Endspiel der Rugby-WM 2015: Neuseeland vs Australien | Wer wird Rekordweltmeister?

Eines der Highlights des Sportwochenendes ist das morgige Endspiel der Rugby-WM 2015 im Londoner Twickenham-Stadion. Es ist eine Finalpaarung aus der Südhemisphäre zwischen Neuseeland („All Blacks“) und Australien („Wallabies“). Die beiden zweifachen Titelträger spielen heute den Rekordweltmeister unter sich aus.

Der Quickie: So geht Rugby

Rugby ist so etwas wie ein entfernter Verwandter oder Vorgänger von Football. Deswegen kann man bei genauem Hinsehen durchaus verbindende Elemente finden. Das Rugby-Spielfeld ist in etwa so groß wie ein Fußballplatz, vielleicht etwas kürzer und etwas breiter. Die Spielzeit beträgt 2 x 40 Minuten mit durchgehend laufender Uhr. Die Nachspielzeit dauert so lange bis das Spiel unterbrochen wird.

Im Rugby haben die Positionen fixe Rückennummern. Die Spieler mit den Nummern #1 bis #8 sind die Stürmer, die Nummern #9 bis #15 die Verteidiger. Die beiden Spieler mit den Nummern #9 und #10 sind die Verbindungselemente zwischen Rückraum und Angriff und können als Spielmacher gesehen werden. Idealerweise besitzen sie eine gute Übersicht. Die Rückraumspieler hinter ihnen müssen fangsicher, schnell und sicher im Tackling sein. Die Stürmer sind im Rugby eher die großen, stämmigen Spieler, die mit viel Physis Gegner wegdrücken können und in den Standards im Mittelpunkt stehen.

Punkte werden auf vier Arten erzielt. Zum einen wäre da das Legen eines Versuchs (Try), das vergleichbar mit dem Touchdown im Football ist: Ein Versuch ist dann gelegt, wenn ein Spieler in das Malfeld läuft und den Ball auf den Boden platziert (nur Reinlaufen wie im Football ist zu wenig). Ein Versuch bringt 5 Punkte. Wie der Extrapunkt im Football bringt der Versuch die Gelegenheit zur Erhöhung (Conversion) mit sich. Die Conversion wird von der Höhe aus geschossen, wo der Versuch gelegt wurde. Daher versuchen die Spieler beim Versuch, den Ball möglichst mittig im Malfeld zu legen um eine möglichst sichere Schussposition zu ermöglichen. Die Conversion bringt im Erfolgsfall 2 Punkte.

Wie im Football beim Field Goal können auch im Rugby per Kick zwischen die Stangen aus dem Spielfeld heraus 3 Punkte erzielt werden. Hier sind der Straftritt (Penalty) und der Drop-Kick zu unterscheiden. Ein Straftritt wird für schwere Vergehen wie ein hohes Tackling verhängt. Mithilfe eines Haufens Erde oder – moderner – mit Plastikgestell wird der Ball platziert und auf die Stangen gekickt. Der Drop-Kick aus dem laufenden Spiel ist seltener, weil technisch schwieriger auszuführen. Der berühmteste Drop-Kick dürfte der „Game-Winner“ von Englands Jonny Wilkinson im WM-Finale 2003 sein.

Im Rugby wie im Football geht es vor allem darum, Raumgewinn zu erzielen um dem gegnerischen Malfeld nahe zu kommen und Chance auf Punkte zu erhalten. Anders als im Football ist dabei kein Vorwärtspass erlaubt. Wird ein Spieler zu Boden gebracht, versucht die angreifende Mannschaft entweder das Spiel in die Breite zu verlagern oder den Angriff per Menschenberg durchzudrücken (Paket).

Liegt ein ballführender Spieler am Boden, ist das die Möglichkeit den Angriff neu aufzubauen. Der angreifende Spieler muss dann den Ball freigeben. Die Verteidigung kann wegen Abseits nur bis zur gedachten Linie agieren. Das ähnelt im Prinzip der Line of Scrimmage bei einem neuen Down im Football.

