Meine Definition von Geschichte

„Los Angeles Rams“ – Ich werde mich noch etwas daran gewöhnen müssen. Der Umzugswahn der 90er war vor meiner Zeit. Die NFL war für mich, seit ich sie bewusster verfolge, ein fix festgefahrenes Konstrukt: 2 Conferences à 4 Divisionen macht 8 Divisionen, 16 Spiele pro Team, 32 Mannschaften, 256 Mal Regular Season.

Die Mannschaften kannte ich auswendig. Ich kenne ihre Geschichten, Triumphe und Tragödien. Dass es die St Louis Rams bald nicht mehr geben würde, war seit langem, wenn nicht klar, dann stark absehbar. Die St Louis Rams waren in meiner Anfangszeit das dominierende NFL-Team. In die Superbowl 36 sind sie als turmhoher Favorit gegangen.

Ich kann mich an die Faszination erinnern, die von diesen goldgelben Hörnern am Helm ausgegangen ist, von dieser atemberaubenden Offensiv-Armada, von den Namen, die ich bis heute nicht vergessen habe. NFL… damals für mich eine neue Welt.

Kurt Warner.
Marshall Faulk.
Isaac Bruce.
Torry Holt.
Ricky Proehl.
Orlando Pace.
Tom Nütten.
Adam Timmerman.

Diese St Louis Rams hatten etwas Überlegenes, etwas Erdrückendes – ein gemeinhin anerkanntes Monster in einer fernen Welt. Superbowl 36 war großartig, weil sich ein verbissen kämpfender Underdog mit ebenso fremdartigen Namen und ebenso glitzernden Helmen durchgesetzt hat (New England Patriots), aber im Prinzip wusste damals jeder, dass die Zukunft den St Louis Rams gehören würde.

Es sollte nicht sein. 2003/04 stand St Louis wieder in den Playoffs, wieder als klarer Favorit. Wieder habe ich dem Underdog die Daumen gedrückt (Carolina Panthers), wieder hat sich der Underdog in durchgesetzt. Aber die Aura der Rams – sie war noch präsent und spürbar.

So wie ich zum Beispiel in jener Zeit verfolgen konnte, wie in Cincinnati aus einem Trümmerhaufen ein neuer Contender gebaut wird, so erodierte ein paar Kilometer weiter südwestlich in St Louis ein mächtiges Gebilde zu einem Schrotthaufen ohne Struktur.

Seit 2005 sind die Rams ein Nichts – quasi seit dem krankheitsbedingten Abgang von Mike Martz, dem Mann, der in der NFL das Mantra „Pass First“ neu eingeführt hat. Seither haben die Rams den Bodensatz gekratzt, einen Flop nach dem anderen gezogen und mit Jeff Fisher einen eher mittelmäßig inspirierenden neuen Head Coach an Land gezogen.

Die Hörner der St Louis Rams sind seit vielen Jahren nur noch matte Zeichnungen am Helmen, wo sie früher Symbole einer entrückten Macht in einem Glitzerdome waren. Aber dennoch: Die St Louis Rams hatten für mich eine Geschichte. Eine Geschichte des Verfalls – aber etwas, das ich selbst miterlebt habe. Sie waren existent und präsent.

Die Los Angeles Rams sind für mich… nichts. Sie sind für mich nur eine undeutliche Fußnote aus einer Zeit, in der die Footballstadien noch Baseballfelder hatten. Aber der Mensch gewöhnt sich an alles, und vermutlich heißt es in einigen Jahren weißt du noch damals, als die St Louis Rams… und dann weißt du, dass wir dann über die Vergangenheit sprechen.

4 thoughts on “Meine Definition von Geschichte

  1. Interessant wie die Wahrnehmungen sind, für mich waren es immer die LA Rams, und ich konnte mich nicht an die St Louis Rams gewöhnen.

  2. Zur Zeit gehts ganz schön ab in der NFL – da könnte man fast vergessen, dass gerade Playoffs sind….: CHip Kelly neuer HC in SF!

  3. korsakoff, du sprichst mir aus der Seele! The Greatest Show on Turf, St. Louis Rams, eine gigantische offensive Football-Show, hier wurde etwas in mir entfacht, ich habe und werde es nie vergessen….

    Vielleicht sind wir Europäer zu sehr traditionalistisch oder romantisch veranlagt, wir hängen an solchen Dingen, wenn wir sie bewußt und emotional erlebt haben. Anderswo ist das anders…schade!

    Ich werde mich erst dran gewöhnen müssen. LA Rams.. ?!?. Etwas neues oder Fortführung einer mir im Herz verwachsenenen Dynastie? ….time will tell…

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