US-Football: Die Hitliste 2015

Kurzer Rückblick auf die prägenden Footballspiele des Jahres 2015. Es war ein Jahr mit starken NFL-Playoffs. Es war ein Jahr mit einer überwiegend schwachen Regular Season in der NFL, die vor allem im 19h-Slot kaum ansehnliche Spiele fabriziert hat. Dafür waren bei den Spätschicht- und Nachtspielen einige Kracher dabei.

College Football glänzte mit einer Latte an Freak-Finals. Die extremsten Enden gab es bei Duke – Miami, bei Michigan – Michigan State und bei Georgia Tech – FSU. Einprägsamer Moment im College-Football war auch der sensationell zähe 22-Play Siegdrive von Michigan State im Big-Ten Finale gegen Iowa, dem jeglicher Esprit abging, aber wer braucht Esprit, wenn am Ende der Touchdown zur Qualifikation für die Playoffs steht?

Aber kann ein Freak-Finish allein eine Partie wirklich ins oberste Echolon des Jahres heben?

Oder zählen noch andere Werte? Ein großes Comeback? Ein hoher Preis? Ein sauberes Spiel? Drama?

Das Jahr, das mit einer wunderschönen Fiesta Bowl Baylor – Michigan State begann, hat viele denkwürdige Spiele gebracht. Wir haben „Michigan State“ nun schon mehrfach gehört. Die Hitliste kommt ohne Spartans aus, leider. Denn es gab zehn Partien, deren Stempel dieses Jahr noch eine Spur deutlicher trägt.

#10 TCU Horned Frogs – Texas Tech Red Raiders

Shootout des Jahres.

#9 Green Bay Packers – Detroit Lions

Hail Mary Time.

Eines der Themen, über das ich nicht müde werde zu schreiben, ist das Thema Zufall. Die NFL ist so knapp, dass zirka die Hälfte der Spiele am Ende des Tages durch rechte Kleinigkeiten entschieden werden. Keine Kleinigkeit ist kleiner und dennoch krasser als die Hail-Mary, der ultimative Bounce.

Green Bay gegen Detroit war ein frustrierendes Spiel, weil die absolut dominante Mannschaft aus reiner Faulheit nach einem Viertel das Spielen einstellte. Nur deshalb konnte es zu einem Freak-Finish kommen, das über die Saisongrenzen hinaus in Erinnerung bleiben wird.

Detroit hatte trotz aller Probleme das Spiel gewonnen. Die Uhr war auf 0:00, der Gegner nahe der eigenen Redzone gestoppt. Nur durch eine umstrittene Strafe gegen die Defense kam es zu einem Zusatz-Down, ein so genanntes untimed down, ein Snap tief aus der eigenen Hälfte.

Es folgte eine Hail-Mary mit einer derart atemberaubenden Flugkurve, dass sie um ein Haar mit dem Dach des Stadions in Detroit kollidiert wäre. Die Offense fing den Verzweiflungspass, der um ein Haar niemals zustande gekommen wären. Und plötzlich gewinnt entgegen allen Wetten die „andere“ Mannschaft.

#8 Arizona Cardinals – Cincinnati Bengals

Schönstes Spiel der Regular Season 2015.

In einer überwiegend schlampigen Regular Season 2015 war die Partie zwischen Cardinals und Bengals das herausragende sportliche Ereignis. Ein 34-31 der ganz feinen Sorte mit zwei Mannschaften, die als legitime Superbowl-Kandidaten gelten müssen (sofern Andy Dalton mit heilem Daumen spielt).

#7 Dallas Cowboys – Detroit Lions

Die aufgehobene Flagge.

Ende eines Zyklus.  Abschied von Suh. Herzbruch. Dabei wäre es so sehr machbar gewesen. Es folgte die Serie „Mein Leid ist dein Leid“:

Lions verlieren den Herzensbrecher gegen Dallas.
Dallas verliert den Herzensbrecher gegen Green Bay.
Green Bay verliert den Herzensbrecher gegen Seattle.
Seattle verliert den Herzensbrecher gegen New England.

#6 Green Bay Packers – Dallas Cowboys

Dez Bryant.

Green Bay und Dallas ist NFL in Reinform. Ein Glück, dass es in diesem Jahr eine Playoff-Ansetzung war – und noch besser: Eine Playoff-Ansetzung im Lambeau Field, dem berühmtesten aller NFL-Stadien. Diese mitreißende Partie wurde am Ende geprägt von einem einzigen Spielzug: Pass für WR Dez Bryant.

4th Down und 2 Yards to go. Receiver steigt hoch, fängt einen unmöglichen Ball zwei Meter vor der Endzone an der Seitenlinie. Receiver auf dem Weg zu Boden. Ball springt raus. Catch-Regel in der NFL sagt „nein“.

