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NFL Power Ranking 2015/16, Week 17 | Regression zum Mittelmaß

Jedes Jahr wieder einer meiner liebsten Einträge: Der Season-Report zum Abschluss der Regular Season. Es war die zäheste Regular Season, die ich in meiner NFL-Zeit bislang erlebt habe, und das liegt ausdrücklich nicht an irgendwas anderem als der NFL selbst.

Als ich die Saison 2014 analysiert habe, war auffällig, dass 2014 „anders“ war: Weniger enge Spiele, krassere Streuung der Siegbilanzen, schlicht und einfach weniger Zufall im Spiel. Ich fragte mich damals, ob 2014 einen neuen Trend einläutete, oder ob es bloß ein einmaliger Ausreißer war. Nun denn…


Close Games – Wir hatten letztes Jahr nur 98 Spiele innerhalb von 7 Punkten. NFL-Schnitt in den Jahren zuvor war stets rund 125 gewesen, also zirka die Hälfte der Regular Season, die innerhalb von einem Touchdown entschieden wurde. In diesem Jahr erlebten wir nicht bloß Regression zur Mitte, sondern ganz neue Dimensionen: 131 Partien, die von maximal sieben Punkten entschieden wurden, 140 Spiele innerhalb von 8 Punkten, was man dank 2pts-Conversion etwas großzügig auch noch als „1 Score Game“ auslegen kann.

Jahr  8pts   7pts
2015  140    131
2014  110    98  
2013  131    123
2012  131    120
2011  132    125
2010  131    121

Mehr als die Hälfte der Partien innerhalb eines einzigen Scores. Wie sieht es mit der Verteilung der Sieg-Bilanzen aus?


Zufalls-Report – In einer rein zufällig verteilten Footballliga (Gauss-Verteilung) sähen wir eine Varianz von 0.125^2 in den Siegbilanzen (8-8 ist z.B. .500, 12-4 wäre ergo .750 usw.). Die NFL-Saison 2015 hatte eine Varianz von 0.188^2. Dass die Varianz einer realen Liga höher ist als jene einer theoretischen, ist klar, schließlich erleben wir nicht bloß puren Zufall, sondern es ist schon auch Talent und Kompetenz im Spiel.

Wir können aber abschätzen, wie viel der Zufall trotzdem noch im Spiel bleibt. Und zwar so:

VAR (Zufallsliga) / VAR (reale NFL) = 0.125^2 / 0.188^2 = 0.444 = 44.4%

Das heißt, dass 2015 satte 44.4% der Siegbilanzen der Mannschaften mit dem Zufall erklärt werden können. Das ist mehr als in den vergangenen Jahren [2012][2013], als wir stets um die 42% lagen, und das ist viel mehr als 2014, wo mit nur bei 39.7% lagen.


Gehen wir noch einen Schritt weiter: Bis wann halten sich Zufall und Können die Waage, ab wann übernimmt dann das Können das Kommando? Die Rechnung ist simpel:

VAR (Zufall-vs-Können) = VAR (reale NFL) – VAR (Zufallsliga) = 0.140^2

Am Punkt r=0.50 halten sich Zufall und Können die Waage. Dieser Punkt ist erreicht nach zirka 12.5 Spielen: WURZEL(0.5*0.5/12.7) = 0.140. In anderen Worten: Erst ab dem 13ten Spieltag übernimmt in der NFL 2015 das Können wirklich die Überhand über den Zufall.

So ist das Leben in einer Liga, die per Design darauf getrimmt ist, dass jede Mannschaft in jedem Jahr von Neuem die Chance hat, als Contender aufzutreten. In der Draft und Salary-Cap fast schon sozialistisch anmutende Verteilung der Mittel ermöglichen. In der auch bei 32 Teams mittlerweile ein Athletenpool vorhanden ist, der allzu starkes Abfallen vom besten zum 1800t-besten Spieler verhindert.

Ist Durchschnitt = Mittelmaß?

2014 war kein Trend weg vom Zufall. 2014 war ein Ausreißer. 2015 ist viel eher die Norm. Eine Norm, die die NFL anstrebt: Alle sind gleich gut, viele knappe Spiele, die Versager haben morgen die nächste realistische Chance. Die NFL verdient Millionen und Milliarden mit diesem System.

