NFL Power Ranking 2015, Week 8 | Totgesagte leben länger

Kleines Erdbeben im Power-Ranking von Woche 9. Die Schockwellen gehen vom Westen aus.


Monströser Sprung der Denver Broncos (7-0), die sich mit einem fabulösen 29-10 Sieg über die Green Bay Packers von #14 auf #4 nach oben katapultieren und damit die bisherigen Super Six sprengen. Denver sendete im Sunday Night Game nicht nur mit seiner Defense eine Warnung an die NFL, sondern meldete sich auch mit etwas ganz Neuem aus der Bye Week zurück: Einer Offense.

Noch letzte Woche war der Angriff der Broncos mit 5.8 NY/A im Passspiel und 34% SR im Laufspiel sowie INT-Quote von 4.2% (jeweils schlechtester oder zweitschlechtester Wert der Liga) abgeschlagen an #32 im Ranking der Offenses klassiert gewesen.

Gegen das bisher mehr als solide Green Bay explodierte die Offense dann förmlich: 500 Yards aus nur 63 Snaps (7.9yds/Play). QB Peyton Manning mit 21/29 für 340yds. Kein TD, eine INT. Aber: 11.7 NY/A im Passspiel. Hat irgendwer geglaubt, dass Peyton Manning seine allerletzte Saison als schlechtester QB der Liga beenden wird?

Plötzlich rankt Denvers Offense nicht mehr an #32, sondern immerhin an #26 der Liga. Die Pass-Offense mit 6.4 NY/A nun schon #16 der Liga. Mit einer einzigen Partie vom vorletzten auf den 16ten Platz geklettert!

Wie stabil die Offense der Broncos damit sein wird, steht natürlich noch in den Sternen: Green Bay hatte in der Partie immense Probleme gegen die Crossing-Routen und verlor im Lauf der Partie einen Cornerback nach dem anderen auf die Verletztenliste. Das hatte natürlich teilweise was von Freak-Spiel. Denver muss in den nächsten Wochen zeigen, dass die Offense plötzlich wieder groovt. Aber es war ein Anfang, auch für das totgesagte Laufspiel.

Aber auch wenn die Offense von heute an „nur“ durchschnittlich sein sollte: Mit so einer Defense ist mit den Broncos zu rechnen. QB Rodgers wurde bei 14/22 für 77yds gehalten! Plus drei Sacks. Macht 25 Passversuche für Green Bay für 50 Yards Raumgewinn. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Das sind Baltimore-Ravens-2000 eske Werte.

Und die Defense ist im Gegenzug zur Offense kein one day wonder: 4.4 NY/A gegen den Pass über die komplette Saison ist gleich drei (!!) Standardabweichungen vom Liga-Durchschnitt entfernt. Denver hält die gegnerische Offense sozusagen auf einem Niveau, als würde diese mit einem schlecht gelaunten Tim Tebow auf QB auflaufen.

Denvers Defense ist gespickt mit großartigen Individualisten, aber sie wird auch gecoacht von einem oft unterschätzten Defensive Coordinator: Wade Phillips. Phillips hängt ein bisschen der Ruf nach, als Persönlichkeit zu schwach zu sein um als Cheftrainer einen kompletten Kader zu steuern, aber als Coordinator leistet er seit vielen Jahren hervorragende Arbeit.

Gegen Green Bay war der Matchplan für die Top-Passrusher Ware und Miller nicht, blindlings Druck auszuüben, sondern in erster Linie darauf zu achten, Rodgers vom Scrambeln abzuhalten. Dadurch konnten sich die Defensive Backs bis Spielzugende darauf konzentrieren, ihren Gegenspieler zu decken, koste es was es wolle. Der Plan ging auf: Rodgers hatte oft 7-8 sek Zeit und fand keine Abnehmer.

Sagen wir es so: Denver sah am Sonntag aus wie das Team, das ich im Preseason-Ranking an #4 der Superbowl-Favoriten gerankt hatte. Wenn diese Defense im weiteren Saisonverlauf von einer wenigstens durchschnittlichen Offense komplimentiert wird, müssen die Patriots in Angst und Schrecken erwachen – denn dann sind mit einem Mal die Broncos der große AFC-Favorit.


Ebenso nach oben kraxeln die Oakland Raiders, deren Offense die bislang nicht schwache Jets-Defense komplett zerlegte. Das 34-20 spiegelt nicht mal wieder, wie überragend Oaklands Offense an diesem Tag war: QB Carr mit 36 Passversuchen und 9.25 NY/A plus 4 TD, ergänzt von 118 Rush-Yards aus 25 Versuchen.

