Vorschau NFC Championship Game: Arizona Cardinals @ Carolina Panthers

Auf der AFC-Seite ist alles so wie immer: Tom Brady und Peyton Manning haben zusammen bereits 31 Playoffspiele gewonnen. Auf der NFC-Seite ist alles ungewohnt: Carson Palmer und Cam Newton haben gemeinsam drei Siege in den Playoffs. Erst wird der zehnte Auftritt für Manning oder Brady im Super Bowl, jeweils der erste für Palmer oder Newton.

[Vorschau auf das AFC Championship Game hier]

Wer gegen eine der beiden AFC-Legenden im Super Bowl antreten darf, wird um 02.40Uhr 00.40Uhr in Charlotte ausgespielt: Arizona Cardinals (14-3, #2 Seed) @ Carolina Panthers (16-1, #1 Seed), live und in Farbe bei FOX/NFL Gamepass, Sat.1/ran.de und PULS4.

Für die beiden Cheftrainer ist das kein so ungewohntes Terrain wie für ihre Quarterbacks. Ron Rivera war in den 80er Jahren als Safety bei den Chicago Bears Teil einer sagenumwobenen Verteidigung, die regelmäßig in den Playoffs Terror gemacht hat. Als Linebackers-Coach bei den Philadelphia Eagles unter dem legendären Jim Johnson erreichte er Anfang des Jahrtausends dreimal das NFC Championship Game; als Defensive Coordinator der Chicago Bears 2006 auch den Super Bowl – den die Bears gegen Peytons Indianapolis Colts verloren.

Bruce Arians was für drei Jahre Quarterbacks Coach des jungen Peyton Manning in Indianapolis. Später erreichte er mit Ben Roethlisberger und den Pittsburgh Steelers dreimal den Super Bowl und gewann zwei. Nachdem die Steelers ihn Anfang 2012 entließen, war seine Karriere eigentlich vorbei. Chuck Pagano, der sich zwischen 2008 und 2011 bei den Ravens etliche Male mit Brady und Manning rumquälen mußte, verpflichtete 2012, als frischgebackener Head Coach der Indianapolis Colts, Arians als seinen Offensive Coordinator. Nach fünf Spielen wurde bei Pagano Leukämie diagnostiziert, Arians übernahm das Team bis zum Ende der Regular Season.

Auf beeindruckende Weise hielt Arians die Mannschaft zusammen und schaffte mit Rookie Andrew Luck den Einzug in die Playoffs. Diese Leistung verschaffte Arians 2013 den Job als Head Coach der Arizona Cardinals. Trotz sieben Siegen in den letzten neun Spielen verpaßten die Cards mit einer 10-6-Bilanz die Playoffs. Letzte Saison startete man mit 9-1, dabei verletzte sich aber Carson Palmer; nur zwei Siege in den letzten sechs Spielen reichten immer noch für die Playoffs, doch dort wurde in der Wild Card Round Quarterback Ryan Lindley zertrümmert, er warf 28 Pässe für ganze 82 Yards – gegen die Carolina Panthers.

Dieses Jahr kehrte der 36jährige Palmer zurück und spielte die Saison seines Lebens: 4671 Yards, 35TD/11INT, 8,7Y/A. Seit Oktober hat Arizona nur ein Spiel verloren. Zu verdanken haben sie das zu großen Teile der Aggressivität und der Risikofreude ihres Cheftrainers.

Arians ist zum Liebling vieler Footballnerds geworden, weil er (vermeintliche) Risiken eingeht wie kaum ein zweiter. Er liebt den langen Paß, er liebt den Blitz und er trifft taktische Entscheidungen, um ein Spiel zu gewinnen, nicht, um ein Spiel nicht zu verlieren. Das beste Beispiel war letzte Woche das Ende der regulären Spielzeit gegen Green Bay.


