Wie John Elway die Denver Broncos über Wasser hält

Gestern hatten wir die Carolina Panthers und ihren Weg über die letzten Jahre unter der Lupe. Lass uns heute die Denver Broncos anschauen, die Mannschaft, die erst vor zwei Jahren im Endspiel war und damals grandios an den Seattle Seahawks gescheitert ist.

Damals hatte ich im Vorfeld über die Denver Broncos geschrieben:

Innerhalb von fünf Jahren machten die Broncos vier grundsätzliche Wandlungen ihrer Offense durch: Vom zone blocking-Stil unter Shanahan, der ihnen die Superbowls in den 90ern geholt hatte zur Pass-Offense des Josh McDaniels zur Den-Veer Offense mit Tebow zu Manning. Eine solche Tour durch die Footballsysteme war in der NFL bis dahin quasi ungesehen.

Aus: Pragmatik schlägt Philosophie: Wie die Denver Broncos ihre Superbowl-Mannschaft formten

24 Monate später muss man konstatieren: Denver hat seine Tournee durch die Offense-Systeme fortgesetzt bzw. mit der Einstellung von Gary Kubiak als Head Coach den Kreis geschlossen zur Shanahan/Zone Blocking Ära der 1990er und frühen 2000er.

Die Einstellung von Kubiak galt in erster Linie als Idee von quasi-GM John Elway, dem mächtigsten Mann im Hause der Broncos. Man muss die Hintergedanken kurz erläutern um den Gedankengang Elways beim Austausch von John Fox zu Gary Kubiak besser zu verstehen: Elway selbst war ein berühmter Quarterback der Denver Broncos, der seine völlig unterlegenen Mannschaften mehrmals tief in die Playoffs bzw. in die Superbowl geführt hatte…

…nur um immer und immer wieder haushoch abgeschossen zu werden. Der Spieler Elway verlor Superbowls mit 45, 32 und 19 Punkten Differenz – er muss sich bei dem Blowout gegen die Seahawks (Niederlage mit 35 Punkten) vor zwei Jahren schmerzlich an jene alten Zeiten erinnert haben.

QB Elway galt schließlich und endlich dann schon als tragische Karriere, ehe im Spätherbst seiner Karriere in Denver Head Coach Mike Shanahan auftauchte und mit seinem Zone-Block Laufspiel eine wuchtige Offense einführte, die ihn, den Quarterback, auf seine alten Tage entlastete. Das führte letztlich dazu, dass ein greiser Elway mit 38 und 39 Jahren noch zweimal die Super Bowl abstaubte, ehe er in den Sonnenuntergang ritt.

Die Broncos von 2013 waren eine rekordträchtige Offensiv-Maschine (u.a. 55 Pass-TD durch Manning und 606 Offense-Punkte), bis sie in der Superbowl zerlegt wurde. Die Broncos von 2014 begannen auch noch recht punktgewaltig, ehe es mit zunehmendem Spielverlauf immer zäher, immer unansehnlicher wurde und man schließlich mit einer mausetoten Vorstellung in den Playoffs zuhause gegen Indianapolis scheiterte.

Jeder konnte sehen, dass sich ein 38-jähriger Peyton Manning sehr schwer tat, überhaupt noch über den Platz zu humpeln. Also reagierte Elway. Er erinnerte sich daran, was die Shanahan-Offense einst für ihn bewegte und wie sehr sie ihn entlastete. Er rasierte Fox um die Denver Broncos wieder zu ihren Wurzeln zurückzuführen, die da wären:

  • Laufspiel als Basis der Offense um den Pass vorzubereiten.
  • Zone-Blocking als primäres System.
  • Viele QB-Rollouts und Aufstellungen mit QB direkt am Center.

Eben das System Shanahan. Offensive Coordinator damals in den 1990ern in Denver: Gary Kubiak. Jener Kubiak hatte sich später als Cheftrainer der Houston Texans seine Sporen verdient, dabei zwar nicht immer glücklich ausgesehen, aber immerhin die ersten Playoff-Teilnahmen der jungen Texans-Franchise erreicht.

Die Entlassung von John Fox barg natürlich Risiken: Du feuerst hier einen Coach, der in vier Jahren 8-8, 13-3, 13-3 und 12-4 war, und der sogar mit Tebow einen Playoff-Sieg gefeiert hat. Neben Fox wurden auch beide Coordinators ziehen gelassen. Das Ziel war simpel: Rückkehr zu den Wurzeln der früheren Erfolge.

Dafür nahm man sogar in Kauf, dass eventuell QB Peyton Manning nach dem bitteren Ausscheiden 2015 seinen Rücktritt einreichen würde. Noch heute munkeln einige Berichte, dass Elway/Kubiak über einen Abgang Mannings nach der letzten Saison nicht unglücklich gewesen wären. Man wollte eh die Offense weniger QB-lastig machen, mehr diversifizieren, mehr auf Runningbacks setzen.

Letztlich handelte man mit Manning aber eine „halbe“ Gehaltskürzung aus: Manning reduzierte sein Grundgehalt mit der Option, bei Superbowl-Erreichen bzw. Gewinnen bis zu 100% rückerstattet zu bekommen.

Der offensichtliche Vater des Erfolgs

Überhaupt agierte Elway in den letzten beiden Jahren äußerst konsequent in den Vertragsverhandlungen. Zum einen ließ er Stammspieler wie OG Franklin, WR Eric Decker oder TE Julius Thomas ohne mit der Wimper zu zucken als klar war, dass diese Spieler roundabout Top-10 Gehälter für ihre jeweiligen Positionen fordern würden.