Bei Ballbesitz tief in der eigenen Hälfte ist das Wegtreten des Balls ein taktisches Mittel um den Gegner tief in seiner Hälfte festzunageln (ähnlicher Gedanke wie beim Punt) und ihm gegebenenfalls dort den Ball wieder abzujagen oder ihn zu zwingen denn Ball zurück zu kicken um selbst wieder eine Angriffsserie zu starten.

Bei Freistößen (Straftritt) kann eine Offense den Ball nach vorne ins Aus kicken um dort mit einem Einwurf (Gasse / Line-Out) den Ball weiter vorne wieder zu erobern. Der Einwurf ist als Standardsituation für eine gut geübte Mannschaft ein wichtiges taktisches Mittel um weiter vorne wieder an den Ball zu kommen. Neben Straftritt und Einwurf ist das Gedränge (Scrum) die dritte charakteristische Standardsituation im Rugby. Zum angeordneten Gedränge kommt es nach leichten Fouls. Dabei hängen sich die acht Stürmer jeder Mannschaft ineinander und versuchen per Wegdrücken den Ball für ihren Angriff freizugeben.

Schiedsrichter sind im Rugby „angesehener“ als z.B. im Fußball. Simulieren und Reklamieren sind eine Rarität und wo im Fußball bereits Jungspunde sämtliche Schwalben zur Perfektion beherrschen und schon im Fallen wehleidig zum Schiedsrichter blicken, dürfen im Rugby nur die Kapitäne beider Mannschaften mit den Referees kommunizieren. Weil die Schiedsrichter mit Mikros versehen sind, kann man als TV-Zuschauer diese Interaktionen gut mitverfolgen.

Als Sanktionsmaßnahmen haben Schiedsrichter die Möglichkeit eines Platzverweises oder einer gelben Karte, die einer zehnminütigen Zeitstrafe gleichkommt. Zeitstrafen wirken sich meistens in der letzten Viertelstunde richtig aus, wenn die Kräfte durch vorherige Unterzahl schwinden.

Zu den weiteren Besonderheiten im Rugby gehören die Unbegrenztheit der Auswechslungen und die Behandlungen von verletzten Spielern im laufenden Spiel. Die Sportart generell hat das look’n’feel von aufrechten Kämpfern, die sich gegenseitig mit Respekt begegnen. Trotz der rauen Spielweise sind die Spieler per Ehrenkodex dafür verantwortlich, dass der Gegner sich nicht verletzt (man denke hier z.B. an die Problematik von Gehirnerschütterungen).

Die WM 2015

England 2015 war meine dritte bewusst miterlebte WM, und vom ganzen Ambiente und dem sportlich Gebotenen war es die bislang beste. Die schiefen Ebenen sind nicht mehr so schief und so kam in keinem Spiel die Gefahr von dreistelligen Ergebnissen auf. Dafür gab es mit Japan 34, Südafrika 32 ein episches Upset, dessen Schockwellen noch in vier Jahren zu spüren sein werden, wenn die euphorisierten Japaner die WM veranstalten.

Die Spiele waren hervorragend besucht (2,3 Mio. Zuschauer) und vor allem in London/Twickenham und in Cardiff lief dir angesichts der großartigen Stimmung die Gänsehaut über den Rücken. Wenn die irischen Fans in der 50ten Minute Fields of Athenry anstimmen, möchtest du am liebsten sofort den Koffer packen und ins Millennium Stadium fliegen um dabei zu sein.

Trotz Gesangstalent auf den Rängen: Es war nicht die WM der Europäer. Gastgeber England schied bereits in der Vorrunde in „Todesgruppe A“ (Australien, Wales, England, Fiji) aus. Das europäische Flaggschiff Frankreich wurde im Viertelfinale von Neuseeland 62-13 demontiert.

Die anderen drei der ambitionierteren europäischen Vertreter, Irland, Wales und Schottland, schieden jeweils knapp im Viertelfinale aus, wobei vor allem die Niederlage der Schotten gegen Australien (34-35 in der letzten Minute) richtig weh tat und auch ein Novum mit sich brachte: Öffentliche Kritik am Referee, dessen Pfiff zum entscheidenden Straftritt eine Fehlentscheidung war.

