Gegen den Strom

Das Präludium zum heutigen Eintrag habe ich auf diesem Blog schon geschrieben: In Das beste Team aller Zeiten und ihre zwei Sternchen wurde das Thema der Segregation in der Nachkriegszeit der Vereinigten Staaten des US-Südens aufgegriffen. Schon vor zweieinhalb Jahren habe ich in Notre Dame University und ihr Fußvolk das politische Klima der 1960er Jahre geschildert, und wie es 1966 die Meisterschafts-Entscheidung beeinflusst hat.

Hauptszene des Rassismus in jener Zeit waren Texas und der USSüden, wohingegen es im Norden und an der Westküste bereits seit längerem rassenintegrierte Mannschaften gegeben hatte. Doch auch im Bible-Belt begann, die Fassade zu bröckeln. Die Unabhängigkeitsbewegungen der Schwarzen, Martin Luther King oder Malcolm X, Tommy Smith und andere hatten die Integration vorangetrieben.

Letzte Bastion war Alabama, der Staat in dem mit George Wallace der letzte Hardcore-Rassist regierte und den Präsidentensessel mit seiner nicht minder rassistischen Frau abwechselte. Wallace war sich auch für Protestaktionen in Schulhöfen nicht zu schade, in denen er mit Besen in der Hand am Eingangstor gegen die Aufnahme von Schwarzen aufmarschierte, oder für Ansprachen wie die berüchtigte Segregation Forever von 1963.

George Wallace galt als der einzige Mann im Staat, dem sich Bear Bryant beugen musste. Bryant war der Head Coach der Alabama Crimson Tide, einer der besten Mannschaften jener Zeit. Bryant, ein hoffnungslos dem Alkohol verfallener hagerer Mann, den du nur mit Pepitahut an der Seitenlinie kanntest, galt als ehrlicher Zeitgenosse – ein Mann der Prinzipien.

Bryant hasste die Segregation. Er hasste sie, weil er sie als ungerecht empfand. Er hasste sie, weil sie ihm die Chance auf die Verpflichtung einiger der besten Athleten des Südens verbaute. Er hasste sie, weil er ohne den Speed der Schwarzen den Sturz in die Mittelmäßigkeit sah.

Doch Bryant liebte Alabama, seine Alma Mater. Wenn Mama ruft, musst du nach Hause kommen, soll er gesagt haben, als er Anfang der 60er als erfolgreicher junger Head Coach von Texas A&M ein Angebot als Cheftrainer von Alabama bekommen hatte.

Wenn du dir heute Videos von Bryants Mannschaften aus den 1960ern anschaust, traust du deinen Augen nicht: Kleine, weiße Männlein, selbst Offensive Liner nicht dicker als ein normaler (nicht-amerikanischer) Büroangestellter. Alabama siegte mit Quickness, mit Raffinesse, nicht mit Kraft. Aber der intellektuelle Vorteil bröckelte, und Bryant wusste das.

Er scoutete die Schwarzen trotzdem. Er empfahl sie sogar weiter an seine Trainerkollegen in progressiveren Gefilden. Zum Beispiel Michigan State, wo Freund Duffy Dougherty coachte. Oder USC, das Programm seines besten Freundes John McKay.

USC hatte ein integriertes Team. Und so besagt die Legende, dass Bryant irgendwann im Sommer um das Jahr 1969 herum nach Südkalifornien flog und im Urlaub mit McKay die Idee ausschnapste, ein Spiel Alabama vs USC zu organisieren. Bryant bestand darauf, dass die Partie in Tuscaloosa, nicht in Los Angeles, ausgetragen würde. Er wollte, dass „seine“ Leute die Vollkommenheit einer integrierten Mannschaften bestaunen konnten.

Er gibt es nicht zu und vielleicht ist die Behauptung auch übertrieben, aber er wollte wohl auch eine Demontage – und zwar eine Demontage seiner eigenen, weißen, rückständigen Mannschaft. Es würde nicht die erste sein – Alabama verlor ein Jahr zuvor 14-41 in Tennessee gegen eine in Teilen schwarze Mannschaft – aber es würde die erste in Alabama sein.

Wie Bryant die Partie seiner Crimson Tide gegen alle Widerstände im Athletic-Department durchbrachte, schildert die Football-Doku „Against the Tide“ (Gegen den Strom). Alabama vs USC wurde für September 1970 angesetzt.

USC marschierte als Anwärter auf die Landesmeisterschaft auf, mit einem schwarzen QB Jimmy Jones und zwei schwarzen Star-Runningbacks Sam Cunningham und Clarence Davis. USC dominierte die Partie, spielte Alabama vor schockiertem Publikum an die Wand.

USC siegte 42-21. Bear Bryant war besiegt, und doch muss er innerlich triumphiert haben. Er hatte sein „Ziel“ erreicht. Diejenigen seiner Spieler, die noch heute leben, schwören, dass nach dem Spiel ein grinsender Bear Bryant beim Handshake McKay ins Ohr geflüstert hat Danke, mein Freund.

Im Frühjahr darauf nahmen die Alabama Crimson Tide ihren ersten schwarzen Spieler in den Kader auf.

3 thoughts on “Gegen den Strom

  1. Klasse Artikel. Gerade solche historischen Abrisse, teilweise über mir fast völlig unbekannte Dinge, machen den Sideline Reporter so lesenswert. Weiter so!

  2. Wie auch schon der letzte Artikel mit der Thematik. Top. Vielen Dank.

    Gibt es da noch weiterführende Artikel/Berichte, die du empfehlen kannst?

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