Die Quarterbacks von Super Bowl 50

Die beiden Quarterbacks von Super Bowl 50 könnten unterschiedlicher nicht sein. Auf der einen Seite läuft am Sonntag für die Denver Broncos der 38-jährige Peyton Manning auf, der vermutlich beste Quarterback aller Zeiten in seinem mutmaßlich letzten Spiel. Sein Gegenüber ist in Cameron Newton von den Carolina Panthers ein aufstrebenden Stern der NFL, einstiger Heisman-Trophy Gewinner und mit seinen flotten Sprüchen einer der gefragtesten Interviewpartner der Gegenwart.


Manning ist ein Quarterback der alten Schule: Weiß, spielintelligent mit der Genauigkeit eines Präzisionsgewehrs, immobil wie eine Scheibe Toastbrot. Newton ist der komplette Gegenentwurf: Ein schwarzer Scrambler und Instinktfootballer, bekannter für seinen rattenscharfen Wurfarm als seine wohlgetimten Pässe.

Manning wie Newton sind Werbeikonen und somit in den Vereinigten Staaten auch Sportmuffeln ein Begriff. Wo ein Manning aber den Charme eines Langzeitbürokraten versprüht, ist Showman Newton mit seinem Dauer-Smile zum Inbegriff des Spaßfootballers geworden.

Was beide Typen eint: Sie haben auf ihre Weise die Quarterback-Position revolutioniert – und beide müssen seit Jahren gegen festgefahrene Bilder ihrer selbst ankämpfen.

Peyton Manning kam 1998 als einer der meistgehypten College-Prospects ever in die Liga. Schon sein Vater Archie war ein berühmter NFL-Quarterback gewesen, und Manning hatte sich an einem der größten Colleges, Tennessee, Sporen als episches Talent erarbeitet. Im Draft wurde er an #1 von den Indianapolis Colts gezogen, die er schon im zweiten Jahr in die Playoffs führte.

Manning entwickelte sich über die Jahre recht schnell zum statistisch besten Quarterback der Liga, der seine Mannschaften jedes Jahr in die Playoffs führte – nur um dort seine Legende vom Playoff-Loser Nummer 1 zu schreiben. Immer wieder flogen seine favorisierten Colts gegen scheinbar unterlegene Mannschaften raus.

Schnell begannen sich die Skeptiker daran zu erinnern, dass Manning eh noch nie irgendwas gewonnen hatte: Am College scheiterte er immer wieder knapp am National-Title. Tennessee wurde schließlich Landesmeister, 1998, ein Jahr nach Mannings Abgang in die NFL. In der Heisman-Trophy Wahl scheiterte Manning an Charles Woodson, dem einzigen Defense-Spieler seit Äonen, der überhaupt die Trophy gewann. Und nun in der NFL ein Playoff-Debakel nach dem anderen, und häufig als favorisierte Mannschaft.

Erst im Jänner 2007 fegte Manning die Affen vom Buckel und schoss in einem atemberaubenden Footballspiel die New England Patriots im AFC-Conference Finale nach 18 Punkten Rückstand aus dem Stadion und wurde zwei Wochen später zum ersten Mal Superbowl-Sieger und Superbowl-MVP gegen die Chicago Bears.

Es ist bis heute Mannings einziger Superbowl-Ring. Damit verhindert Peyton das Stigma eines Dan Marino, aber wirklich überzeugt sind die Nihilisten noch nicht. Manning ließ zwei Superbowl-Pleiten gegen die Colts und die Seahawks folgen. Dass er heute der Quarterback mit den meisten Passing-Yards und Pass-Touchdowns ever ist, dass er fünfmal zum NFL-MVP gewählt wurde, dass er mit zwei verschiedenen Franchises und vier verschiedenen Head Coaches die Super Bowl erreichte, dass er einige der legendärsten Playoff-Performances ever absolvierte: Für die Anti-Peyton Fraktion zu wenig Grund, um ihn als Ikone des Sports anzuerkennen.


Cam Newton hat einen steinigeren Weg in die NFL hinter sich gebracht. Am College begann er seine Laufbahn als Backup eines gewissen Tim Tebow an der University of Florida, wo er nach einem versuchten Diebstahl vom Campus verwiesen wurde. Newton ging ans Community College und kehrte ein Jahr später in die SEC zu den Auburn Tigers zurück. In beiden Jahren verlor Cam kein einziges Spiel.

