Wiedersehen mit einem alten Freund | Erstausgabe des NFL Power Rankings 2015

Debütausgabe des NFL Power Rankings 2015. Ich setze den Disclaimer diesmal sofort, damit wir uns verstehen: Das Power-Ranking wird in diesem Jahr qualitativ einen kleinen Rückschritt erleben, da mir die wichtigste Quelle für die Rushing-Statistiken abhanden gekommen ist. Der eine oder andere Mathlet wird es mitbekommen haben: Brian Burke von Advanced Football Analytics ist in der Offseason zum ESPN-Stab gewechselt um die Statistiken im Sport einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Was ein Gewinn für die Bewegung der fortgeschrittenen Statistik ist, ist gleichzeitig ein Verlust für uns, denn ESPN hat mit Burke auch die Rechte an vielen seiner Entwicklungen der letzten Jahre eingekauft. Unter anderem gehen die Win-Probability Graphen oder der neueste 4th-Down Calculator in den Besitz von ESPN. Weniger auffällig, dafür aber doch schmerzhaft: Die Success-Rates im Laufspiel werden nicht mehr publiziert.

Mein Terminplan der letzten Wochen und Monate ließ es nicht zu, an eigenen EPA (Expected Points Added) Modellen weiterzuarbeiten, und auch die Anbindung an Play-by-Play Quellen hat nicht stattgefunden. Es gibt aber Annäherungsversuche an die Run Success Rate, die ich hier kurz ausführe.

Run Success Rate in der Interpretation von Brian Burke bedeutet: Jeder Lauf, der im Vergleich zur vorherigen Spielsituation einen positiven Effekt auf die Expected-Points der Offense oder Defense hatte, ist ein Erfolg. Jeder andere ist ein Misserfolg.

Wir können nun für die Offense mit Sicherheit bestimmen, dass 1st Downs und Touchdowns als Erfolg zu werten sind. Dazu habe ich die yds/Carry in eine Regression geworfen. Auf Basis dieser drei Faktoren können wir ungefähr die Success-Rate im Laufspiel schätzen. Die Regressionsformel lautet für die Offense:

85 * 1stDown% + 45 * TD% + 1.5* yds/Carry + 12.5 = Offensive SR%

Für die Defense erhalten wir folgende “Best Fit” Formel:

1 – (70 * 1stDown% + 22 * TD% + 2.3 * yds/Carry + 12) = Defensive SR%

Die Korrelation zwischen „alter“ und „neuer“ Berechnung für den Offense-SR% beträgt 0.68, für den Defense-SR% beträgt er 0.63. Könnte also schlechter sein. Um es kurz zu halten: Es ist kein perfekter Ersatz für die Vergangenheit. Es ist aber Schadensbegrenzung in bester Absicht. Wenn ich mir meinen Terminplan anschaue, komme ich auf Monate nicht dazu, mich auch nur in die NFL-Materie wieder reinzudenken. Also: Lieber als das Power-Ranking sterben zu lassen, leben wir mit einer etwas unpräziseren Neuauflage.

Was uns erhalten bleibt: Keine Berücksichtigung von Verletzungen, und keine (direkte) Berücksichtigung von Run/Pass Ratios [1][2][3]. Das Ranking spuckt im Prinzip die Effizienz jeder Mannschaft pro Down in Offense und Defense aus. Nicht mehr. Nicht weniger.

Zum ersten Ranking von 2015.


Die ersten Wochen sind noch immer voller „Noise“, da noch kein Team über 1000 Snaps gespielt hat und somit größere oder kleinere Big-Plays relativ großen Impact auf die Effizienz-Statistiken hat. Trotzdem spuckt das Ranking auf dem Stockerl die drei Mannschaften aus, die ein konventioneller „Power-Ranker“ vermutlich auf gepickt hätte:

#1 Cincinnati
#2 Arizona
#3 New England

Die Cincinnati Bengals sind wenig überraschend bislang das Team der Saison. Ihr Record ist 4-0, ihre Siege sind optisch und qualitativ hochwertig, und sie fahren mit sensationellen 10.0 NY/A die mit Abstand beste Offense des Landes auf. Keine Chance, dass QB Andy Dalton diese Pace aufrechterhalten kann (selbst QBs wie Warner, Peyton Manning, Brady, Rivers oder Rodgers konnten sich kaum längerfristig über 8 NY/A halten). Dennoch war der Start der Bengals extrem heiß auch für die Advanced-Stats. Am Sonntag geht es gegen die famose Defense der Seahawks ums Eingemachte.

