, das dürfte bekannt sein, halte ich für den besten Schreiber in der US-Footballwelt. Tanier ist außerdem als Eagles-Anhänger recht nahe dran, aber kein Fanboy der Kategorie Beat-Writer. Taniers Töne zu Kellys Moves waren durchaus kritisch über die letzten Monate. Tanier schreibt nun über die Theorie eines umfassenden Plans, der da umfasst:

  • Spielermaterial
  • Spielsystem
  • Kultur
  • Wissenschaft
  • Coaching

Damit die Personalpolitik zündet, muss der wissenschaftliche Ansatz im Training die Risikospieler fit halten, die Kultur der Offenheit die Neueinkäufe integrieren und das exorbitante Tempo der Offense eher den Gegner ermüden als die eigenen Beine. Kelly nutzt die Kultur des gegenseitigen Feedbacks mit seinen Spielern um seine wissenschaftlichen Ansätze zu verfeinern, die wiederum seine Philosophie der geschwindigen Offense ermöglichen. Im Gegenzug formt die Dreifaltigkeit aus Speed, Coaching und Krafttraining als Einheit Kultur: Du brauchst Charaktere, die das mitmachen wollen.

Kelly verlangt von seinen Spielern Offenheit, die wiederum eine Kultur im Kader kreiert, die das extreme Ausdauertraining goutiert, was wiederum dem Speed zugutekommt. Neuzugänge müssen sich die Power und Ausdauer antrainieren und sich verletzungsfrei halten – hier kommt wieder die Wissenschaft ins Spiel, ohne die es nicht geht.

Kellys Trainerstab ist eine Truppe von Sportwissenschaftlern. Diese formen eine Kultur, die neue Studien zulassen. Erst damit wird das Krafttraining effizient. Spieler wie Coaches, alle, müssen an den Erfolg dieser Methoden glauben.

So sehr sich diese Ausführungen Taniers wie Floskelei anhören, so sehr muss man Kelly zugestehen, radikale Umsetzung dieser Gedanken zu betreiben. Kelly treibt seinen Kader nicht aus der Not geboren in eine Ecke. Kelly hat 20 von 33 Spielen zum Einstand gewonnen – Territorium, auf dem 98% der NFL den Teufel tun würde um den Umbruch voranzutreiben.

Kellys Philosophie besteht aus mehr denn reinem Speed. Aus mehr denn Schema. Aus mehr denn Egomanie. Kelly verbindet verschiedene Ideen zu einem kongruenten Weltbild von American Football. So bizarr die Moves waren, sie scheinen nach Taniers Ausführungen in einem etwas anderen Licht.

Ich empfehle das Stück dringend zu lesen: Chip Kelly and His Relentless Assault on the Status Quo.

4 thoughts on “Chipadelphia

  1. Pingback: NFL 2015 – Preview Pittsburgh Steelers | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  2. Pingback: NFL 2015 – Preview St. Louis Rams | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  3. Pingback: Chip Kelly: Ohne Huddle entlassen | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s