Boise State Broncos | 2015/16 Preview

Wie schon in der Preview über die Mid-Majors angeklungen, gehen die Boise State Broncos als haushoher Favorit auf die Einladung als Mid-Major Vertretung in den New Year’s Six Bowls in die Saison 2015/16. Ihre Saison 2014 war gut genug um viele Zweifler zu überzeugen. Obwohl man mit neuem Head Coach und relativ unerfahrener Mannschaft antreten musste, fuhr Boise eine 12-2 Saison ein, inklusive überzeugendem Sieg in der Fiesta Bowl über die starken Arizona Wildcats (die z.B. Oregon schlagen konnten).

Nun hat man zuzüglich zur Qualität auch den Hype. Spielerisch ist Boise bestimmt nicht mehr (oder noch nicht?) das Kaliber von vor fünf Jahren, als man mehrfach um die Landesmeisterschaft mitspielte, aber nahe an Top-15 Qualität sollten die Broncos wieder sein.

Der schnelle Turnaround ist durchaus eine Überraschung. Boise hatte nach dem Abgang des heiß geliebten Trainers Chris Petersen als Unbekannte gegolten. Petersens Nachfolger Bryan Harsin ist ein ehemaliger Schüler des Großmeisters und kennt als solcher die Mechanismen in der Hauptstadt Idahos – und doch ist es nicht selbstverständlich, dass bei einem Mid-Major Programm der Level nach einem Trainerwechsel hochgehalten werden kann. Zu oft hängen solche Mannschaften an einem einzigen Kopf – dem des Trainers.

Doch Harsin revitalisierte nach der durchwachsenen 2013er-Kampagne die Mannschaft. Der Saisonstart war holprig: Ein Debakel gegen Ole Miss, eine überraschende Pleite gegen Air Force und ein zu knapper Sieg über UConn waren keine guten Vorzeichen. Doch dann steigerte man sich kontinuierlich: Die Spielzeit endete in Conference-Sieg und besagtem Fiesta-Bowl Sieg.

In der Retrospektive scheint selbst die Pleite gegen Ole Miss in einem anderen Licht: Die Rebels waren eine der Mannschaften des Jahres, bis zu einer Verletzungsserie Ende Herbst sogar der Topfavorit der SEC. Und Boise hatte bei allen Problemen bis Anfang des Schlussviertels einen knappen Spielstand von 6-7 halten können.

Der überwiegende Teil der 2014 extrem jungen Broncos bleibt in diesem Herbst zusammen – der Hauptgrund, weswegen man von Boise nicht bloß ein Halten des Levels erhofft, sondern sogar eine Steigerung.

Offense

Es gibt jedoch drei wesentliche Änderungen:

  • Offensive Coordinator. Der extrem gehypte Mike Sanford verließ Boise in der Offseason gen Notre Dame. Sanford galt als Genie. Sanford war von Stanford nach Boise gekommen und hatte mit den Broncos eine brutal ausbalancierte, schwierig ausrechenbare Offense spielen lassen. Der Neue: Eliah Drinkwitz, bislang TE-Coach in Boise. Drinkwitz kommt aus der Schule von Gus Malzahn und arbeitet seit Jahren eng vertraut mit Harsin.
  • Quarterback. Nicht, dass Grant Hedrick zuletzt in irgendeiner Form Erinnerungen an einen Kellen Moore hätte wecken können, aber in Hedrick (71% Comp%, 23 TD, 14 INT) verliert Boise den einzigen QB mit nennenswerter Erfahrung.
  • Running Back. Jay Ajayi (1823yds, 28 TD, 5.3yds/Carry, dazu drittbester Receiver) galt zwar als fumble-anfällig, war aber gleichzeitig ein ausdauernder, brandgefährlicher Back in der physischen Lauf-Offense. Keiner seiner Ersatzleute hat mehr als 25 Carries in seinem CV auszuweisen.

Und damit wären wir bei der Offense in Boise. Wie wird die einst schönste Offense im Lande unter Harsin/Drinkwitz aussehen? Gehen wir nach der Historie der Protagonisten, werden wir viele Elemente der Spread-Offense zu sehen bekommen, jedoch stets fußend auf wuchtiger Physis. Drinkwitz gilt als Typ, der etwas mehr Laufspiel implementieren wird als es Vorgänger Sanford eh schon machte. Drinkwitz gilt auch als Typ, der viel read option spielen lassen wird, der im Passspiel schön durchmischt zwischen quicken Laterals und zwischendurch eingestreuten tiefen Bomben.

Das dürfte dem Spielermaterial in Boise entgegenkommen. Die Top-WRs Shane Williams-Rhodes (90% Catch-Rate) und Thomas Sperbeck (80% Catch-Rate) sind beide klein gewachsene Irrwische mit sensationellen Qualitäten im Run-after-Catch. Beide waren keine gehypten Highschool-Footballer, weil sie zu klein für eine klassische Offense sind, aber aus einem Bubble-Screen einen 17yds-Gewinn zu machen, darin sind beide Experten. Als RedZone-Waffe dürfte sich der 2m große Hüne TE Holden Huff ins Spiel bringen.

RB Devon Demas - Foto: obnug

RB Devon Demas – Foto: obnug

RB Devan Demas, der möglicherweise der neue Lead-Back sein wird, gilt als tödliche Waffe im offenen Feld, hat aber wie Vorgänger Ajayi Fumble-Probleme. Extrem positiv bei solchen boom or bust Backs: Die Offensive Line in Boise gilt als famos sowohl für Pass als auch für Lauf, und sie hat schon allerlei Spread/Option-Konzepte im Blut. Demas wird mit erhöhter Schlagzahl wohl keine 7yds/Carry mehr machen, aber dafür sollte sich seine Success-Rate von 32% erhöhen. Als potenzieller Backup steht der Freshman Cory Young bereit, über den sie sich in Boise schon die Mäuler fusselig reden.