Die Atlanta Falcons sind 4-0 und haben einen extrem einfachen Schedule vor sich, der sie möglicherweise mit vielen Siegen in die Playoffs katapultieren wird. Trotzdem „nur“ Rang 6 im Ranking, das mit den 6.8 NY/A gegen den Pass (#23) und vor allem der schlechtesten Run-Success Rate der Liga nicht glücklich ist.

Das Ranking ist durchaus nicht negativ gegen die Baltimore Ravens eingestellt, deren 1-3 Record a) gegen hervorragende Konkurrenz zustande kam (2t-schwerster Schedule der Liga) und b) gleichzeitig ein 1-3 in engen Spielen war. Baltimore hat natürlich Probleme: Das Team lässt mehr NY/A im Pass zu (6.3) als die Offense macht (6.1), was nie ein wirklich gutes Zeichen ist. Auf der anderen Seite hat man in Denver und Pittsburgh (!) zwei der bisherigen Top-Defenses gesehen.

Sehr deutlicher Split bei den Denver Broncos: #1 Defense, #32 Offense. Eine Offense von Peyton Manning ist Letzter in der NFL. Viele haben seit zirka zwei Jahrzehnten auf diesen Tag gewartet. Denver damit insgesamt nur ein Mittelklasseteam.

Miami an #31 und somit gefühlt zurecht mit der ersten Trainerentlassung der Saison. Detroit #32 und gleichzeitig das einzige sieglose Team der Liga. Ich glaube nicht, dass Detroit lange das Schlusslicht bleiben wird. Mein Vertrauen ist groß, dass sich die Pass-Defense der Lions von 7.9 NY/A (#30) deutlich zum Besseren verändern wird. In der Offense ist der beste Weg zur Verbesserung, einfach auf das inexistente Laufspiel zu verzichten.

Besser als gefühlt erwartet schneiden die Steelers, Cowboys, Rams, Giants und Eagles (#14, my Ass!) ab. Schwächer als erwartet: Packers, Chiefs, Broncos, Seahawks und auch die Saints, die von ihrer absurden Defense runtergezogen werden. Aber wie immer: Week 4 ist eigentlich 1-2 Wochen zu früh um das Ranking schon richtig für voll zu nehmen. Ab ca. Woche 8 haben sich die Rankings meistens soweit stabilisiert, dass wir verlässliche Aussagen treffen können.

Anmerkungen und Kritik bitte in die Kommentarspalte. Vielleicht kann an der einen oder anderen Stellschraube noch gedreht werden (große Änderungen wird es nicht mehr geben). Vielleicht gibt es in Bälde noch die eine oder andere zusätzliche Übersicht als Grafik.

NFL Power Ranking 2015, Week 4

NFL Power Ranking 2015, Week 4

Und so liest sich das ganze: Die erste Sektion (WP | E16) beschreibt die Stärke der jeweiligen Mannschaft. WP entspricht der Siegchance der jeweiligen Franchise gegen eine standardisierte, durchschnittliche NFL-Franchise, E16 ist WP hochgerechnet auf 16 Spiele (WP*16 = E16). Die zweite Sektion (SOS | Rs) beschreibt die Stärke des Schedules und die Platzierung des Schedules. OFF ist die Platzierung der Offense, DEF die Platzierung der Defense.

Hier noch einige erklärende Grafiken mit den Statistiken hinter dem Power-Ranking und weiteren Zahlen:

Awards-Rennen

  • MVP: Rodgers, Brady, Cam Newton, Russell Wilson
  • Offense POY: Julio Jones, Green, Gronkowski, Antonio Brown, Roethlisberger
  • Defense POY: Watt, Ansah, Von Miller, Geno Atkins, Josh Norman
  • Rookie des Jahres: vakant
  • Coaches: Arians

Naturgemäß noch keine ganz klaren Kandidaten für die Awards, aber wir können zumindest mal die herausragenden Gestalten des ersten Saison-Viertels hervorheben. Ehre, wem Ehre gebührt, und dass die Offenses in Seattle und Carolina komplette Einmann-Abteilungen geworden sind, sollten wir nicht übersehen. Nicht mal Rodgers oder Brady sind in diesem Maße für Erfolg und Misserfolg ihrer Angriffsreihen verantwortlich.

