Cotton Bowl 2015 Preview: #2 Alabama Crimson Tide – #3 Michigan State Spartans

Das erste Playoffhalbfinale, die Orange Bowl zwischen Clemson und Oklahoma, ist ein Duell zweier ähnlich gepolter Spread-Mannschaften. Die Vorschau dazu habe ich bereits am Dienstag geschrieben.

Heute kümmern wir uns um das andere Halbfinale, die Cotton Bowl Classic, zwischen dem SEC-Gewinner #2 Alabama Crimson Tide (12-1) und dem Big-Ten Champ #3 Michigan State Spartans (12-1). Hier treffen zwei eher bodenständige Mannschaften aufeinander.

Die Kontrahenten

Die offensichtliche Verbindung zwischen Alabama und Michigan State ist die Personalie Nick Saban. Saban war in den 1990ern Head Coach bei Michigan State und schaffte es als solcher, die kleinen Spartans zumindest in die gute Mittelschicht des College Football zu führen, ehe er in die SEC wechselte und zu dem Monstrum „Nick Saban“ wurde, als das er heute wahrgenommen wird.

Der Defensive-Backs Coach in jenem Trainerstab Sabans bei den Spartans war Mark Dantonio, heute der Head Coach in East Lansing. Dantonio hat die Michigan State Spartans in den letzten zehn Jahren zu ungekannten Höhen geführt.

Der leise Dantonio ist eine der am meisten respektierten Gestalten im gegenwärtigen US-Collegesport. In rasanten Zeiten des ständigen Wandels gilt er als stabilisierende Kraft. Dass im unmittelbaren Umfeld der Universität mit Ohio State, Michigan und Notre Dame gleich drei schlafende Riesen am Erwachen sind, macht einen Dantonio nicht nervös.

Er weiß um die Limits des „kleinen Bruders“ Michigan State, der auf dem lokalen und nationalen Radar trotz mehrerer Top-5 Saisons noch immer nicht richtig ernst genommen wird.

Dantonio gilt als Vaterfigur für seine Spieler. Sein Scouting richtet sich nicht nach Stars, sondern nach Bindung seiner Spieler. Einen Freipass hat in seinem Kader niemand. Konkurrenzkampf zwischen 90 mittelklassigen Talenten und oft drei bis vier Jahre Einlernzeit im System sollen den Mangel an 5-Star Recruits kompensieren.

Dantonio bildet gemeinsam mit dem Basketball-Coach von Michigan State, Tom Izzo, und dem innovationsgetriebenen Athletic-Director Mark Hollis eine Dreifaltigkeit, auf die man im kompletten Universitätssport neidisch ist. Keine Sportabteilung arbeitet dermaßen konsequent und homogen auf das eine Ziel zu: Michigan State trotz übermächtiger Konkurrenz zu einem erfolgreichen Produkt zu machen.


Für den heutigen Gegner Alabama wäre „erfolgreich“ ein Understatement. In der Ära Saban, die nun auch schon neun Jahre andauert, hat sich Alabama zu dem dominierenden Footballprogramm in der FBS entwickelt, mit drei Landesmeistertiteln (2009, 2011, 2012) und etlichen weiteren Top-10 Finishes.

Alabama brilliert unter Saban vor allem im Recruiting, wodurch die Spielerkader von Crimson Tide jahrein, jahraus die besten und tiefsten im Lande sind. Die Anziehung der „Marke“ Alabama in Kombination mit einem ausgefeilten Scouting-Netzwerk machen Tuscaloosa zur gegenwärtigen Hauptstadt des College Football.

Wenn Alabama den Ball hat

Diese überlegenen Spielerkader ermöglichen es dem Trainerstab, sich fernab von speziell verwinkulierten Spielsystemen auf die Basics zu konzentrieren: Rohe Athletik und das Coaching perfekter Ausführungsqualität sind der Fokus, große Innovationen wie Read-Option oder Air-Raid kennt man in Alabama nicht.

Gewiss, in der Offense wird unter OffCoord Lane Kiffin in den letzten Jahren hie und da mit etwas Spread experimentiert – aber im Kern ist Alabama folgendes:

  • Gewaltige Offense Line, die in Bälde wieder mehrere Picks in den ersten beiden Runden in die NFL schicken wird
  • Laufspiel über RB Derrick Henry, den Heisman-Trophy Gewinner mit 1936 Yards aus 339 Carries (5.9 YPC) und 23 Touchdowns.
  • Passspiel nur dann, wenn es sein muss über QB Jake Coker (222/338 für 2489yds, 17 TD, 8 INT).

Der Fokus der Offense liegt nicht auf Explosivität, sondern auf Beständigkeit und Effizienz. Punkteexplosionen sind eher selten und kommen wenn, dann erst im letzten Viertel zu tragen.

Schlüssel jeder Defense gegen Alabama muss es sein, der Offense die Komponente „Laufspiel“ zu nehmen und Alabama zu zwingen, QB Coker zum Werfen zu zwingen. Das ist schwierig genug. Henry mag kein Superstar-Back für die 1te Runde NFL-Draft sein, aber Henry ist ein harter Knochen, ausdauernd, und auch nach dem 30ten Carry hinter dieser überlegenen Line noch nicht auspowert.

Zufällig ist allerdings genau die Run-Defense die Stärke der Michigan State Defense. Um Leute wie DE Shilique Calhoun oder LB Riley Bullough wurden heuer schon Offenses wie Ohio State komplett abgewürgt. Michigan State hat in der Tiefe jedoch nicht mehr die Qualität vergangener Jahre – und so haben viele Angst, dass diese Front Seven spätestens im Schlussviertel unter der Last von 40, 50 Laufspielzügen von Alabama einbrechen wird.

