Wie Saban Alabama umbaute: Das Wie und Warum

Gestern hatten wir Nick Sabans strategischen Approach in Sachen Football im Blick, heute wollen wir ein bisschen auf die spielerische Komponente von Alabama werfen, denn Crimson Tide hat es in den letzten Jahren gewagt, trotz aller tonnenschweren Rucksäcke (Stichwort Tradition) neue Elemente und neue Ideen von dreikäsehohen Konkurrenten aufzunehmen – ein notwendiger Schritt. Aber weder ein leichter, noch ein selbstverständlicher.


Sabans revolutionärstes Konzept im Football war immer, dass er in den 1990ern damit begann, seinen Spielern einen Ablauf einzubläuen, mit dem sie nach dem Snap ihre Entscheidungen treffen sollten, wen bzw. welche Zone denn nun zu verteidigen sei. Das galt vor allem für den Kontroll-Nazi Saban als außergewöhnlich: Seine Spieler haben alle für sich Eigenverantwortung für das, was sie am Feld letztlich treiben.

Als Resultat gelten vor allem Sabans Defensive Backs als individuell sehr gut geschulte, spielintelligente Leute, die quasi mit dem Snap ihre Deckungssysteme und Secondary-Blitzes anzupassen imstande sind.

Sabans Defenses waren viele Jahre lang danach ausgerichtet, in Cover-3 oder Cover-4 zu spielen. Die von ihm rekrutierten Athleten wurden meistens in zwei Klassen eingeteilt: Die einen lernten vor allem Cover-3, die anderen in erster Linie Cover-4.

Saban bekam mit dieser Herangehensweise in den letzten Jahren zunehmend Probleme, weil die SEC in Sachen No Huddle und Hurry Up vor allem in Form von Auburns Offense (Gus Malzahn) eine ganz neue Geschwindigkeit in die Lande gebracht hat. Schnelleres Tempo bedeutet weniger Wechselmöglichkeiten, bedeutet für die sehr auf Spezialisten und Situationen ausgerichtete Saban-Defense Kopfzerbrechen.

Als zusätzliche Komplexität wirkt die Spread-Offense, die es einer Defense quasi per Design unmöglich macht, die großen Waffen des Gegners mit Doppeldeckungen udgl. zu isolieren. Und obendrein kommen immer mehr Run/Pass Option Spielzüge im College-Football auf (RPO), gegen die du doppelte Flexibilität brauchst: Die richtige Deckung plus im Zweifelsfall eine stabile Run-Defense, sollte der Gegner laufen.

Vor allem die phänomenale Spread-Offense von Texas A&M mit ihrem Wunder-QB Johnny Manziel bereitete Saban Kopfzerbrechen – und Saban musste kommen sehen, dass in anderen Conferences mit Oregon, Baylor, Ohio State, TCU oder Clemson schlafende Giganten nur die Zähne fletschten um Alabamas rückständige Defense auseinanderzunehmen.

Also reagierte Saban.

  1. Er stelle sein Recruiting in der Defense um.
  2. Er erfand sich in der Offense neu.

Saban wusste, dass es gegen eine Spread-Offense nicht reicht, sich nur noch auf die Defense zu konzentrieren – denn eine Spread-Offense wird immer Punkte auf das Feld legen, da sie per Design einen Vorteil gegenüber der Defense hat: Sie zieht die Verteidung in alle vier Himmelsrichtungen auseinander. Wenn du nicht 100% überlegene Athleten hast, bist du dagegen an einem guten Tag verloren.

Sabans Lösung in der Defense: Erhöhe den Speed deiner Verteidigung. Wo Alabamas 2011-Defense um Leute wie LB Donta Hightower, DE Upshaw oder FS Barron noch heute legendär ist, so sieht Alabama 2015 relativ stark verändert aus: Alabama hat deutlich kleinere, flinkere Defensive Backs. Wo du früher einen 100kg schweren Safety-Bolzen durch die Defense walzen sahst, ist der heutige Strong-Safety Ed Jackson keine 90kg schwer, aber deutlich flinker.