Sieg-Wahrscheinlichkeiten für Woche 5

Sieg-Wahrscheinlichkeiten für Woche 5, 2015

Sieg-Wahrscheinlichkeiten für Woche 5, 2015

24 thoughts on “Wiedersehen mit einem alten Freund | Erstausgabe des NFL Power Rankings 2015

  1. Update: Die Grafik mit dem Pythagorean wurde nun entfernt, da sich ein Fehler eingeschlichen hatte. Ich werde sie gegen Abend nachreichen.

  2. Das Problem war, dass die Liste der Records + Pythagorean alphabetisch geordnet waren und die Liste der Mannschaft der Reihung nach Power Ranking entsprach. Man denke sich in der Spalte der Teams eine alphabetische Sortierung und die Liste ist korrekt.

    (Leider wurde per Tweet natürlich die falsche Liste als Titelbild verschickt. Kein Power Ranking ohne Fehlstart)

  3. Bei den Siegwahrscheinlichkeiten für Woche 5 hat sich auch noch ein kleiner Fehler eingeschlichen: Das Spiel Bears vs. Chiefs findet in Kansas City statt!
    Das könnte die Prozente nochmal ein bissl aufn Kopf stellen😀

  4. kurze Frage: Werden beim SOS Heim und auswärtsspiele unterschiedlich gewertet?
    Ich wundere mich gerade warum Atlanta mit 49er und Vikings einen schweren Shedule hat als Carolina mit Green Bay und Seattle.

  5. @Little Piccolo: Cam Newton ist die Offense.

    @Chewie16: Yup, danke für den Hinweis. Ändert den Siegertipp.

    @panthers: Die Spalte SOS ist der Schedule bis jetzt. Die Effizienz-Stats, die bis jetzt eingefahren wurden, werden natürlich nur am bereits gespielten Schedule adjustiert. Alles andere würde keinen sinn machen.

  6. Endlich \o/
    Der Tag, auf den ich mich immer am meisten freue zu Beginn der Saison. Die Entwicklung mit Brian Burke und ESPN ist aber echt mies.

    @Thomas: 1) Wenn du nicht mehr die richtigen Werte für die Run Success Rate hast, wärst mit der Benutzung von Yards/Carry nicht glücklicher? Ich weiß, dass Burkes Success% besser war, aber wie ist es angesichts dieser neuen Entwicklung?
    2) Sind im Power Ranking ganz hinten (bei OFF und DEF) die Teams scheduleangepasst gerankt? Also übersetzt: die Bengals haben auch nach Adjustierung die beste Offense? Wie viel macht das überhaupt aus?
    3) Die reinen Effizienz-Stats (also NY/A) sind aber doch nicht adjustiert, oder?

  7. @Pippo

    1) yds/Carry hat praktisch keinen Wert, wenn man daraus auf die Zukunft schließen möchte. Dass yds/Carry auch kaum mit SR% korreliert, sieht man an den „Best Fit“ Formeln: Allein 1st-Down% ist 55 Mal bedeutendet für SR% als yds/Carry (85/1.5) in der Offense. Ähnlich in der Defense.
    yds/Carry ist einfach zu krass abhängig von den (wenigen) Ausreißern, die RBs hin und wieder haben – die 60yds Carries.

    2) OFF und DEF sind an den Schedule angepasst. Wie viel das ausmacht, werde ich am Abend nachreichen.

    3) Reine Effizienz-Stats sind nicht adjustiert.

  8. Mal ein großes Lob von mir für diese komplette Aufarbeitung.
    Bei den Sieg-Wahrscheinlichkeiten hat sich diese mal allerdings ein kleiner Fehler eingeschlichen. Chicago spielt in Kansas City. Das dürfte die Zahlen um einiges ändern.

  9. Ansah hat sich gut entwickelt und ich mag das Projekt bzw. den Spieler, aber er ist kein DPOY zum jetzigen Stand.
    Da fehlen mMn der überragende Aaron Donald, Houston und Ware.