Die Liga ist attraktiv, weil die Spiele eng sind. Jede Fan-Base ist interessiert, weil auch die Browns nach zehn Jahren Gurkentum über Nacht zu einem Playoffkandidaten werden kann.

Ich liebe die NFL. Ich liebe den Zufall. Aber ich frage mich seit dieser Saison auch, ob das Trimmen auf Gleichheit überhaupt so gut ist. Denn der Grad zwischen „Chancengleichheit“ und „Mittelmaß“ ist schmal, wie schon die New York Times bemerkte. Oder anders: Das Fehlen von wirklich dominanten Teams, oder auch nur von wirklich kompletten Teams, verwässert zunehmend die Qualität in der NFL. Denn der Durchschnitt regiert die Welt.

Noch nie ist mir so eklatant aufgefallen, wie schlampig der NFL-Football gespielt wird. Der gelbe Flaggenwurf ist bei mir mittlerweile ebenso verhasst wie der schlampige Tackle oder der unbedrängte Wurf ins Nichts. Nie fiel es mir leichter, schon nach einem Sonntagabendspiel ins Bett zu gehen, weil eh nichts mehr Schlaues kommen wird. Weil eh nur Mittelmaß gegen Mittelmaß antreten wird.

Die NFL entwickelt sich damit quasi zum Gegenstück zum Weltfußball, der gerade von Mannschaften wie Bayern oder Barcelona „kaputt“ (Anführungszeichen mit Absicht gesetzt) gemacht wird. Diese Mannschaften spielen so perfekt, dass du im Prinzip mit jeder anderen Fußballkost nicht mehr zufrieden bist.

In der NFL würde dich im heutigen Tag schon eine einzige sauber durchgespielte Partie zu Jubelstürmen verleiten. Zu hohe Ansprüche? Folgen der Wohlstandsgesellschaft, die mit nix mehr zufrieden ist? Vielleicht. Aber ich überlege gerade zum ersten Mal, ob ich den NFL-Trend „Regression zur Mitte“ noch so überragend finde wie bisher. Denn „Regression zur Mitte“ führt zunehmend zu „Mittelmäßigkeit“.

Auf der anderen Seite: Das Qualifikationsturnier „Regular Season“ ist nun durch. Wie wir gleich sehen werden, stehen trotz aller Zufälle und Würfelspiele 11 der 13 besten Mannschaften der Saison in den Playoffs – und die Playoffs sind noch immer das Kronjuwel der NFL.

Denn ab jetzt geht es um die Wurst.

NFL Power Ranking

NFL Power Ranking 2015, Week 17.png

Und so liest sich das ganze: Die erste Sektion (WP | E16) beschreibt die Stärke der jeweiligen Mannschaft. WP entspricht der Siegchance der jeweiligen Franchise gegen eine standardisierte, durchschnittliche NFL-Franchise, E16 ist WP hochgerechnet auf 16 Spiele (WP*16 = E16). Die zweite Sektion (SOS | Rs) beschreibt die Stärke des Schedules und die Platzierung des Schedules. OFF ist die Platzierung der Offense, DEF die Platzierung der Defense. LW ist die Platzierung der entsprechenden Mannschaften in der letzten Woche.

Hier weitere erklärende Grafiken mit den Statistiken hinter dem Power-Ranking und weiteren Zahlen. Bitte durchwühlen:

Sieg-Wahrscheinlichkeiten für das Wildcard-Weekend

7-9 Bilanz für das Power-Ranking in der letzten Woche, die aufgrund diverser Konstellationen wie Aufstellen von zweiten Garnituren traditionell schwierig zu prognostizieren ist. Das Power-Ranking schließt die Regular Season damit mit 115-78 korrekten Tipps ab. Das entspricht 60%, ist also niedriger als in den vergangenen Jahren. Das reiht sich jedoch auch in die obige Diskussion ein, dass in dieser Saison mehr Zufall im Spiel war als gewohnt.

Im Vergleich zum Beispiel zum ESPN FPI (Football Power Index) schließt das Ranking nicht so schlecht ab. Das FPI hat eine ähnliche Grundlage, arbeitet aber mit deutlich sophistischeren Mitteln, inkludiert Special Teams und berücksichtigt Verletzungen von Quarterbacks.

