Texas Longhorns | 2016/17 Vorschau

Die Texas Longhorns aus der texanischen Hauptstadt Austin verfügen über das landesweit vielleicht beste Ressourcen-Paket aus Finanzen, Recruiting, Tradition und Standort. Angesichts der schier unbegrenzten Möglichkeiten dieses Giganten lesen sich die Ergebnisse der letzten sechs, sieben Jahre wie die größte Verschwendung von Talent im College Football: Seitdem Texas 2009/10 das BCS-Endspiel verlor, lautet die Siegbilanz 41-35.

Diese Bilanz ist so enttäuschend, dass sie vor zwei Jahren sogar dem bestens vernetzten Head Coach Mack Brown den Kopf kostete. Brown ist auf dem Campus in Austin nicht irgendwer. Brown ist der Coach, der die Texas Longhorns nach zwei Jahrzehnten des Siechtums wieder auf Kurs gebracht hatte und in den 2000ern ein extrem dominantes Footballteam gebaut hatte.

Brown gewann mit Texas 2005 den Landesmeistertitel und stand vier Jahre später erneut im Endspiel – das er verlor, nachdem sein Stamm-QB im ersten Viertel ausgeknockt worden war. Es war meine Einstiegszeit im College Football. Texas war das ganze große Ding. Angeführt von den unvergessenen Quarterbacks Vince Young und Colt McCoy dominierte Texas die Schlagzahl, ehe das Team ohne Vorwarnung nach der schlimmen BCS-Finalpleite 2009/10 urplötzlich abstürzte – und sich seither nicht mehr erholte.

Der Neuaufbau

Texas liegt seither in Trümmern. Trotz besagter großer Möglichkeiten und einer Strahlkraft, die die besten Talente im Staat ohne viel Zutun auf den Campus treibt, gelingt den Longhorns seit Jahren kein Rebuild. In den letzten Jahren unter Brown machten sich immer deutlicher Disziplinarprobleme innerhalb des Kaders bemerkbar, bis zu einem Punkt, an dem Brown nicht einmal mehr durch seine guten internen Beziehungen gerettet werden konnte.

Seit zwei Jahren ist mit Charlie Strong ein völlig neuer Typ Head Coach am Werk. Strong ist im Gegensatz zum „player’s coach“ Brown ein harter Hund, der in seinem Disziplinwahn den halben Kader vom Hof jagte. Nur die Spieler mit echtem Committment durften bleiben. Bei Texas sind das immer noch eine Handvoll 5-Star und drei Handvoll 4-Star Recruits.

Gut, sagen die einen, damit hat Strong den dringend notwendigen Kulturschock durchgezogen und seinen Kader schneller als gedacht „auf Linie“ getrimmt. Schlecht, sagen die anderen, denn Strong verfügt nun über einen Trupp Chorknaben, die seit Strongs Amtsantritt nur 11 von 25 Spielen gewonnen haben – zwei Spielzeiten, zweimal mehr Pleiten als Siege. Aber, sagen die einen, Strong musste notgedrungen mit haufenweise Rookie antreten. Naja, sagen die anderen, Texas muss egal mit welchen Spielern immer besser sein als 6-7 und 5-7.

2016

Folge: Ähnlich wie letzte Woche mit James Franklin in Penn State hat auch Strong seinen Offense-Trainerstab komplett über den Haufen geworfen und mit Sterlin Gilbert von außen einen neuen OffCoord mit sehr deutlichem Spread-Hintergrund installiert. Die Frage ist nun: Wie schnell kann Gilbert seine Offense implementieren?

Texas war letztes Jahr extrem lauflastig mit ca. 65% Laufspiel und kaum 250 Passversuchen. Gilbert hat nun gleich vier Quarterbacks mit 4-Star Recruiting zur Auswahl – angesichts solcher Talente kommen zirka 120 anderen OffCoords im Lande die Tränen:

  • Tyrone Swoopes, der Senior, mobil aber verletzungsanfällig.
  • Jerron Heard, Sophomore, der Mann mit 15% (!) Sackquote.
  • Shane Buechele, Freshman, der Mann, der im Frühjahr Swoopes an die Wand spielte.
  • Kai Locksley, Freshman, der wohl das Redshirt bekommt.

Stand heute sieht Buechele wie der Favorit aus, aber bei so viel Auswahl sind auch haufenweise QB-Wechsel nie auszuschließen. Auf Runningback und Wide Receiver gibt es massenweise bislang ungenutztes Potenzial (allein zehn 4-Star Recruits), in der Offense Line treten 3/5 der letztjährigen Starter wieder an.

Die Defense hat exzellente Passrusher und Manndecker, was du in der passlastigen Big 12 immer gebrauchen kannst. Sie gilt jedoch als potenzielles Torso gegen den Lauf. Auch hier: Jede Wette, dass mindestens 4-5 künftige NFL-Profis in diesem Kader stecken. Die Frage ist, ob sie bereits in dieser Saison liefern.