Im Semifinale war die Süd-Hemisphäre unter sich: Neuseeland schlug Erzfeind Südafrika knapp 20-18, Australien setzte sich nach hartem Kampf 29-15 gegen letztlich zu wenig durchschlagskräftige argentinische Pumas durch. Damit lautet morgen erstmals eine WM-Finalpaarung Neuseeland vs Australien. Es sind zwei Mannschaften, die sich nicht wirklich riechen können.

Neuseeland

Die All Blacks gelten als das Team schlechthin im Welt-Rugby. Über die Jahrzehnte hat sich um diese Auswahl eine Hype-Maschine gebaut, die dem Team eine ganz spezielle Aura verleiht. Die Pazifik-Insel mit seinen chilligen Einwohnern, die komplett in schwarz gehaltenen Trikots, die zelebrierte Nähe zu den Maori. Der Haka.

Die All Blacks sind der ganze Stolz der Sportnation Neuseeland. Sie sind die kompletteste Mannschaft im Rugby, ebenso physisch wie schnell, und an lichten Tagen sind sie schlicht und ergreifend nicht zu stoppen.

Bis vor wenigen Jahren galten die All Blacks als permanente WM-Versager, die trotz klarem Favoritenstatus immer wieder überraschend ausschieden. Nur bei den beiden Heim-Weltmeisterschaften 1987 und 2011 konnte man den Titel holen, und 2011 auch nur denkbar knapp, als man in einem sensationell engen Finale gegen Frankreich mit 8-7 und nicht ohne Kontroversen (Schiedsrichterleistung) gewann.

Den Dämon Frankreich hat man diesmal schon aus dem Weg geräumt. Das 62-13 im Viertelfinale war flüssiges neuseeländisches Rugby in Reinform. Im Semifinale gegen die südafrikanischen Springboks musste man dagegen beißen: Das letztlich verdiente 20-18 stand lange auf Messers Schneide, zeigte aber die Verlässlichkeit der neuseeländischen Hintermannschaft.

Im heutigen Finale werden zwei legendäre All Blacks ihren letzten Auftritt für ihr Heimatland haben. Da wäre zum einen Verbinder #10 Dan Carter, Superstar und bekanntestes Gesicht der Mannschaft, der nach der WM nach Frankreich wechselt und somit nicht mehr „eligible“ für einen Einsatz in der Nationalmannschaft ist (nur in Neuseeland angestellte Spieler dürfen das Trikot der All Blacks tragen). Für den 33-jährigen Carter ist es das erste WM-Finale, nachdem er die Heim-WM vor vier Jahren verletzt verpasste.

Abschiedsparty feiert auch Kapitän #7 Richie McCaw, der nach einem Faustschlag im Halbfinale von Glück sprechen kann, dass er heute dabei ist. Der dritte-Reihe Stürmer McCaw, der das Finale 2011 mit gebrochenem Fuß durchspielte, gilt als einer der härtesten und besten Rugby-Spieler aller Zeiten und könnte der erste Kapitän sein, der zweimal die WM-Trophäe stemmt.

Australien

Auch Australien ist zweifacher Weltmeister und hat wie die Neuseeländer eine dritte Finalteilnahme mit Overtime-Niederlage auf dem Konto. Die Wallabies sind die zweit- oder drittgrößte Adresse im Rugby (gemeinsam mit Südafrika). Sie versprühen nicht ganz diese an Feierlichkeit grenzende Huldigung an ihre Mannschaft. Ihre Spielweise ist etwas blasser als beim Konkurrenten ein paar hundert Meilen überm Ozean. Aber sie sprechen bei jeder Titelvergabe ein lautes Wörtchen mit.

Bei den Australiern 2015 ist noch nicht ganz klar, was man von ihnen halten soll. Die schwierige Vorrundengruppe A mit England, Fiji und Wales wurde ungeschlagen beendet. Geglänzt wurde dabei höchstens durch knisternde Intensität v.a. in der phasenweise monströsen Partie gegen Wales. Im Viertelfinale brauchte man eine glückliche Entscheidung der Referees um in der letzten Minute ein beherztes, aber spielerisch limitiertes Schottland zu schlagen. Im Semifinale konnte man sich gegen anfangs nervöse, später zu einfallslose Argentinier auf das Verteidigen und Kontern konzentrieren.