Schließlich und endlich das große Fragezeichen: Quarterback. Sowohl der Sophomore Ryan Finley als auch der Freshman Brett Rypien sind komplette Grünschnäbel. Während Finley zumindest schon in zwei Dutzend Downs College-Luft schnuppern konnte, ist der etwas größere, kräftigere Rypien erst vor wenigen Wochen zum Team gestoßen. Rypien hat immerhin den Vorteil des großen Namens: Sein Onkel Mark war der Superbowl-QB der Washington Redskins von 1991/92.

Defense

Boise States Defense war schon während der großen Jahres um 2010 herum ein gern übersehener Erfolgsfaktor, und sie ist es bis heute geblieben: Es ist keine ästhetisch „schöne“ Defense im Sinne eines besonderen Spielschemas, aber dafür ist sie ein Beweis dafür, wie mittelmäßig talentierte Einzelspieler mit grundsolider Technik und wenigen Fehlern eine überdurchschnittliche Einheit bilden können.

Die Stärke ist die Run-Defense, die schon letztes Jahr zu den absolut besten im Lande gehörte. Sechs Starter und alle Backups der Front-Seven bleiben dieses Jahr im Kader, und zusätzlich begrüßt man den besten DE Tyler Horn nach überstandener Verletzung zurück (Horn spielte 2013 keinen einzigen Snap). Star ist der der hervorragende Passrusher DE Kamalei Correa (letztes Jahr 12 Sacks), der seinen Durchbruch letztes Jahr hatte.

Das Defensive Backfield gilt nicht wirklich als größte Stärke, doch es vermied bis auf wenige Ausnahmen die großen Einbrüche, ließ über das ganze Jahr nur wenige lange Bomben zu. Vor allem FS Dylan Sumner-Gardner wird vor dieser Saison hochgejazzt. Der Mann ist Sophomore und einer der besten Recruits der Broncos in den letzten Jahren. Als Freshman kam er noch nicht an der Einser-Garnitur vorbei, doch nun soll es soweit sein.

Ausblick

Boise spielt einen grundsoliden Schedule für einen Mid-Major: Zuzüglich zur eigenen Conference hat man mit Washington, @BYU und @Virginia drei höherklassige Gegner im Spielplan, wobei natürlich das Duell mit den Washington Huskies heraussticht – es ist das Wiedersehen mit Coach Petersen. Sportlich schwieriger dürften aber die Auswärtsspiele bei BYU und Virginia werden, die beide als relativ solide Mannschaften gehandelt werden.

In den Vereinigten Staaten dürfte den Broncos entgegen kommen, dass man als Liebling von CBS Sports gilt: Sechsmal tritt man am Freitagabend an und wird landesweit zu sehen sein. Für eine echte Anwärterschaft auf die Playoffs dürfte der Schedule für die Broncos trotzdem nicht reichen, selbst nicht bei einer überzeugenden ungeschlagenen Saison. Doch bevor man schon wieder von einer Perfect-Season zu träumen beginnt, sollte Boise State sich darauf konzentrieren, die Mountain West Conference zu gewinnen. Das dürfte ein erreichbares Ziel sein.

8 thoughts on “Boise State Broncos | 2015/16 Preview

  1. Die Boise State University ist trotz der jüngsten sportlichen Erfolge noch immer ein ganz kleiner Fisch im Becken College Football. Es ist eine junge Uni, die erst vor 40 Jahren von einem Community College umgewandelt wurde. Sie liegt am Arsch der Welt in den Wäldern von Idaho, fernab jeder Zivilisation. Das mag z.B. für Washington State in Pullman auch zutreffen, aber es hat historische Gründe, dass WSU in der Pac-12 spielt – vom heutigen Standpunkt aus wären andere Programme vermutlich attraktiver.

    Die großen Research-Unis an der Westküste – Stanford, UCLA, USC, Cal – blicken mit nichts anderem als Verachtung auf den Upstart Boise. Da treffen Unis mit Milliarden Dollars an Stiftungsvermögen (Stanford 20 Mrd, die anderen genannten zwischen 3-5 Mrd) auf Boise mit seinen 90 Mio. Das sind andere Welten.

    Der Weg für Boise in eine Pac-12 Conference ist noch sehr, sehr weit und verlangt auf viele Jahre sportliche Stabilität auf hoher Qualität. Für alle anderen Power-Conferences ist Boise schon allein geographisch unattraktiv.

  2. Es passt hier zwar nicht direkt hin, aber der ESPN Player hat nun auch die Übertragungen von ESPNU und dem SEC-Network implementiert, was nach einer sehr guten Verbesserung klingt.

  3. #ESPN-Player. Angeboten wird von beiden Kanälen der Livestream, kein On Demand. Und: es werden nicht alle Spiele der SEC zu sehen sein. Trotzdem natürlich ein Upgrade.

  4. Nice,
    kannst du auch mal was über die anderen Senkrechtstarter schreiben.
    TCU, Ole Miss,Auburn,Clemson. Die haben auch klein angefangen und sind jetzt eine Macht. Man kann bestimmt gute Storys darüber schreiben, über den Werdegang zur Football-Größe.
    Ein bisschen mehr College -Football hier, würde ich mich freuen.
    NFL hat ja den besseren Sport, nur College-Football hat mehr Charisma und deshalb die besseren Storys.

  5. Ist alles schon geschrieben, aktuell in der Korrekturlese und wird wie immer vor Saisonstart verteilt über die nächsten zwei Wochen hier im Blog aufscheinen.

  6. Pingback: College Football 2015/16 – Die Eier fliegen | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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