Furchtlos oder furchtbar? Der Selbst-Test

Diesmal war das vierte Jahr für die furchtlose NFL-Vorschau. Es fühlte sich wie das schwierigste an. Bei den Top-6 Mannschaften bin ich mir in der Argumentation ziemlich sicher. Aber dahinter gibt es zwischen #7 und sagen wir #29 nur unscharfe Trennlinien. Nur bei drei Mannschaften war ich mir in der Zuordnung zum Bodensatz sicher: Cleveland, San Francisco, Tennessee. Bei allen anderen entschieden letztlich absolute Kleinigkeiten, ob eine Kategorie nach oben oder unten.

Denver begann bei mir z.B. als erstes Team nach den Big-Six. Der Titelverteidiger bekommt den Vertrauensvorschuss. Aber dann schaute ich mir das Team genauer an. Die natürliche Regression. Der QB Siemian, von dem selbst der Northwestern-Anhang nichts hält, mein Misstrauen gegenüber Gary Kubiak (den ich menschlich sehr angenehm finde, aber als in-Game Coach ein Betonklotz). Dass Denver schließlich in der Preseason den abgewrackten DT Melton holte, fand ich bemerkenswert und ein Alarmzeichen. Ob gerechtfertigt oder overthinking, wird sich zeigen.

Vor allem in der AFC ist das Feld hinter dem vermeintlichen Top-Duo New England / Pittsburgh brutal offen. Die Unterschiede zwischen Cincinnati, Kansas City, Baltimore, Jets, Denver, Indianapolis und Houston sind verschwindend. Bei Jacksonville und Buffalo fühle ich mich im Niemandsland relativ wohl. Miami hätte ich gerne in den Bodensatz relegiert, aber dann verletzte sich Tony Romo…

…das nur, um meine Denkweise in der Vorschauserie zu erklären. Es gibt immer wieder Sleeper-Teams, die ihr Potenzial bereits massiv angedeutet haben, aber aus diversen Gründen ihren Durchbruch noch vor sich haben (oder nie schaffen).

Houston 2011 war für mich z.B. in der Preseason ein Titelfavorit, obwohl die Texans drei horrende Jahre hinter sich hatten. Aber Houston hatte immer immenses Potenzial. Wer sah, wie Gary Kubiak im Jahr 2010 die Partie gegen Oakland weggeschmissen hat, der wusste, dass hier gigantische Talentverschwendung betrieben wurde.

Carolina 2013 war mein vielleicht größter Sleeper ever, aber ich misstraute Ron Rivera so much, dass ich mich nicht getraute, die Panthers zur #1 zu deklarieren. Die Geschichte danach ist einfach: Rivera vergeigte beide Auftaktpartien, stieg ins „Riverboat“, und Carolina lief mit 12-4 aus der Saison.

Stattdessen hatte damals ich einem anderen dark horse getraut: Tampa, das man mit Houston 2011 vergleichen konnte. Tampa 2013 schmierte brutal ab.

NFL-Erfolg ist nicht direkt proportional mit Qualität. Zu viele Faktoren sind mit im Spiel. Komplette Cinderellas sind selten, aber manchmal kommen doch eher Freak-Teams durch. Die Giants marschierten zweimal ohne Vorwarnung durch zum Titel. Baltimore 2012 und Denver 2015 hatte man jeweils auf dem Zettel haben müssen, aber beide gewannen ihre Titel eigentlich mit ihren jeweils schwächsten Mannschaften im jeweiligen Zyklus. Green Bay kam 2010 wohl ein Jahr zu früh, nur Saints 2009, Seahawks 2013 oder Patriots 2014 fühlte sich wie am Zenit an.

Zu den einzelnen Saison-Prognosen auf diesem Blog.

Furchtlose Vorschau 2013

  • Superbowl-Sieger: Seattle (Titelaspiranten #3)
  • Superbowl-Verlierer: Denver (Titelaspiranten #1)
  • Halbfinalisten: New England (Titelaspiranten #5), San Francisco (Titelaspiranten #4)
  • Top-Pick: Houston (Titelaspiranten #7)

Die Seattle Seahawks waren 2012/13 in einem sensationellen Viertelfinalspiel in Atlanta gescheitert, aber nach meinen Metriken eigentlich als #1 aus jenem Jahr gelaufen. Ich wollte sie 2013 (wie Carolina, siehe oben) Hand aufs Herz an #1 ranken, aber die schiere Möglichkeit des one year wonder „Seattle 2012“ hielt mich zurück.