    Wilson würde ich bei MVP auch rausnehmen, Palmer hätte sich bisher eig eine Nennung verdient.

  10. Danke für die neuen Statistiken und die Mühe ein neues Power Ranking zu erstellen.
    Ich bin ehrlich gesagt ein wenig verwundert über die Regressionskoeffizienten. Beispiel Offense: Ein weiteres Yard per Carry bringt nur 1,5% zusätzliche Succes Rate? Wenn ich nun rein theoretisch weitere 9 Yards/Carry hätte, was noch nicht ganz zum First Down reicht aber Touchdowns und 1st Downs noch konstant hält, steigt die Success Rate nur um mickrige 13,5%. Das ist mir jetzt irgendwie ein bisschen zu wenig.
    Das war jetzt natürlich ein extra konstruiertes Beispiel. Aber selbst in der marginalen Betrachtung kommen mir 1,5% recht wenig vor. Vielleicht verstehe ich aber auch die Bedeutung von der Success Rate einfach noch nicht so ganz.

  11. Nein, dieses Beispiel geht an der Idee vorbei.

    Was hat Brian Burke gemacht? Jedes Down separat genommen und bewertet, ob es positive EPA hatte oder negative (z.B. 2yds-Run bei 3rd/1 = positiv, 10yds-Run bei 3rd/16 = negativ) und die Anzahl der erfolgreichen Downs durch die Anzahl aller Downs geteilt.

    Was macht „mein“ Versuch? Er zählt alle Downs, die mit Sicherheit ein Erfolg sind (1st Downs und TD sind immer ein Erfolg im Sinne von positiver EPA) und zieht sich mangels Alternativen einen weiteren Parameter hinzu (yds/Carry), der aber leider lt. Regression sehr wenig Einfluss hat auf die Success-Rate.
    Die Konstante 12.5 besagt im Prinzip auch nichts anderes, als dass 12.5% der Läufe automatisch als Erfolg bewertet werden. Es ist eben keine Zählung, sondern eine Schätzung anhand einer Regression.
    Sprich: Selbst ein Team, das 0 1st Downs und 0 TD und 0.0yds/Carry erzielt, bekommt 12.5% Success-Rate nach diesem Modell geschenkt. Das ist das „Problem“ im Sinne, dass ich keine besseren Statistiken zur Verfügung habe.

    Man muss nur wissen, dass man damit lebt. Dann kann man auch damit leben.

  12. houston so klarer Favorit vs Indianapolis??
    Die Texans sind mMn zZ echt blank… Versteh ich nicht so ganz…

    und die eagles als so unkonstantes Team (man errinnere sich an Week 2 und diese Woche war auch nicht gerade das gelbe vom Ei) mit 73% vs Saints…
    Scheint mir auch sehr hoch die Zahl, aber ja ich weiß, noch zu wenige Stats bis jz und Powerranking erst ab Woche 8 für voll zu nehmen…
    Eine Meinung von euch zu den beiden Spielen hätt ich trotzdem gerne =)

    LG

  13. Die Saints werden vor allem wegen ihrer obszönen Pass-Defense runtergezogen.

    Houston finde ich auch erstaunlich, wobei hier anzumerken ist: Das Power-Ranking kennt keine Garbage-Time. Houstons einzige nennenswerte Offense kam bislang erst in der Garbage-Time. Bei „normalen“ Spielständen lag die Offense drei Meter unter der Erde. Mehr morgen in der Date am Donnerstags Preview.

  14. Kann ich die zehn Siege für Dallas irgendwo einklagen?😉

    Im Ernst, immer wieder interessantes Ranking.

  15. @red_7 Is halt ohne Verletzungen gerechnet… mit fittem Romo und Bryant hättest wahrscheinlich weniger Probleme die 10 Siege zu glauben😀

  16. Nice das das Powerranking zurück ist. Da kann man seine beobachtungen mit ein paar Zahlen updaten.

    Ich denke das wird ne Story für die Geschichtsbücher: Der beste QB aller zeiten wird in seinem Rentenjahr, mit seiner schlechtesten Performance ever zum zweiten Superbowl gecarriet.

  17. Pingback: NFL 2015/16, Week 5: Spätschicht live | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  18. Pingback: NFL Power Ranking 2015, Week 11 | Ruhe im Saal! | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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