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Die furchtlose NFL-Vorschau 2015/16 | Die Kellerkinder

Die NFL-Saison 2015/16 steht vor der Tür und somit bietet sich wieder die Chance für eine lieb gewordene Tradition auf diesem Blog: Die große vierteilige Vorschau auf die Saison, die wie immer unterteilt wird in die vier Kategorien: Bodensatz, Mittelklasse, Playoffkandidaten und Titelanwärter.

Berücksichtigt werden dabei verschiedene Faktoren, von der Entwicklung der Mannschaft über die Stärke der Divisionen und Spielpläne hin zu Regressionsfaktoren wie Turnover- oder Verletzungsglück. Also nichts was wir nicht schon in der Vergangenheit hatten. In der Leiste rechts finden sich ein Glossar und die Referenz-Links zu den entsprechenden Quellen.

In der Voranalyse fällt auf, dass die NFC in diesem Jahr in der Spitze recht dünn besetzt ist, während die AFC mittlerweile wieder einen ganz guten Standard erreicht hat und wegzukommen scheint vom Gespann Manning / Brady, der über den Endspielteilnehmer dieser Staffel entscheidet. Doch genug der Vorrede, beginnen wir mit den acht Mannschaften, die den Bodensatz der Liga bilden.

Chicago Bears

Sezierstunde
Div    NFC North
Coach  John Fox
2014   5-11
Tipp   6-10

Die Chicago Bears waren einer der Totalschaden der abgelaufenen Saison und landeten, gestartet als gefährlicher Außenseiter auf einen Playoff-Run, am Ende als siebtschlechteste Mannschaft auf dem Boden der Tatsachen. Als Reaktion wurde die komplette sportliche Leitung rasiert und durch die neue Führungs-Combo bestehend aus Head Coach John Fox und den 20 Jahre jüngeren GM Ryan Pace ersetzt.

Vorgänger Marc Trestman war gescheitert, weil er als Leisetreter den bärigen Augiasstall nicht in den Griff bekam. Autoritätsperson Fox löst solche Probleme so: Er mistete gehörig aus und tauschte zum Einstand fast den halben Kader aus (18 Abgänge).

An der Schlüsselstelle schlechthin waren Fox freilich die Hände gebunden: QB Jay Cutler ist mit seinem erst 18 Monate alten Monster-Vertrag aus Salary-Cap Gründen noch kein angreifbares Objekt. Wie der nur begrenzt offense-affine Fox und sein neuer OffCoord Adam Gase mit dem Problem Cutler umgehen, wird einer der Knackpunkte für Chicago 2015: Fabriziert Cutler erneut bloß 6.0 NY/A und 18 INT, wird es mit dem Aufschwung harzig.

Personell wirklich besser sieht die Offense nicht aus: Star-WR Brandon Marshall wurde an die Jets verkauft und durch Rookie-WR Kevin White ersetzt – bloß fällt White nun erstmal wochenlang verletzungsbedingt aus. Wie lange ein RB Matt Forte noch Spitzenleistungen bringen kann, steht auch in den Sternen, und recht tief besetzt ist man auf Skill-Positionen nun auch nicht.

Markenzeichen aller Fox-Mannschaften sind solide exekutierte Basics, doch wenn in der Defense nach Jahren von Tampa-2 nun primär auf eine 3-4 Front umgestellt wird, ist ein sofortiger Aufstieg der zuletzt im Power-Ranking an #29 klassierten Defense nicht zu erwarten sein. DefCoord Vic Fangio, aus San Francisco geflüchtet, übernimmt die mit 7.2 NY/A zweitschlechteste Pass-Defense.

Als Stärkung der Front-Seven bzw. des Pass Rushes wurden einige gute Moves gemacht: Rookie-DT Goldman und OLB Pernell McPhee aus Baltimore stechen heraus und sollen Tiefe und Flexibilität bringen. Die Umstellung dürfte auch bislang gefloppten Prospects wie LB Bostic oder LB McClellin entgegenkommen, bloß ist die Secondary auch nach dem Einkauf von S Antrel Rolle noch relatives Brachland; einziger junger Hoffnungsträger ist CB Kyle Fuller, der als Rookie mit einer Handvoll Interceptions glänzen konnte.

Es gibt durchaus Hoffnungsschimmer für Chicago, dass es nach oben geht: Eine 0-4 Bilanz in engen Spielen wird sich wahrscheinlich nicht wiederholen. „Foxball“ wird ein besseres Fundament legen als im letztjährigen Hühnerstall. Die 0.4 Penalty-Yards per Play (#32) werden sich verbessern. LB Lamarr Houston wird von schwerer Verletzung zurückkehren, wie überhaupt die Bears als #27 der Adjusted-Games Lost (AGL) Wertung ein unglückliches Team waren. Und weiter: 2014 eroberte man nur 43% der Fumbles.