So blieb Denver als mein Topfavorit. Die Broncos hatten 2012 in Jahr 1 mit Peyton Manning eine famose Saison gespielt, waren 13-3, hatten aber im „Fliegenfänger-Spiel“ im Viertelfinale gegen Baltimore in der 2ten Overtime überraschend verloren. Ich bleibe dabei: 2012 hatte Denver eigentlich das beste Team der vierjährigen Manning-Ära. Den Titel holte man aber erst drei Jahre später – mit dem eigentlich schwächsten.

Vier der Top-5 aus der furchtlosen Vorschau standen im Semifinale. Das fünfte Team, #2 Green Bay, war waidwund von San Francisco aus dem Bewerb gekegelt worden.

Große Verfehlung beim Top-Pick: Houston hatte zwei starke Jahre hinter sich, aber dann kollabierte QB Matt Schaub ohne Vorwarnung in den ersten Wochen und die Texans stürzten so weit ab, dass Headcoach Kubiak die Saison nicht überlebte.

Mein damals umstrittenster Pick in der Top-Gruppe war #6 Tampa Bay. Der Tipp ging in die Hosen, Tampa stürzte ab und hatte einen Top-10 Pick. Was schief ging, analysierte ich schon mitten in der Saison. Headcoach Schiano wurde mittendrin rasiert.

Richtig getroffen dagegen Titelverteidiger Baltimore, das ich nur im Niemandsland sah. Die Ravens schlossen anämisch mit 8-8 ab.

Durchschnittliche Bilanz

(Siege = durchschnittliche Siege in der Saison, WP = durchschnittlicher Wert im Power Ranking)

Gruppe            Siege   WP
Bodensatz          6.5   .44
Niemandsland       7.6   .44
Kronprinzen        8.5   .55
Titelaspiranten    9.4   .57

Sowohl nach Siegen als auch nach finaler Leistungsstärke im Power Ranking war die Furchtlose Vorschau schön aufsteigend sortiert. Wobei der Cut nach Stärke im Power Ranking durchaus recht klar zwischen den beiden oberen und den beiden unteren Gruppen verläuft.

Furchtlose Vorschau 2014

  • Superbowl-Sieger: New England (Titelaspiranten #2)
  • Superbowl-Verlierer: Seattle (Titelaspiranten #1)
  • Halbfinalisten: Indianapolis (Niemandsland), Green Bay (Titelaspiranten #5)
  • Top-Pick: Tampa Bay (Niemandsland)

Das vielleicht beste Jahr für die furchtlose Vorschau. Der Superbowl-Finaltipp war mit Seattle und New England korrekt, allerdings mit falschem Siegertipp. Unter den Semifinalisten war mit Indianapolis eine Mannschaft, der ich traditionell sehr skeptisch gegenüberstand.

Die drei Enttäuschungen in der Top-Kategorie waren #7 Philadelphia und #6 San Francisco und #4 New Orleans, die alle die Playoffs versäumten. San Franciscos Abgesang kam aus dem Nichts, aber bei den Eagles hätte man natürliche Regression nach dem Breakout 2013 erwarten sollen.

Die Saints waren vermutlich ein Versagen meinerseits: Sie hatten ein phänomenales 2013 gespielt, in dem die Defense weit unter 6 NY/A gegen den Pass kassiert hatten. Aber es war ein Ausreißer, das wusste ich. Das hohe Saints-Ranking war daran gebunden, dass die Defense nach 2013 und dem Einkauf von FS Byrd stabil genug bleiben würde. Aber ich unterschätzte, welch krasser Ausreißer 2013 für die Defense der Saints gewesen war.

Durchschnittliche Bilanz

Gruppe            Siege   WP
Bodensatz          5.8   .41
Niemandsland       7.3   .47
Kronprinzen        8.5   .50
Titelaspiranten   10.4   .62

Wie schon angedeutet: Das bislang beste Jahr für die Furchtlose Vorschau. Die erwarteten Top-Teams fuhren im Schnitt 10.4 Siege ein, die beiden erwarteten Top-Teams bestritten auch die Super Bowl.

Höhere Prognosegenauigkeit auch, weil die Saison 2014 deutlich weniger als andere vom Zufall beeinflusst war, wie ich schon vor eineinhalb Jahren in einem Blogeintrag analysierte.

Furchtlose Vorschau 2015

  • Superbowl-Sieger: Denver (Titelaspiranten #4)
  • Superbowl-Verlierer: Carolina (Niemandsland)
  • Halbfinalisten: Arizona (Niemandsland), New England (Titelaspiranten #5)
  • Top-Pick: Tennessee (Bodensatz)

Denver hatte ich in der Manning-Zeit immer unter den Top 4. Ich hätte die Broncos normalerweise auch 2015 an #1 gerankt gehabt, aber das leblose Auftreten der Manning-Offense in der zweiten Hälfte 2014 wirkte noch nach – inklusive des furchtbaren Playoff-Ausscheidens. So war ich skeptisch: War Manning am Ende? Jetzt eine neue Offense einlernen?

