NFL – Eine kleine Geschichte des Wandels

Im Prinzip ist der Wechsel der Rams nach Los Angeles das erste Mal, dass ich einen Standortwechsel in der NFL bewusst erlebe. Als ich „eingestiegen“ bin, wurden kurz danach die Houston Texans als 32tes Team der NFL eingeführt – ich bin quasi mit diesem 32er-Format aufgewachsen. Denn seither war Ruhe.


Ich kenne die NFL nur mit 32 Mannschaften, schön durchstrukturiert: 2 Conferences zu je 4 Divisionen macht 8 Divisionen, 16 Spiele, 32 Mannschaften, 256 Spiele Regular Season. Das war jedoch nicht immer so – und es war noch nie so lange so.

Die NFL hat Zeit ihrer Existenz regelmäßig expandiert und Standorte gewechselt. Die kleine Furzelliga der 1920er mit Cardinals, Packers, Bears, Giants und einer Handvoll nicht mehr existierender Franchises war nur der Anfang.

In den 1930ern kamen mit Lions, Redskins, Steelers und Eagles neue Mitglieder dazu. Eagles und Steelers fusionierten in Kriegszeiten temporär zu „Steagles“, nur um hernach wieder getrennte Wege zu gehen. Die Rams selbst haben eine ganz bewegte Geschichte: Gegründet 1937 als Cleveland Rams, spielte man ab 1946 in Los Angeles und wurde 1995 zu den zuletzt bekannten St Louis Rams.


Die NFL verleibte sich Anfang der 1950er die Konkurrenzliga AAFC ein, mit der damals dominierenden Franchise jener Zeit, den Cleveland Browns, und den nicht zu dominierenden San Francisco 49ers. Mitte der 1950er wurden die Baltimore Colts aus der Taufe gehoben. Diese läuteten mit QB Johnny Unitas und ihrem Finalsieg im „Spiel des Jahrhunderts“ 1958 gegen die Giants den Aufstieg der NFL zu Amerikas Sportart #1 ein.

Ab 1960 gab es die nächste Konkurrenzliga, die AFL, die (auch mit einigen Relocations) zwei Handvoll heute etablierter Franchises hervorbrachte: Patriots, Raiders, Chargers, Jets, Bills, Broncos, Chiefs, Dolphins, Bengals (plus die Titans, die damals als Houston Oilers aufgenommen wurden).

Die NFL antwortete in den 60ern mit der Gründung von eigenen Franchises in Minnesota (Vikings), New Orleans (Saints) und Atlanta (Falcons) um an einigen strategischen Orten der kleineren AFL zuvorzukommen.

Die beiden Ligen begannen ab 1966/67, in einem „Endspiel“ einen definitiven US-Footballchampion auszuspielen. Bald entschloss man sich, dass man in einer allein in Amerika gespielten Sportart nicht bloß „US-Meister“, sondern doch eigentlich „Weltmeister“ sei, und benannte die Partie in typischer Bescheidenheit um in „Super Bowl“ und legte damit den Grundstein für ein Monstrum, das heute weltweit als das Synonym schlechthin für ein Eintages-Event im Sportbereich gilt.


Ende der 1960er fusionierten AFL und NFL zur heute bekannten NFL. In diesem Zug wurde die alte AFL zur AFC, die NFL zur NFC, mit einigen geographisch bedingten Wechseln: So wurden die alten NFL-Franchises Steelers, Colts oder Browns in die AFC verschoben.

Mitte der 70er wurden Seahawks und Buccaneers aus der Taufe gehoben. Beide wechselten nach ihrer Debütsaison die Conference: Seattle von der NFC in die AFC, Tampa von der AFC in die NFC – damit wollte die NFL garantieren, dass beide Mannschaften in den ersten beiden Jahren gegen alle Teams gespielt hatten.

Anfang der 1980er Jahre erstritten sich die Raiders den Umzug von Oakland nach Los Angeles und wurden Stadtrivalen der Rams. 1983 zogen die Baltimore Colts quasi über Nacht nach Indianapolis ab („Mayflower Transit“). Ende der 1980er zogen die Cardinals von St Louis nach Phoenix und benannten sich 1993 in die heute bekannten Arizona Cardinals um.


