Die Zukunft des American Football

Zwei der drei dominierenden Offense-Philosophien in der NFL sind die Air-Coryell Offense, deren Grundgedanke darauf abzielt, die Defense vertikal auseinanderzuziehen, und die West Coast Offense, die es in horizontaler Form versucht. Seit zirka zehn Jahren ist eine Entwicklung am Laufen, die das beste aus beiden Elementen kombiniert – die nächste Stufe der Evolution: Die Spread-Offense. Sie dehnt die Defense auf der horizontalen und auf der vertikalen Achse.

Für die Entwicklung der Spread-Offense in allen ihren Ausprägungen können wir uns ein andermal Zeit nehmen. Am College vorangetrieben wurde ihr Aufkommen in den verschiedensten Varianten vor allem von Leuten wie Hal Mumme, Mike Leach, Urban Meyer oder… Chip Kelly. Kelly hat als Offensive Coordinator und später Head Coach in Oregon eine atemberaubende Mixtur aus Spread und Speed perfektioniert und Oregon als nationaler Powerhouse etabliert.

Der momentane Meister der Spread-Offense sitzt in den Rednecks, an der kleinen Baylor University: Art Briles. Briles hat in den letzten acht Jahren die Entwicklung auf die Spitze getrieben. Seine Offense ist wie sein Name: Eine Kunst. Was seine Bears spielen, ist stilbildend, die beste Offensive aller Zeiten, bis sie nächstes Jahr von einer noch perfekteren Version ihrer selbst übertrumpft werden wird.

„Spread“ und die einhergehenden Punktefestivals sind für viele Football-Traditionalisten ein Schimpfwort, wobei diese Sicht sehr kurz greift. Spread ist die erste Offense, die Hirn über Physis stellt. Du wirst immer Athleten brauchen, aber noch nie war Scheming, der Coach, so wichtig. Noch nie war das Spielzugdesign wichtiger als die Ausführung. Spread ist der Beweis, dass Football mehr ist als Hits und Tackles und rohe Kraft, der Beweis, dass es auch darum geht, dem Gegner auf intellektueller Ebene voraus zu sein.

Baylor ist erst vor wenigen Jahren auf dem nationalen Schirm aufgetaucht, als Briles mit seinem famosen QB Robert Griffin III antrat. So schön die Offense schon damals war, sie vertraute noch in erster Linie auf die einzigartigen Talente ihres Quarterbacks. Doch Briles blieb nicht stehen. Ohne den unglaublichen RG3 verlagerte er die Offense in die Pocket. Er stellte das System über den Individualist. Selbst vergleichsweise rudimentäre Werfer wie Nick Florence oder Bryce Petty erzielten fortan fabelhafte Statistiken.

Und Briles rekrutierte für sein System. So wie Briles den Erfolg seiner Offense von herausragenden Einzelkönnern entkoppelte, verkuppelte er eine spezielle Sorte von Athleten mit seiner Offense zu einer immer sophistischer, immer perfekter werdenden Ehe. Es sind nicht immer die besten Rohdiamanten, aber es ist die beste Kombination aus Athlet und System, die Briles an die kleine Baylor University lockt.

Die Harmonie in seinem Ensemble gleicht einem Orchester ohne Weltklasse-Solisten. QB Seth Russell ist ein ebenso kompletter Werfer wie Passer. Die Offensive Line ist groß und beweglich. RB Shock Linwood steckt alle seine Vorgänger in die Tasche. WR Corey Coleman ist schnell und gewieft. Minimum die Hälfte der aktuellen Bears-Offense wird als 1st oder 2nd Rounder in die NFL gehen.

College Football wird gegenwärtig überrollt von Spread-Offenses. Das führt unweigerlich dazu, dass auch immer mehr Spread-Spieler in die NFL kommen, sei es QBs, sei es andere. Die ersten Offenses in der NFL haben schon umgestellt. Green Bay, New England, Philadelphia – sie alle spielten oder spielen bereits mit Elementen von Spread. Und ihre Front-Offices lernen, das richtige Spielermaterial zu draften.

Vor diesem Hintergrund halte ich zumindest die Idee hinter Chip Kelly als Coach und GM für eine gute. Kelly ist einer der Vorreiter der Spread-Offense, und Kelly ist ein fantastischer Coach. Kelly weiß um das Profil seines idealen Athleten. Kelly als Mann im HR der Eagles macht absolut Sinn.

Die Probleme in Philly liegen woanders. Kelly hat unverantwortliche Verträge abgeschlossen. Kelly ist in der Stadt der meisten Beat-Writer ein medienabgewandter Sonderling, ein Klinsmann, nur ohne Frau und ohne Kinder (und momentan ohne Erfolg). Kelly coacht in der Stadt, die einen Andy Reid und einen McNabb trotz anhaltendem Erfolg jahrein, jahraus aus der Stadt verjagen wollte.

Vielleicht ist Kelly ein menschliches Wrack. Vielleicht ist die Situation in Philly schon nach drei Jahren festgefahren. Vielleicht kommt Kelly zu früh. Aber im Prinzip halte ich es für fahrlässig, wegen einer schlechten Saison, respektive eines schlechten Monats, die Zukunft des Football wegzuschmeißen.

Vielleicht floppt das „System Kelly“. Was unter Garantie nicht floppen wird: Das „System Spread“. Es wird über kurz oder lang die NFL einnehmen. Denn es ist die Zukunft des American Football.

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6 Kommentare zu “Die Zukunft des American Football

  1. Danke für den Beitrag!Solche gefallen mir sogar immer noch ein bisschen besser als die Vorschauen,weil man so noch mehr Hintergrundinfo bekommt!

  2. Danke für den interessanten Beitrag, sehr aufschlussreich für jemanden wie mich, der kein College verfolgt.

  3. Volle Zustimmung Alex.

    Ich warte darauf daß die NFL noch mehr Spread Offense übernimmt. Ich hoffe auch daß sich Chip doch noch durchsetzt. Ansonsten ist er immer willkommen zurück am College…

  4. Interessanter Artikel, danke dafür! Da ich selbst wenig College Football verfolge fällt es mir schwer, direkte Vergleiche zu den Systemen in der NFL zu ziehen. Dort wird ja eher kritisiert, das die Spieler aus all den Spread-Systemen im College größere Anlaufschwierigkeiten bei den Profis haben. Für mich ist die Frage ob sich ein Spread System wirklich erfolgreich etablieren kann oder ob sich am Ende nicht doch wieder die Defenses darauf einstellen und wirksame Gegenmittel finden (wenn ich so an den Hype um die Option und Pistol denke, in den Kaepernik und RGIII groß raus kamen).
    Das Problem bei Chip Kellys Philosophie könnte aber vielleicht weniger am Spread-System als an seinem „Speed“Dogma liegen und dessen Folgen für die eigene Defense. Vielleicht wirkt sich das im Profibereich stärker aus als am College!?

  5. Pingback: Chip Kelly: Ohne Huddle entlassen | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  6. Pingback: Wie Saban Alabama umbaute: Das Wie und Warum | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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