Carolina Panthers – Die Zutaten und das Rezept zum Glück

Die Geschichte der Carolina Panthers ist schnell erzählt: Die Franchise hat ihren 20ten Geburtstag gerade erst hinter sich und in der Zeit seither erst wenige echte Heldengeschichten geschrieben. Es ist eine Franchise aus der Retorte, die für viele Traditionalisten weniger eine Bereicherung als vielmehr ein neumodischer Dorn im Auge ist.


Die Panthers sind zuhause in Charlotte im Bundesstaat North Carolina, am Rande des Bible-Belt, der über Jahrzehnte als Streckenpferd des College Football (Stichwort SEC) galt. Ihre Gründung ist einem Konsortium um den ehemaligen NFL-Profi Jerry Richardson zu verdanken, beziehungsweise der gewonnenen Ausschreibung jenes Konsortiums, das seit 1995 die Lizenz als 30tes Team der NFL zugestanden bekam.

Seither hat die Franchise eine Achterbahnfahrt hinter sich gebracht: Schon im zweiten Jahr des Bestehens jagten die Panthers der NFL Angst und Schrecken ein, als sie das Halbfinale stürmten und nur knapp an einer vorschnellen Superbowl-Teilnahme scheiterten. Auf dem Erfolg konnte man nicht aufbauen und stürzte kurze Zeit später ab, tief hinunter in die Gefilden einer 1-15 Saison zum Jahresende 2001.

Richardson, einer der härtesten Owner in der NFL, hatte damals keine Scheu und feuerte Head Coach George Seifert, seines Zeichens kein Leichtgewicht, sondern ein zweifacher Superbowl-Gewinner mit den San Francisco 49ers. Richardson stellte als seinen Nachfolger den Defensive Coordinator der New York Giants ein, John Fox.

Fox fackelte in Carolina nicht lange und krempelte über Nacht alles um, und führte Carolina schon im zweiten Jahr erstmals in die Super Bowl. Das war 2003/04, als die Panthers sich einen Namen als „Cardiac Cats“ der NFL machten, als eine Mannschaft, die aus ihren limitierten Mitteln das absolute Maximum herausholte und einen Freaksieg nach dem anderen einfuhr.

Diese Saison endete nach fünf Comeback-Siegen und sechs Overtimes (darunter einer doppelten) erst in allerletzter Sekunde mit einer haarscharfen Pleite gegen die hoch favorisierten New England Patriots in Superbowl XXXVIII (die Nipple-Gate Superbowl) – einem Endspiel, das bis heute als eines der verrücktesten und spannendsten gilt.

Carolina blieb unter Fox über Jahre trotz des Fehlens eines echten Franchise-QBs und trotz immer wiederkehrender Verletzungssorgen ein Team, das hie und da für Rabatz und echte Titelgefahr sorgte. 2005/06 erreichte man erneut das Conference-Finale, 2008/09 flog man als hoher Favorit in der zweiten Playoff-Runde gegen Arizona raus: Jake Delhomme fabrizierte satte 5 Turnovers in der 13-33 Pleite.

Jene Partie gegen die Cardinals im Jänner 2009 war der Wendepunkt der Ära Fox, ein Tiefschlag, von dem sich Fox nicht mehr erholte. Zwei Jahre später wurde sein auslaufender Vertrag nach einer 2-14 Saison nicht mehr verlängert.

Neustart

Zu Fox‘ Nachfolger wurde Ron Rivera bestimmt, dem in seiner ersten Offseason 2011 jedoch aufgrund des Lockouts die Hände gebunden waren: Free Agency gab es erst im Sommer, und im Draft hatten die Panthers nach zahllosen verscherbelten Jahrgängen nur wenig Munition.

Außer natürlich dem einen Pick: Der #1. Die nutzte man für den umstrittenen Quarterback der Auburn Tigers, Cameron Newton, der im Vorfeld des Drafts so ziemlich alle Berufsberatungen zum Verzweifeln gebracht hatte und sich als gnadenloser Unsympath positionierte. Newton, zweifellos ein sportliches Supertalent mit allen athletischen Voraussetzungen, galt als Risiko-Pick galore – doch GM Marty Hurney zog den Scheiß ohne Rücksicht auf Verluste durch…

…und er lag richtig. Doch zunächst verballerte Hurney nach dem Lockout in der Free-Agency Dutzende Millionen Dollar für unwichtige Spieler im Kader und verbaute seiner Mannschaft damit auf Jahre die Möglichkeit eines sinnvollen Wirtschaftens. Hurney stopfte fast 100 Millionen Dollar in die Runningback-Position, ein schwerer Fehler in der gegenwärtigen NFL.

