Orange Bowl 2015 Preview: #1 Clemson Tigers – #4 Oklahoma Sooners

Das College Football Halbfinale 2015/16 wird heuer am Silvesterabend über die Bühne gehen. Europäischer Zeit wird das erste Spiel am 31.12. um 22h angepfiffen, das zweite um 02h morgens. Es gibt glücklichere Zeiten. Trotzdem lass ich mich nicht um eine ausführliche Vorschau auf diese Semifinals lumpen. Heute: #1 Clemson Tigers (13-0) aus der ACC gegen den Big-12 Champion #4 Oklahoma Sooners (11-1) – Orange Bowl, 31.12. um 22h aus Miami/FL, live bei SPORT1 US.


Die beiden Mannschaften eint, ob fair oder nicht, das Image des ewigen Zweiten. Die Clemson University holte zwar mal in den 1980er Jahren einen Landesmeistertitel, verlor aber in den Folgejahren immer mal wieder trotz guter Spielerkader die eine oder andere Partie gegen ein nominell unterlegenes Team, und so hat sich über die Zeit der Begriff vom „Clemsoning“ im Jargon des College Football eingenistet, quasi das Vizekusten-Syndrom übertragen auf den US-Sport.

Auch die Oklahoma Sooners gelten als Team, das dir erst einmal das Wasser im Mund zusammen laufen lässt und Begierde weckt, aber immer wieder knapp vor dem großen Titel scheitert. Dieses Bild hat sich vor allem gefestigt, seit Head Coach Bob Stoops vor 15 Jahren das Kommando übernommen hat. Stoops gewann zwar in seiner allerersten Saison den Landesmeistertitel und holt in jedem zweiten Jahr den Conference-Titel, aber in Erinnerung sind vielen Menschen vor allem die großen Niederlagen seiner Teams geblieben.

Die Coaches

Wo es kein Vorbeischauen gibt: Stoops ist einer der großen Coaches unserer Zeit. Obwohl Oklahoma nicht die herausragenden Ressourcen einer University of Texas oder Alabama hat, spielen die Sooners immer in der Nähe der Landesmeisterschaft mit und kassieren selten mehr als drei Niederlagen.

2014 war eine Ausnahme mit einer 8-5 Saison, die mit einer verheerenden Bowl-Pleite gegen *pling* Clemson endete (6-40 Debakel). Doch Stoops wäre nicht Stoops, wäre er nicht nach der Saison in sich gegangen und hätte die richtigen Schlüsse gezogen.

Stoops heuerte mit dem 32-jährigen Lincoln Riley einen blutjungen Offensive Coordinator von der East Carolina University an, mit dem Auftrag, die Air Raid Offense in Oklahoma wieder neu zu beleben. Rileys Einstellung gilt als einer der Hauptgründe dafür, dass Oklahoma in dieser Saison phasenweise aussah wie das beste Team im College Football.

Stoops‘ Gegenüber ist Dabo Swinney, trotz mittlerweile 44 Lenzen auf dem Buckel noch immer mit einem Gesicht eines Bachelorstudenten im ersten Semester. Swinney gilt nicht als Mann, der sich in die kleinsten Details der Trainingsarbeit einmischt, sondern als Führungskraft, die es brillant versteht, einem Programm eine Richtung vorzugeben, nach der alle arbeiten.

Swinney gilt als sehr gerader Lackel. Bei ihm weißt du, wie du dran bist. Sein Recruiting kommt sehr stark über seinen Glauben. Sein christlicher Eifer stößt vielen selbst im tiefreligiösen South Carolina sauer auf, aber Swinney hat es über die Jahre trotzdem verstanden, eine halbwegs offene Kultur in Clemson zu etablieren – mehr als seine Vorgänger.

Wenn Clemson den Ball hat

Clemson und Oklahoma gelten als sehr komplette Mannschaften, bei denen es schon hohe Ansprüche braucht um echte Schwachpunkte zu identifizieren. Beide Offenses hängen zwar sehr stark an den Skills ihrer Quarterbacks, aber beide haben gutes Laufspiel zur Entlastung. Beide Defenses bauen auf wuchtige Front Seven, die Jahr für Jahr hohe Draftpicks in die NFL schickt.