Anfang der 90er wurde die Gründung neuer NFL-Mannschaften beschlossen um die Anzahl der Teams auf 30 anzuheben: Die Carolina Panthers und Jacksonville Jaguars waren das Resultat und begannen ab 1995 in der NFL zu spielen. Diese Expansion galt als Experiment der NFL, sich in vergleichsweise kleine, blasse Märkte niederzulassen.

Wie der Teufel es will, war Mitte der 90er eine brutal turbulente Zeit, und so verabschiedeten sich Ende 1994 gleich beide in Los Angeles ansässigen Mannschaften: Die Raiders kehrten nach Oakland zurück, die Rams gingen nach St Louis, denen erst sieben Jahre zuvor die Cardinals ausgeflogen waren.

Ebenso in dieser Zeit verkündeten die Houston Oilers ihren Abgang und gingen nach Tennessee, wo sie erst vor leeren Rängen in Memphis spielten und dann nach Nashville gingen. Seit 1999 ist das Team als Tennessee Titans bekannt.

Der Abzug der Oilers kratzte keine Sau. Beim Abzug der Cleveland Browns war das – gelinde gesagt – etwas anders: Als Art Modell 1995 den Fortgang aus Cleveland verkündete, löste er einen Sturm der Entrüstung aus. NFL-weit gingen die Fans auf die Barrikaden und verhinderten, dass Modell den Namen der Browns mit nach Baltimore nehmen würde. Für die NFL eher untypisch musste sich die Modell-Franchise umbenennen und ihre Historie in Cleveland lassen.

Resultat waren die Baltimore Ravens, seit 1996 ein neues Team in der NFL. Der Kader wurde jedoch übernommen. Weil der Footballgott nicht immer gerecht ist, gewannen die Ravens nur wenige Jahre nach der Gründung 2000/01 die Super Bowl, nachdem man als Browns in Cleveland jahrelang auf bizarrste Weise gescheitert war.

Cleveland bekam seine Entschädigung: 1999 wurden die „neuen“ Cleveland Browns aus der Taufe gehoben, mit neuem Owner und komplett neuem Spielerkader. Die Browns kriechen bis heute am NFL-Bodensatz umher, während die Ravens mit dem Umzug nach Baltimore von einer Modell-Franchise (im Sinne von Owner Art Modell) zu einer Modell-Franchise (im Sinne von Modell) wurden.


Damit hatte die NFL Ende der 1990er 31 Mannschaften – einige in sehr kleinen Märkten wie Charlotte, Jacksonville oder St Louis, aber dafür nach der Turbulenz der Neunziger keine in der zweitgrößten (Los Angeles) und viertgrößten (Houston) Stadt der Vereinigten Staaten.

Weil die Liga zwar neue Teams aufgenommen hatte, aber bei Umzügen keinerlei Umstrukturierungen der Divisionen vorgenommen hatte, war es eine „unbalancierte“ Liga mit zwei Conferences zu 16 und 15 Teams, und solchen Zuordnungen, dass das Ostküstenteam Carolina in der NFC West, das Südstaatenteam Tampa Bay in der NFC North oder das Wüstenteam Arizona in der NFC East antraten.


2002 wurden die Houston Texans als 32tes Team in der NFL aufgenommen, bevor für ungewöhnlich lange Zeit in der NFL Ruhe einkehrte. In diesem Zug nahm die NFL auch eine Neustrukturierung der Conferences und Divisionen vor. Um bessere geographische Kongruenz zu bekommen, wurden die Seattle Seahawks zurück von der AFC in die NFC geschoben.

In Sachen „Erdkunde“ wurde eine Ausnahme gemacht: Dallas blieb in der NFC East um die historische Rivalität mit den Washington Redskins aufrecht zu erhalten. Dallas liegt westlicher als St Louis, das in der NFC West belassen wurde.