Trotzdem: Die NFC North gehört zu den hochwertigsten Divisionen und in Minnesota ist nur ein weiterer Contender am Erwachen. Chicago erlebt gerade eher ein Umbruchjahr und wird mit relativ dünner Personaldecke in der anstehenden Saison maximal Platz drei in der Staffel holen.

Cleveland Browns

Sezierstunde
Div    AFC North
Coach  Mike Pettine
2014   7-9
Tipp   6-10

Der Komödiantenstadel in Cleveland müsste nicht länger diskutiert werden, wäre die Story nicht so traurig: Seit Jahren würde ich die Browns gerne nach oben hieven, in höhere Gefilde, und es wären Zutaten für eine sportlich erfolgreiche Mannschaft da. Das nützt jedoch nix, wenn der eigene Laden von Owner und Front-Office in schönster Regelmäßigkeit torpediert wird. Die endgültige Bankrotterklärung war im Winter die Flucht von OffCoord Kyle Shanahan, weil sich GM Farmer als Steigbügelhalter für Owner Haslam hergab und dem Trainerstab die Aufstellung aufoktroyierte.

Man kann sich am Elend ergötzen oder Head Coach Mike Pettine für seine Arbeit bewundern. Pettine holte aus den Browns 2014 das Maximum heraus, obwohl seine Autorität von Anfang an als angekratzt galt: Er war öffentlich erklärt nicht der Wunschkandidat auf den Trainersessel. Pettine erreichte mit Cleveland eine 7-9 Bilanz, die durchaus nicht in erster Linie mit glücklichen Zufällen erklärt werden kann.

Mit dem frisch verpflichteten OffCoord John DeFilippo schlägt die Offense mal wieder eine neue Geschmacksrichtung ein: Weg von zone read. QB Johnny Manziel ist erstmal damit beschäftigt, sich nach seiner Alkoholkur wieder ein Standing im Team zu erarbeiten und dürfte so schnell nicht zum Starter befördert werden. Die Rolle soll QB Josh McCown zustehen, einem Faszinosum: Der Mann bekam einen 15-Mio Vertrag über drei Jahre, obwohl er bis auf drei Wochen Chicago vor zwei Jahren nichts (gar nichts) in der NFL gerissen hat. Im Prinzip weißt du damit alles über die Offense-Komptenz der sportlichen Leitung.

Zu wem die Bälle fliegen sollen, ist nicht ganz klar, nachdem WR Josh Gordons Sperre nach dem x-ten Alkoholvergehen vermutlich permanent bleibt und die Browns trotz Wissen darum nur die ollen WR Bowe/Hartline und einen 4th Rounder investierten. Der oft verletzte TE Cameron wurde ziehen gelassen, und so ist es unwahrscheinlich, dass die 6.5 NY/A im Passspiel gehalten werden können. Vielleicht bringt der spektakuläre RB Duke Johnson etwas Schwung in den Angriff (2014: 3.6yds/Carry). Vielleicht ist auch der auf Wide Receiver umgeschulte ehemalige Ohio-State Quarterback Terrelle Pryor die Lösung. Vielleicht. Viele Vielleichts.

Etwas besser dran ist die Defense, wo mit NT Shelton und DE Orchard je ein 1st und ein 2nd Rounder kommen um die Front gegen den Lauf zu verbessern (hier war man mit 52% Success-Rate die #30). Shelton war einer der „logischsten“ Draftpicks von 2015.

Doch auch hier muss man nicht weit schauen um Skepsis aufkommen zu lassen: Passrusher Sheard wurde ebenso wie CB Skrine ziehen gelassen, und die angedachten Ersatzleute sind unerprobte Jungspunde: DE Mingo, vor zwei Jahren mit Pauken und Trompeten in der ersten Runde gezogen, hat in 30 Einsätzen nur 7 Sacks zustande gebracht. Im Defensive Backfield dachten alle, dass CB Justin Gilbert den Platz neben Pro Bowler Joe Haden einnehmen würde. Falsch gedacht. Gilbert gilt nur 16 Monate nach seiner Einberufung in der 1ten Runde als kompletter Bust. Viel größere Hoffnungen setzt man in den ungedrafteten CB K’Waun Williams, der von PFF.com als angehender Star gefeiert wird.