Superstar in Clemson ist QB #4 Deshaun Watson, der gleichermaßen als Werfer (3512yds, 30 TD, 11 INT) wie als Läufer (954yds, 11 TD) Gefahr ausstrahlt und auch in schwierigen Momenten seine Mannschaft zu tragen imstande ist. Watson gilt als verletzungsanfällig, schaffte es in diesem Herbst aber ohne gröbere Ausfälle durch die Saison.

Watson gilt als etwas anfällig gegen Interceptions. Er ist ein Quarterback, der extrem viel Vertrauen in seine Wide Receiver steckt und daher gerne „jump balls“ in gute Deckungen wirft, optimistisch, dass die Receiver mit dem Ball runterkommen. Perfect pass beats perfect coverage.

Oklahoma stellt dem entgegen keine überragende Secondary, aber in CB #7 Jordan Thomas (6 INT) und CB #15 Zack Sanchez (5 INT) zwei sprungstarke, turnoverhungrige Manndecker, die immer für ein Big-Play gut sind.

Die Raffinesse der Clemson-Offense liegt in ihrer Vielfalt. So viel auf den Schultern von QB Watson lastet, so kann Watson die Bälle doch auf eine Vielzahl an Anspielstationen verteilen: WR #3 Artavis Scott (84 Catches, 831yds, 5 TD) ist der Mann für die kurzen Catches, aber hinter ihm hat sich in WR #8 Deon Cain (34/582/5), #19 Charone Peake (40/563/5) und TE #16 Jordan Leggett (34/442/7) eine ganze Horde an quicken Ballfängern etabliert.

Man könnte fast sagen, dass die schwere Verletzung des unumstrittenen Star-WR Mike Williams geholfen hat, die Pass-Offense zu dezentralisieren, und damit neue Dimensionen gewonnen wurden.

Clemson tritt häufig im 11-Personell an, mit einer Trips-Formation auf einer Seite und dem Runningback neben dem Quarterback im Backfield. In etwa 50% der Snaps wird geworfen. Die restlichen Snaps sind Laufspielzüge über RB #9 Wayne Gallman, der 5.5yds/Carry macht und als Brecher vor allem über die Mitte kommt.

Oklahomas Front Seven gilt als gewaltige Kraft im Pass Rush, vor allem über DE #91 Charles Tapper (7 Sacks) und OLB #19 Eric Striker (7.5 Sacks), hat aber hie und da Probleme, die A-Gaps zu kontrollieren. Wenn Gallmann ins Laufen kommt, dürfte es eine lange Nacht für die Sooners-Verteidigung werden.

Wenn Oklahoma den Ball hat

Wie schon geschrieben: Oklahoma ist Air Raid, sprich, hier wird viel Spread gespielt und der Ball ohne Scheu geworfen. Der große Trigger zum Erfolg ist QB #6 Baker Mayfield (3389yds, 35 TD, 5 INT), der auch ganz gut bei Fuß ist (582yds, 7 TD), wenn auch kein Individualist vom Schlage eines Deshaun Watson.

Mayfields Top-Receiver ist in WR #3 Sterling Shepard (79 Catches, 1201yds, 11 TD) einer der besten Prospects im Lande. Shepard ist in der Lage, Manndeckung zu schlagen. Clemson wird versuchen, vor allem CB #2 Mackensie Alexander auf Shepard anzusetzen, in einem Duell künftiger NFL-Profis, aber ganz ohne Safety-Hilfe dürfte es nicht gehen.

Und „Safety-Hilfe“ gegen den Pass bedeutet immer eine offenere Defense gegen den Lauf. Und hier kommt die große Stärke der Sooners-Offense zum Tragen: Sie besitzt nicht bloß in den WRs #11 Westbrook und #5 Neal hervorragende Komplementärs, sondern in RB #32 Samaje Perine (6.1yds/Carry, 15 TD) und RB #25 Joe Mixon (6.8yds/Carry, 7 TD) auch zwei exzellente Runningbacks, die ebenso in der Lage sind, eine Defensive Line zu überlaufen, aber auch zu umlaufen.

Die Frage ist allerdings, ob Perine und Mixon hinter einer sehr jungen Offensive Line überleben können. Clemson schickt jedes Jahr Top-Prospects aus der D-Line in die NFL, und auch heuer gibt es in DE #90 Shaq Lawson oder #98 Kevin Dodd gute Leute.