Dass Australien diesmal allerdings überhaupt so weit kommen würden, galt vor nur 12 Monaten allerdings als Utopie nach schweren mannschaftsinternen Differenzen, im Zuge deren letztlich der damalige Trainer und dessen Assistentin (Geliebte?) gehen mussten. Danach wurde Coach Michael Cheika beauftragt, die Mission zu Ende zu bringen. Anstelle des totalen Umbruchs leistete der exzellente Motivator Cheika als „interner Schweißexperte“ ganze Arbeit. Der Kader gilt heute als geeint. Der erste Achtungserfolg beim Sieg in der Rugby Championship im Sommer sorgte schon wieder für hohe Erwartungen.

Cheika ist ein kerzengerader Typ, der dir staubtrocken ins Gesicht sagt, was er denkt. Auf Pressekonferenzen kanzelt er Belichick-like sieben von neun Fragen mit der Parole Uninteressant! ab. Am Spiel seiner Mannschaft selbst hat er bis auf verstärkten Fokus auf die Standards wenig geändert. Große Stärke ist und bleibt die Abgewichstheit der Mannschaft, die sich nicht so leicht aus der Balance bringen lässt.

Superstar ist der Achter #8 David Pocock, Antreiber und Symbolfigur in einem. Pocock hat bei dieser WM verletzungsgeplagt nur vier der sechs australischen Spiele bestreiten können, aber dabei 14 Turnovers erzwungen (2t-bester Wert der WM: 9… das sind J.J. Watt’sche Werte). Auch neben dem Platz ist Pocock ein interessanter Typ: Geboren in Simbabwe, gilt Pocock als exponierter Tier- und Umweltschützer und Verfechter der gleichgeschlechtlichen Ehe. Pocock hat zwar eine Hochzeit mit seiner Freundin Emma abgehalten, aber aus Protest gegen die rigiden Schwulengesetze in Australien seine Ehe nicht offiziell eintragen lassen.

Die weiteren bekannten Gesichter sind der stämmige Kapitän Stephen Moore und die quirligen Hinterleute Adam Ashley-Cooper (3 Versuche im Semifinale), Fullback Israel Folau und Drew Mitchell, der im Halbfinale mit seinem Alleingang die Partie entschied.


So weit, so gut. Kickoff ist morgen um 17h MEZ. Eurosport überträgt live mit Einstieg ab 16h30.

9 thoughts on “Endspiel der Rugby-WM 2015: Neuseeland vs Australien | Wer wird Rekordweltmeister?

  1. Vielen Dank für diesen Beitrag. Ich kann mich noch an die Rugby-WM 1995 in Südafrika erinnern, die ich damals mit Begeisterung verfolgt habe. Danach ist mein Interesse aber leider eingeschlafen. Dein Artikel wird mich dazu bewegen, mal wieder öfters diesen tollen Sport anzuschauen.

  2. Hervorragender Beitrag! Du hat nicht zufällig Lust, noch einen Rugby- Blog aufzulegen? Zu berichten gibt es ja genug…

  3. Zu berichten ja, aber nicht genug zu sehen. Außerhalb von WM und Six Nations sind die Möglichkeiten auf Live-Rugby für mich eher rar und zu unregelmäßig gesät.

  4. …und auf dem ITV Player, der von DE aus nur mit englischer IP-Adresse zu bekommen ist. Wäre aber kostenlos.

  5. Ach schade… Den kann man nur Monatsweise buchen. Bloggst an dem Tag? Dann würde ich es hier verfolgen

  6. Hab zum ersten Mal seit Jahren wieder beim Rugby vorbeigeschaut und muss sagen Hut ab vor den All Blacks. Kann mich erinnern bei der letzten oder vorletzten WM die Versager gegen France im Quarterfinal. Heute ganz trocken runtergespielt. Die alten All Blacks wären nach dem 17:21 nervös geworden und hätten gechoked.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s