Elway bewies dagegen ein gutes Näschen, als er seinem Star-CB Chris Harris jr. sehr früh eine Vertragsverlängerung nebst Gehaltserhöhung anbot – Monate bevor Harris seinen endgültigen Durchbruch zum Shotdown-CB hatte und locker noch 5-6 Millionen teurer geworden wäre.

Elway kaufte im Zuge des Wettrüstens mit New England 2014 auf dem Transfermarkt mit WR Emmanuel Sanders, CB Aqib Talib und SS T.J. Ward drei hochklassige Prospects ein – alle für einen verantwortbaren Preis. Elway konnte neben einem stabilen Mannschaftsgefüge auch die realistische Aussicht auf einen Superbowl-Ring verkaufen – und sie alle schlugen ein.

Elway beging im „Fax-Gate“ auch einen Fehler, der seine Broncos die Chance auf eine Verlängerung mit DE Elvis Dumervil kostete. Dumervil musste im Zuge dessen gefeuert werden, aber Elway fand herausragenden Ersatz, indem er DE Demarcus Ware aus Dallas loseiste und für ca. 10 Mio/Jahr verpflichtete: Ware ist einer der größten Verteidigungsspieler unserer Zeit, und er verzichtete auf seine alten Tage der Chance auf einen Superbowl zuliebe auf die eine oder andere Million.

Wer Ware neben seinem kongenialen Passrush-Partner Von Miller im Semifinale 2015/16 gegen New England sah, dem ist klar, dass sich der Move ausgezahlt hat. Aber es war nicht bloß Ware – oder Talib, oder Ward – allein. Der wichtigste Grund, dass diese Broncos-Defense so phänomenal aufgeigt, ist die Einstellung von DefCoord Wade Phillips, der im Zuge der Kubiak-Einstellung nach Denver kam.

Der heimliche Vater des Erfolgs

Wade Phillips ist der Sohn eines legendären NFL-Coaches (Bum Phillips). Phillips hat unter oberflächlichen NFL-Fans einen zweifelhaften Ruf, vor allem, weil seine Zeit als Head Coach der berühmten Dallas Cowboys (und vorher Denver & Buffalo) etwas unglücklich verlief. Phillips mag ein Mann sein, bei dem das „Peter Principle“ greift: Befördere den Mann solange, bis er irgendwann überfordert ist.

Phillips mag als Headcoach keine Idealbesetzung gewesen sein, aber als Defensive Coordinator hatte Phillips noch überall grandiose Erfolge. Zuletzt hatte er in Houston einen blässlichen Rookie zu einem unschlagbaern Monster geformt (J.J. Watt), und schon immer hatte er für extrem aggressive 3-4 Defense mit 1-Gap Verteidigung gestanden – genau das Schema, das für hervorragende Individualisten wie Miller oder Ware gemacht ist.

So kommt es, dass Denver 2015/16 seine Spiele vor allem über die Defense und Special-Teams gewinnt – obwohl man den defensiv orientierten Head Coach John Fox gegen den offensiv-orientierten Head Coach Kubiak ausgetauscht hat. Der Grund #1 ist Wade Phillips.

Die Offense krankt derweil schon die ganze Saison an einem Zwiespalt zwischen dem, was man in der Theorie spielen möchte (eben Kubiaks Offense) und dem, was auf dem Feld dabei herauskommt: Ein QB Manning, der zeitlebens nur Shotgun-Formation und seine 3 WR / 1 TE / 1 RB Aufstellung kennt, oder ein grünschnäbeliger Backup-QB wie Osweiler, der bestenfalls 1/3 des Playbooks effizient auszuführen imstande ist.

Das vorläufige Resultat ist die erneute Superbowl-Qualifikation, und damit kannst du die Entscheidungen Elways nicht lautstark anzweifeln. Auf der anderen Seite kommt Denver zum Erfolg obwohl genau das, wofür Kubiak geholt wurde, nicht funktioniert – die Offense.

Die richtige Erkenntnis zählt

Trotzdem: Elway ist der Mann. Owner Pat Bowlen kriegt wegen Alzheimer-Erkrankung so gar nichts mehr mit vom Tagesgeschäft. Elway ist der Mann, über den heute alles in der Franchise läuft.

Auch wenn der Move für Kubiak auf den ersten Blick rückwärtsgerichtet aussieht und auch wenn man hier einen wehmütigen Blick Elways zurück in die Vergangenheit vermuten würde: Die Einstellung war knallhart berechnet. Sie ist der Erkenntnis geschuldet, dass ein 38 Jahre alter Peyton Manning keine fuffzig Touchdowns mehr werfen wird und du ihm Entlastung geben musst.

Elway ist ein bedingungsloser Pragmatiker, letztlich ein knallharter Geschäftsmann. Er hat die Transformation vom Offense-Monster zu einer balancierteren Mannschaft angestrebt und bekommen. Dass die Defense dabei so gut werden würde, konnte man nur hoffen, nicht erwarten. Sie kompensiert damit, dass die Offense noch nicht das geworden ist, was man sich vielleicht erträumt hatte.

Aber auch hier gilt wie beim Gegner Carolina: Der Mutige hat das Glück. Elway hat wie die Gegenüber Gettleman/Rivera die richtigen Schlüsse gezogen und die entsprechenden Stellschrauben gedreht. Einige haben bessere, einige haben schlechtere Ergebnisse gebracht. Am Ende bleibt aber bestimmt ein besseres Endresultat als wenn man sich vor zwei Jahren auf dem Status quo ausgeruht hätte.

3 thoughts on “Wie John Elway die Denver Broncos über Wasser hält

  1. Pingback: Super Bowl 50 Vorschau: Denver Broncos Offense vs Carolina Panthers Defense | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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