Alle Verschwörungstheorien von wegen „NFL bevorteilt Jerry Jones“ laufen ins Leere. Packers marschieren ins Semifinale.

#5 TCU Horned Frogs – Baylor Bears

Go Routes in der Schlammschlacht.

Das Wetter ist ein zentraler Bestandteil des American Football, der nicht wie ein Baseball bei drei Regentropfen seine Partie verschiebt. Wo nicht wie bei den Skifahrern wegen Winden abgesagt wird weil die #4 im Vergleich zur #17 benachteiligt ist. Wo auch Wolkenbruch und tiefer Boden kein Problem abhalten. Football wird nur bei Blitzgefahr verschoben – Helme mit Stahlgittern tun das Ihrige dazu.

Bei TCU vs Baylor hatten wir kein Gewitter, aber kübelartige Regengüsse und stürmische Windböen sorgten für entsprechendes Ambiente.

Und ich werde nie, nie vergessen, wie Baylor auf das Wetter antwortete: Lass uns Go-Routen in den Wind werfen. Das ist der ultimative Stinkefinger für den Wettergott. Der antwortete mit noch mehr Wind und noch zickigeren Böen – und er gewann.

TCU und Baylor vereinten zwei der besten Offenses des Landes, und beide kämpften gemeinsam gegen Sankt Petrus. Und beide mussten gemeinsam klein beigeben. TCU vs Baylor mutierte nach Ende des ersten Viertels zu einem Punt-Festival der grausamsten Sorte.

Das Endergebnis? Interessiert keine Sau. Das, was von diesem Spiel bleibt, ist nicht das Ergebnis, sondern die Erinnerung, dass an jenem Black-Friday den beiden besten Offenses im Lande der Zahn gezogen wurde. Nicht von der Defense. Sondern vom Wetter.

#4 Stanford Cardinal – Notre Dame Fighting Irish

College-Fight des Jahres.

#3 New England Patriots – Baltimore Ravens

Ravens-Schreck besiegt.

Ich habe nie an die Story geglaubt, dass die Ravens sich für die Playoffs besonders zusammenreißen und gerade dort am besten sind. 2012/13 hatten sie ihren Superbowl-Run aus unwahrscheinlicher Ausgangslage, yup. Aber davor und danach war es eine Geschichte des Scheiterns.

2008 im Halbfinale. 2009 chancenlos im Viertelfinale gegen schlagbare Colts. 2010 der Kollaps im Viertelfinale gegen Pittsburgh. 2011 das Fieldgoal-Fehlkick im Semifinale. 2013 hochkantes Verpassen der Playoffs mit hohen Niederlagen.

2014 spielte sich eine rundum solide Ravens-Mannschaft als 6ter Seed in die Playoffs, wo man nach einem Upset in Pittsburgh als ausgemachter „Favoritenschreck“ nach New England reiste. Es wurde ein famoser, enger Fight. Baltimore führte zweimal mit zwei Touchdowns. New England konterte beide Male, unter anderem mit tiefen Griffen in die Trickkiste.

Belichick kramte den eligible-Receiver aus dem Regelbuch und ließ WR Edelman einen 50yds-TD werfen um die Ravens in die Knie zu zwingen. 35-31, letzter Drive, und die Ravens marschieren gerade recht Richtung Endzone, als QB Flacco ohne Not sehr früh auf den Touchdown geht.

Unterworfener Ball, Interception Duane Harmon. Ravens scheitern unnötig. Mal wieder.

#2 Seattle Seahawks – Green Bay Packers

Armageddon in Seattle.

Besagtes Viertelfinale der Patriots wurde noch einmal getoppt vom NFC-Finale Seattle vs Green Bay eine Woche darauf. Der Plot: Ein schwer angeschlagener QB Rodgers führt seine waidwunde Packers-Defense beim Titelverteidiger zur möglichen Sensation.

Die Partie wird mir aus zweierlei Gründen in Erinnerung bleiben: Einmal, wie Packers-Headcoach Mike McCarthy die erste Halbzeit vercoachte. Und zweimal, wie Seattle das unvermeidliche Comeback durchzog. Take the points ist fast immer eine schlechte Strategie, zumal auswärts als Außenseiter, wenn du x-mal die Chance beim 4th/1 oder 4th/0.5 an der gegnerischen Endzone hast. Fieldgoals schießen mag Punkte bringen, aber in einer NFL 2015 bringt es nicht ausreichend Punkte. Nicht, wenn die Touchdowns so nahe sind.

Green Bay ging mit viel zu knapper Führung in die Pause. Seattle wurde künstlich am Leben erhalten. Nach der Pause reagierte Seahawks-Coach Carroll mit aggressiven Calls wie einem FG-Fake zum Touchdown. Green Bay hätte die Partie trotzdem fast über die Bühne gebracht, ehe in den letzten Minuten die Hölle ausbrach.

