Super Bowl 50 – Der Nachklapp

Super Bowl 50 war kein Augenschmaus für den Gelegenheitszuschauer, aber es war trotz des letztlich deutlich aussehenden Endstands ein würdiges Spiel. Einige Gedanken im Nachgang.

Das Drumherum

Die Hymne hat bleibenden Eindruck hinterlassen. Ich würde niemals behaupten, dass Lady Gaga auf einer Stufe mit einer Whitney Houston steht, aber stimmlich war ihre Hymne die sensationellste, seit ich Superbowls schaue. Mit Abstand. Bitte mehr davon.

Die Halbzeit-Show im Dämmerlicht fand ich skurril, die Statisten um die Bühne wirken noch aufgesetzter als sonst. Coldplay bekam auf Twitter mächtig auf die Fresse. Beyonce wurde als bester Part der Show angepriesen.

CBS und seine Kommentierung wird ein Punkt bleiben, mit dem ich nicht warm werde. Nantz lobte Manning doch deutlich zu stark in den Himmel. Der Simms’sche „talked about“ Counter überstieg das Dutzend. Und Mike Carey gleich mit einer falschen Prognose bei der ersten Challenge im Spiel – allerdings ein Punkt, in dem ich Carey zustimmen musste. Cotchery machte eindeutig den Catch.

Der Unterschied

Und da sind wir schon bei einem der Themen des Spiels. Cotcherys Aktion wurde incomplete gegeben, und zwei Plays später fumbelte Newton nach Miller-Hit den Ball an die Broncos zum 1yds-Fumble Return TD. Solche Winzigkeiten entschieden letztlich die Partie, trotz des scheinbar klaren 24-10 Endstands.

Der Beitrag von Denvers Offense zum Sieg ist relativ überschaubar. Du kannst im Prinzip noch nichtmal sagen, sie haben die großen Bolzen vermieden, denn 2 Turnovers und 2 von der eigenen Offense eroberten Fumbles sprechen nicht für ein sauberes Spiel.

Es gab zwei längere Drives, die jeweils zu 3 Punkten führten: 64 Yards im Opening-Drive und ein 54yds-Drive nach der Pause, nachdem Carolina sein Fieldgoal verschossen hatte. Einer der beiden Broncos-TD war ein Fumble-Return der Defense. Für den anderen TD musste sie sensationelle 4 Yards zurücklegen. Die verbleibenden 3 Punkte resultierten aus einem „3/out“ nach 64yds-Puntreturn der Special Teams mit Starting-Feldposition in der Redzone.

Zuzüglich zum langen Return hatten die Broncos Special-Teams einen famosen Tag von Punter Colquitt, dessen Punts entweder tief downfield aus dem Spielfeld gingen oder so hoch und lang waren, dass Ted Ginn keine Chance auf einen Return hatte. Und Denver war 3/3 bei Fieldgoals, Carolina 1/2. Wir können ein Argument aufbringen, dass die Special-Teams am Ende den größten Unterschied ausgemacht haben.

Denvers Offense musste also weder effizient noch fehlerlos sein um die notwendigen Punkte zu machen – so dominant geigte die Defense auf. Von Miller ist mit 3.5 Sacks und 2 freigeschlagenen Fumbles ein würdiger MVP, und sein Duell gegen RT #74 Remmers war das Mismatch des Tages. Aber wie ich schon im Liveblog schrieb: Warum hat Carolina Remmers keine Unterstützung gegeben? Warum hat man ihn gegen Miller immer wieder isoliert?

Denvers Defense wirkte extrem gut vorbereitet. Sie nahm das Laufspiel komplett auseinander. Die Performance der Panther-OL war schwach, keine Frage, aber sie wurde noch schlechter aussehen gelassen durch die Front-Seven. Bei Newton habe ich einen einzigen designten QB-Lauf gezählt, plus 5 Scrambles aus der Not heraus, und Newton war trotzdem mit 45 Rushing-Yards der beste Läufer seiner Offense.

Das Option-Running Game der Panthers hatte keine Chance. Miller/Ware und die Defensive Line waren schneller durch als Newton die Option lesen konnte. Warum Carolina nicht versuchte, mehr QB-Power Runs über die Flanken anzusagen, ist nicht ganz klar. Fix ist, dass die vielen Inside-Zone Runs hoffnungslos verloren waren.

Was „funktionierte“: Der tiefe Ball, zumindest gab es zwei lange Completions für WR Ginn und WR Brown. Allerdings war zumindest der Pass für Brown eher ein Himmelfahrtskommando, der in 8/10 Fällen in einer Interception endet.

Das Kurzpassspiel der Panthers funktionierte wie in allen Previews angenommen überhaupt nicht (8 Drops!). Die Schlüssel gegen Carolina hatten wir also alle richtig analysiert:

  1. Lauf stoppen
  2. Tiefen Ball wegnehmen
  3. Auf die eigene Defense vertrauen

Das war das einzige Rezept der Broncos, und sie haben es durchgebracht. Natürlich mussten einige Münzwürfe in ihre Richtung ausschlagen, aber so ist das in engen Spielen. Die Differenz zwischen beiden Mannschaften war gefühlt keine 14 Punkte. Sie war minimal. Lass 1-2 dieser extremen „Hebel-Plays“ in die andere Richtung ausschlagen, oder die Turnovers in Spielfeldmitte anstatt direkt vor der Endzone passieren, und wir haben einen anderen Superbowl-Champ.