In Auburn hatte er 2010 seinen Durchbruch und führte eine komplette Durchschnittstruppe im Alleingang zum Landesmeistertitel, in einer Art wie noch kein Quarterback vor ihm jemals gespielt hatte. Newton fabrizierte über 50 Touchdowns und orchestrierte ein unvergessenes Comeback in der Iron Bowl gegen Alabama, das noch heute als eines der größten Upsets des Jahrzehnts gefeiert wird.

Newton gewann die Heisman-Trophy, und Newton wurde zu einem der umstrittensten Figuren landesweit, als ihm versteckte Zahlungen seitens der Universität mehr oder weniger nachgewiesen wurden. Newton ging in den Draft und wurde von links und rechts beschimpft („He has a fake smile“), er beging jeden erdenklichen Fehler („I want to be an icon rather“) – und trotzdem wurde er in der Draft-Lotterie als #1 von den Panthers gezogen.

In Jahr 1 gewann Newton den Rookie-des-Jahres Preis. In Jahr 3 führte er eine dominante Panther-Mannschaft erstmals in die Playoffs. In Jahr 4 übernahm er die totale Kontrolle über seine Offense. In Jahr 5 – also heuer – erklomm er den nächsten Gipfel, wurde zu einem der Gesichter der Liga und wird mit hoher Wahrscheinlichkeit zum MVP der Regular Season gewählt. Ach, und: Er steht zum ersten Mal in der Superbowl.


Peyton Manning hat viele Kritiker, die ihm vorwerfen, in entscheidenden Momenten wieder und wieder versagt zu haben. Peyton Manning hat das Problem, dass er keine „großen“ Spiele gewinnen kann, denn Spiele, die Peyton gewinnt, sind per Definition kein „großes“ Spiel. Und Manning hatte einige böse Schlappen. Ein 0-41 gegen die Jets war der Anfang. Zwei tote Offense-Leistungen im Schneetreiben in Foxboro waren stilbildend für seine Legende. Die Heimpleite gegen Pittsburgh der Tiefpunkt.

Peyton verlor 2007 gegen eine Backup-Offense der Colts. Peyton warf in der Superbowl 2009 die entscheidende Interception gegen die Saints. 2008, 2010, 2012 und 2014 schieden Mannings Mannschaften jeweils in der ersten Playoffrunde aus, entweder durch last second field goal oder in der Overtime. 2013 hätte es gegen Seattle um ein Haar ein Shutout gesetzt. Manning hat nur die Hälfte seiner 26 Playoffspiele gewonnen.

Für viele definiert das eher die Karriere Mannings als all seine Errungenschaften in der Regular Season, wichtiger als der Superbowl-Gewinn, wichtiger als die großen Playoff-Siege. Manning legte gegen Denver, die 4t-beste Defense von 2003, eine 22/26 für 377yds, 5 TD Performance ohne Turnover und ohne Sack hin. Er zerlegte die Chiefs in einer Partie ohne Punts. Er holte 18 Punkte der NFL in einem Conference-Finale gegen New England auf, das ein gutes Argument hat für den Titel der besten Partie aller Zeiten. Er gewann die Super Bowl gegen Chicago, eine der besten Defenses der letzten 15 Jahre.

Er zerpflückte die Jets 2009, die vielleicht beste Pass-Defense des Jahres, zu fast 400 Yards und 3 TD. Er warf über 400 Yards in einem Playoffspiel gegen die Patriots zum Erreichen seiner ersten Superbowl mit Denver. Er hatte Regular Seasons mit 55 und 49 Pass-Touchdowns. Zweimal waren seine Teams nur wenige Wochen von einer Perfect-Season entfernt. Er hatte mehrere Jahre mit über 7.5 NY/A über die gesamte Saison, eine der niedrigsten Sack-Quoten aller Zeiten und fast immer eine Interception-Quote weiter unter Liga-Durchschnitt. Kurzum: Mannings private Statistik, seine Liste an individuell erreichten Erfolgen, ist schier endlos.

Aber Peyton Mannings Bedeutung geht darüber hinaus. Mannings Entwicklung war Startpunkt und Hauptgrund für eine Entwicklung, die den Quarterback wieder ins Zentrum einer jeden Offense stellte. Vor Manning waren es jahrzehntelang die Head Coaches und Offensive Coordinators dieser Welt gewesen, die einer Offense die Spielzüge ansagten. Bis Manning kam und zu seinem eigenen Offensive Coordinator wurde, sich die Freiheiten nahm, an der Anspiellinie Routen und Plays umzustellen, und schließlich und endlich zum kompletten Alleinunterhalter seiner Angriffsmaschinen wurde.