Trotzdem startete Carolina erstmal wie aus der Kanone geschossen in die Saison. Die Offense um Rookie-QB Newton feuerte aus allen Rohren und mutierte über Nacht von der mit Abstand schlechtesten der Liga zu einer Top-5 Unit, und Newton gewann den Rookie-des-Jahres Preis. Carolina war plötzlich wer.

Im Draft 2012 zog GM Hurney die nächsten Granaten in LB Luke Kuechly und CB Josh Norman, und die Panthers gingen mit einigem Hype in die Saison. Es sollte eine frustrierende Saison werden…

… Eine äußerst frustrierende! Carolina startete mit 1-5 Siegen, ehe Owner Richardson die Geduld verlor und Hurney nach fast 15 Jahren im Angestelltenverhältnis in der Franchise feuerte. Hurney galt mit seiner unverantwortlichen Vertragspolitik als Sündenbock für die Misere. Carolina verlor ein Spiel nach dem anderen, aber es waren nicht bloß Niederlagen: Es waren verheerende Niederlagen in Spielen, die förmlich reihenweise weggeschmissen wurden.

Die wahren Böcke wurden nicht bloß im Front-Office geschossen, sondern vor allem an der Seitenlinie, wo Head Coach Rivera selbst für Cheftrainer-Verhältnisse konservatives Game-Management betrieb und mit einem 4th&1-Punt nach dem anderen auch ein Spiel nach dem anderen wegwarf. Carolina war Mitte Oktober 2012 mit dem Tempo eines Superbowl-Kandidaten unterwegs – und mit der Siegbilanz eines #1-Draftpicks.

Am Ende stellte sich selbst der Bremsklotz Rivera als nicht genug Ballast heraus, als dass die Panthers nicht doch noch die letzten vier Spiele teilweise klar gewonnen hätten, aber am Ende fühlte sich die 7-9 Bilanz mit einem 1-7 Record in engen Spielen als gigantische verpasste Chance an.

Es wäre viel, viel mehr drin gewesen. Carolina war ein Turboschlitten, der nur den ersten Gang nutzte. Richardson, der 11 Jahre zuvor Seifert gefeuert hatte, behielt aber für alle überraschend diesmal die Ruhe, und ließ Rivera gewähren. Er stellte in David Gettleman einen neuen General Manager ein, der ein Jahr Zeit bekommen sollte um sich „seinen“ Head Coach auszugucken.

Im Draft ging Gettleman ganz pragmatisch die größte Schwachstelle der Mannschaft an, Defensive Tackle, und zog in Star Lotulelei und Kawann Short gleich mit den ersten beiden Picks diese wichtige Position. 2013 sollte schließlich das Jahr des Durchbruchs werden.

Und 2013 begann, wie das alte Jahr geendet hatte: Enttäuschend. Carolina verlor Spiel 1 und Spiel 2, und Rivera stand nach einem erneut sensationell verschenkten Spiel gegen Buffalo bereits am Pranger. Alle Auguren fühlten sich bestätigt: Rivera ist der Bremsklotz, den die Panthers aus dem Weg räumen müssen um endlich die Lorbeeren für die harte Arbeit zu ernten.

Wie sich herausstellte, räumte sich Rivera selbst aus dem Weg.

Riverboat Ron

Rivera bekam für seinen verpassten 4th&1 Call gegen die Bills dermaßen sogar von der „alten Garde“ NFL-Experten auf die Fresse, dass er nicht mehr anders konnte als sich selbst zu hinterfragen. Die Tage nach der Pleite gegen die Bills beschreibt Joe Posnanski in einem Porträt von Ron Rivera („By the Book“) wie folgt:

Two days later, he was driving home from the stadium late at night, and his mind was still on that play. The voice of John Madden was echoing: “There is no book.” Rivera mindlessly ran through a red light. Suddenly he saw the car about to T-bone him, and the next few seconds were squeals and panic and burnt rubber and heart-pumping adrenaline. The two cars had somehow managed to miss. And two lessons were clear. One: Pay attention when you’re driving. Yeah, that’s the obvious one.

But two, the big one, life is too precious to hold back and play scared.

The next week, the Panthers went for it on fourth down in a key moment. And the next week, they did again. And against Minnesota, they went for it twice. And they were winning. Suddenly, everyone was calling Rivera “Riverboat Ron.” Suddenly, the Panthers were playing the loose and free style he’d long wanted from them.

Ob es ein near miss auf der Straße war oder nicht, ist nicht mehr relevant: Rivera zeigte Umdenken. Er wurde von einem Moment auf den anderen vom konservativsten zum aggressivsten Coach der NFL – und er wurde dafür belohnt: Die Panthers gewannen mit 12-4 Bilanz ihre Division und zogen mit Pauken und Trompeten in die Playoffs ein. Dort verlor man gegen San Francisco, aber das war nach einer fulminanten Saison nicht mehr so schlimm.