Cameron Newton

Für Newton ist das Endspiel dumm gelaufen: Eigene Offense abgewürgt, und zwei ikonische Bilder hinterlassen, die auf Monate, vielleicht auf Jahre, sein Bild mitprägen werden:

  1. Sein „Versuch“, den Fumble aufzunehmen
  2. Seine Pressekonferenz nach dem Spiel

Punkt 1 („Newton ist ein Weichei“) kannst du recht einfach entgegensteuern indem du aufzählst, wieviel Prügel der QB in diesem Spiel einstecken musste. 6 Sacks und über ein Dutzend Hits sind in etwa die Dimension, die Tom Brady im Semifinale kassierte. Kaum ein Snap, in dem Newton klare Pocket bekam. So kannst du keine Offense aufziehen.

Und wenn du dir den entsprechenden Fumble anschaust, ist Newton mit einer so ungünstigen Schrittfolge in der Szene, dass ein Eintauchen in den Menschenberg für den Fumble physikalisch schwierig wird. Wenn er den Ball überhaupt hat kullern sehen…

Die PK nach dem Spiel wird die Newton-Spötter noch klarer auf den Plan rufen. Ich fand dazu die Diskussion im NFL Network nach dem Spiel zwischen Deion Sanders und Marshall Faulk nicht schlecht.

Sanders: Cam darf das nicht machen. Schau dir Brady, Rodgers, Brees an: Sie alle treten nach einer noch so schmerzhaften Pleite anders auf.

Faulk: Das ist doch doppelzüngig. Auf der einen Seite lobst du Cam wenn er gewinnt dafür, dass er sich nicht verstellt. Auf der anderen Seite soll er sich plötzlich verbiegen, wenn es schlecht ausgegangen ist? Das war Cam, und das war okay so. Er ist wie er ist. Es war die schwerste Niederlage seiner Karriere.

Sanders: Das war nicht Cam, das war unreif.

Faulk: Ja, aber Cam ist das nicht gewohnt. Ich kenne das Gefühl. Ich musste dort auch stehen nach einer Superbowl-Pleite. Ich habe mir das hinterher angeschaut und mir geschworen, dass die Welt mich nie wieder so sehen wird. Auch Cam wird aus der Erfahrung lernen und es wird ihm helfen, nicht nur als Mensch, sondern auch als Athlet.

Ich neige ganz leicht zu Faulk. Newton ist ein Krieger, der härteste Quarterback seit Steve McNair. Ob ich das angesichts des Raubbaus, den McNair mit seinem Körper veranstaltete, gut finde, weiß ich noch nicht. Aber Newton ist ein Wettkämpfer vor dem Herrn. Er hat seine Offense im Alleingang in die Super Bowl geschliffen. Wie verloren Carolina ohne eine Glanzleistung seinerseits ist, haben wir gesehen.

Dass die Enttäuschung groß ist, kann ich verstehen. Dass ein Newton, der im Gegensatz zu einem Brady oder Manning auch mal mehr als vorgefertigten Plattitüden von sich gibt, sich dann auch im Schlechten mal nonkonform benimmt – geschenkt. Das muss erlaubt sein.

Die Pfeifen

Es ist bekannt, dass die Referees in den Playoffs anders pfeifen als in der Regular Season, aber so extrem wie in Super Bowl 50 fällt das selten auf. Beide Seiten, Offense Line und Defensive Backs, kamen mit einer ganzen Latte teilweise eklatanter Holdings / Pass-Interferences durch, die in der Regular Season für ein gelbes Flaggenmeer gesorgt hätten.

Auffällig auch die Regelauslegung bei der „Intentional Grounding“, also dem absichtlichen Wegwerfen des Balls: QB Newton hatte zwei für meine Begriffe sehr klare Groundings im Super Bowl: Einmal Wurf klar aus der Pocket ins Niemandsland. Einmal Wurf zu kurz für die Anspiellinie. Beide für meine Begriffe klare Strafen. Beide nicht gepfiffen.

Da können wir gleich noch einmal den Bogen zurückspannen zu CBS und Mike Carey, die etliche Gelegenheiten gehabt hätten, Carey bei einigen fragwürdigen Calls einzubinden, aber Carey wurde glaube ich nach seinem ersten Fehler gar nicht mehr eingebunden. Wollte man ihn schützen? Oder wurde Carey noch im laufenden Spiel gefeuert? Letzteres wäre Ironie des Schicksals, denn Careys Bewertung des Cotchery-Calls war eine Seltenheit: Sie war korrekt.