Gegen den Spread schloss das Power-Ranking dagegen überraschend gut ab: 7-8-1 in der letzten Woche, 107-81-5 über die komplette Saison. Das sind 57% Richtigkeit. Das ist nahe dran an Geldverdienen. Nur fünf Online-Rankings schnitten im Vergleich besser ab.


Für das Wildcard-Weekend fällt auf, dass dreimal die Auswärtsmannschaften favorisiert werden, allerdings nicht die drei gleichen wie nach Wettbüros.

  • HOU-KC = deckt sich mit dem Common Sense. Vegas-Spread: KC -3.
  • CIN-PIT = hier gilt gemeinhin eher Pittsburgh als Favorit. Steelers haben Cincinnati mittlerweile im Ranking überholt, aber Cincinnati ist dank Heimvorteil leichter Favorit. Vegas-Spread: PIT -2.5.
  • MIN-SEA = deckt sich mit dem Common-Sense. Vegas-Spread: SEA -5.5.
  • WAS-GB = Green Bay minimaler Favorit laut Power-Ranking. Die Öffentlichkeit scheint hier gespalten zu sein. Nach Vegas ist Washington Favorit: WAS -1.

NFL Wahrscheinlichkeiten Wildcards 2015.png

11 thoughts on “NFL Power Ranking 2015/16, Week 17 | Regression zum Mittelmaß

  1. Durchschnitt führt definitiv zu Mittelmaß und das ist der Grund, wieso ich die komplette Parity in der NFL schon lange nicht mehr begrüße. Aber was willst du machen, die Ratings schnellen nach oben weil es immer spannend ist und die die heute gute Arbeit machen sind gezwungen auch morgen gute Arbeit zu machen weil die Konkurrenz für ihre schlechten Leistungen belohnt wird, noch mehr mit dem neuen CBA wo die Top 10 Picks nur noch einen Bruchteil kosten und damit der Loser Curse wie bei den Rams oder Lions vor 2010 nicht mehr existiert.

    Top Leistung von den Patriots, Panthers, Bengals und auch Packers, dass sie trotzdem immer oben mitspielen.
    Miserables Zeugnis für Teams wie die Browns, Titans oder Jaguars, dass sie trotzdem immer unten sind. (auch Colts, die viel zu wenig aus ihren Möglichkeiten gemacht haben)

    Bei den Browns kann man sich wenigstens auf De Podesta und einen neuen Weg freuen. PDP hat nur den Owner und Teamchef, dem er reporten muss, ansonsten komplette Freiheit. Wenn sie überzeugt sind, müssen die Browns 2016 einen QB draften und drumherum ihren Kader aufbauen, dann hat die AFC North bald ein viertes Top Team.

    Interessant ist auch, dass bei allem Mittelmaß 2015 wieder einmal einen neuen Pass Rekord aufgestellt hat. Die Rekorde werden richtig pulverisiert in den letzten Jahren. Die NFL hat mit ihren Regeländerungen wirklich ganze Arbeit geleistet, die NFL zu einem Passfestival zu machen. Jeder, der heute noch signifikative Ressourcen in das Laufspiel steckt, hinkt seiner Zeit 20 Jahre hinterher.

    Mike Martz hat es schon immer gewusst und Jeff Fisher ist ein Dinosaurier.

    Gruß Karl

  2. Gäbe es die Möglichkeit E16 mit dem SoS zu koppeln? ICh grübele schon ein wenig darüber, ob mir das besser gefallen würde. Bei Carolina dürfte die Prognose bei SoS 0.436 deutlich mehr richtung 15:1 tendieren.

  3. @panthers

    Ich möchte mit diesem Ranking aber Standardisierung, sprich die Teams auf Basis vom vorhandenen Zahlenmaterial miteinander vergleichbar machen.

    Zu deiner Vermutung: Die Diskrepanz ist nicht so groß wie angenommen. Der unten angehängten Tabelle kannst du entnehmen, dass Carolina durch den recht einfachen Schedule ca. 0.8 Siege „gewonnen“ hat im Vergleich zu einem durchschnittlichen Schedule.