Viele Hoffnungen anzusetzen gibt es sonst nicht. Man war letztes Jahr eines der Teams, das statistisch ziemlich genau die Anzahl Siege erreichte, die man verdient hatte. Man wird weiterhin in einer knüppelharten Division spielen, mit neuem Offense-System, unterdurchschnittlichen Quarterbacks und bodenlosen Wide Receivers, man hat eine okaye Deckung, aber nur marginalen Pass Rush. Browns 2015? Nope, wird nix.

Jacksonville Jaguars

Sezierstunde
Div    AFC South
Coach  Gus Bradley
2014   3-13
Tipp   5-11

In die andere – viele sagen: die richtige – Richtung geht es mit den Jacksonville Jaguars, wenn auch etwas gemächlich, und auch wenn man 2014 einen Sieg weniger (3-13) als 2013 holte (4-12). Head Coach Gus Bradley hat vor allem schon die Defense ins Mittelmaß hinauf gecoacht (#20, mit 7.7% Sack-Quote war man #4) und die letzten Drafts bringen erste Früchte.

Allerdings bleibt die anämische Offense das Sorgenkind. Laufspiel war mit 35% Erfolgsquote die #27, aber immer noch besser als die wirklich unterirdische Pass-Offense, die als schlechteste der Liga nur 4.8 NY/A zustande brachte. QB Blake Bortles hatte keinen guten Einstand in der NFL, und seine Bilanz ohne Druck in der Pocket ist schaurig.

Bortles hinzubiegen wird über Wohl und Wehe der Jaguars entscheiden. Man installierte in Greg Olsen einen neuen OffCoord, der ein deutliches Upgrade gegenüber Jedd Fisch sein sollte. Die Offensive Line wurde gegenüber 2014 mit einem neuen Coach (Doug Marrone aus Buffalo), C Wisniewski und RT Parnell verstärkt und sollte nun komplettiert sein – einzig LT Joeckel ist noch Leistungsnachweise schuldig.

Im Offensive Backfield soll Alabamas RB T.J. Yeldon neben Denard Robinson (4.3yds/Carry) für Schwung sorgen und den lahmen RB Gerhart (3.2yds/Carry) ablösen. Auf Wide Receiver setzt man große Hoffnungen in Allen Robinson und den letztes Jahr überraschend starken WR Allen Hurns (UDFA, 51 Catches, 677yds, 6 TD). Hingegen scheint Marquise Lee bereits unten durch zu sein.

Die wichtigste Verstärkung für die ineffizienteste Offense (1.18 Punkte pro Drive) dürfte aber TE Julius Thomas sein, der – Achtung, Hasskappenwort – als Knipser für Bortles eingekauft wurde und bei dem man gerne auch die paar Millionen zu viel aus der Brieftasche holte.

Wie weit es mit der Defense geht, entscheidet Bradleys „Scheme“. Der jüngste Star-Individualist, DE Dante Fowler (#3-Pick im Draft), riss sich im ersten Schautraining die Achillessehne und ist bis nächstes Jahr draußen. Auch ohne Fowler war man letztes Jahr mit 7.7% Sack-Quote ganz ordentlich unterwegs. Der Edge-Rush ist ein Fragezeichen, weil die Einzelspieler fehlen, aber über die Mitte bringt vor allem DT Senderrick Marks ganz guten Push zustande (8.5 Sacks, 38 Hurries in 411 Rushes).

Die Deckung war mit 6.7 NY/A gemessen am Pass Rush etwas enttäuschend. CB House wurde aus Green Bay geholt und CB Graetz gilt als Versprechung aus den eigenen Reihen, doch einen echten großgewachsenen Manndecker aus den Träumen Bradleys gibt es nicht. FS Cyprien ist bislang auch mehr Hype als Produktivität.

Es gibt Anzeichen für einen Aufstieg bei Jacksonville und ich denke auch, dass heuer fünf bis sechs Siege drin sein sollten. Das Interception-Pech (-12) sollte sich etwas verbessern und das Fumble-Glück (+6) aufheben. Man kriegt einen machbaren Schedule und hat mittlerweile brauchbares Personal in der Offense.

Trotzdem wird die Schonfrist für Bradley zu Ende sein. Ist bei Bortles keine Entwicklung erkennbar oder starten die Jags mit einer Pleitenserie, wird Bradley die Saison nicht überleben, nicht wenn in Marrone ein möglicher Thronfolger schon mit den Zähnen fletscht. Einer Trainerwechsel wäre schlimm. Der GAU aber wäre ein längerfristigerer Ausfall von Bortles. Dann können wir 2016 die gleichen Zeilen wieder schreiben und wissen noch immer nicht, ob der Mann was taugt.