Los Angeles blieb außen vor. Der zweitgrößte Markt der NFL musste auf die Rückkehr einer NFL-Mannschaften warten – weitere 12 Jahre, bis zum 12.01.2016.

8 thoughts on “NFL – Eine kleine Geschichte des Wandels

  1. Sehr informativ und schön zu lesen wieder einmal!
    Eine Frage aber: Wieso wollen die Raiders eigentlich unbedingt zurück nach LA? Man ist ja schon einmal von dort wieder weggegangen, die Fans wollen alle in Oakland bleiben und man müsste sich in LA auch den Markt mit einer anderen Franchise teilen (wo in LA wohl sowieso nicht viele „hardcore“ Fans wären). Wäre es nicht besser gewesen von Anfang an alles daran zu setzen, ein neues Stadion in der Bay Area genehmigt zu bekommen?

  2. Eine relativ leicht zu beantwortende Frage:

    „Los Angeles“ war 20 Jahre lang ein Drohgebärde der NFL-Owner um ihren lokalen Kommunen Geld für Stadionprojekte aus den Rippen zu pressen („Gib mir 200 Mio oder ich ziehe nach LA ab“).

    Diese Karte konnten die Franchises lange ziehen, aber vor 12 Monaten verkündete Stan Kroenke seinen Stadionplan in Inglewood und scheuchte damit die halbe NFL auf. Der Move galt als gewagt, weil der Markt Los Angeles als nicht einfach gilt (1/2 Mrd Umzugs-Gebühr + 1.6 Mrd Stadion- & Geländekosten, das Stadion wird privat finanziert).

    Aber Kroenke drohte, die Kulisse einzureißen.

    Die Chargers sahen ihren wichtigen Umsatzmarkt „Orange County“ bedroht und stiegen in das Rennen um Los Angeles ein, auch weil man seit Jahren in den Stadionverhandlungen mit San Diego nicht weiterkam.

    Weil die NFL aber max. 2 Teams in L.A. aufnehmen wird und auch die Raiders schon lange Probleme mit ihrer Kommune haben, wurde auch Oakland aktiv – schließlich verliert man massiv Verhandlungsmacht in dem Moment, in dem Los Angeles durch im schlimmsten Fall zwei Teams besetzt ist. Damit riskierten sich die Raiders in eine Ecke zu manövrieren.
    Mit den 49ers wollte man vor Jahren nicht in einen Stadionneubau einsteigen, obwohl Santa Clara physisch näher an Oakland als an San Francisco liegt.

    Kroenke ist also der entscheidende Mann, der alles ins Rollen gebracht hat. Kroenkes Move gilt als extrem ambitioniert, da die Anfangskosten gewaltig sind (über 2 Mrd!!) und du die Kosten erst mittelfristig oder durch Franchise-Verkauf (Franchise-Wert steigert sich dank L.A. natürlich massiv) wieder reinholen wirst.

  3. Wieder ein wunderbarer Artikel zur NFL !!!! Danke !! Das bekommt man nur hier !! In Sachen „Erdkunde hätte ich die Dolphins dann aber auch noch in eine Süd-Gruppe versetzt , aber immer ein schöner Kontrast wenn die Dolphins im Winter in Boston spielen müssen😉

  4. Es ist gar nicht so lange her da haben zwei NBA Teams die Besitzer gewechselt. Beide historisch etwa ähnlich erfolgreich/erfolglos. Die Milwaukee Bucks wurden für 550 Millionen verkauft und die LA Clippers für 2 Milliarden. Ohne Frage steigert Football/NFL noch mal den Wert einer Franchise aber das so als grobe Duftmarke was der Standort für einen Wert hat. In LA findest du mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch mehrere Interessenten inklusive preistreibendem Gerangel. Kroenke müsste schon viel falsch machen um am Ende schlechter dazustehen als vorher.

  5. Pingback: NFL in Los Angeles: W-Fragen und Aha-Antworten | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  6. Wer sich zu selten wandelt, ist nicht interessant.

    Aber ich hab mir noch gedacht, dass ich einen vergessen habe… Bloß nicht drauf gekommen welchen und zu stolz es zu überprüfen.

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