Der Offense-Saban gab die Schlüssel aus der Hand und übergab sie an den umstrittenen OffCoord Lane Kiffin, der nach zahlreichen gescheiterten Stationen wie Oakland, Tennessee oder USC bereits mit Mitte 30 als verbrannt galt. Ausgerechnet der ultraschwierige Kiffin aber nutzte die Chance, sich im Stab des noch störrischeren Saban selbst neu zu definieren – und so ist Alabama heute zwar immer noch eine lauforientierte Mannschaft, die im Zweifelsfall 35 Run-Plays über Heisman-Sieger RB Derrick Henry ansagt, aber dann doch deutlich flexibler und vielfältigere Offense spielt als in der Vergangenheit.

Unter Kiffin gibt es Elemente jener Spread-Offense, die Alabamas Defense in der Vergangenheit Schwierigkeiten bereitete. Alabamas Recruiting hat sich in den letzten Jahren etwas Richtung schneller und quicker verschoben. Vor allem bei den Receivern ist Crimson Tide nun auch mit echten deep threats besetzt, die in einem 100m-Landesmeisterschaftsfinale mitlaufen könnten.

So hat sich Saban zwar nicht komplett, aber doch in Teilen neu erfunden und ist damit mit der Zeit gegangen. Ich kann mich erinnern: Vor ein paar Jahren sahen die Texas Longhorns wie die große Dynastie schlechthin aus: Rose Bowl Gewinn nebst Landesmeisterschaft 2005/06 gegen USC mit dem großartigen QB Vince Young. Young raus, QB Colt McCoy rein, und Texas blieb jedes Jahr ein gewaltiger Contender.

Texas spielte 2009/10 erneut im BCS-Finale mit… gegen Alabama… und wurde dort nach wenigen Drives komplett von der Defense auseinander genommen. Nick Saban hatte damals die Blaupause geschaffen wie man Texas zerlegt.

Sabans 37-24 Finalsieg über Texas war Sabans erste Landesmeisterschaft mit Alabama. Er bedeutet auch der Niedergang von Texas, das quasi über Nacht zu einem Problemfall wurde. Head Coach Mack Brown hatte es über die Jahre versäumt, die kleinen Stellschrauben zu drehen um mit den großen Entwicklungen mitzugehen. Texas konnte den Abgang seines Star-QBs McCoy in die NFL nicht verkraften und sucht noch heute nach einer Identität.

Vor zwei Jahren wurde Mack Brown in Texas gefeuert. Der Lieblings-Kandidat der Longhorns-Booster: Saban. Und Saban wirkte sogar interessiert. Seine Frau verkündete lauthals in Interviews „Wenn du so erfolgreich bist wie Nick, gewöhnen sich die Leute dran. Sie wissen hier in Alabama gar nicht mehr zu schätzen, was sie an Saban haben“. Es schien möglich, dass Saban gehen könnte, um nach LSU und Alabama ein drittes Powerhouse zurück in die Erfolgsspur zu bringen.

Aber Saban blieb in Alabama. So sehr ihn die Aufgabe Texas gereizt hätte, er konnte auch mit Alabama das durchziehen, was sein Kollege Brown bei den Longhorns versäumt hatte: Einen Umbruch einzuleiten, neue Ideen einzubauen, die Spielphilosophie weiterzuentwickeln.

Das vorläufige Ergebnis ist ein weiteres National Championship Game, in dem Alabama in der Nacht von Montag auf Dienstag (2h30 live SPORT1 US) gegen Clemson mit einem Touchdown favorisiert in die Partie geht – gegen ein Clemson, das mit Spread Offense aufläuft, und mit genau dem Typ Quarterback, der Sabans Sinneswandel eingeläutet hatte: Mobil, wurfstark, explosiv.

3 thoughts on “Wie Saban Alabama umbaute: Das Wie und Warum

  1. Sehr gut geschriebener Text. Habe mich schon öfter gefragt warum BAMA jedes Jahr wieder so gut ist, obwohl jedes Jahr Leute kommen und gehen.

  2. Pingback: College Football: National Championship Game 2016 Preview | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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