Oakland Raiders

Sezierstunde
Div    AFC West
Coach  Jack Del Rio
2014   4-12
Tipp   5-11

Neben den Jaguars sind auch die Oakland Raiders seit Jahren Stammgäste im Keller der Liga, und auch 2014 brachte mit 3-13 keinen Durchbruch nach oben. Im Gegenteil: GM Reggie McKenzie musste seinen handgepickten Coach Dennis Allen früh in der Saison feuern und schmiss hernach auch die Interimslösung Sparano raus.

Der neue Coach ist Jack Del Rio, keine inspirierende Figur, aber wenn Del Rio die Raiders in den nächsten vier Jahren zu einem soliden Mittelklasseteam machen kann, hat er seine Mission erfüllt. Das wird nicht einfach, denn der Kader ist noch immer dürftig besetzt.

In der Offense glaubt man in Oakland, in QB Derek Carr den Mann für die Zukunft gefunden zu haben, nachdem Carr 21 TD vs 12 INTs und 58% Completion-Rate als Rookie zustande gebracht hat. Meine Skepsis mit “immens” zu beschreiben, wäre noch eine Untertreibung. Carr fabrizierte als Rookie 9.4 Yards/Completion – ein unterirdischer Wert selbst gemessen am Standard „Rookie“ und ein Zeichen für einen Checkdown-Künstler par excellence.

Man versuchte in der Offseason, Carr Waffen in Form von #4-Draftpick WR Amari Cooper oder Michael Crabtree zu geben… aber das macht es nicht besser. Zu glauben, dass Querpassspezialisten à la Carr durch einen possession receiver plötzlich zu Quarterbacks von Format werden, geht gegen bisher gewonnene Erkenntnisse. Ich würde nicht drauf wetten, dass sich Oaklands 5.0 NY/A im Passspiel bedeutend gen Norden bewegen, obwohl Cooper for real aussieht.

Im Laufspiel galt bis vor Tagen die Befürchtung, dass die Verstärkung durch C Rodney Hudson durch den Einkauf von RB Trent Richardson neutralisiert würde. Nun wurde Richardson doch wie erwartet gefeuert. Wie viel besser die schlechteste Success-Rate der Liga (33.2%) wird, bleibt abzuwarten. Ich sehe keine nennenswert bessere Offense in Oakland.

In der Defense ist McKenzies Credo nach wie vor das Aufmotzen der Front Seven. Die beiden nennenswerten Zugänge sind Rookie-DE Mario Edwards und NT Dan Williams aus Arizona. Neben mehr Punch gegen den Lauf (57% SR als #18) soll vor allem die schlechteste Sack-Rate der Liga verbessert werden (4.1% Quote). Selbst der Star der Defense, OLB Khalil Mack, brachte nur 4 Sacks zustande, auch wenn er viele Hits und Hurries hatte.

Wie viel besser aber Sack-Quoten und Pass-Defense (6.8 NY/A, #25) werden, ist nicht klar, solange in der Secondary bis auf Safety-Opa Charles Woodson nicht ein einziger verlässlicher Starter mit Erfahrung aufläuft.

Verletzungspech (2014: #27 nach AGL) und Turnover-Glück (43% Fumbles, -15 Turnovers) könnten im anstehenden Jahr für eine verbesserte Bilanz der Raiders sprechen, ebenso wie die letztjährige 2-5 Bilanz in engen Spielen. Dass es aber weit nach oben geht, ist nicht zu erhoffen, denn die Raiders spielen schon wieder den zweitschwersten Schedule der Liga… man hat es nicht leicht.

San Francisco 49ers

“We didn’t win the Super Bowl. If we don’t win the Super Bowl, we’re not executing on our vision. Our mission is very simple: the San Francisco 49ers win with class. We haven’t won, and I don’t think we’ve conducted ourselves with the level of class that I expect of our organization. We’ve had off-the-field issues. That’s going to happen in sports. The level that it’s happened here is not unacceptable.”

Das war die Begründung, mit der der Owner der San Francisco 49ers, Jed York, Head Coach Jim Harbaugh im Jänner feuerte, nach vier Jahren mit drei NFC-Finalteilnahmen und einer 8-8 Saison als Abschluss. Einer 8-8 Saison, in der San Francisco 102 Adjusted-Games durch Verletzungen verlor und nur 33% Fumbles eroberte. In der San Francisco trotzdem 6-2 in engen Spielen ging und seine Pythagoreische Erwartung von 7.0 Siegen schlug. Dem Moralgeplapper folgte der Vergleich.