Wenn Oklahoma dieses Jahr eingebremst wurde, dann auf folgende Weise: Heftiges Blitzing und viel Druck auf die Pocket von QB Mayfield, plus Zustellen der A-Gaps gegen den Lauf. In der Theorie hat Clemson das Personal für diese Herangehensweise, aber in der Praxis sprangen dabei heuer doch zu häufig 30 Punkte und mehr für die Gegner heraus.

Ob und wie Clemson mit häufig weniger als 8 Mann in der Box in der Lage ist, den Lauf vor allem über die Mitte zu kontrollieren, wird eines der entscheidenden Kriterien. DefCoord Brent Venables, früher ein Assistent bei Oklahoma, hat hier eine schöne Denksportaufgabe zu erledigen.

Die X-Faktoren

Wie so oft: Turnovers und Feldposition. In beiden Kategorien waren die Oklahoma Sooners diese Saison um Welten besser als Clemson. Oklahoma kam mit +10 Turnovers durch die Saison, während sich Clemson trotz einer negativen Turnover-Ratio von -2 zu einer ungeschlagenen Saison retten konnte.

Das schaffst du gegen Syracuse oder Pitt in der ACC, aber nicht gegen Oklahoma im Playoff-Halbfinale. QB Watson muss sein Abzugshändchen unter Kontrolle halten, und die Offense sollte keine Fumbles verlieren.

Clemsons Special Teams gelten darüber hinaus als suspekt in der Kick- und Punt-Coverage. Das führte in Kombination mit den Turnovers dazu, dass sowohl Offense als auch Defense in Sachen Starting-Feldposition im unteren Drittel der 128 FBS-Mannschaften klassiert waren. Oklahoma? In beiden Kategorien in den Top-30. Im Quervergleich mit Clemson hatten die Sooners insgesamt 7 Yards Startvorteil pro Drive.


Die Ansetzung hat Charme. Die Advanced-Stats favorisieren die Oklahoma Sooners, aber es ist kein großer Vorteil.

Clemson gilt nach einer brandheißen ersten Saisonhälfte, aber einer eher mäßigen zweiten, als etwas schwächeres Team, aber gesegnet mit dem Quarterback, der im lichten Moment dann doch noch etwas mehr den Unterschied ausmachen kann als sein Gegenüber.

Trotzdem: Münzwurf.

3 thoughts on “Orange Bowl 2015 Preview: #1 Clemson Tigers – #4 Oklahoma Sooners

  1. Pingback: Cotton Bowl 2015 Preview: #2 Alabama Crimson Tide – #3 Michigan State Spartans | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  2. Die Kontrolle über Shepard ist sicher wichtig, aber das entscheidendere Matchup ist der Passrush von Clemson gegen die Off. Line Oklahoma. Clemson hat viele Top DL, Oklahoma eine unerfahrene OL. Wenn Clemson das Duell früh in den Griff bekommt, kann es eine lange Nacht für Baker Mayfield werden und Clemson die Kontrolle übernehmen.

    Anders gesagt: Dieses Duell ist imo das einzige, mit dem Clemson das Spiel gewinnen kann. Mayfield kann man zwar mit Blitzes in Bedrängnis bringen, aber Blitzes in der NCAA sind nicht oft so ausgereift.

    Gegenseite Watson muss die INT verhindern. Sonst ist Clemson hier verloren.

    Aber als Goodie muss man auch dazusagen, daß die Sooners noch keinen ernsthaften QB gesehen haben. TCU und Baylor haben alle mit Backups gespielt. Da ist Watson ein Kulturschock dageegen.

  3. Es war ein wirklich unterhaltsames, gutes Spiel beider Teams, zumindest bis zur Halbzeit. Von Anfang an, trotz einem 1 Punkte Rückstand von Clemson bis zum Pausengang, war mein Eindruck der, dass die Tigers die Gangart und die Oberhand über das Game bestimmten und die Sooners nur auf Aussetzer hoffen konnten.
    Alabama wird auf einen heißen Herausforderer treffen und es wird mit Sicherheit ein spezielles Endspiel werden.

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