NFL 2015 – Preview Pittsburgh Steelers

Alte Football-Weisheit: eine gute Mannschaft baut man um die Linien herum auf. Oder eben auch nicht, wenn man drei der besten Skill Players auf ihren jeweiligen Positionen hat. Ben Roethlisberger, Antonio Brown und LeVeon Bell sind die beste QB-WR-RB-Combo, die derzeit in den Training Camps schwitzt. In der letzten großen Ära 2004-2011 war es in der Regel die Defense, die mit massig Starpower glänzte: James Harrison, Troy Polamalu, Aaron Smith – und natürlich mit ihrem Übervater Dick LeBeau.

Pittsburghs Defense

Defensive Coordinator Dick LeBeau ist jetzt Geschichte. Nach 11 Jahren in Pittsburgh wurde er wie dereinst Bruce Arians in den Ruhestand gedrängt, auf den der 77-jährige freilich keine Lust hat; als „consultant“ unterstützt LeBeau jetzt DC Ray Horton in Tennessee, welcher in der großen Ära LeBeaus Assistent für die Secondary war.

Besonders dort, im Defensive Backfield, ist so gut wie nichts mehr an Talent übrig. Polamalu und Cornerback Ike „Swaggin'“ Taylor sind zurückgetreten. Für Taylor, bis zu seinem Ende unterschätzt, gibt es keinen Nachfolger. Cortez Allen würde bei vielen anderen Teams um einen Platz im Kader kämpfen, in Pittsburgh ist er wohl gesetzt als Starter. Seine größten Konkurrenten sind die beiden abgebrochenen Rookies Senquez Golson (1,75m, 2te Runde) und Doran Grant (1,78m, 4te Runde) sowie der ebenfalls bei 1,75m stehengebliebene Antwon Blake. Blake, UDFA 2012, hat letzte Saison bei 290 Snaps ausgeholfen und sah wenig überraschend auch so aus wie ein UDFA, der das erste Mal NFL Receiver verteidigt.

William Gay, ebenfalls keine einsachtzig, immerhin ist ein ganz anständiger Mann für den Slot. Insgesamt ist die Talentdecke so dünn, daß kurz vor knall noch Brandon Boykin – ja: auch er 1,75m – aus Chipadelphia geholt wurde. Boykin ist im Slot noch besser aufgehoben als Gay. Aber in der Gesamtschau ist noch völlig offen, wer wo spielen wird.

Ebenfalls vorzeigbar ist Safety Mike Mitchell, der so athletisch ist wie Polamalu in seinen besten Tage, aber lange nicht dessen Football-IQ hat. Neben Mitchell könnte Will Allen spielen, der immer wieder Talent gezeigt hat – wenn er mal nicht verletzt war. Die anderen Jungs sind Rookies, Special Teamers und ein Typ mit dem perfekten Safety-Namen: Jordan Dangerfield.

Mitchell und die Zwerge zeichnet eins aus: sie sind „quick“ (Mitchell auch schnell über längere Strecken). Ähnliche quickness haben die Steelers im Linebacking-Corps. Der diesjährige 1st-rd pick Bud Dupree wurde vor der Draft oft mit Jamie Collins verglichen, dem Überathleten der Patriots. Sean Spence, 3rd-rd pick 2012, ist einer der schnellsten Linebacker der Liga; ebenso der 25 Jahre alte Vince Williams. Ryan Shazier, 1st-rd pick 2014 ist auch so ein Freak (4,38s/40yds). Allein: noch keiner dieser Typen hat bewiesen, daß er mehr drauf hat als Athletik. Einzig Lawrence Timmons hebt sich ab. Timmons wäre für fast alle Mannschaften eine sofortige Verstärkung als Mike-Backer, das ist in den letzten Jahren im generellen Abwärtstrudel der Pittsburgh-D etwas untergegangen. Shazier soll es wohl werden neben Timmons, aber auch hier ist wie in der Secondary noch vieles offen.

Auch der Pass Rush ist ein einziges Fragezeichen. Um den steht es so schlimm, daß James Harrison mit seinen 37 Jahren nochmal einen 2-Jahres-Vertrag bekommen hat. Harrison ist zwar immer noch ein absolut irrer Workout-Warrior, aber mehr als eine Teilzeitstelle wird für ihn nicht mehr drin sein. Der einzige Lichtblick mit Zukunft, Jason Worilds, hat im Frühjahr überraschend nach nur fünf Jahren seine Karriere beendet. Jarvis Jones, 1st-rd pick 2013 und einst große Hoffnung, ist so harmlos wie eine Wespe im Weißbierglas und würde es nicht mal in den Kader schaffen, wären seine Konkurrenten nicht völlige No-Names und Late-Round-Rookie.