„Culture is huge. That’s the difference between a championship-caliber team and a championship team. You look at the Golden State Warriors. They were the dumbest team in the NBA for letting Mark Jackson go, who won the most games in the franchise’s history. How could you be so dumb? They bring in Steve Kerr, who has been around the game for a long period of time but has never coached before. Kerr changes the culture, comes in with a different perspective, and look what happens.“

Wenn Führungspersonal einer Franchise abseits jedes Geschmäcklerischen so tief und ohne Not in die Propagandakiste greift, ist im Prinzip jede Auseinandersetzung mit dem Thema sinnlos. Man wollte Harbaugh beseitigen. Versuchen es zu verstehen wäre Zeitverschwendung.

Harbaughs Nachfolger wurde Defense-Line Coach Jim Tomsula, und es müssen schon sehr viele Zufälle gewesen sein, wenn dieser Move nicht Ausgangspunkt für die fallenden Dominosteine war. OffCoord Roman: Weg. DefCoord Fangio: Frustriert, übergangen worden zu sein, weg. DE Justin Smith: Lange geplantes Karriereende endlich durchgezogen. All Pro LB Patrick Willis: Im besten Alter zurückgetreten. LB Chris Borland: Nach einem Jahr zurückgetreten. OT Anthony Davis: Ein Jahr Pause. Dazu wurden die Verträge von RB Gore, G Iupati und der CBs Cox & Culliver nicht verlängert, P Andy Lee nach Cleveland verkauft und DE Aldon Smith (2012: 19.5 Sacks) mit Alkoholproblemen entlassen. Einen derartigen Aderlass in einer Offseason habe ich noch nicht gesehen.

Sezierstunde
Div    NFC West
Coach  Jim Tomsula
2014   8-8
Tipp   6-10

So herrscht Leichenstimmung über San Francisco, dem Gastgeber der Super Bowl 2016. Der einst beste Kader der Liga ist nur noch ein Torso, auch wenn gute Einkäufe gemacht wurden: WR Torrey Smith als deep threat für den Monsterarm von QB Colin Kaepernick, oder DE Eli Harold für den Pass Rush.

Tomsula steht einer unlösbaren Aufgabe gegenüber. Kaepernick galt immer als Harbaugh-Schützling, der wider Willen in ein Pocket-System gepresst werden sollte, für das er nicht geschaffen ist. Die Chancen stehen gut, dass Kaepernick heuer mehr zustande bringt als 5.7 NY/A, aber wie viel wird das bringen, wenn die Defense einen Schritt zurück macht? Wie viel mehr Zeit wird Kaepernick bekommen, wenn er schon letztes Jahr, mit Iupati und mit Davis im Lineup, 52 Sacks kassierte? Wieviel Entlastung wird das Laufspiel noch bringen, jetzt wo RB Gore, der Motor der letzten zehn Jahre, Vergangenheit ist? Ein RB Hyde gilt als Versprechen, aber nicht als Gore. Ein Reggie Bush kriecht nur noch auf dem Zahnfleisch.

Die Defense war 2014 noch eine der besten (#10 gegen Pass, #11 gegen Lauf, und 4.2% INT-Quote, #1). Jetzt fehlen der wichtigste Defense Liner, zwei lebenswichtige Linebacker (der dritte, Bowman, hat sich gerade von zerfetzten Kreuzbändern erholt), und drei Cornerbacks.

Verletzungen und Fumbles werden sich verbessern, aber sie werden nur die Regression bei Interceptions auffangen. Leistungsmäßig war man letztes Jahr nur Durchschnitt – mit besserem Kader, mit Harbaugh. Und weiter: San Francisco spielt 2015 den schwierigsten Schedule der Liga. Auch rückwirkend bleibt die Offseason ein faszinierender Akt der Selbstzerstörung – und die Hoffnung auf Besserung ist erstmal null. Denn so etwas wie Selbstkritik ist nicht zu hören.

Tampa Bay Buccaneers

Sezierstunde
Div    NFC South
Coach  Lovie Smith
2014   2-14
Tipp   7-9

Die beiden Franchises mit den schlechtesten Records im letzten Jahr haben beide Ansätze für Besserung, aber ich bin nicht überzeugt, dass es sie schon in diesem Jahr aus dem Keller herausführt. Die Tampa Bay Buccaneers müssten rein von der Papierform her seit Jahren besser abschneiden als es letztlich passiert; 2014 war mit der 2-14 Bauchlandung nur der absolute Tiefpunkt.

