Das Experiment II: Chip Kelly, 49ers-Headcoach

Es dürfte sich herumgesprochen haben, dass Chip Kelly neuer Head Coach der San Francisco 49ers wird. Eine Wahl zwischen „bizarr“ und „interessant“.


“Bizarr“, weil sich die 49ers damit nur ein Jahr nach der Entlassung von Jim Harbaugh wieder einen als schwierig geltenden Cheftrainer ins Haus holen. Bizarr, weil GM Trent Baalke eher nach anderweitigen Namen wie Shanahan oder Holmgren Ausschau gehalten hatte und Kelly als „Yorks Mann“ gilt (Jed York ist der Owner der 49ers).

Der „Fit“ zwischen Kelly und Baalke muss nach den Erkenntnissen der letzten 24 Monate als großes Fragezeichen gewertet werden. Zwei autistische Egozentriker in einem Haus klingt erstmal nach Potenzial für Seifenoper. Wie die beiden führenden Köpfe in der sportlichen Leitung miteinander auskommen werden, wird eines der Erfolgskriterien der nächsten Zeit.

Baalke wird die Kontrolle über den Kader halten. Kelly wird nur der Coach sein. Wie lange geht das gut? In Philadelphia fetzten sich Kelly und GM Roseman spätestens in der zweiten Offseason und arbeiteten im Vorfeld des Drafts eher gegen- als miteinander.

Auf der anderen Seite: Man hat in der Vergangenheit auch schon von Menschen gehört, die sich selbst hinterfragt haben und nach der ersten Bauchlandung persönliche „Adjustments“ vorgenommen haben. Beim Muttersöhnchen Baalke muss man diesbezüglich abwarten. Aber vielleicht Kelly – neue Station, zwei Wochen Gelegenheit in sich zu gehen, neues Umfeld.


„Interessant“ ist die Wahl, weil Kelly trotz des Fiaskos auf der Management-Ebene in Philadelphia als weiterhin hervorragender Coach gilt. Es ist nicht so, dass Kelly ein Vollhonk mit drei 4-12 Saisons en suite war. Kelly hatte in Philadelphia einen 26-21 Record inklusive einer Playoff-Teilnahme, und all das ohne jemals auch nur einen durchschnittlichen Quarterback gehabt zu haben.

Beim Thema „Quarterback“ ist San Francisco doppelt spannend: QB Colin Kaepernick ist immer noch im Kader. Kaepernick galt bis vor kurzem als Mann auf dem Abstellgleis, wurde z.B. in der abgelaufenen Saison vorzeitig auf die IR gesetzt. Kaepernick hat einen Vertrag, der es dem Team erlaubt, ihn ohne große Opportunitätskosten zu entlassen.

Auf der anderen Seite würde man Kaepernick unrecht tun, wenn man ihn als totales Fiasko abstempelt. Und viel wichtiger: Kaepernick ist vom Typus her genau der QB, den man als „typischen Kelly-QB“ bezeichnen würde: Extrem mobil, laufstark, Monster-Wurfarm für die tiefen Passrouten. Kaepernick mag in seiner Entwicklung in den letzten beiden Jahren stehen geblieben sein, aber die Ingrendienzien für eine read-option Offense ohne Huddle sind da.

Ob Kelly überhaupt an Kaepernick interessiert ist, gilt als nicht gesichert; die Signale diesbezüglich sind widersprüchlich. Aber allein Kaepernicks Werdegang klingt nach Kelly-Football: Am College wurde Kaepernick in der Pistol-Offense in Reno/Nevada zu einem landesweiten Phänomen.

Kaepernick nahm die NFL 2012 im Sturm, unter anderem mit der absoluten Sternstunde in den Playoffs gegen Green Bay, einem der fassungslosesten Spiele, die ich nie vergessen werde. Seither versuchte man tendenziell, sein Spiel in die Pocket zu verlagern – das Experiment galt schon als gescheitert. Aber jetzt, wenn Chip Kelly kommt, gibt es da die klitzekleine Chance, dass Kaepernick… wieder Kaepernick wird??