Seattle mit dem Anschluss-TD. Seattle mit dem Onside-Kick, der dem gegnerischen Tight End durch die Finger flutschte. Seattle mit dem Touchdown zur Führung. Green Bay mit einem Verzweiflungs-Comeback in der letzten Sekunde zur Overtime.

Dort gewann Seattle den Münzwurf und marschierte. Der Drive endete im 38yds-Touchdown ausgerechnet zu WR Kearse. Gleich vier Pässe für Kearse hatten im laufenden Spiel zu Interceptions gegen Russell Wilson geführt. Kearse revanchierte sich mit dem entscheidenden TD. Die vielen Seahawks-Fans, die das Stadion bereits im vierten Viertel verlassen hatten, bekamen das Comeback nur noch vom Hörensagen am Eingangstor mit.

Großartiges NFC-Finale, aber zu schwach für das ultimative Spiel von 2015. Welches das war, sollte keine Überraschung sein.

#1 Super Bowl 2015

Spiel des Jahrhunderts.

Wir brauchen nicht lange um den heißen Brei herumzudiskutieren: Die Super Bowl 2015 läuft trotz starker Konkurrenz in einer eigenen Liga. Ich dachte mir bereits vor Einbruch der letzten zwei Minuten immer und immer wieder: Das ist ein episches Spiel.

Ein Fight, in dem die Dynastie Belichick nach zehn Jahren knappen Scheiterns gegen die mögliche Dynastie Carroll anrannte. Zweimal in Führung ging. Die Führung wieder verlor, durch einen Monster-Call 2 Sekunden vor der Halbzeit.

In der Seattle die Kontrolle übernahm und die Patriots an die Wand spielte. In der die Legende Brady die Kontrolle zurückholte und zwei rattenscharfe Drives zum neuerlichen Führungswechsel im letzten Viertel das Spielfeld hinuntertrieb.

Ich dachte mir schon dann: Wow.

Ich hatte keine Ahnung.

Erst dann kam die letzte Minute. Der Kearse-Catch, ein unmögliches Ding im größten Spiel des Jahres, im größten Moment des Jahres. Ein Catch, der isoliert betrachtet an Momentum kaum zu überbieten ist. Der noch monströser wird, wenn du ihn in einen Kontext mit Tyree und Manningham und der Historie des Scheiterns der Patriots setzt.

Es war der größte Moment des Jahres. Bis ein noch größerer folgte.

Der nächste Snap ging an Marshawn Lynch, das Symbolbild schlechthin für den Aufschwung der einstigen grauen Maus Seattle. Lynch über links, Tackle Hightower in höchster Not.

Und dann tickten die Sekunden. Und Belichick zauderte, verzichtet auf die Timeouts. Eine quälend lange halbe Minute, Kameras schwenken vom Spielfeld auf Belichick auf Carroll, verdutzte Reporter fragen sich nach dem Timeout, das längst kommen musste. Eine halbe Minute, in der gedanklich alle Bilder von 2012 wieder ablaufen – als Belichick die Giants scoren ließ in einem der mutigsten Calls ever. Der einen Makel hatte: Er kam zu spät.

Geschichte wiederholt sich doppelt. Tyree/Manningham/Kearse. Und dann Belichick und die finalen Sekunden.

Der bizarrste Moment des Jahres. Bis die Steigerung folgte.

Die Butler-Interception wird niemals vergessen werden. Mir fällt kein vergleichbar antiklimatisches Ende aus keiner Sportart ein. Es war alles gerichtet für ein weiteres Scheitern der Partriots. Es endete im totalen Triumph.

Es war nicht der schlechteste Call ever. Es war bloß keine ideale Taktik. Aber es war eine nachvollziehbare Taktik vom Trainerstab in Seattle. Sie hatte bloß den schlechtesten Ausgang, den man sich jemals vorstellen kann.

Oder den besten, je nachdem auf welcher Seite man sich befand.

Die größte Dynastie unserer Zeit holte damit den überfälligen vierten Ring.

Die prägende Mannschaft unserer Zeit klatschte bedröpptelt Beifall.

5 thoughts on “US-Football: Die Hitliste 2015

  1. Sehr schöne Aufstellung . Plätze kann man wie immer debattieren, aber alles gehört zu den Top Erlebnissen für den TV Football Konsumenten dieses Jahr.

  2. „Ich dachte mir schon dann: Wow.

    Ich hatte keine Ahnung.“

    Das heißt was 😉 wie immer beste Football-Kost! Always a pleasure.

  3. Die größte Dynastie…“
    Ich würde die Patriots nicht als die größte Dynastie unserer Zeit bezeichnen, denn mit den San Antonio Spurs und evtl. noch den Chicago Blackhawks haben wir zwei weitere Kandidaten, die diese Bezeichnung genauso verdient hätten wie die Patriots.

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