Philadelphia Eagles 2016: Graue Maus und Grauer Bär

Der NFL-Weg nach einem gescheiterten Trainer-Experiment ist meistens derselbe: Such dir irgendwas Neues, was charakterlich oder philosophisch nicht dem Alten ähnelt. Also Offense nach Defense. Oder Player-Coach nach Disziplin-Nazi. Im Fall der Philadelphia Eagles reden wir vom zweiten Fall. Wir reden vom Nachfolger von Chip Kelly.

Der Head Coach: Doug Pederson

Das Neue trägt einen Namen: Doug Pederson. Pederson nimmt man als eher graue Maus wahr. Den Mann kennt man noch als Backup-QB in Green Bay, und man erinnert sich noch, ihn einst auf Madden Football besiegt zu haben, nachdem Brett Favre mit einem Hit von Boss Bailey aus dem Spiel geknockt wurde. Das ist erst ein Jahrzehnt her.

Pederson war kein großartiger Quarterback. Er war eher der mittelmäßig talentierte Wandervogel, der sich durchbeißen musste. Das kann man einem Menschen negativ auslegen, aber man kann es auch anders sehen: Ihm wurde nichts geschenkt. Er musste beißen und kämpfen für seinen Traum, seine Chance in der National Football League.

Pederson tingelte in den 1990ern über mehrere Stationen durch die Liga: Miami, Green Bay, Philadelphia. Dabei lernte er von der downfield-orientierten Offense von Don Shula über die Hardcore-Version der West Coast Offense von Holmgren zum passgewaltigen Andy-Reid Angriff eine Menge verschiedener, moderner Offenses kennen.

Pederson ging nach seiner NFL-Karriere als Coach an die Highschool. Sein Erfolg war nicht überwältigend, aber das Coachen machte ihm genug Spaß um 2009 einen Job im Trainerstab seines alten Buddys Andy Reid anzunehmen – zurück in Philadelphia bei den Eagles. Pederson wurde QB-Coach. Er war Michael Vicks Mentor in dessen Comeback-Saison 2010. Und er war Nick Foles‘ Mentor in dessen erster Saison.

Reid nahm Pederson nach seiner Entlassung Anfang 2013 mit nach Kansas City und beförderte ihn zum Offensive Coordinator. Diese Position gehörte Pederson in den letzten drei Jahren. Landläufige Meinung ist, dass Reid die Kontrolle über die Offense hatte – eine Offense, die sich mangels eines wirklich hochklassigen Quarterbacks vor allem über Fehlerminimierung und Laufspiel definierte.

Das muss für einen Coach nichts schlechtes bedeuten. Im Gegenteil: „Coaching“ ist eigentlich ein Synonym für „um die Probleme herum arbeiten“ bzw. „aus dem vorhandenen Material das beste machen“. Das ist mit limitiertem Spielermaterial schwieriger als mit dem talentiertesten Kader.


Wie viel Einfluss Pederson also auf das Gameplanning in Kansas City hatte, ist unklar. Nicht zu leugnen aber ist, dass die Chiefs seit Reid/Pederson um zwei Welten bessere Offense spielen als in den dunklen Jahren zuvor. Und glaubt man den Aussagen der Beteiligten, so hat Pederson zuletzt das Play-Calling in allen zweiten Halbzeiten übernommen – also nachdem man die „Adjustments“ an den Gegner in der Pause vorgenommen hat.

Jetzt also Philadelphia – eine Rückkehr für Pederson, und quasi eine „Rückkehr“ auch für die Organisation und die Fans der Eagles, die nach dem „kalten“ Chip Kelly wieder den Kuschelfaktor eines gestandenen Philadelphians zum Chef bekommen.

Pederson gilt als gut verdrahteter Mann bei den Eagles. Er kann gut mit GM Roseman, der als Bürokrat ohne Footballhintergrund nicht immer den leichtesten Stand bei den Fans hat und mit Kelly wie Feuer und Wasser war. Die Machtstruktur bei den Eagles gilt als noch nicht 100%ig geklärt mit einem GM Roseman, der sich tief in die Kaderplanung hinein einmischen möchte, aber nicht die Organisation im Scouting übernimmt, und einem Pederson, der sich allein auf das Coaching konzentrieren soll, aber nur über relativ geringe Erfahrung verfügt.