Diese Frage stellt sich bei Texas ohnehin seit Jahren. Ganz gut dazu passt dieser Text von Burnt Orange. Durchbruch nicht jetzt, aber bald. Die Frage ist: Wann ist „bald“? Strong wird vermutlich keine weitere „losing season“ überleben, aber sollte diese Saison deutlichen Fortschritt auf dem Feld zeigen, wird Strong zumindest ein weiteres Jahr bekommen um das Team zum Conference-Titel zu führen. „Deutlicher Fortschritt“ wäre zum Beispiel, sich nicht mehr mit 35 Punkten (Notre Dame) oder 43 Punkten (TCU) abschlachten zu lassen. Oder keine 0-24 Pleite gegen Iowa State zu kassieren. Oder, oder, oder.

Die Chance zur Verbesserung besteht: Neben den drei verheerenden Ausreißern gegen Notre Dame, TCU und Iowa State lieferte Texas durchaus auch brauchbare Vorstellungen, wie zum Beispiel Siege über Oklahoma und Baylor. Oder Freak-Pleiten gegen Texas Tech oder Cal. Es wird also fast sicher eine Saison mit Bowl-Qualifikation. Ich tippe mal auf 8-4 in der Regular Season. Die Frage ist: Reicht das den Oberen dann aus um den Weg mit Strong weiterzugehen?

6 thoughts on “Texas Longhorns | 2016/17 Vorschau

  1. Stimme zu beim Thema Underachiever, aber man sollte nicht vergessen, dass UT unter Mack Brown zwischen 2000 und 2009 die zweitmeisten Siege in der NCAA-1A geholt hat. Mit etwas Glück hätten es auch mehr als der eine Title sein können. Richtig abwärts ging es erst mit dem Einbruch nach dem Colt McCoy Abgang. Danach ist die Identity verloren gegangen.

    Identity ist ein gutes Stichwort, und deshalb erhoffe ich mir viel vom OC Wechsel. Watson und sein Scheme haben überhaupt nicht zu UT gepasst. UT ist zwar keine Spread Uni, aber unter Gilbert wird die Offense endlich wieder variantenreicher sein und mehr Verantwortung dem QB übergeben.

    Ich glaube nicht, dass Swoopes der GUY sein kann. Hoffe insgeheim auf Heard oder Buechele, bei Heard würde ich bei den wenigen Attempts nicht so viel auf die hohe Sack Zahl geben, das kann sich schnell bessern -, OL war ja auch ein großes Problem.

    Bin optimistisch. Ich gehe ganz unbescheiden von einer 9-3 Regular Season aus😉

  2. Schöne Vorschau! Was siehst du als grundlegenden Unterschied zur Maschine Alabama? Man hat ja auch in Texas Top Recruits, bekommt aber in den letzten Jahren nichts auf die Reihe. Macht das eingespielte Saban-Coaching-Staff da soviel aus?

  3. @JoffreyG: Darüber habe ich im Winter geschrieben:

    1. Strategieumsetzung mit Nick Saban.
    2. Wie Saban Alabama umbaute.

    Saban veranstaltet im Spiel (Stichwort: Systeme) keine Zaubereien, aber sein größter Verdienst ist wohl, dass er die vorhandenen Athleten nahezu ideal für sein Spielsystem nutzt. Alabama mag jedes Jahr einen der Top-5 Kader im College Football besitzen, aber der wahre Verdienst ist weniger das Recruiting (das bei diesen großen Unis wie Alabama, Florida oder Texas fast von allein geht), sondern die PS auf den Boden zu bringen.

    Und: Bei allen großen Unis im Umbruch gibt es Unruhen im Athletic Department: USC, Miami, Nebraska, Penn State, LSU, früher Michigan oder Ohio State, natürlich Texas. Bei Alabama hast du nie was davon gehört. Saban stand immer über allen – vom ersten Tag an, obwohl seine erste Saison auch nicht so ideal war.

    Ich hätte nicht ungern gesehen, wie Saban Texas aufgestellt hätte. Hätte er vor zwei Jahren gewechselt, dann würde Texas wohl dieses Jahr schon um die Playoffs mitspielen. Meine Vermutung.

  4. @Joffrey: Es heißt immer wieder, dass Mack Brown nach dem BCS Title Game 2010 die Lust am Coachen verloren hat. Das war DIE Saison für Texas, ein weiteres großes Ausrufezeichen zu setzen, die letzte goldene Generation von Brown, und dann verletzt sich Colt Mccoy im ersten Quarter und Alabama frustriert die Texas Offense das restliche Spiel und damit für weitere mindestens 2 oder 3 Seasons die Chance auf den zweiten BCS Title verloren.

    Texas legte danach viel Wert auf das Administrative, Stichwort Longhorns Network. Langfristig ist das eine Goldgrube, aber kurzfristig hat man wohl den Fokus auf den Football etwas verloren.

    Jetzt wartet man einfach auf den richtigen Coach. Saban hat abgesagt, bei Strong muss man noch abwarten. Er war das 100% Gegenteil von Brown und hat in den ersten Jahren die Disziplinprobleme die es unter Brown gab, behoben. Der nechste Step sind viele Siege.

    Texas wird sehr bald wieder eine Macht sein, da pflcihte ich dem Brown Bomber eindeutig bei.

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