Der neue Defensive Coordinator Keith Butler kennt seine Pappenheimer immerhin ganz genau, ist er doch seit 2003 der Linebackers-Coach gewesen. Vorne gibt es auch keine große Hilfe. Cam Heyward, Steve McLendon und Stephon Tuitt können immer mal wieder ein grundsolides Spiel abliefern, aber Heldentaten darf man keine erwarten.

Im Ganzen sieht das eher aus wie der Kader einer Collegemannschaft: jede Menge Speed, Quickness und Athletik, aber spielerisch völlig unterentwickelt. Der beste wäre wahrscheinlich der boom-or-bust-Ansatz: volles Risiko und dabei immer auf die Big Plays gehen: Sacks, Interceptions, Fumbles. Das Risiko, das man damit eingeht, kann man sich erlauben, wenn man den besten Angriff der Liga hat.

Die Steelers Offense

So schlecht die Kaderplanung auf der defensiven Seite in der vergangenen Jahren auch war, auf der offensive hat GM Kevin Colbert alles richtig gemacht. Hier sind die Blue Chippers und Playmakers, die in der Verteidigung so schmerzlich vermißt werden.

Ben Roethlisberger, mit 33 im besten Quarterback-Alter, hat gerade seinen Vertrag bis zur Saison 2019 verlängert, vier zusätzliche Jahre für $87,4M; nur Aaron Rodgers verdient mehr. Mit 4952 Yards hat er so erfolgreich geworfen wie nie, nach Yards und DVOA Ligabestwert. Er wurde so selten gesacked wie nie und zum ersten Mal in seiner Karriere hat er in zwei aufeinanderfolgenden Saisons kein Spiel verpaßt.

Geholfen hat ihm dabei erstens Offensive Coordinator Todd Haley, der durch viele schnelle Entscheidungen und kurze Pässe Roethlisberger unnötige Prügel ersparen will. In ihrem dritten Jahr scheinen die beiden endlich zueinandergefunden zu haben, nachdem Big Ben noch lange seinem 2012 abgeschobenen Mentor Bruce Arians nachtrauerte.

Geholfen hat ihm dabei zweitens die Offensive Line, die ein in Pittsburgh kaum mehr für möglich gehaltenes Niveau zeigt. Jahrelang war Bens Linie eine Resterampe, auf der sich Überforderte, Hoffnunsgvolle und Aussortierte munter abwechselten, je nachdem, wer gerade in der Reha war beziehungsweise arbeitlsos auf der Straße stand. Mittlerweile aber regieren Konstanz und Klasse.

Das Kraftzentrum bilden die beiden einstigen 1st-rd picks RG David DeCastro und C Maurkice Pouncey. Ein viel besseres C-G-Duo wird man so schnell nicht finden. Die anderen drei sind keine Stars, dafür grundsolide Footballarbeiter: RT Marcus Gilbert, LT Kelvin Beachum und LG Ramon Foster. Daß die Linie so gut zusammengefundet hat, liegt nicht zuletzt an der Legende Mike Munchak, der sich nach seinem gescheiterten Versuch als Head Coach in Tennessee endlich wieder exklusiv um die dicken Jungs kümmern darf.

Nicht zuletzt sieht jede Linie und jeder QB besser aus, wenn LeVeon Bell und Antonio Brown ständig den Ball in ihren Händen halten. RB Bell hat sich in seiner zweiten Saison als der beste Running Back der Liga entuppt. Er ist so explosiv wie Jamaal Charles, kräftiger als Marshawn Lynch und als Receiver gefährlich wie Shane Vereen. 2014 hat er bei 290 Läufen und 83 Catches 2200 Yards abgerissen, Zahlen die am ehesten an Marshall Faulk erinnern.

Tatsächliche Rekordzahlen stellt Wide Receiver Brown auf. Der absurdeste ist wohl dieser: in jedem seiner letzten 32 Spiele hat er mindestens fünf Pässe gefangen und dabei 50 Yards erzielt. Insgesamt waren es in der letzten Saison 129 Catches, 1698 Yards und 13 Touchdowns. In der kommenden Saison sollte es sogar eher noch einfacher für ihn werden, wenn seine beiden 23-jährigen Receiverkollegen Martavis Bryant (26catches, 549 yds: 21,2y/c !) und Markus Wheaton (53 catches, 644yds) sich weiter so schnell entwickeln. Dazu wurde in der dritten Runde noch der explosive Sammie Coates gedraftet. Sein Scouting Report besagt, er hat alles Talent der Welt, nur braucht er gute, harte Coaches und ein wenig Zeit. So ungefähr haben sich die Scouting Reports von Mike Wallace, Antonio Brown und Markus Wheaton auch gelesen…Da gibt es sogar einen Platz für Darrius Stonehands-Bey in diesem WR-Corps! Irgendwann wird er so offen sein, daß seine gefürchteten Drops physikalisch unmöglich sind.

