Jameis Winston: Das erste Halbjahr

Lass uns mal einen Blick auf QB Jameis Winston werfen, den #1-Draftpick, der in Tampa Bay nun das erste halbe Profijahr seiner Karriere hinter sich gebracht hat.

Winston steht mit seinen Buccs bei einer 4-5 Bilanz gegen einen bislang mittelprächtigen Schedule. Die nackten Zahlen lesen sich für einen Rookie-QB relativ okay: 57% Completion-Rate, mit 10 TD, 9 INT und 6.8 NY/A im Passspiel. Die 3.2% INT-Quote ist etwas hoch, aber nicht exorbitant.

Für Winston, den Spieler, habe ich noch kein wirklich schlüssiges Gefühl entwickeln können. Das mag anhand seines Status vor dem Draft nicht ungewöhnlich sein, denn Winston war immer als furchtloser Gunslinger beschrieben worden, der manchmal schlampt und schlechte Entscheidungen treffen wird.

In etwa so entwickelte sich bei Winston bislang die Saison. Bei Winston weißt du von Woche zu Woche, ja manchmal tatsächlich von Snap zu Snap nicht, was du bekommen wirst. Der gute Winston wirft absolut brillante Bälle, bei denen du dich an Cam Newton erinnert fühlst. Der schlechte Winston wirft dir als Defensive Back den Ball direkt ins Gesichtsgitter.

Winston hatte in Woche 1 gegen Tennessee keinen guten Einstand, aber: a) es war sein Profidebüt, b) die Partie war innerhalb weniger Drives mehrere Touchdowns außer Reichweite, c) es waren sogar lichte Momente dabei. Woche 2 gegen die Saints fand ich merklich besser (Buccs gewannen sogar!), aber was die Saints-Defense wert ist, sehen wir jede Woche.

Winston hatte einen Graupenauftritt gegen die Monster-Defense der Carolina Panthers, die allerdings später auch einen Rodgers oder Luck über weite Strecken komplett kaltgestellt hat. Gegen Washington fand ich ihn überwiegend gut aufgelegt, die Comeback-Niederlage war nicht ihm anzukreiden. Das Atlanta-Spiel (Buccs gewannen knapp) war vielleicht das bezeichnende Winston-Spiel: Einige herausragende tiefe Bälle, einige Katastrophen-Pässe.

Auffallend ist, dass Tampa ihm phasenweise sehr viel Verantwortung auferlegt. Winston ist in Ermangelung eines wirklich dominanten Laufspiels oft das zentrale Offense-Element. Das Play-Calling finde ich teilweise etwas vorhersehbar: Steht Tampa in Shotgun an der Anspiellinie, wird es Pass. Stellen sie Winston an die Arschbacke des Centers, wird es Lauf oder Play-Action. Für DefCoords gibt es schwierigere Übungen als die Tendenzen der Buccs-Offense zu erkennen. Das bedeutet: „Execution“ wird für den QB zentral.

Vom Grundtypus ist Winston der propagierte „Aggressive Leader“. Winston scheut keine schwierigen Würfe. Das sieht mangels Erfahrung hie und da natürlich verheerend aus, und wenn CB Norman mit einer INT aus Triple-Deckung zum Touchdown returniert, ist jeder Liveblogger schnell beim Griff zur Vokabel„Rookie-Fehler“. Grundsätzlich denke ich aber, dass diese Mentalität im Sinne von NFL-Football eine positive ist.

Es gibt Quarterbacks wie Brady oder für meine Begriffe auch Rookie-Kollege Mariota, die besser temperiert spielen und weniger Risiken nehmen. Aber viele der ganz Großen, ein Rodgers, ein Luck oder ein früher Manning, sind ähnlich wie Winston gepolt: Vertraue auf deinen Arm, denn der perfekte Pass pulverisiert die perfekte Deckung.

Was Winston nicht ausstrahlt: Eleganz. Das mag an seinen etwas schwerfälligen Bewegungen liegen. Es wirkt oft, als hätte der Mann Beton an seinen Füßen. Selbst ein Newton tritt geschmeidiger auf, bewegt sich fließender durch die Pocket. Im Vergleich zu einem Rodgers reden wir von Lichtjahren Unterschied.

Umso bemerkenswerter sind viele der Würfe Winstons, die oft aus sehr unkonventioneller Körperhaltung kommen. „Beinarbeit“ ist ein Thema, das ich mit meinem Footballwissen für zumindest in Maßen behebbar halte, aber eine Gazelle wird aus Jameis Winston nicht mehr, und so wird er sich optisch immer eher über das brachiale Element als über die pure Ästhetik definieren. Die Frage ist, ob das zum absoluten Durchbruch reichen wird.

Also: Ein recht vielversprechender Einstand für Winston. Natürlich sind neun Spiele gegen überwiegend eher mittelmäßige Defenses nicht ausreichend um ein fortgeschrittenes Urteil abzugeben. Aber wir können zumindest ansatzweise erkennen, was aus Winston werden könnte. Gemessen daran, wie „erwachsen“ er von Tampas Trainerstab bereits eingesetzt wird und gemessen an seiner Selbstverständlichkeit stehen die Chancen nicht schlecht, dass Winston die NFC über Jahre mitprägen kann.

4 thoughts on “Jameis Winston: Das erste Halbjahr

  1. Top Artikel, aber „golden boy“ Luck auf eine Stufe mit Brady, Manning, Rodgers zu stellen ist schon sehr sehr gewagt. Dafür müsste er A) erstmal über einen viel längeren Zeitraum konstant sehr gut spielen und B) überhaupt mal eine wirklich hervorragende Saison spielen (und die hat er noch nicht, auch wenn einem das immer von verschiedensten Medien suggeriert wird).

  2. Der witz ist doch das Rodgers eigentlich auch total konservativ spielt und selten echte risiken eingeht.
    Für jemanden mit dem absurden Arm von Rodgers ist die skala etwas verschoben.

    Winston ist schon näher am Mount-Yolo gebaut.

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