Der ganze Move „Chip Kelly zu den 49ers“ war auf alle Fälle eine Überraschung. Von Seiten der 49ers, weil sie im Prinzip vor kurzem genau diesen Typ Coach gefeuert haben. Von Seiten Kellys, weil es möglicherweise sportlich attraktivere Orte als San Francisco gegeben hätte.

Ich würde mich Stand heute weder trauen, den nächsten Superbowl-Champ auszurufen, noch die nächste Vollkatastrophe zu prophezeien, obwohl der Move Potenzial in beide Richtungen hat. Denn der Move ist eine Wundertüte. Und mit „Wundertüte“ sind die 49ers immerhin schon mal besser auf dem Radar platziert als in den letzten 24 Monaten.

4 thoughts on “Das Experiment II: Chip Kelly, 49ers-Headcoach

  1. Ich denke in San Francisco hat Chip Kelly eine größere Chance sich SEIN Team aufzubauen als bei den Eagles. In Philadelphia hat er ja ein relativ gutes Team übernommen (Jackson, McCoy, Mathis, Cooper, Celek, …) welches er nach und nach demontiert hat um SEIN System zu implementieren.

    Bei den 49ers steht hingegen lediglich das Grundgerüst des Kades. Solange er mit Trent Baalke einigermaßen harmonisch zusammen arbeitet kann ich mir gut vorstellen, dass Kelly in zwei bis drei Jahren die Spieler für sein System zusammen hat. Dann werden wir sehen können wie erfolgreich er damit in der NFL sein kann.

    Natürlich nur unter der Voraussetzung das die Zusammenarbeit mit dem GM funktioniert.

  2. Vielen Dank für deine Einschätzung. Ich sehe es genauso, dass es entweder sehr gut oder gar nicht funktionieren wird. Beides wäre aber positiv für die 49’ers. Eine weitere Katastrophen Saison würde dann wohl auch für ein neues Frontoffice ohne Baalke und Co. sorgen. Interessant ist dabei, dass ich es genau andersherum gelesen habe: Jed York wolle Shanahan und Trent Baalke Kelly

    Jim Tomsula war auf jeden Fall der Trainer von Yorks Gnaden und so konnte jetzt auch Baalke nicht gefeuert werden, auch wenn er es mit seiner Kaderplanung durchaus verdient gehabt hätte.

    Insgesamt ist es ein sehr spannendes Experiment.

  3. @Bark51: Das mit dem schwachen Kader ist vielleicht genau der Grund gewesen, warum der „autistische Egozentriker“ *lol* zu den 49ers gegangen ist. Ich fände das so genial, wenn Kaepernick endlich wieder so spielen dürfte, wie er das eigentlich kann. Erinnert mich irgendwie an Peyton Manning…:/

  4. Auf der Pressekonferenz sah es auch mehr danach aus, dass Trent Baalke und Chip Kelly sich ganz gut verstehen. Beides Statisitk-Football-Feaks, beides Leute die in Sports-Science glauben usw.
    Dazu kann ich mir vorstellen, dass der eher Defense-lastige Trent Baalke und der eher Offense-lastige Chip Kelly gern über ihre Ideen philosophieren. Und das vor allem auf ner anderen Ebene als es ein Jed York auf die Kette kriegt.
    Es wurde letztes Jahr gemunkelt, dass Baalke gern Adam Gase gehabt hätte, aber Jed nicht von Jimmy T. als HC abweichen wollte und Gase darauf kein Bock hatte.
    Eine mögliche Erklärung wäre, Baalke hat Jed jetzt gesagt: schöne Idee, war aber nix und nu kommt jmd. der Ahnung hat, auch wenn er ne „strong personality“ ist/hat.
    Aber wie immer: Alles Spekulation und in 1, 2, 3 Jahren sehen wir mal, wie das SF FO noch so aussieht.
    Als Niners-Fan hat man immerhin n Trainer, den man gern verfolgt🙂

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s