Das letzte Omaha

Peyton Manning hat heute seinen Rücktritt eingereicht. Er geht als einer der besten Quarterbacks aller Zeiten in den Ruhestand.


Mannings Rekorde und Titel können an anderen Stellen im Netz detaillierter nachgelesen werden. Ich verweise an dieser Stelle nur an einen wenig diskutierten Rekord, der für Mannings Karriere aber nicht unbedeutend war:

An die 250 Millionen Dollar. Für Football-Verhältnisse mit der Hard-Cap und den 53 Mann starken Rostern ist das eine gigantische Zahl. In der aktuellen Spielergeneration hat trotz der explodierenden Gehälter nur noch vielleicht Matt Stafford eine Außenseiterchance, diese Zahl zu knacken.

Manning verzichtete in Vertragsverhandlungen mit den Colts und Broncos auf keinen Cent, und genau das könnte ihm im Vergleich zum ewigen Rivalen Brady aus New England einen kleinen, entscheidenden Nachteil gebracht haben. Brady verzichtete, und die Patriots konnten mit mehr Moneten den besseren Spielerkader bauen.


Sportlich war Manning, der Spieler, stilprägend für eine ganze Epoche in der NFL [1][2]. Er machte in der „Tom Moore Offense“ den Quarterback wieder zu der zentralen Figur der Offense und war damit der Vorreiter für die heute bekannte QB-zentrische Liga.

Manning gegen Brady war das definierende Duell der letzten 15 Jahre, ein allein auf dem Platz interessantes Derby der beiden größten Footballspieler unserer Zeit. Das AFC-Finale 2007, als sich Manning mit einem furiosen Comeback die Affen vom Buckel schoss, ist bis heute das größte Footballspiel, das ich gesehen habe.

Es gab nur einen Quarterback, den ich an lichten Tagen vorgezogen hätte: Aaron Rodgers, dessen Spitzen noch extremer als Manning sind. Manning aber hatte den längeren „Peak“, und in den ganz großen Jahren (2004-2006, 2008-2010) suchte man die komplette Saison über vergeblich nach einer Schwächephase.


Peyton Manning war kein Charismatiker. Er hatte eher die Aura eines Fischstäbchenverkäufers. Unter der Prämisse verstand ich nie, was Amerika an der „Werbeikone“ Manning so faszinierend fand. Die NFL hat eintausend interessantere Typen. Sie hat bloß keinen besseren Spieler.

Aber vielleicht lieben die Amerikaner an Manning ja dessen Bodenständigkeit, die Antipode zu Brady, der eine Schnitte nach der anderen abschleppte. Manning dagegen ist bis heute mit seiner College-Flamme verheiratet und gibt sich in der Werbung als tollpatschiger 08/15 Dad.

Die Anschuldigungen der letzten Wochen und Monate (Stichwort HGH und Hosen-runter) hatten was Unangenehmes. „Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, nun kann der Mohr geopfert werden“. Dass ich Football für Doping-verseucht halte und nicht erst die gegenwärtige Spielergeneration ’nen Haufen Scheiße am Campus veranstaltet, war eh klar. Trotzdem: Die Reaktionen des Manning-Clans darauf waren ebenso unappetitlich.


Manning geht als zweifacher SuperbowlSieger. Seine letzte Saison war fesselnd. Sie zeigte zum einen – jetzt mal bitte ganz unbehaftet – dass die Footballversion von mens sana in corpore sano auch für den Quarterback gilt, die mental anspruchvollste Disziplin im Football. Im Geist war Manning noch voll da. Aber der Körper spielte nicht mehr mit.

Und den besten aller Zeiten so abzuschmieren zu sehen, wenn der Körper nicht mehr mitmacht, ist nicht schön, aber faszinierend nichtsdestotrotz. Denn es zeigt, wie massiv anspruchsvoll die NFL auf dem höchsten Level sein kann, und sie zeigt noch einmal, wie großartig die Besten sind und wie noch großartiger Manning, der den höchsten Level über 10-12 Jahre gespielt hat, eigentlich war.

Und dann der zweite Ring. Ein unverdienter Ring im Sinne der „Ringz-Diskussion“ in den Staaten. Dass Manning ausgerechnet in seiner schlechtesten Saison als kompletter Bremsklotz in seiner Mannschaft den zweiten Superbowl-Ring geholt hat, führte die Ring-Debatte („… aber Brady und Montana haben vier“) erfreulicherweise ad absurdum.


Manning wird dem Football erhalten bleiben. Vielleicht wird er GM, vielleicht setzt er sich hinters Mikrofon und *lass uns mal träumen* findet sich in Bälde neben seinem Republikaner-Freund Jim Nantz bei CBS wieder (sprich kein Phil Simms).

Bis dahin bin ich mal gespannt, wie sich die NFL ohne den dominierenden Spieler „meiner“ bisherigen NFL-Zeit auskommt. Sie wird anders sein. Aber vermutlich gewöhnt man sich an alles – schneller als man denkt.

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3 Kommentare zu “Das letzte Omaha

  1. Da das Stichwort gefallen ist: Ich würde hier sehr gerne Mal etwas über Doping im Football/NFL lesen.

  2. Diesbezüglich muss ich es mit Jens Weinreich halten: Um wirklich substanzielles über das Thema zu schreiben, braucht es Fachwissen.

    Das dauert.

    Bis dahin rate ich den Leuten, sich zu den Schränken ihr eigenes Bild zu machen. (Andrew Billings ist 19)

  3. Bezüglich des Fachwissens einfach mal bei Youtube Goko Fitness anschreiben, er wird bestimmt mit rat und tat zur Seite stehen!

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