    Das klingt erstmal nicht nach viel, aber wenn wir wissen, dass ein Team auch durchaus gegen einen um 6% schwierigeren Schedule spielen kann, sind wir schon bei roundabout 1.5 bis 2 Siegen. Und 2 Siege waren in diesem Jahr in der AFC die Differenz zwischen #1-Seed (Broncos) und Playoffs verpasst (Jets).

    Tampa hat übrigens noch mehr durch den Schedule „gewonnen“ als Carolina, trotz schwierigerem Schedule, denn die Auswirkung ist bei durchschnittlichen Teams größer als an den Enden der Skala.

    WP adjusted Schedule, 2015, Week 17.png

    Kurz als Erklärung der Spalten:
    WP .500 ist der Wert gegen durchschnittlichen SChedule, siehe Power Ranking oben.
    EW .500 = WP * 16 (Expected Wins)

    SOS ist der reale SOS (siehe oben)

    WP SOS ist die Sieg-Wahrscheinlichkeit gegen diesen realen Schedule.
    EW SOS = WP *16

    Delta = Differenz zwischen der Sieg-Wahrscheinlichkeit gegen Schedule .500 und dem realen Schedule, sprich so viel hat jedes Team durch seinen Schedule gewonnen oder verloren.

  4. Der Punkt, dass zuviel Mittelmaß herrscht, sehe ich nicht wirklich dramatisch. Im Grunde ist halt eine Mischform zwischen epischen Teams und Ausgeglichenheit kaum herzustellen (siehe europäischer Spitzenfußball). Ich finde das System schon sehr gut, da man mit Cleverness und innovativem Denken (siehe Belichick) trotzdem konstant um den Titel mitspielen kann, aber eben auch immer die Chance für schwache Teams besteht, durch gute Arbeit die Kurve zu kriegen.
    Im europäischen Fußball ist es doch kaum mehr möglich als noch nicht etabliertes Team in den Kreis der echten Top-Clubs aufzusteigen. Ein Gladbach arbeitet ja z.B. schon seit einigen Jahren sensationell, aber man wird trotzdem nie mehr in den Kreis der Bayern, Barcas oder Reals aufsteigen, egal wie gut und hart man arbeitet.
    Ein Punkt der mir spontan einfallen würde, um die komplette Parity etwas abzuschwächen und gut arbeitende Teams zu belohnen, wäre z.B. dass man Salary Cap Vergütungen bei Spielern zugesteht, die selbst von diesem Team gedraftet worden sind. Wahrscheinlich hätte das auch wieder einige Schwächen, aber wäre mir spontan so eingefallen😉

  5. Ganz vielen Dank für die Info.

    Zum Thema Mittelmaß: Ist ein schmaler Grad. Gerade auch die vielen Upset Sege mahen die Liag ja auch so erfolgreich und es einfach für die Fans – „wir haben zwar nichts gerissen, aber immerhin den Xxx die Saison versaut…..“

    Mit steigender Salarycap wird es vielleciht noch mal einfacher für erfolgreiche Teams. – Wenn gut aufgebaiute Teams nicht mehr auseinanderfallen, weil Stars abgegeben werden müssen, wird es schwieriger für die wilden Free Agent shopper….

  6. Ein spannender Artikel. Danke dafür. Ich denke, diese massive Gleichmacherei entwertet gute Arbeit tatsächlich. Je mehr Spiele ein Team verliert, desto bessere Spieler bekommt es aus der Draft. Teams die gut arbeiten werden mit einem schlechten Draftpick „bestraft“. Da fehlt ein „Incentive“-system für hart arbeitende/gut geführte Teams.

  7. Als ob gute Draftpicks eine Garantie für bessere Spieler wären… Auch beim Draft muss man erstmal gut arbeiten. Siehe auch hier den Extrem-Vergleich Cleveland vs. New England. Ich würde zwar eine Salary-Cap-Erleichterung für home-grown-player oder langjährige Veterans begrüßen. Aber dass durch das Draftsystem oder die Salary-Cap die Liga schlechter (= mittelmäßiger) würde, ist für mich großer Käse. Weil ich das die Meinung „Ausgeglichenheit = Mittelmaß“ nicht wirklich teile. Bzw. Selbst wenn das stimmen sollte, ich das nicht als Problem sehen würde. Denn in einer Liga mit Franchise-System sind solche Mechanismen einfach nötig.

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