Mit 2:34 Minuten auf der Uhr, 2nd&8, 17-13-Führung, Green Bay ohne Timeouts, sagt er einen Paßspielzug an. Die meisten Coaches würden hier den Lauf spielen, die Uhr zum 2-min-warning runterlaufen lassen, im dritten Versuch abknien und mit ungefähr 1:15 das Field Goal zum 20-13 kicken. Die scheinbar sichere Variante. Arians aber läßt passen, denn ist dieser Paß erfolgreich für ein First Down, ist das Spiel vorbei. Arizona kniet dreimal ab, gewinnt 17-13.

Letzten Sonntag nun trat aber der schlechtmöglichste Fall ein: der Paß ist unvollständig, Green Bay bekommt den Ball mit 1:50 Minuten auf der Uhr zurück. Unkonventionell, trotzdem richtig: mit einem Spielzug hätte das Spiel gewonnen werden können, geht er schief braucht GB immer noch einen TD. Es bräuchte schon mindestens zwei völlig irre Plays von Rodgers und diesen Balljungen, die aufgrund der vielen Verletzungen Receiver spielen mußten, um GB noch irgendwie in die Verlängerung zu retten.

Und in diesen 1:50 Minuten war Arizona weiterhin so aggressiv. Sie blitzten Rodgers wie es sonst kein Team in einer vergleichbaren Situation macht. Es ist die bessere Strategie, und das nicht erst seit Jim Caldwell mit dem genau gegensätzlichen Angsthasenkonzept einen scheinbar sicheren Sieg in dieser Saison gegen ebendiese Packers verspielt hat. Nur zwei absolut wahnsinnige, weit außerhalb unserer Vorstellungskraft liegende Pässe von Aaron Rodgers hätten die Packers retten könne. Tja, well…

Es ging trotzdem gut aus und das war auch richtig so. Hätte Bruce „The Risk“ Arians ausgerechnet gegen Mike „Hasenfuß“ McCarthy verloren, wäre die NFL noch langweiliger, weil viele Coaches noch ängstlicher geworden.


Carolina dagegen hätte vor lauter Angst fast noch einen 31-0-Vorsprung gegen Seattle verspielt. Im dritten Viertel haben die Panthers schon angefangen Prevent Defense zu spielen. Dieser Ansatz hat dazu geführt, daß Seattle in Hälfte Zwo aus fünf Drives 24 Punkte gemacht hat. Auch im Angriff lief alles sehr defensiv, immer gefahrlos in den Menschenberg laufen: fünf Drives, 90 Yards, fünf Punts. Von Riverboat Ron weit und breit keine Spur.

Diese Risikoaversion hat diese Saison schon einige Male beinahe dazu geführt, daß Carolina sicher geglaubte Spiele fast noch verloren hätte. Das Josh-Norman/Odell-Beckham-Spiel war dabei nur das deutlichste Beispiel, als man nach 35-7-Führung die Giants noch zum Ausgleich kommen ließ.

Arizonas Big Play Offense

Gegen die Big-Play-Maschine aus Arizona kommt heute noch erschwerend hinzu, daß die Cornerbacks neben Josh Norman letzte Notnägel sind. Im Dezember haben sich Peanut Tillman und Bene Benwikere verletzt. Ersetzt werden sie von Robert McClain und Courtland Finnegan, bei wurden erst im Dezember von der Straße geholt.

Larry Fitzgerald, Michael Floyd, John Brown können auch gute Secondaries schreddern. So kommt alles auf den Druck an, den Carolina gegen den QB generieren kann. Mit Jared Allen ist in der Front Four nun ein wichtiges Puzzleteil verletzt. Die Defensive Ends Charles Johnson, Kony Ealy und Mario Addison haben letzte Woche den Seahawks keine riesigen Schwierigkeiten bereitet. Mit Jared Veldheer ist man links gut aufgestellt, problematisch könnte Bobby Massie auf rechts werden.