Dabei gibt es jetzt durchaus Hoffnung für Besserung: Tampa hatte eine Pythagoreische Erwartung von 4.4 Siegen, wurde also schwer unter Wert geschlagen. So hoch einige Pleiten waren, verlor man gleich acht der neun one score Games, die man bestritt – wenn du hier nur durchschnittlich abschneidest, bist du automatisch ein 5-11 Team und die Welt sieht schon viel rosiger aus. Außerdem hatte man als #26 der AGL viel Verletzungspech.

Trotzdem muss sich einiges bessern: Die Buccs waren sowohl nach INT-Quote (3.8%) als auch nach Fumble-Quote (3.0%) Schlusslicht der Liga und mit 0.38yds Strafen pro Spielzug ebenso im Schlussviertel. Man hatte solche Werte von einem Team mit Head Coach Lovie Smith nicht erwartet.

Die offensichtlichste Änderung für 2015 ist natürlich QB Jameis Winston, der Top-Draftpick des heurigen Jahres. Winston wird von Tag 1 an übernehmen und hat somit die Aufgabe, die zweitschlechteste Offense der Liga zu revitalisieren: 5.7 NY/A (#29) im Pass und 34% SR (#31) im Lauf sollten sich verbessern, zumal in OffCoord Dirk Koetter keine Vollniete eingestellt wurde. Aber wie weit kann Winston die Offense nach vorne bringen, bei dem Personal, das ihn umgibt?

Die Skill-Players sind nicht unterirdisch, aber es gibt bei allen Fragezeichen: WR Jackson ist jenseits der 30 und ist in drei Jahren von 19.2yds/Catch auf 14.3yds/Catch und von 9 auf 2 TD abgestiegen. Der junge WR Mike Evans hatte letztes Jahr einige Monsterspiele, aber auch viel Leerlauf. TE Seferian-Jenkins hat als Rookie auch nicht Weltbewegendes gezeigt. Rookie-WR Kenny Bell ist ein 5th-Rounder. Im Backfield wartet man bei RB Doug Martin auch noch darauf, dass er sein überragendes Rookiejahr 2012 wenigstens in Ansätzen bestätigt (seither 950yds und 3 TD in zwei Jahren zusammen, 3.6yds/Carry).

Die Offensive Line bleibt ein Torso, wenn man den Eindrücken aus der Preseason glauben darf. In LG Mankins gibt es einen arrivierten Starter, aber LT Smith und OG Marpet sind beide Rookies aus der 2ten Runde.

Die Defense lebt von einigen Leuchttürmen wie DT McCoy oder LB David, ist aber auf beiden DE-Positionen und einer Safety-Position unterirdisch besetzt. Leichte Verbesserung gegenüber 6.8 NY/A im Pass sollte drin sein, aber wie weit kann Lovie Smith dieses Personal nach oben coachen?

Eingangs bereits erwähnt: Tampa ist kein hoffnungsloser Fall. Der Spielplan mit NFC South und AFC South plus last place schedule ist nicht der schwierigste und so kann man sich recht einfach einen Anstieg auf sechs oder sieben Siege ausmalen. Sollte Winston die Liga sofort im Sturm erobern, sollten die Skill Player verletzungsfrei bleiben und ihren Durchbruch schaffen, sollten die Schwachstellen in der Defense von den Superstars McCoy und David übertüncht werden, kann es für Tampa auch weiter hoch gehen. Aber das sind etwas viele Soll auf einmal.

Tennessee Titans

Sezierstunde
Div    AFC South
Coach  Ken Whisenhunt
2014   2-14
Tipp   6-10

Die andere Franchise mit neuem Top-Quarterback sind die Tennessee Titans, 2014 ebenso als 2-14 Team abgeschlossen und mit die sterilste Franchise der letzten Jahre. Das ändert sich mit dieser Saison schlagartig, denn in QB Marcus Mariota hat man einen viel beachteten neuen Offense-Leader. Wie Mariota in Tennessee eingesetzt wird, ist eine der spannendsten Fragen der Saison.

Es ist nicht so, dass Head Coach Ken Whisenhunt jedes QB-Talent verbrennt; er hat immerhin Roethlisberger aufgebaut und Warner/Rivers wiederbelebt. Doch Whisenhunt hängt der Ruf nach, schnell ungeduldig zu werden und anstelle das Selbstvertrauen von vor allem jungen Quarterbacks zu stärken es eher zu torpedieren. Mariota ist kein konventioneller Quarterback und wird nicht traditionell eingesetzt werden dürfen. Für ihn muss Whisenhunt eigene Packages kreieren.