Denn Riverboat Ron hatte seine innersten Ängste überwunden und damit die größte Bremse selbst eliminiert. Die Carolina Panthers wussten damit, dass sie einen Coach mit Potenzial für die Superbowl hatten. Sie wussten bloß nicht, ob sie jemals einen Kader für die Superbowl zusammenbringen würden, denn zu schwer lasteten die Nachwirkungen der Salary-Cap Moves von ex-GM Hurney auf dem Kader.

Lieblingswort des Controllers: Kosteneffizienz

In seinen Versuchen, den Kader der Carolina Panthers zu stärken, hatte GM David Gettleman nicht viel Spielraum. Offensive Line, Wide Receiver, Defensive Backfield – all diese Positionen galten zwischen 2013 und 2015 als Schwachstellen, die Carolina nicht mit viel Verve über die Free Agency angehen konnte. Es blieb der NFL-Draft. Und es blieb die Hoffnung, den einen oder anderen Diamanten für billige Kohle von der Straße zu ziehen.

Gettleman war von den Giants nach Carolina gekommen. Die Giants fahren seit vielen Jahren die Politik, Bewährtes höher einzustufen als das Unbekannte. Sprich: Anstelle von billigen ungedrafteten Rookies setzte Gettleman seinen Fokus auf die andernorts entlassenen Altstars, köderte sie mit billigen Verträgen und der Aussicht, in Carolina noch Spielzeit für einen neuen Vertrag zu bekommen.

Er verzichtete angesichts der drohenden Cap-Hölle darauf, den schwer umstrittenen DE Greg Hardy nach dessen teaminterner Suspendierung mit einer teuren Vertragsverlängerung zu halten und investierte das Geld lieber in Kadertiefe.

So holte er OT Michael Oher nach gescheiterten Stationen in Tennessee und Baltimore für nur 3.5 Mio/Jahr zu den Panthers, und Oher dankte es ihm mit einer gemessen an den Erwartungen famosen Saison.

So holte er DT Duan Edwards, FS Roman Harper, CB Peanut Tillman, DE Jared Allen, WR Jerrico Cotchery, CB Cortland Finnegan, WR Ted Ginn oder QB/WR Joe Webb nach Carolina, und sie alle füllten ihre Rollen mehr oder weniger erfolgreich aus. Vor allem: Sie sorgten für einige Tiefe in einem Kader, der an einigen Positionen mit herausragenden, hoch gedrafteten Spielern besetzt ist.

Ein Ginn ist der Prototyp für die Gettleman-Politik: Gestartet als zu hoch gedrafteter Receiver in Miami, floppte der „Wide Receiver“ Ginn überall, hielt sich jedoch mit seinen Skills als Returner über Jahre in der NFL über Wasser. In Carolina wird er in dieser Saison in Ermangelung von Alternativen als deep threat eingesetzt – mit dem Resultat von 10 Touchdowns in der aktuellen Saison.

Es klickt

Natürlich brauchst du Glück, um mit so einer Cap-Politik durchzukommen. Natürlich hätte Gettleman auch den Laden in die Luft jagen und zum krassen Umbruch ansetzen können. Aber er wählte den anderen Weg – einen verständlichen Weg, denn in QB Cameron Newton, LB Luke Kuechly, LB Thomas Davis, WR Kelvin Benjamin, den DTs Short/Lotulelei oder OG Amini Silotulu haben die Panthers genügend „high end“ Qualität in den letzten Drafts gezogen, um zumindest wettbewerbsfähig zu bleiben.

Dass es 2015 so „Klick“ machen würde wie es letztlich der Fall war – noch dazu nach der Verletzung des einzigen nennenswerten WR Benjamin – war freilich nicht abzusehen. Dass die Panthers einen ernsthaften Ansturm gen Perfect-Season unternehmen würden, konnte man nicht ahnen. Es ist eine hervorragende Leistung des Trainerstabs, aber auch Produkt einer geglückten Kaderpolitik des General-Managers, der das beste aus einer schwierigen Situation machte.

Es ist aber natürlich auch dem Durchbruch von Cam Newton zu verdanken, der nach vier sehr guten nun eine herausragende Saison folgen ließ und letztlich der wichtigste Grund dafür ist, dass die „Cam Option“ Offense funktioniert und Carolina damit vom Level „guter Durchschnitt“ auf den Level „Superbowl-Teilnehmer“ gehoben wird.


Du brauchst in der NFL eben doch alles: Einen Owner mit Geduld, ein Front Office mit Verstand, einen Trainerstab mit Mut, einen Kader mit einigen Superstars, und einen echten Franchise-Quarterback – und natürlich das Quäntchen Glück.

Mit diesen Zutaten kommst du in die Super Bowl.

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