Harter Tobak

Tageslektüre für heute: Das ESPN-Feature Why former 49er Chris Borland is the most dangerous man in football von den beiden Investigativreportern bei ESPN, Steve Fainaru und Mark Fainaru-Wada (League of Denial). Chris Borland ist der Linebacker, der heuer im März nach nur einem Profijahr zurückgetreten ist, aus Angst um seine Gesundheit, vor allem aus Angst um sein Gehirn. Der Titel ist etwas überjazzt, doch der lange Text ist doch auf mehreren Ebenen faszinierend. Eine kurze Rezension.


Dopingtest – Borland wurde wenige Wochen nach seinem Rücktritt zum Dopingtest gebeten. Wer den Test schwänzt, kriegt ihn als positiven Dopingtest angeschrieben. Obwohl Borland nicht gedenkt in die NFL zurückzukehren, unterzog er sich der Urinprobe um einer potenziellen Schlammschlacht aus dem Weg zu gehen. Er machte aber zwei Proben – eine schickte er an ein unabhängiges Institut. Beide Tests waren negativ.

Timeline seines Rücktritts – Im März las es sich so als hätte Borland von Anfang an (also Trainingslager) gewusste, dass seine erste NFL-Saison seine einzige bleiben würde. Im ESPN-Stück ist die Tonalität eine dezent andere: Im Trainingslager begann Borland über die Gefahren von Football nachzudenken, und über die Monate reifte seine Entscheidung. In der Offseason zog er u.a. Dr. Robert Stern hinzu – einen Mann, der in League of Denial mitwirkte – und fasste den Entschluss erst am 13.3., dem Tag, an dem er seinen Rücktritt selbst bei ESPN verkündete.

Borland muss mit dem Rücktritt den Großteil seines Handgeldes an die 49ers zurückzahlen. Borland hätte die Möglichkeit gehabt, aus seiner Story schon viel Kohle herauszuschlagen, hat das bislang aber abgelehnt mit dem Verweis auf seine Glaubwürdigkeit.

Schmerzmittel – Das Schmerzmittel Toradol wird nur für dringende Notfälle empfohlen, aber im Stück liest sich das etwas anders. Borland spricht darüber, wie er es sich schon zu College-Zeiten teilweise wochenweise reinpumpte. Borlands Kollege Mike Taylor bestätigt die Angaben. ESPN fragte bei Wisconsin nach und bekam folgende Antwort: [Wisconsin] said in a statement that injured athletes are allowed back on the field only after medical staff deem them „fit to return.“ The school added, „The limited usage of Toradol is administered by our team physicians and closely monitored. Das willst du nicht auf Wahrheit überprüft haben.

Borlands Rücktritt kann man auf mehreren Ebenen vertiefen. Er zeigt auch die Doppelmoral, der wir alle erlegen sind: Kein einziger Football-Kommentator mit IQ nördlich der 50 verdammte Borland für seinen Rücktritt, ja sie priesen ihn alle, und trotzdem gab rät niemand auch weiteren Spielern zum Abgang. Wir selber wissen wie smart und achtenswert Borlands Rücktritt war, aber wir können trotzdem den Saisonstart nicht mehr erwarten.

Rookie Symposium – Leitfaden des Stücks ist Borlands Rücktrittsentscheidung. Aber ein Seitensprung zu einem komplett anderen Thema ist auch mit dabei:

Shortly after he was drafted by the 49ers in the third round last year, Borland attended the annual rookie orientation put on by the NFL. The league tries to prepare young players for what to expect on and off the field, and it brought in two prominent retired players to give the rookies advice.

„Get yourself a fall guy,“ Borland says one of the former players advised. The former player, whom Borland declined to name, told the rookies that if they ran into legal trouble, their designated 
fall guy would be there to take the blame and, if necessary, go to jail. „‚We’ll bail him out,'“ Borland says the former player assured them.

Borland was appalled. „I was just sitting there thinking, ‚Should I walk out? What am I supposed to do?’ “ he recalls. He says he didn’t leave the room because he didn’t want to cause a scene, but the incident stayed with him.

Rookies sollen sich einen Prügelknaben richten, der den Kopf für eventuelle Verfehlungen hinhält. Kopf hinter dieser hirnrissen Iee ist Cris Carter, Hall of Famer und ESPN-Analyst. Er hat es wirklich gesagt. Carter bekommt seither ordentlich auf die Fresse.


Beim Thema Prügelknaben können wir elegant den Delling einbauen und die Überleitung stricken zu einem weiteren unappetitlichen Thema: Baylors Head Coach Art Briles, der sofort nach Bekanntwerden eines Sexualvergehens eines seiner Spieler versuchte, eine Teilschuld an seinen Trainerkollegen Chris Petersen weiterzuschieben. Charles Pierce hat dazu bei Grantland ein exzellentes Essay geschrieben: Something Rotten in Texas: Baylor, Art Briles, and Sam Ukwuachu. Somebody’s taking the fall. It’s the American way. Nicht nur der amerikanische.

3 thoughts on “Harter Tobak

  1. Ist natürlich sehr traurig sowas zu hören. Vor allem das jemand wie er anscheinend – vielleicht zurecht – so wenig Vertrauen in die NFL hat das er zur Sicherheit noch ein zweites Unternehmen einschaltet um sicher zu gehen nicht noch im nachhinein platt gemacht zu werden.
    Denn wie kann man die Glaubwürdigkeit von jemanden zerstören? Man stellt ihn als Junkie da. Oder als Heuchler der eine ach so große Angst vor gesundheitlichen Problemen hat sich aber mit Mittelchen die Muskeln hochspritzt. Schon wäre jegliche Kritik von ihm komplett wertlos.
    Ob es dazu gekommen wäre werden wir wohl nicht wissen, aber mittlerweile sind ja schon einige Dinge rausgekommen das die NFL bzw. auch schon im College Football – diverse Leute wohl absichtlich etwas ’nicht gesehen‘ haben.

  2. Sehr interessanter Artikel, danke fuer den Hinweis.

    Die Doppelmoral was Verletzungen und Langzeitauswirkungen betrifft ist in der NFL sicher ein Problem. Ich finde das mit Hinblick auf High Schools und vor allem Colleges aber noch viel heftiger. In der NFL koennen die Spieler wenigstens bereits, auf Grund ihres Alters und einer wenigstens grundsaetzlich vorhandenen Ausbildung, selbst die Entscheidung treffen und das mediale Spotlight verhindert inzwischen doch auch die extremsten Faelle.

    Im College ist das noch egal bzw. genau umgekehrt. Die Geschichte mit Taylor liest sich derartig irrsinnig, dass einem dabei schlecht wird. Wenn man dann bedenkt, dass das von Coaches dort gefoerdert und sicher implizit erzwungen wird, mit dem Argument, dass jeder Ausfall in einem Spiel den Verlust der spaeteren Pro-Karrierechancen bewirken kann, dann ist das in meinen Augen einfach nur kaputt und sonst gar nichts. Grade am College legen Eltern und Spieler das Einzelschicksal oftmals in die Haende der Coaches, die ihnen die Stipendien ermoeglichen. Da wird ein Abhaengigkeitsverhaeltnis gnadenlos ausgenutzt. Das ist Noetigung bzw. grenzt fuer mich an Koerperverletzung.

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