Oakland hatte in den letzten Jahren immer mal wieder einen positiven Ausreißer mit seiner Offense. Aber zum ersten Mal seit dem Super Bowl 2003 fühlt es sich wahrhaftig an. Den Raiders-Fans ist Derek Carr nach den elendigen Jahren mit Jamarcus Russell wirklich sehr zu vergönnen. Ich hätte nicht gedacht, dass Carr mit den Wideouts Crabtree und dem famosen Amari Cooper ein derart vollkommenes Passspiel aufzuziehen imstande ist.

Oakland ist nun 4-3 nach Siegen und zumindest keine Lichtjahre von Playoff-Geruch entfernt. Es wird noch die alten Kinderschuhprobleme geben und die Raiders werden nicht jede Woche solche Kantersiege wie zuletzt gegen Chargers und Jets feiern. Die Raiders werden auch schwache Tage einstreuen und hernach als maybe next year abgestempelt werden.

Ich weiß aber, wem ich im verbleibenden Wildcard-Rennen die Daumen drücke.


Der Themenwechsel bringt uns nach Tennessee, wo Head Coach Ken Whisenhunt nach nur eineinhalb Jahren und einer 3-20 Bilanz in diesen Spielen gefeuert wurde. Der Move kommt überraschend schnell, vor allem auch vor dem Hintergrund, dass die Titans erst im April QB Marcus Mariota mit ihrem 1st-Round Pick verpflichtet haben.

Mariota hatte einen phänomenalen Einstand in der NFL mit einem brillanten Spiel in Tampa, das so gute Effizienz-Stats produzierte, dass man automatisch skeptisch wurde. Zu unvorbereitet war die gegnerische Defense. Seither ging es mit den Titans bergab: Mariota wurde verletzt rausrotiert, Backup-QB Mettenberger rein. Tennessee steht nach sieben Spielen bei 5.6 NY/A Passspiel, zweitschlechtester Wert der Liga.

Ich denke, Whisenhunts Entlassung hat mehrere Gründe. Zum einen schien das Playcalling in den letzten Spielen horrend zu sein: Obwohl seine Runningbacks noch halbwegs brauchbare Effizienz (40% SR) hatten und seine Quarterbacks hinter einer inexistenten Offensive Line jede Woche abgeschossen wurden, blieben die Titans eines der passlastigsten Teams.

Tennessee ist 1-6 mit einem 0-3 Record in knappen Spielen, und alle drei Partien hätte ein halbwegs weltoffener Coach gewonnen. Gegen Buffalo hatte Whisenhunt als Beispiel mehr falsche 4th-Down Entscheidungen als richtige. Sechsmal (!) traf Whisenhunt die falsche Entscheidung. Tennessee hätte die Partie auf dem Silbertablett gehabt und verschenkte alles.

Zudem soll bei den Titans ein interner Machtkampf unterwegs sein. Die Interimsbesitzer scheinen einen neuen sportlichen Leiter (aka GM) einsetzen zu wollen, und der aktuelle GM Rusty Webster soll den Move als letzte Verzweiflungstat gesehen haben um seinen Kopf zu retten. Mike Mularkey übernimmt interimistisch.

Auf alle Fälle ist es für junge Quarterbacks selten ideal, wenn sie schon nach einem halben Jahr einen Wechsel in der sportlichen Ausrichtung sehen. Mein Vertrauen in die Trainerfindungskommission in Tennessee ist gleich null. Für Mariota ist das alles eher schlecht. Vielleicht kann ja Chip Kelly nach Tennessee getradet werden wie einst Gruden von Oakland nach Tampa Bay verkauft wurde.

NFL Power Ranking 2015, Week 8

NFL Power Ranking 2015, Week 8

Und so liest sich das ganze: Die erste Sektion (WP | E16) beschreibt die Stärke der jeweiligen Mannschaft. WP entspricht der Siegchance der jeweiligen Franchise gegen eine standardisierte, durchschnittliche NFL-Franchise, E16 ist WP hochgerechnet auf 16 Spiele (WP*16 = E16). Die zweite Sektion (SOS | Rs) beschreibt die Stärke des Schedules und die Platzierung des Schedules. OFF ist die Platzierung der Offense, DEF die Platzierung der Defense. LW ist die Platzierung der entsprechenden Mannschaften in der letzten Woche.

Hier weitere erklärende Grafiken mit den Statistiken hinter dem Power-Ranking und weiteren Zahlen. Bitte durchwühlen:

Sieg-Wahrscheinlichkeiten für Woche 9

Letzte Woche sowohl bei den Siegertipps als auch gegen den Spread eine 8-6 Bilanz für das Power-Ranking. Damit ist es über die Saison bei 36-20 bei den Siegertipps und 27-28-1 gegen den Spread (ATS). Die Spread-Bilanz muss ich nachreichen. Die Wahrscheinlichkeiten für Woche 9 mit dem auffälligsten Favoritenstatus der Buccs gegen die Giants:

NFL Wahrscheinlichkeiten für Woche 9

NFL Wahrscheinlichkeiten für Woche 9

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8 Kommentare zu “NFL Power Ranking 2015, Week 8 | Totgesagte leben länger