Und ein kompletter Idiot ist auch QB Coker nicht. In der einzigen Partie, in der Coker in diesem Jahr gefordert wurde (vs Arkansas), zeigte Coker Eier, rettete eine schwierige Partie und brachte im Zuge dieser auch eine Latte an schwierigen Bällen an den Mann. Gegen die komplett ausgedünnte Secondary der Spartans könnte sich das Szenario im Zweifelsfall wiederholen.

Wenn Michigan State den Ball hat

Solange Mark Dantonio in East Lansing die Zügel in der Hand hat, wird er versuchen, eine lauforientierte Offense zu spielen. Das ist das, was ich eingangs mit „bodenständig“ meinte, wenn ich über die beiden Mannschaften schreibe.

Dabei kam das Laufspiel in der Saison 2015 erst ganz spät – irgendwann im November – „ins laufen“ und brachte über 4.5yds/Carry zustande. Bis dahin wurde die komplette Offense im Prinzip von einem Mann getragen: QB Connor Cook, einem typischen Dantonio-Schüler. Cook kam ohne Hype als third stringer in den Kader und biss sich über die Jahre von ganz unten nach oben durch.

Cook gilt als extrem selbstsicher mit einem Hang zur Arroganz, aber auf dem Campus ist er unisono akzeptiert, weil er trotz bestenfalls durchschnittlichem Talent mittlerweile soweit gekommen ist, dass ihn manche Draft-Scouts in die 1te Runde schreiben wollen.

Cook ist kein mobiler Mann (31 Scrambles für 168yds), hat in fittem Zustand aber eine Kanone von Arm mit tödlicher Präzision: 210/369 für 2921yds, 24 TD und 5 INT. Okay, wirst du denken: 57% Completion Rate und der Depp schreibst von „tödlicher Präzision“?

Die Antwort ist: Man muss die Zahlen in Relation zu dem setzen, was vom Quarterback verlangt wird. Und von Cook wird sehr viel verlangt: Weil die Spartans so häufig im ersten und zweiten Down in eine Mauer rennen, sieht sich Connor Cook extrem häufig langen 3rd Downs ausgesetzt. Er hat geliefert: 2015 brachte er 49/75 von 3rd Downs und mehr als 7yds to go an den Mann – für 749yds, 6 TD und 1 INT.

Gegen Alabamas monströse Defensive Line kannst du eh nicht laufen (jedes Jahr #1 gegen den Lauf), also wird Cook wie gewohnt viel Last tragen müssen. Die Krux: Auch Alabamas Pass-Defense ist eine Top-3 Unit, und Cook hat seit vielen Wochen Probleme mit seiner Schulter.

Gegen Ohio State musste er komplett draußen sitzen, im Big Ten Finale waren seine Würfe mehr als wackelig. Sollte heute nur ein 80%iger Cook auflaufen, hat Michigan State keine Chance.

Läuft jedoch ein 100%iger Cook auf, ist nicht auszuschließen, dass Leute wie WR Aaron Burbridge (80 Catches, 1219yds, 7 TD) oder WR Macgarrett Kings jr (38 Catches, 492yds, 5 TD) zumindest für einige Drives auftrumpfen. Die Frage ist dann: Ist „einige Drives“ genug um ausreichend Punkte zu erzielen?

Ausblick

Trotzdem: Es hat einen Grund, dass Alabama als Favorit mit 9.5 Punkten in die Partie geht. Alabama ist deutlich tiefer besetzt als der Gegner, und wenn der Bama-Speed auf die eher trägen Spartans trifft, geht das vielleicht ein Viertel, oder zwei Viertel lang gut. Aber irgendwann wird die Gegenwehr nachlassen, die Defensive Line brüchig, und RB Henry wird zu seinen langen Läufen ansetzen.

Michigan States größte Hoffnung dürfte das Erzwingen des einen oder anderen Turnovers sein – mit dem Erspielen einer Führung stehen die Chancen besser, Alabamas Angriff passlastiger zu machen. Aber so viele Turnovers Michigan State 2015 hatte: Du kannst dich nie darauf verlassen, dass sie dir in diesem einen speziellen Spiel gelingen.

Realistisch gesehen also ist Alabama der klare Favorit. Ich erwarte allerdings keinen Blowout. Ich erwarte eine zähe Partie, die sich irgendwo im Range von 20-13 pro Alabama bewegen wird.


Diese Cotton Bowl gibt es in der Nacht ab 2h live im ESPN-Player und bei SPORT1 US.


Schon ab 18h überträgt SPORT1 US live die Peach Bowl aus Atlanta: #9 Florida State Seminoles (10-2) vs #18 Houston Cougars (12-1). In dieser Partie ist der Schlüssel die Motivation von FSU: Laufen die Seminoles mit Begeisterung auf, hat Houston keine Chance. Lassen die Seminoles allerdings die Zügel schleifen, weil man gegen den Dorfclub Houston keine Lust hat, kann es hingegen ein enges Spiel werden.

One thought on “Cotton Bowl 2015 Preview: #2 Alabama Crimson Tide – #3 Michigan State Spartans

  1. Topp! Sehe ich ähnlich, die Spartans haben nur mit Turnovers eine Chance. Die sind natürlich nie ganz auszuschließen😉

    Schade, daß die Bowl Comittees so fokussiert auf die Eigeninteressen waren und die Semis in der Silvesternacht stattfinden. Das sorgt auch in den USA für Kritik am System, aber solange bei Rose und Sugar der Rubel rollt, wird sich nix ändern. Das heißt die nächsten 11 Jahre nix…

    Schade wirklich. Vor allem für uns Europäer.

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