Diese Entwicklung, diese Freiheiten, die heute ein Brees, ein Rodgers, ein Brady, ja auch ein Newton, an der Anspiellinie als die „Generäle“ ihrer Offenses bekommen: Vor der Ära Peyton Manning ein No Go. Sie wurden erst mit Mannings Aufstieg zum Superstar wieder salonfähig.


Auch Cam Newton ist in gewissem Sinne ein Trendsetter. Als Newton vor fünf Jahren in die NFL kam, galt der mobile Quarterback als Relikt alter Tage, und der schwarze Quarterback als Sicherheitsrisiko für die Integrität einer Franchise. Die vielversprechende Ära der 2000er, als die Scramble-Stars um Michael Vick, Steve McNair oder Donovan McNabb die NFL aufmischten, war längst passé. Mobile QBs wie Vince Young waren gerade endgültig gefloppt, und nach den schwer zu führenden schwarzen Franchise-QBs Young und Jamarcus Russell hatte sich die NFL unterbewusst von einer schwarzen Revolution verabschiedet.

Bis Newton kam, und trotz aller Fragezeichen die Liga im Sturm nahm, durch schwierige Jahre manövrierte und schließlich zuletzt zum Superstar aufstieg, als alleiniger Treiber einer ganzen, ungewöhnlich konzipierten Offense. Newton ist der erfolgreichste der ganzen read option-Quarterbacks, ja vielmehr: Er ist seine eigene „Cam Option“, Herz, Seele und Treiber der Carolina Panthers. Er ist gebaut wie ein Linebacker, hat einen Wurfarm wie Aaron Rodgers und die Agilität eines RG3. Newton ist kein spielintelligenter QB im Stile eines Peyton Manning und er wird nie der Feinmechaniker wie ein Brady sein und nie ein Präzisionsgewehr wie Brees. Er hat seinen eigenen Stil, und es ist ein Stil, der sich als erfolgreich herausgestellt hat.


Peyton Manning ist der prägende Spieler meiner persönlichen NFL-„Karriere“. Mannings Punktemaschinen waren der Schrecken meiner Kindheit. Der AFC-Finalsieg über New England 2007 war mein persönlicher Alptraum. Doch über die Jahre wurde ich immer mehr zum Bewunderer Mannings, dann zu seinem Fan. Ich hoffte auf einen zweiten Ring. Ich gönne ihm noch immer seinen zweiten Ring, auch wenn ich diesen – im Stile von Trent Dilfer errungen – für nicht mehr legendenbildend im Sinne von „Allzeitgröße“ halte.

Gleich wie Manning würde ich auch Cam Newton den Ring gönnen. Ich habe schon einmal detailliert nachgezeichnet, wie Newton von meiner nemesis zu einem meiner Lieblingsspieler wurde. Man mag darüber streiten, ob einer 24/7 Smile oder ein TD-Jubeldance inklusive Ballübergabe an Kinder auf der Tribüne kühl berechnetes Marketinginstrumente sind oder ungezwungener Ausdruck von Spaß am Spiel, aber: Newton hat sich gegen die Widerstände durchgesetzt. Er spielt die ungewöhnlichste NFL-Offense des Landes. Er ist von einem überschätzten Jungstar zu einem unterschätzten Geheimtipp zu einem korrekt eingeschätzten Quarterback im neuen Design mutiert.

Am Sonntag trifft der prägende Quarterback von 2015 auf den herausragenden Quarterback der letzten 15 Jahre – ein würdiges Aufeinandertreffen in der Jubiläums-Superbowl.

 

5 thoughts on “Die Quarterbacks von Super Bowl 50

  1. Ich bin mir relatic sicher das Manning seinen Superbowl gegen New Orleans verdödelt hat, nicht gegen die Colts.

  2. Schöner Artikel.
    Hoffen wir mal, dass er Buschi eine gute Grundlage bietet, um nicht allzu viele Plattitüden bzgl. der QBs vom Stapel zu lassen.😀

  3. Pingback: Das Vorglühen zu Super Bowl 50 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  4. Pingback: Das letzte Omaha | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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