Pederson gilt als sehr weltoffener Football-Geist. Er ist nicht an ein Schema oder eine spezielle Idee gebunden. Ihm ist seit langem bewusst, dass das Passspiel die Liga rockt, aber wenn es das Material nicht anders hergibt, ist er bereit, eine Offense komplett auf den Kader zuzuschneien wie in den lauflastigen Jahren bei den Chiefs, als man auch 30 Carries über Jamaal Charles ansagte, wenn nötig.

Eine Fragezeichen ist das Clock-Management, zuletzt gegen die Patriots wieder arg unter Beschuss. Pederson nahm als Play-Caller die Verantwortung auf sich. Was erschreckte, war seine sinnfreie Erklärung für die Katastrophe. Die Uhr ist nicht der wichtigste Punkt auf der Agenda eines Head Coaches, aber sie kann hie und da zum Ärgernis werden, und schlechtes Zeit-Management kostet immer wieder einen an sich schon längst hart erarbeiteten Sieg.

Der Defense Coordinator: Jim Schwartz

Was mir sehr gut gefällt an der neuen sportlichen Ausrichtung in Philadelphia, ist die Besetzung der Position des Defensive Coordinators: Jim Schwartz. Schwartz war schon immer einer meiner Lieblingscoaches, und er hat auch nach seinem Scheitern in Detroit nicht stark gelitten. Jim Schwartz ist für mich auch ein Symbol dafür, was der Stress des Headcoach-Jobs aus einem Menschen machen kann: Eine Mutation vom engagierten Jungspund zum grauen Bär innerhalb von nur fünf Jahren Detroit Lions.

Der noch nichtmal 50-jährige Schwartz mag als Chefcoach fehlgeschlagen und verbrannt sein, aber er ist ein hervorragender Defensive Coordinator, der in Tennessee, Buffalo und auch mit Abstrichen in Detroit teilweise großartige Defenses auf das Feld schickte.

Man vergisst heute nur zu gerne, wie stabil die Titans-Verteidigungen in den Jahren unter Schwartz waren – ohne Staransammlung. Man sollte sich auch vor Augen führen, um wie viel besser die Bills-Defense 2013 unter Schwartz gecoacht war als zuletzt 2014 unter dem vermeintlich besten Defense-Mind der Liga, Rex Ryan.


Schwartz‘ primäre Idee ist es, ohne Blitzing Druck auf den Quarterback auszuüben. Dort startet sein Spiel, von dort fließen alle Komponenten ineinander. Schwartz hat sich schematisch etwas emanzipiert: Spielte er in Tennessee und Detroit noch sehr viel 4-3 mit „Wide 9“ Aufstellung, änderte er in Buffalo den Kurs auf 3-4 mit 1-Gap Attacke, ähnlich der Texans-Defense um JJ Watt. Hauptsache „Attacke“.

Defensive Liner sind seine Lieblingsspieler, und von Haynesworth über Suh hin zu Dareus hatten etliche Profis ihre absolute Blüte unter Schwartz‘ Regentschaft. In Philadelphia dürften spannende Zeiten auf Leute wie DT #91 Fletcher Cox oder OLB Graham zukommen – und vielleicht bleibt auf der Free-Agent #75 Curry.

Dadurch dass Pederson ein offensiv-orientierter Head Coach ist und sich daher vor allem um den Angriff kümmern wird, dürfte Schwartz über große Freiheiten in der Organisation der Defense verfügen. Ich bin dezent enthusiasmiert. Nicht bloß werden die Eagles eine optisch ansprechende Defense spielen. Sie könnten für Schwartz auch noch einmal ein Hintertürchen für eine zweite Chance als Head Coach in der NFL öffnen.

3 thoughts on “Philadelphia Eagles 2016: Graue Maus und Grauer Bär

  1. Wieder sehr interessant zu lesen🙂 vor allem der Teil: „Man sollte sich auch vor Augen führen, um wie viel besser die Bills-Defense 2013 unter Schwartz gecoacht war als zuletzt 2014 unter dem vermeintlich besten Defense-Mind der Liga, Rex Ryan.“ – trifft genau meine Meinung, auch wenn man sich überlegt, dass die Spieler in der Defense fast genau die gleichen waren wie im Vorjahr. Dreht es sich eigentlich nicht um die Jahre 2014 und 2015?!

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