Kam Chancellor, oder: Wer hat den Längeren?

Eine der großen Meldungen der NFL diese Woche war das Ende des Vertragsstreiks von Seattles Strong Safety Kam Chancellor. Der Holdout war ein Schwanzmessen, wie er in der NFL nicht oft passiert. Sein Ende war jedoch vorhersehbar.


Das Argument von Chancellor. Chancellor war ein 5th-Rounder im phänomenalen Seahawks-Draft von 2010. Nach seinem Durchbruch in der 2012er Saison bekam er als erster des jungen Seahawks-Kerns eine Vertragsverlängerung – einen Vertrag, der zur damaligen Zeit als fair eingestuft wurde. Chancellor war damals der viertbest bezahlte Safety der Liga, mit ca. 85% des Vertragswerts des bestbezahlten Safetys.

Chancellor verzichtete in seinem Weltbild in den damaligen Verhandlungen auf einige Millionen um den Seahawks die anstehenden Vertragsverlängerungen mit seinen Teamkollegen zu erleichtern. Dass sein Safety-Kollege Earl Thomas ein Jahr später einen Monstervertrag (ca. 10 Mio/Jahr) unterzeichnete und Chancellor in der internen Hackordnung damit nach unten rutschen ließ, verärgerte Chancellor offensichtlich mit seinem Arbeitgeber. Geld ist schließlich auch Wertschätzung.

Mittlerweile ist Chancellors Vertrag nur noch 70% vom höchstbezahlten Safety wert. Gleichzeitig sah Chancellor, wie etliche seiner Teamkollegen massive Verlängerungen bekamen. Chancellor hat Vertrag bis nach der Saison 2017/18. Er zog seinen Streik also satte drei Jahre vor Ende der Laufzeit durch. Noch außergewöhnlicher: Er zog den Streik bis in die ersten Wochen der Regular Season durch. Ich kann mich in den letzten 15 Jahren an keinen solchen Fall in der NFL erinnern.


Das Argument der Seahawks. Seattle hat in den letzten Jahren eine recht eigene Verhandlungsstrategie entwickelt: Die Franchise verlängert mit ihren Stars recht zügig, vermeidet dabei aber die ganz langen Laufzeiten und stellt überwiegend Vierjahresverträge aus. Das hat einen Vorteil: Die garantierten Gehälter sind niedriger, und damit gewinnt rückt man gegenüber dem Spieler auf den längeren Hebel, was künftige Verträge angeht.

Chancellor wurde zur damaligen Zeit praktisch gesehen ein Vertrag über fünf Jahre gegeben um das Handgeld leicht zu erhöhen. Zur damaligen Zeit – im April 2013 – war Chancellors Vertrag einer der besten der Liga, und er ist noch heute der siebt-teuerste. Chancellor ist der bestbezahlte „zweitteuerste Safety des Teams“ in der NFL.

Seattle saß am längeren Hebel in dieser Verhandlung – wie im neuen CBA jedes Team am längeren Hebel sitzt, wenn es nur einigermaßen gescheite Verträge aushandelt und sich nicht von Spielern erpressen lässt.

Seattle hatte außerdem kein Interesse daran, sich einen Präzedenzfall anzulachen indem man mit einem Spieler kooperiert, der seinen noch drei Jahre lang laufenden Vertrag nicht ausreichend honoriert und sehr früh zur Nachverhandlung bittet. Schon im Falle von RB Marshawn Lynch blieb Seattle recht stur. Lynch bekam mit zwei Jahren Restlaufzeit eine minimale Aufbesserung zugestanden.


Die neutrale Sicht. Neutralität ist ein schwieriger Fall. Fans sind oft schnell dabei, Spieler als scheiß Millionäre abzukanzeln, aber man sehe auch die andere Seite: NFL-Verträge sind nur zum Teil garantierte Verträge. Teams sind extrem schnell darin, Verträge zu missachten – sprich Spieler mit Restlaufzeit zu feuern. Dass Entlassungen neben Leistungs- auch Verletzungsgründe haben, sei auch erwähnt.

Durch diese Art Vertragsgestaltung hat das Team gegenüber dem Spieler fast immer die bessere Verhandlungsposition. Der Spieler hat nur wenige Mittel um Druck auszuüben. Der Streik ist eines der Mittel – und er wird im neuen CBA technisch gesehen hart bestraft. Die Spielergewerkschaft (NFL Players Association) hat sich diesbezüglich einmal mehr über den Tisch ziehen lassen. Daher bringe ich im Vergleich zu offensichtlich den meisten Fans überdurchschnittlich hohes Verständnis für Spielerstreiks auf.

Ich weiß nicht ob man Chancellor ein Kneifen nachsagen kann. Chancellor ist für sein Recht eingestanden wie selten ein NFL-Profi vor ihm. Muss er nun in Schamesröte gehüllt zurück ins Team? Ich glaube nein. Ich glaube, Chancellor wird letztlich kein echter Verlierer sein. Begründen würde ich das mit dem „Nachbeben“.


Das Nachbeben. Allem Anschein nach war Seattle bereit, Chancellors Vertrag ganz leise nachzuverhandeln, aber nicht indem man einen höheren Gehaltsscheck ausstellt, sondern durch den Klassiker: Verschieben von Gehalt aus den letzten Vertragsjahren nach vorn. Damit haben z.B. die Steelers die drohende Eskalation mit WR Antonio Brown abgewürgt. Chancellor stieg nicht ein – vielleicht auch gar nicht so schlecht.

Der Streit wurde nun offensichtlich recht ruhig beendet: Lt. CBA kann das Team auf die Vertragsstrafe für den Holdout verzichten (deswegen schrieb ich oben „technisch gesehen“). Seattle scheint dieses Schlupfloch zu nutzen und Chancellor nicht zu belangen. Damit schafft man sich einen weiteren Präzedenzfall, aber es ist ein wesentlich leichtgewichtigerer als eine echte Vertragsverlängerung mit Chancellor.

So wie die Situation von beiden Seiten letztlich abgeschlossen wurde, riecht es danach als ob sich beide Parteien schon in den nächsten Offseason wieder am Verhandlungstisch sehen werden. Dann hat Chancellor noch immer zwei Jahren Vertragslaufzeit. Doch bei zwei Jahren hat Seattle schon im Fall Lynch ein Auge zugedrückt. Möglicherweise auch bei Chancellor.

3 thoughts on “Kam Chancellor, oder: Wer hat den Längeren?

  1. Pingback: "Here Comes The Boom" – Kam Chancellor beendet seinen Holdout - German Sea Hawkers

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