Peyton Manning und die Ringe

Für die „RINGZ“-Debatte ist Mannings zweiter Superbowl-Sieg Gold wert. Die allgemeine Tenor in der US-Öffentlichkeit ist nun: Manning war nach Jahren, in denen er zweifelhafte Colts-Teams in die Playoffs schliff um dort immer und immer wieder knapp zu scheitern, einfach mal „dran“, seinerseits von einer großartigen Defense zum Titel getragen zu werden.

Mit anzusehen, wie Peyton Manning im Stile von Brad Johnson oder Trent Dilfer seinen zweiten Superbowl-Ring gewinnt, zeigt noch einmal so offensichtlich, wie grandios Manning in seiner Blüte war, als seine unvollständigen Teams immer wieder knapp scheiterten. Mannings Karriere wird nach diesem Superbowl-Sieg neu bewertet werden. Sie sollte es zwar nicht; aber auf der anderen Seite ist sein zweiter Ring, und die Art wie er zustande gekommen ist, für uns die Chance, eine fantastische Karriere und die Meisterschaft voneinander zu trennen.

Mit Mannings zweitem Ring sollte die Debatte um Superbowls und QB-Ringe eine neue Nuancierung bekommen. Damit ist allen geholfen.

Advertisements

9 Kommentare zu “Super Bowl 50 – Der Nachklapp

  1. Ganz vielen Dnak für eine Tolle weitere Saison mit dem Sidelinereporter. Es waren wieder viele spannende Beiträge – mehr als erwartet und für mich führt kein Weg mehr an diesem Blog vorbei, besser als alles andere.

    Ansosnten werde ich die NFL.com Seite wohl ersteinmal meiden. Es ist so schon bitter, dann brauch ich nicht noch die STorylines von wegen Panthers spielen nur Show, wollen Rapper sein, Cam stepped out, etc… Ich kann es nicht verstehen, wie man, auch von Broncosseite aus, einem Team, bei dem THomas Davis mit gebrochenem Arm spielt vorwerfen kann verweichlichte showspieler zu sein. Zumal nach einer SUperbowl, die Denver alles Abverlangt hat und in er die Pantehrs Defense die Broncos genauso zefetzt hat – und die Pantehrs über 100y mehr emacht haben…..
    Wenn die Broncos mal in Rückstand geraten wären….
    Ich gönne es den Broncos und sie haben es verdient, dass in der Presse aber jetzt gefahren wird: DIe panthers sind schlecht, wr habens jaimmer gewusst – ich weiß nicht…

    Zum Spiel:
    Denvers Staff und insbesondere Wade Phillipps haben einen besseren Job gemacht.
    Überraschend für mich: Denver DTs haben den LAuf komplett abgewürgt – da hatte ich den Vorteil bei den Panthers und genauso anders herum Die Broncos interior Oline hat deutlich besser standgehalten als gedacht – wobei viel Offense ja dennoch nicht da war….

  2. Ich werde die genauen Zahlen nachliefern, aber: Drittmeiste Zuschauer aller Zeiten bei CBS nach den Super Bowls 2015 und 2014.

    Und das, obwohl weder die Partie besonders „schön“ war, noch die Carolina Panthers eines der bekannteren Teams im Lande sind.

  3. An vielen Stellen liest man, dass Denver Green Dog Blitzes gebracht hat, sodass der TE oder FB, der gegen Miller helfen sollte, sich um den blitzenden LB oder S kümmern musste, da die sonst ungeblockt gewesen wären

  4. „Ganz vielen Dank für eine tolle weitere Saison mit dem Sidelinereporter.“

    Das kann ich nur unterschreiben! Ich hoffe, dieser Blog bleibt uns noch lange erhalten.

  5. Hier die genauen Zahlen aus den USA:

    Auch die Quoten in Österreich sind gut:
    http://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20160209_OTS0131/super-bowl-50-beschert-puls-4-topquoten

    Walter Reiterer schreibt auf Facebook, dass in der Spitze in Österreich inkl. Partys und TV bis zu ca. 250.000 die Super Bowl gesehen haben: https://www.facebook.com/reiterer/posts/10153769720010709

    Persönlich habe ich zum ersten Mal eine Super Bowl im Original-Broadcast geschaut – und es ist im Vergleich zum World-Feed (den die hiesigen TV-Stationen übernehmen müssen) schon eine ganz andere Welt.
    Die Kommentierung bei CBS ist freilich durchaus von dieser Welt bzw. drunter.

  6. @JD: Selbst wenn der Ball einen Grashalm berührt – Kontakt mit dem Boden allein ist nicht genug um ihn als „nicht complete“ zu geben – es gibt im Regelwerk den Zusatz, ob die eventuelle Bodenberührung dem Receiver geholfen hat, „Kontrolle zu gewinnen“.

    Nicht einfach zu interpretieren zugegeben. Ich würde sagen, in locker 80% der Fälle tippe ich intuitiv beim ersten oder zweiten Replay korrekt, was die Refs entscheiden werden. Dieser ist einer der restlichen 20%. Mir ist es schleierhaft, wieso die Refs nach zig Reviews hier keinen Catch gegeben haben.

    Hier das GIF:

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s