Vorschau Wild Card Playoffs 2015/16: Seattle Seahawks @ Minnesota Vikings

Nach dem AFC-Samstag folgt heute der NFC-Sonntag. Um 19.05Uhr geht’s los: Seattle Seahawks (10-6, #6 Seed) @ Minnesota Vikings (11-5, NFC North Champions, #3 Seed). Bei NBC mit der lebenden Legende Al Michaels und Color Commentator Cris Colinsworth; in Deutschland ab 18.55Uhr bei Pro7Maxx und ran.de, in Österreich bei PULS4.

Es soll ganz fürchterlich kalt werden in Minnesota, erwartet werden Temperaturen um Null Grad – Fahrenheit, das heißt fast -20 Grad Celsius. In Woche 13, hat Seattle die Vikings fein säuberlich in ihre Einzelteile zerlegt: 38-7. Die Offense wird wohl auch heute nicht viel reißen gegen Seattles D, aber im Gegensatz zum 06. Dezember bekommt die eigene D ihre Leistungsträger DT Linval Joseph, OLB Anthony Barr und Safety Harrison Smith zurück. Wird das reichen um gegen den amtierenden NFC Champ die Überraschung zu schaffen?

Wo ist Lynch?

Die erste große Überraschung vor dem Spiel war die Causa Marshawn Lynch, er wird nicht dabei sein. Lynch setzt seit Mitte November aus, er hat eine Leistenverletzung („Sports Hernia“). Diese Woche hat er dann wieder trainiert; jede Einheit, jeden Snap. Freitag nacht, als das Team in Minneapolis angekommen ist, ließ ein Pressesprecher verlauten, daß Lynch nicht mitgekommen ist, er ist in Seattle geblieben. Angeblich erfuhr Mannschaft und Trainerstab davon erst, als er nicht in den Bussen auftauchte, welche das Team zum Flughafen fuhren. Die Beziehung zwischen Lynch und dem Team ist schon seit längerer Zeit etwas, nun ja, distanziert; die öffentlichen Diskussionen um seinen Vertrag waren nur das deutlichste Zeiten.

Seit seiner Verletzung Mitte November war er von 43 möglichen Tagen nur einen einzigen bei den Seahawks im Stadion oder deren Trainingsräumen haben die Beatwriters aus dem Nordwesten mitgezählt, bevor er sich wieder Blicken ließ.

Christine Michael und Bryce Brown werden an seiner statt auflaufen, denn verletzt ist auch Rookie Thomas Rawls, der zeitweise sensationell aussah mit seinem Laufstil, der Lynch sehr ähnlich ist. Als 3rd-down Back wird wohl der 34 Jahre alte Running Back Fred Jackson ein paar Snaps bekommen. Michael und Brown haben jeweils nur drei Spiele gemacht, Jackson hat in seinen 16 Spielen hauptsächlich an der Seitenlinie gestanden oder Checkdowns bei dritten Versuchen gefangen.

Das ist ein Verlust, aber nur halb so schlimm, wie es sich anhört. Und auch nur halb so schlimm, wie es in den letzten Jahren gewesen wäre. Denn diese Offense gehört nun, endlich, Russel Wilson. Um ihn herum ist dieser Angriff zentriert, während bisher immer das Laufspiel das Zentrum war.

Wer braucht Lynch?

Offensive Coordinator Darrell Bevell hat einen unglaublichen Job gemacht. In den letzten zwei Jahren habe ich ihn hier in den Playoff Previews immer wieder kritisiert für seine einfallslose Banalität im Paßspiel. In jedem wichtigen Down wurde ein Slant geworfen, alles war vorhersehbar, Wilson wurde kaum entwickelt. Es gab halbherzige Versuche, aus Wilson einen „richtigen“ Quarterback zu machen, dessen bevorzugter Lebensraum die Pocket ist. Aber am Ende vertraute Bevell mangels Ideen und Kreativität zu oft darauf, daß Wilson den Houdini macht und so lange wild herumläuft, bis irgendwann Doug Baldwin frei ist oder Crazy Catch Kearse einen unglaublichen Ball fängt.

Dieses Jahr ist das alles anders. Es hat etwas gedauert, bis Bevell, Wilson und die Wide Receivers – vor allem Baldwin – zusammengefunden haben. In der ersten Hälfte der Saison sah das alles noch recht unausgegoren aus. Man konnte deutlich erkennen, daß Wilson und ein Paßspiel mit Zentrum Pocket das Ziel war, aber es wollte nicht so recht klicken.

So richtig rund lief es ironischerweise erst nach der Verletzung von Tight End Jimmy Graham. Er war eigentlich eingeplant, die Offense auf ein neues Level zu heben. Das heißt aber lange nicht, daß der Ausfall von Graham der Grund für den Turnaround gewesen wäre. Im Gegenteil: mit einem Graham wäre Seattle sogar noch viel stärker.

Zur Zeit übernimmt einfach Doug Baldwin seine Rolle einfach mit. Baldwin hat in den letzten sechs Spielen 34 Bälle für 530 Yards und 11 Touchdowns gefangen. Das ist so nicht zu halten, splits happen. Aber Wilson/Baldwin ist eines der besten Duos der Liga. Kearse und Rookie Tyler Lockett sind sehr gute Komplementäre. Zusammen haben sie in dieser Saison 100 Bälle gefangen.

