San Diego Chargers in der Sezierstunde

Die San Diego Chargers sind derzeit auf und abseits des Spielfeldes eine große Baustelle. Auf dem Spielfeld, weil der seit Jahren ausgedünnte Kader zuletzt nur noch eine 4-12 Bilanz hergab. Neben dem Platz bekanntlich, weil man in der bizarr verlaufenen Abstimmung „NFL nach Los Angeles“ komplett platt gemacht wurde, sodass sich Owner Dean Spanos teilweise komplett verarscht vorgekommen sein muss.

Also, politische Ebene: San Diego wird zumindest 2016/17 in San Diego spielen. Man behält sich die Option offen, ab nächstem Jahr als Untermieter bei Stan Kroenke in Los Angeles einzuziehen, aber die Wahrscheinlichkeit dafür wird kleiner. Der Ort der langfristigen Wahl dürfte San Diego bleiben.

Sportliche Ebene: San Diego, ich schrieb oft darüber, wirkt seit Jahren wie ein „Rebuilding-Projekt“, bei dem man den Umbruch scheute, u.a. weil man noch wichtige Bausteine wie QB Philip Rivers im Kader hat. Rivers verlängerte sogar letzten Sommer überraschenderweise seinen Vertrag und wird somit wohl bis zum Ende seiner Karriere bei den Chargers bleiben (ca. 21 Mio/Saison).

Das Team um Rivers herum ist überwiegend Schrott… besser: Die Defense ist Schrott. Die Offense kannst du mit etwas Gutdünken noch durchwinken.

Offense

3 Offensive Liner – die beiden Guards Franklin/Fluker sowie OT Dunlap sind trotz Formkrise und Verletzungsproblemen 2015 gesetzt. WR Allen ist einer der aufstrebenden jungen Receiver im Lande und sollte WR Stevie Johnson nicht wegen seiner 4 Mio Cap-Hit gefeuert werden, ist er ein passabler WR3. TE Gates bleibt ein weiteres Jahr erhalten. Und einen RB Melvin Gordon kann man nach einem Jahr noch nicht ganz abschreiben.

Der Gordon-Pick im letzten Jahr bleibt trotzdem langfristig ein Hemmschuh. Gordon als 1st-Rounder, das wird noch eine zeitlang weh tun. Und alle wussten es zum Zeitpunkt. Die Idee im Front-Office war wohl, Rivers auf seine alten Tage ein ernsthaftes Laufspiel zur Entlastung zu geben, aber was bringt dir der beste Runningback hinter einem Torso von Offense Line?

Es ist aber nicht alles verloren für die Chargers: Ein Tackle sollte via Draft oder Free-Agency bekömmlich sein, und vielleicht kann man mit über 50 Mio. Cap-Space einem Center wie Alex Mack ein Angebot machen, das er nicht ablehnen kann.

Im Skill-Player Bereich ist es quasi ein Muss, einen geschwindigen Wide Receiver zu verpflichten, der neben dem „possession receiver“ Allen das Feld lang machen kann. Dieser Wide Receiver ist für mich neben Offense Line der offensichtlichste „Need“.

Ich vergöttere Rivers aufgrund seines unkonventionellen, furchtlosen Spielstils. Es ist eine Schande, dass dieser großartige Quarterback ohne Superbowl-Ring geblieben ist – er ist der beste der „missing the rings“ Quarterbacks der letzten 10 Jahre. Dass Rivers noch einen Ring holt, ist unwahrscheinlich. Er könnte zwar 2016 wieder eine funktionierende Offense anführen, aber die Defense ist mehr als eine Offseason von NFL-Qualität entfernt.

Defense

Die Run-Defense war miserabel, und wenn du keinen Lauf verteidigen kannst, bist du in der NFL verloren. Denn: Kann dich der Gegner überlaufen, muss er noch nicht mal ernsthafte Risiken wie eine Interception im Passspiel angehen.

Es gibt in der 3-4 Base-Defense durchaus den einen oder anderen jungen Hoffnungsträger: Ein DL Liuget, LB Perryman oder OLB Attaouchu gelten als künftige Ecksteine. Auch bei Leuten wie OLB Ingram und LB Te’o sind Hopfen und Malz noch nicht verloren, wenn auch Ingrams Arbeitsplatz aufgrund seines 7 Mio. schweren Vertrags gefährdet ist.

Das Problem ist die unterirdische Defensive Line neben Liuget. San Diego hatte bzw. hat hier keinen weiteren NFL-Spieler von Format. Da bist du als einzelne Person wie Liuget schnell mal auf verlorenem Posten.

Das Defensive Backfield verliert in FS Eric Weddle den definierenden Spieler der letzten Jahre. Viele Fans sind ob Weddles Abgang sauer, aber sieh es mal anders: Weddle ist 30 und es gibt dieses Jahr einen jungen, potenziell hervorragend besetzten Safety-Pool auf dem Transfermarkt.

Die Cornerback-Position ist mit dem 1-2 Duo Flowers / Verrett theoretisch ganz ordentlich besetzt, aber a) waren die beiden in jüngster Vergangenheit sehr verletzungsanfällig und b) wird es dahinter extrem schnell dünn.

Also: Monströse Sollbruchstelle Defensive Line und wenig Tiefe sowohl in Front-Seven als auch in Secondary, dazu ein neu aufgemachtes Loch auf Safety – hier gibt es zu viele Lücken, als dass diese auf einmal geschlossen werden können.

Ausblick

Idealerweise ziehen die Chargers im Draft an #3 entweder einen Defensive Liner wie Buckner oder einen Offense Tackle wie Tunsil, in Runde 2-3 einen deep threat WR und sind in der Lage, via Free Agency einen Center, Safety und entweder einen OT oder einen höherklassigen DL an Land zu ziehen (Problem allerdings: Free Agency ist vor dem Draft).

Munition in Form von Cap-Space (voraussichtlich um die 40 Mio) und Draftpicks (#3, #35, #66) in den höheren Runden wäre zwar da. Trotzdem wäre es ein Husarenstück von GM Tom Telesco, wenn er alle notwendigen Moves in einer einzigen Offseason gebacken bekommt. Die Chargers sehen frühestens 2018 wie ein ernsthafter Contender aus.

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