  1. „Denver hält die gegnerische Offense sozusagen auf einem Niveau, als würde diese mit einem schlecht gelaunten Tim Tebow auf QB auflaufen.“
    made my day 😀 😀

    Sah auch gut aus, wie Denver die Packers vernascht hat.
    Gefühlt ist nach jedem Drive der Packers aber auch ein Defensespieler vom Feld gehumpelt, am Ende humpelte dann sogar Clay Matthews vom Platz 😀

  2. Danke für das Ranking.
    Was mir auffällt ist die Ähnlichkeit mit dem DVOA Ranking von Week 8 von FO, gleiche Top 3 und unten geht DET trotz 0:45 von 32 auf 31 während SF abgeschlagen ist.
    Meine Frage bzgl der Colts ist, wieso die beiden Rankings zwischen den beiden Systemen so divergieren (fast 10 Plätze). Wenn ich das richtig verstanden habe sind, die beiden Rankings auf Efficiency Stats per Down ausgerichtet außer dass FO auch noch Special Teams nutzt.
    IND ist N.15 bei den ST, kann das aber einen Sprung um 10 Plätze erklären. Warum ist CLE dann z.B. in beiden Rankings fast gleich platziert obwohl die CLE ST besser sind als jene der Colts.

    Und Anschlussfrage: Warum wird in diesem Ranking keine ST berücksichtigt? Damit wird immerhin die dritte Phase des American Football ausgeschlossen?

  3. Ratings combined mit dem Gesehenen und ich würde die beiden Conferences nach 1/2 Saison so einstufen:

    AFC
    Top Tier: DEN, NE, CIN
    Second Tier: Jets, PIT
    Gefährliche Außenseiter: BUF, OAK
    Leider schaffen es die grottenschlechten Colts in die Postseason. Die haben gestern übrigens OC Hamilton gefeuert, sagt alles…

    NFC
    Top Tier: ARZ, GB
    Second Tier: SEA, CAR
    Gefährliche Außenseiter: STL, PHI, DAL (wenn Romo wieder fit ist und sie noch im Rennen sind), NYG, ATL, NO

    NFC ist deutlich schwieriger vorauszusagen. Wäre alles andere als überrascht, wenn einer der 3. Tier Teams einen Lauf bekommt und à la NYG in die PO stürmt. AFC ist klarer strukturiert.

    SB Tipp noch immer: DEN over GB. Es wird ein gutes Ende für P. Manning nehmen.

  4. In der AFC nehme ich an, dass das Spiel NE@DEN richtungsweisend sein wird. Wenn Denver die schwer auszurechnende Offense der Patriots stoppen kann und das Spiel gewinnt sind sie gut dabei. Gewinnen die Pats das Spiel wird es auch diese Saison wohl in den Superbowl nur durch Foxboro gehen. Und das wird dann für alle anderen wieder eine harte Nummer.

    Bei allem natürlich vorausgesetzt Peyton Manning kann das aktuelle Niveau einigermaßen halten. Irgendwann wird auch deren D von der „Regression zur Mitte“ befallen. Falls Peyton dann gegen Saisonende wieder einen Dropoff wie letzte Saison bekommt wird es dann wirklich hart für Denver werden.

    In der NFC sehe ich eigentlich keine klaren Topteams. Den Packers gehen die Receiver aus, sehen aber trotzdem noch einigermaßen gut aus. Panthers bisher mit freundlichen Schedule. Ansonsten hat sich kein Team mit konstant hohem Niveau geglänzt.

    Interessant wird es sowohl in NFC als auch AFC in den Witzdivisionen. Ich würde ja mal drauf tippen, dass in diesen Playoffs mindestens 2 Teams mit 8-8 oder schlechter sein werden.

  5. @V2
    1) DVOA ist eine Black Box, weshalb ich nicht „genau“ sagen kann, worin die großen Unterschiede liegen. Ich kann es aber „ungefähr“ sagen: DVOA bewertet jeden Spielzug separat, während dieses Ranking nur die Gesamt-Zahlen der bisherigen Saison nimmt und sie an die Qualität des Schedules anpasst.
    Dieses Ranking ist „einfacher“, hat aber Nachteile, weil es keine Garbage-Time udgl. berücksichtigt. Andererseits: DVOA bewertet die z.B. Garbage-Time mit einem willkürlichen Kenner bewertet.

    2) Special Teams haben zwar oft große Auswirkung auf Sieg und Niederlage, sind aber nicht stabil. Man könnte evtl. einzelne Komponenten wie Kickoffs mit aufnehmen, aber die meisten Kennzahlen sind nicht wirklich verlässlich, da zu kleine Datenmengen.

  6. Pingback: Peyton Manning und der Lauf der Zeit | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  7. Pingback: Der längste Sonntagsvorschauer der Saison 2015/16 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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