Wilson – ein „richtiger“ Quarterback

Die größte Änderung von Bevell war das Einführen von Spielzügen, die Wilson zwingen, sehr schnell Entscheidungen zu treffen. Vorher gab es nur den Screen Pass und den Slant nach rechts, jetzt gibt es jede Menge Stick Routes, Quick Outs und Crossing Routes. Sehr viel mehr Paßspielzüge als früher sind jetzt Three Step Drops. Das zwingt den QB, die Coverage vor dem Snap zu erkennen, nach dem Snap sofort zu erkennen, was passiert und ob sein Pre Snap Read richtig war, auf seine Diagnose zu vertrauen und dann ohne zu zucken das Ei rauszufeuern. Das alles in zwei Sekunden.

Greg Cosell schwärmt immer vom Paßspiel mit „rhythm and timing“: Pre Snap Read, Snap, Diagnose, Bam. Snap, gucken, werfen. Snap, gucken, werfen. Bam Bam Bam. Benchmark dafür ist die Offense von Josh McDaniels und Tom Brady. Wie gut Wilson das macht, damit hat wohl auch Bevell nicht gerechnet, sonst hätte er ihn das schon früher machen lassen.

Das tolle daran ist: wenn das schnelle Paßspiel funktioniert, dann sind Wilsons andere Qualitäten, die spektakulären, noch viel gefährlicher. Die Defense kann sich jetzt nicht mehr darauf konzentrieren, Wilson in der Pocket zu halten. Wenn dein erstes Ziel ist, den QB in der Pocket zu halten, leidet dein Pass Rush. Jetzt muß sich sich die Verteidigung zuallererst mal um den Schnellfeuerangriff kümmern. Die außergewöhnlichen Scramblequalitäten hat er natürlich immer noch: wilde Läufe und Befreiungsaktionen, die zu langen Pässen führen gibt es immer noch.

Ziel für Minnys Verteidigung muß sein, die schnellen Paßrouten zu eliminieren. Ein Mittel ist „coverage disguise“, das heißt vor dem Snap eine andere Verteidigung zu zeigen, als dann nach dem Snap gespielt wird. Mike Zimmers Lieblingskonzept ist nun der Double-A-Gap Blitz. Dabei stehen zwei ILB dem Center gegenüber. Dabei ist vor dem Snap nie klar, ob einer, beide oder letztlich gar keiner auf den Quarterback stürmt. Einerseits bindet das Offensive Linemen und schafft so Eins-gegen-Eins-Situationen für die Edge Rushers, da haben die Vikes mit Everson Griffen und Brian Robison zwei ganz gute Männer.

Andererseits führt das dazu, daß oft die drohenden Linebackers sich zurückfallen lassen und plötzlich unerwartet in einer Passing Lane stehen. Hier kommt nun noch hinzu, daß die Mitte der Hawks-OLine ziemlich schwach ist. Also: alle Augen auf die Inside Linebackers, vor allem den Rookie Eric Kendricks, der unglaublich schnell und beweglich ist und damit ideal für diese Rolle, bei der der ILB gleich schnell in alle Richtungen sein muß: vorwärts, zurück, nach rechts und links.


Ein anderes probates und erprobtes Mittel ist „Press Men„: die Cornerbacks attackieren die Wide Receivers direkt an der Line of Scrimmage um ebenjenes „rhythm und timing“ zu zerstören. Das allerdings ist gegen einen Russel Wilson sehr riskant, denn die meisten Laufyards von Quarterbacks gibt es gegen Mannverteidigung, da die Verteidiger dem QB den Rücken zukehren.

Die Vikings müssen es schaffen, Wilson zu verwirren, ihm seine schnellen Reads nehmen und ihn dabei zu Fehlern zu zwingen, sprich ein oder zwei Interceptions von den ILBs oder dem ebenso athletischen OLB Anthony Barr. Das haben natürlich auch alle anderen Mannschaften versucht: seit Mitte November hat Wilson nur eine Interception geworfen – bei 24 Touchdowns.

Minnesotas Angriff

Auf der anderen Seite des Balles ist das alles deutlich unspektakulärer. Der Angriff Minnesotas ist eine der großen Enttäuschungen dieser Saison. Das Laufspiel hat Top-10 Niveau, aber das alleine recht im Jahre 2016 nur noch, wenn das Spiel bis zum Ende knapp bleibt. Gegen den Angriff Seattles wird das ganz, ganz schwierig.

Das größte Hindernis für eine gutes Paßspiel ist die lausige Offensive Line. Die Pundits bescheinigen Center Joe Berger eine überraschend gute Saison, aber der Rest (und auch QB Bridgewater) sollte sich schon mal mit reichlich Schmerzmitteln eindecken.

Teddy Bridgewater in seiner zweiten Saison ist nur ein mittelmäßiger Quarterback und seine Wide Receivers sind nicht viel besser. Der 22-jährige Stefon Diggs ist seine #1; mit 720 Yards ist er einer der schlechtesten #1WRs der Liga. Ihm selbst, dem 5th-rd Pick kann man keinen großen Vorwurf machen, die Rolle ist einfach eine Nummer zu groß für ihn. Der Vorwurf geht ans Management, das sich mit Mike Wallace böse verspekuliert hat und außer Jarius Wright niemanden in den Kader geholt hat, der überhaupt regelmäßig Bälle fangen kann, geschweige denn jemanden, der Verteidigungen Angst macht.

Will Minnesota hier mithalten, müssen gute Feldpositionen und idealerweise sogar Punkte über außergewöhnliche Wege kommen: Special Teams, Return-Touchdowns, sowas in der Art.


In jedem Spiel kann alles passieren, und Minnesota ist nicht ganz unverdient in den Playoffs. Aber dieses Spiel ist vor allem eine Möglichkeit, den „neuen“ Russel Wilson gegen eine gute Defense zu sehen und sich schon mal auszumalen, wie geil das dann nächste Woche gegen Carolina wird.

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