Tennessees OL-Personal ist strange. Um LT Lewan, OG Warmack und RT Poutasi hat man eher Leuchttürme für große Bahnen im Laufspiel als gute Pass-Blocker. In RB David Cobb und FB Fowler hat man zwei Rookies für das Offense-Backfield gedraftet, zuzüglich des aus Kansas City eingekauften Zwitterwesens McCluster (guter Returner, guter Fänger).

Die Ballfänger wurden durch 2nd-Rounder WR Green-Beckham und WR Douglas aus Atlanta verstärkt. Vor allem Green-Beckham gilt als Rohdiamant mit suspekter Einstellung. Viel erwartet man sich von ihm als Rookie nicht. Tennessee hatte letztes Jahr 6.0 NY/A im Passspiel, kein verheerender Wert, wie die Mannschaft überhaupt nirgendwo grottenschlecht war. Trotzdem ging man schnell von QB Mettenberger ab – ein weiteres Zeichen der Ungeduld bei Whisenhunt. Viele sagen, man hätte durchaus andere Positionen neu besetzen müssen als Quarterback.

Die Defense ist ebenso anonym wie durchschnittlich besetzt. Letztes Jahr war man hier an #18 klassiert, #14 bei Sacks, #26 gegen den Pass (6.8 NY/A) und #8 gegen den Lauf. Ein potenziell großartiger Einkauf ist DE Brian Orakpo, zumindest für die fünf Spiele, in denen er gesund auflaufen kann. Darüber hinaus vertraut man offensichtlich auf die Entwicklung des vorhandenen Personals. Zündstoff gibt es im Trainerstab, wo Ray Horton zwar den offiziellen Titel des Defensive Coordinators hält, aber die Verantwortung liegt in Wahrheit beim 77-jährigen Dick LeBeau, der aus Pittsburgh kommt und ein ehemaliger Lehrmeister Hortons ist.

Das wichtigste für 2015: Tennessee muss seine Drives punktreicher beenden. Kein Team mit zirka 6.0 N/A im Pass hat bloß 1.3 Punkte/Drive abgestaubt. Spielglück in engen Partien (1-4 in 2014) und Pythagoreische Erwartung (3.3 Siege) lassen beide – wenn auch leichte – Besserung erwarten, den Megafaktor Mariota mal ausgeklammert.

Washington Redskins

Sezierstunde
Div    NFC East
Coach  Jay Gruden
2014   4-12
Tipp   5-11

Die einzige Franchise, die den Cleveland Browns in Sachen Sauhaufen das Wasser reichen kann, sind die Washington Redskins, die einfach keine Ruhe in den Laden bekommen. Die Schlagzeilen auf dem Rummelplatz um das Redskins-Trainingszentrum schrieben sich durch das wohl endgültige Benching von RG3, durch anzügliche Tweets aus dem Hause des GM und durch die Preispolitik im Stadion mal wieder komplett von selbst.

Die Stimmung ist also mal wieder miserabel – keine gute Voraussetzung für QB Kirk Cousins, der ein Stückwerk von Offense übernimmt. Cousins kann immerhin für sich beanspruchen, RG3 sportlich überlegen gewesen zu sein. Cousins ist allerdings ein Freak-QB: Mit 6.9 NY/A sorgt er für sehr guten Raumgewinn, aber 4.4% INT-Quote wären in fast jedem Jahr Negativ-Rekord. Cousins hat in drei Jahren insgesamt 407 Pässe als Notnagel geworfen. Die meisten von ihnen wirkten ähnlich vogelwild wie es die Statistik erahnen lässt.

Ob Cousins heil durch die Saison kommt, ist alles andere als sicher, denn die Offensive Line gilt rechtsseitig von LT Trent Williams als so schwach besetzt, dass man am liebsten den 1st-Round Draftpick Brandon Scherff als Guard und Tackle gleichzeitig aufstellen möchte. Es ist also eine Frage der Zeit, bis die wandelnde Gehirnerschütterung Colt McCoy eingewechselt werden muss.

Dazu greift das neue Power-Run System von Head Coach Jay Gruden noch nicht wirklich: RB Alfred Morris fühlt sich sichtlich unwohl und verlor in jedem Jahr an Effizienz (von 4.8yds/carry auf zuletzt 4.1yds/Carry). Sein bester Backup Roy Helu ging in der Offseason nach Oakland.