Die Sollbruchstelle ist allerdings die Mitte der Linie. Die beiden jungen Defensive Tackles Kawann Short und Star Lotulelei sind auf dem besten Wege in die Suh/Donald/Atkins-Liga, Short ist wahrscheinlich schon mittenmang; mit Dwan Edwards ist da auch noch ein Dritter, der für ein Drittel der Snaps pro Spiel ohne merklichen Leistungsverlust den beiden Stars viele Verschnaufpausen geben kann. Arizona LG Mike Iupati ist auch ganz oben, aber der andere Guard Ted Larsen und Center Lyle Sendlein sind Spieler, für die man besser Upgrades suchen sollte in der kommenden Offseason.

Die Cards müssen hier einen Weg finden, in der Mitte gegen Short/Lotulelei/Edwards und die oft nur angetäuschten Double-A-Gap Blitzes des Jim-Johnson-Schülers Sean McDermott zu helfen. Arizona spielt oftmals mit vielen Tight Ends für Max Protection und schickt dann nur drei Wide Receivers auf Routen, das sollte auch hier das Mittel der Wahl sein. Es gibt zwei Duelle Stärke-gegen-Schwäche: Carolinas Pass Rush gegen Arizonas Pass Protection; und Arizonas Ballfänger gegen Carolinas Secondary.

Gegen den Paß sind da aber auch noch Luke Kuechly und Thomas Davis, das wohl beste LB-Duo der Liga, gerade auch gegen den Paß. Diese beiden muß man ohne Ende horizontal stressen. Prädestiniert dafür sind RB David Johnson und WR John Brown. Auch der blitzflinke JJ Nelson bietet sich für die horizontalen Routen hinter der Line of Scrimmage an, die durch die Zonen von Kuechly und Davis gehen

Überhaupt paßt das Paßkonzept der Cardinals recht gut gegen Kuechly/Davis. Ihre Pre-Snap-Formationen sind in der Regel recht eng, oftmals stehen alle Spieler innerhalb der Nummern auf dem Feld. In der Mitte haben die Receivers den Vorteil, in vier Richtungen operieren zu können, während an der Seitenlinie schonmal mindestens eine Richtung fehlt. Kuechly/Davis sind eine Klasse für sich, aber wenn nacheinander ein schneller RB, ein explosiver WR und dann als Krönung von der anderen Seite noch Larry Fitzgerald durch deine Zone rauscht, kannst du schonmal schlecht aussehen.

Was sich anbietet für Arizonas Offense: mit horizontalen Routen der explosiven, wendigen WRs und RB Johnson die Linebackers beschäftigt halten, mit Max Protection den großen WRs Zeit geben, um die tiefen Zonen mit den Ersatzcornerbacks zu attackieren.

Arizonas-D: Blitzen, bis es kracht

Auf der anderen Seite wird die Defense von DC James Bettcher blitzen, daß es nur so eine Art ist. Die WRs der Panthers sind so schlecht, daß man gar nicht weiß, an wen man Patrick Peterson verschwenden soll. Wenn Arians und Bettcher ganz steil aus der Kurve kommen wollen, könnten sie ihn sogar auf TE Greg Olsen ansetzen, den mit Abstand gefährlichsten Paßfänger. Das wär sehr ungewöhnlich, würde aber zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: man würde Peterson nicht verschwenden und man hätte den besten Paßfänger mit dem besten Paßverteidiger unter Kontrolle.

Aufpassen muß man dann noch tief auf Ted Ginn, der jedem Verteidiger weglaufen kann. Die Safeties Rashad Johnson und Tony Jefferson sind ganz gute Leute, aber auch sie leben die Aggressivität Arians, was dazu führen kann, daß sie zu schnell den Schritt nach vorne machen oder einem Fake aufsitzen und dann Ginn nur noch von hinten sehen.

Eine große Frage ist auch die Rolle von Deone Bucannon. Dieser ist eigentlich Safety, spielt aber diese Saison als schmächtigster Linebacker der Liga. Mit seiner schmalen Statur ist er ein gefundenes Fressen für die beiden Monster, die für Carolina Offensive Guard spielen: Trai Turner und Andrew Norwell. Will man ihn wirklich in dieser Position belassen gegen das Power Running Game der Panthers? Was sich im Paßspiel natürlich anbietet, ist Bucannon als Spy gegen Cam Newton einzusetzen. Aber im Laufspiel? Hmm.