Die Pittsburgh Steelers 2015

Zwei grundverschiedene Mannschaften sind hier vereint. Auf der einen Seite ein hervorragender, junger Kader mit Klasse in allen Mannschaftsteilen, mit gar viereinhalb Blue Chips (Big Ben, Bell, Brown, DeCastro und Pouncey); dazu ein System, das alle Spieler kennen und sich als erfolgreich erwiesen hat. Auf der anderen, der defensive Seite: nichts von alledem. Was DC Butler aus dieser Ansammlung junger Wilder machen wird, ist völlig offen. Vielleicht wird HC Tomlin mehr Einfluß nehmen. Bevor er Chef wurde, war Tomlin ein gefeiertes Defensiv-Wunderkind, das auf opportunistische Ballhawks in in Zonenverteidiung setzte. Allein durch ihren bombigen Angriff muß das Ziel für Pitt auch dieses Jahr wieder mindestens der Playoffeinzug sein. Für mehr wird es nicht reichen – aber ihre „Vorbilder“ Cardinals 2008 kamen auch in den Super Bowl; die Patriots mit Cornerback Edelman und Safety Matt Slater 2011 ebenso und die Saints gewannen ihn sogar 2009 mit einer ähnlich suspekten Defense.

2 thoughts on “NFL 2015 – Preview Pittsburgh Steelers

  1. Als Steelers-Fan muss ich natürlich noch ein Paar Gedanken meinerseits einstreuen:
    Ich geb dir bei (fast) allem recht – insbesondere bei den Big Plays auf welche man in der Defense gehen wird, aber einen Punkt unterschreibe ich so nicht:
    Man ist in der Defense nicht völlig talentfrei, sondern hat schon einiges an Talent und auch einen Plan für die Zukunft. Heyward, Timmons und Boykin sind Top-Spieler auf ihren Positionen und die restlichen Stammplätze werden von athletischen Freaks besetzt, die zum Großteil jetzt ein Jahr Eingewöhnungszeit hatten. Von Tuitt und Shazier erwartet man nach überragenden Camps Top-Spielzeiten und Keith Butler hat schon angekündigt (siehe oben) mehr Risiko zu gehen, was nur helfen kann und ehrlich gesagt den Stärken des Kaders viel besser entspricht als LeBeaus System. Auf Safety werden Shamarko Thomas (ebenfalls so ein athletischer Freak und „Zögling“ von Polamalu) und Mitchell (hat jetzt auch ein Jahr Zeit gehabt) auflaufen. Cornerbacks dürften Boykin und Gay (hatte eine gute letzte Saison) gesetzt sein, der Rest ist wirklich schlecht oder noch Rookie. Pass-Rush ist das große Fragezeichen: Moats (solide, aber bis jetzt nicht mehr) wird zu Beginn der Saison links starten und auf rechts wird man jetzt in der Preseason sehen, inwieweit Jarvis Jones sich verbessert hat und dann gegebenenfalls wieder Harrison auflaufen lassen. Man hofft dann im Verlaufe der Saison Dupree einzubauen.
    Als Fazit finde ich, dass eine Menge Potential vorhanden ist, es aber (wegen der Jugend) wie bei kaum einem anderen Team Schwankungen in den Leistungen (von wirklich schlecht bis echt gut) geben wird.
    Bei den Gegnern in der AFC sehe ich diese Saison nur die Broncos (falls Manning ordentlich spielt) als wirklich stärker. Die Colts haben auch keine bessere Defense als Pittsburgh, die Ravens sind ausgeglichen aber extrem von Flacco abhängig, die Patriots haben keine Secondary mehr und Brady wird auch nicht jünger. Der Rest (Chargers, Bengals, Dolphins, Kansas City) macht jetzt auch keinem wirklich Angst.
    Puh…sorry für den langen Kommentar, im Grund aber super Analyse von dir😀

  2. Pingback: NFL 2015 – Preview Minnesota Vikings | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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