In der Defense wurden immerhin sinnvolle Einkäufe getätigt: DT Knighton, DT Paea und Rookie-OLB Preston Smith als Verstärkung für den Passrush, CB Culliver für die Deckung (letztes Jahr 7.1 NY/A, #30). Das schwarze Loch nennt sich jedoch „Spielfeldmitte“, denn es gibt keinen einzigen Safety von Format.

Da schreit also einiges nach dem schlechtesten Record der Liga und dem Reset-Button für die Tage um Neujahr.

11 thoughts on “Die furchtlose NFL-Vorschau 2015/16 | Die Kellerkinder

  1. Bedeutet dieser Post, dass die Jets keine Kellerkinder sind? Bitte Teil 2 der NFL-Vorschau 2015/16 schnellstmöglich veröffentlichen.

  2. Ich hab heute gelesen das sich schon 25 spieler das Kreuzband gerissen haben in der Preseaon.

    Das ist nicht im geringsten Pech, das ist inkompetenz von Seiten der Trainer.

    Kreuzbandrisse nach Tackles wie sie Runningbacks häufig haben sind Pech, sowas passiert, aber Kreuzbandrisse wie der von Jordy Nelson kommen daher das zu viel Trainiert wurde und es zu wenig Erholungszeit gab.
    Das gleiche gilt für die üblichen Muskelverletzungen.
    Das ist im Prinzip der gleiche Mechanismus wenn ein nichtsportler (wieder) anfängt zu trainieren:
    Das Nervensystem ist zu langsam und die Muskeln kontrahieren nicht schnell genug und zack, ist das Kreuzband weg/ der Muskelfaserriss da.
    Bei n00bs liegt das an zu weig gewöhnung, Bei Profis meist an zu viel Belastung und zu wenig Erholungszeit.

  3. mhm da wäre ich vorsichtig. schnell werden da voreilige Schlüsse gezogen; ohne, dass es wirklich belegbar ist.
    Auch FO hat festgehalten, dass die Verletzungsrate gestiegen ist. Ohne, dass die datenbasis besonders gut ist, wird dort gemutmasst; dass der Anstieg der Verletzungen ab 2011 mit dem dort einsetzenden CBA und dem damit verbundenem limitierten Offseason Programm zusammenhängt….

    Schaut man sich CHip Kelly an, wird es auch noch einmal schwieirg. ER lässt nämlich mit sehr hoher intensität Trainieren – ohne, dass alle Spieler kaputt gehen.

    Sicherlich gibt es da verbesserungsbedarf; das Training weiter zu beschränken könnte sich aber als Bärendienst erweisen; denn evetl ist gerade eine höhere Trainingsintensität mit weniger Verletzungen verbunden……

  4. Weniger Training ist nicht notwendiger weise der alleinseligmachende Punkt. Richtiges Training wäre es.
    Chip Kelly ist da vielleicht auf nem guten weg. Der arbeitet ja mit vielen Sportwissenschaftlern zusammen.
    Das der so ziemlich jeden Stein umdreht ist echt kein geheimnis. (ich mag ja diesen Artikel: http://bleacherreport.com/articles/2511711-chip-kelly-and-his-relentless-assault-on-the-status-quo)

    Coaches sind ja schon betonköpfe wenns um so dinge wie mathe-gerechtes playcalling geht, ich glaube keine sekunde das die sich bei ihrer trainingsmethodik leichter reinreden lassen. Und erst die ganzen athletiktrainer die sich in dem zuge persönöich angegriffen fühlen -.-

  5. Oh Mann, „meine“ 49ers in dieser Rubrik zu lesen tut unheimlich weh. Eigentlich weiß man es selbst (hatte extra noch gewartet mit dem Lesen, weil ich es befürchtet hatte und nicht wahrhaben wollte😉 ), aber man hofft halt doch irgendwie immer, dass es nicht so schlimm wird. Aber was war das für eine Offseason. Denke, jeder der sich etwas intensiver mit dem Thema beschäftigt, kommt zu dem Schluss, dass der (seltsame) Rauswurf Harbaughs mit ein Teil des Problems ist, wenn nicht sogar der Grund allen Übels.
    Und dieser Satz ist eigentlich das schlimmste daran und trifft meiner Meinung nach (LEIDER) den Nagel auf den Kopf:
    „…und die Hoffnung auf Besserung ist erstmal null. Denn so etwas wie Selbstkritik ist nicht zu hören.“ Wie wahr!
    So folgen wohl (nach 2003-2010) wieder einige harte Jahre für 49ers-Fans. Aber das sind wir ja mittlerweile gewohnt…🙂
    Danke für die gewohnt gute NFL-Vorschau. Grüße,
    BrownieS

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