Arizona ist Top-10 auch gegen den Lauf, aber sie haben bisher noch nicht gegen ein Laufspiel vom Kaliber Carolinas gespielt. Das schönste Match-up dürfte DT/DE Calais Campbell gegen die Guards sein. Big Boy Rodney Gunther spielt einen ganz soliden Nose Tackle, steht aber in Ryan Kalil einem Center gegenüber, der es mit jedem Nose Tackle aufnehmen kann hat. Neben Campbell und Gunther (der nur Early Downs spielt), wird locker durchrotiert mit dem Veteran Frostee Rucker und den beiden jungen Ed Stinson und Josh Mauro. Mauro sieht in ungefähr so aus wie Campbell, zwei Meter lang, sehr kräftig, aber kaum Bauch wie die meisten dicken Interior Lineman. Mauro spielt nicht viel, macht aber ständig Plays. Ich habe dieses Jahr bestimmt schon fünfmal nachgeguckt, wer die #73 #97 ist.

Sie werden Carolinas Laufspiel nicht völlig abwürgen können (Negativrekord für CAR Laufspiel 2015: 111 Yards, das schaffen viele Teams nicht mal im Durchschnitt). Aber sie werden auch nicht abwarten und hoffen, die Panthers mit gewöhnlicher Lauf-D bei 3Y/C halten zu können. Sie werden attackieren. Blitzes auch gegen den Lauf. Funktioniert das, kommt Carolina in 2nd- und 3rd-and-long, da wollen sie Cam Newton haben – und blitzen.

Newton hat wohl die schlechteste Technik eines Starting-QB in der NFL. Er wirft breitbeinig, er wirft gegen seine Laufrichtung, er wirft komische Sidearm Passes aus der Hüfte oder nur auf einem Bein stehend; teilweise kann man ganze Drives nehmen und verkaufen als Coaching Tapes „How not to throw the football“. Aber es funktioniert sehr oft, er hat einen dermaßen grotesken Arm, daß er keine gute Technik braucht. OC Mike Shula hat diese Saison auch das einzig richtige gemacht und scheinbar aufgehört, an seiner Technik zu arbeiten. Es ist jetzt seit fünf Jahren in der Liga, ändern kann man das wohl nicht mehr. Es ist ein wenig wie Brett Favre in seinen wilden Tagen – nur daß Newton nur selten so halsbrecherischen Entscheidungen trifft wie der Gunslinger himself.

Das will aber Arizona erreichen mit den Blitzes: Newton zu dummen Entscheidungen zwingen. Die Panthers haben in dieser Saison kaum einmal zurückgelegen. Die Defense und die ballkontrollierende, lauflastige Offense ohne Ballverluste haben Newton bisher davor bewahrt.


Das ist die Idealvorstellung Arians‚: schnell in Führung gehen mit Big Plays und Carolina zwingen, mehr auf das Paß- als das Laufspiel zu setzen. Dann Newton zwingen, unter Druck gegen wilde Blitzes schwierige Pässe zu schlechten Wide Receivers zu werfen. Carolina muß unbedingt verhindern, in diese Situation zu kommen. Das geringste Problem ist das Laufspiel, das wird wohl funktionieren; aber ist die Defense gut genug, die Aggressivität der Cardinals auszuhalten?

Wenn Du wankend am Abgrund stehst und in die Tiefe schaust, kommt Arians wie ein Wahnsinniger von hinten angestürmt und rammt dich mit allem, was er hat, hinunter. Schaffst du es, den kleinen Schritt zur Seite zu machen, fliegt Arians selbst kopfüber in die Hölle. Aber davor hat er keine Angst. Fortune favors the bold.

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6 Kommentare zu “Vorschau NFC Championship Game: Arizona Cardinals @ Carolina Panthers

  1. Pingback: Wer spielt im Super Bowl 50? – Reise zum Super Bowl 50

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