Hinterher fühlte ich mich mit meiner Skepsis sogar bestätigt, aber weil NFL = NFL, holten die Broncos trotzt ihrer Eindimensionalität den Titel. Und das fühlte sich überhaupt nicht unverdient an.

Arizona und Carolina, die NFC-Finalisten, hatte ich nur im Niemandsland. Cards und Panthers – die beiden Kollegen, die sich das ultimative Wildcard-Spiel geliefert hatten: QB Lindley gegen das 7-8-1 Playoffteam. Bei Carolina war ich ziemlich skeptisch, zumal Offense Line, Secondary und Ausfall von WR Benjamin. Ich habe 15-1 nicht im entferntesten kommen sehen.

Bei Arizona hätte ich im Nachhinein besser argumentieren können: Die Cardinals waren 2013 sehr stark, verpassten nur unglücklich die Playoffs. 2014 mit extrem viel Glück Divisionssieg in der NFC West. Also Regressionskandidat – aber ich hatte unterschätzt, wie kriminell schlecht die Pass-Offense mit dem 4th Stringer gewesen war. Arizona hätte ich mindestens eine Kategorie höher setzen sollen.

Meine #1 Seattle erlebte ein zunächst harziges Jahr, scheiterte dann aber doch erst im Viertelfinale. Seattle war nach Power-Ranking am Ende wieder die #2. Eine größere Verfehlung war Baltimore, meine Preseason #2, das verletzungsgeplagt bei 5-11 landete, aber schon vor den Verletzungen keine wirklich überzeugende Saison gespielt hatte.

„Unten“ war eher überraschungsfrei: 6 der Bodensatz-Kandidaten holten (vor Trades) einen Top-10 Pick. Dazu Washington als Sensations-Gewinner der NFC East und die vielleicht positivste Überraschung Oakland.

Durchschnittliche Bilanz

Gruppe             Siege   WP
Bodensatz          5.5    .37
Niemandsland       8.9    .54
Kronprinzen        8.8    .56
Titelaspiranten    8.9    .53

Das schwächste Jahr für die Furchtlose Vorschau, was wohl vor allem an der eher niedrigen Einschätzung von Arizona und Carolina liegt, die beide im Niemandsland erwartet wurden, aber als die beiden Top-Teams der NFC ausstiegen.

2015 war auch die ganze Saison einigermaßen verrückt: Schon letztes Jahr stellte ich fest, wie vergleichsweise ungenau das Power Ranking prognostizierte. u.a. viele Quarterback-Verletzungen sorgten für eine sehr überraschendes Jahr.

Ich habe nichts gegen überraschende Jahre – im Gegenteil. Wenn 2016 ganz anders wird als erwartet – dann her damit!

7 thoughts on “Furchtlos oder furchtbar? Der Selbst-Test

  1. Ich weiß ja nicht wie es den anderen Lesern deines Blogs geht, Thomas, aber solche Prognosen lese ich ja nicht, um danach meine Tipps beim Onlinebroker abzugeben. Für dieses Klientel müsstest du dann dann noch drunter schreiben: „Der Verfasser übernimmt keine Gewähr für die Richtigkeit und die furchtlose Vorschau ist keine Anlageempfehlung.“
    Vielmehr mag ich die Art wie du über Football schreibst und ein schier unerschöpfliches Wissen vermittelst. Ähnlich wie der Adrian Franke von Spox, aber eben auf deine Art.
    Egal ob du richtig oder falsch liegst, es macht einfach Spaß hier rein zu schauen. Und mal ehrlich … wir wissen alle, dass im Football so ziemlich alles passieren kann … ausser vielleicht, dass die Browns den Superbowl LI holen … obwohl …🙂

  2. @Franjo: Es geht auch weniger ums Wetten oder ums Recht haben, sondern sich selber und seine Methoden zu hinterfragen und – weil schön öfters die Nachfrage kam – meinen Denkprozess hie und da zu erklären.

  3. Weil ich Kurt Warner in der NFL Europe hab spielen sehen, hat mich sein Erfolg besonders gefreut. NFL Europe war für mich damals ein großartiges Projekt.

    Im Sport ist so vieles möglich. Witzig das Barnwell auch Leicester im Artikel erwähnt .

  4. @franjo: So sieht’s aus. Wenn es bloß einen „like“button gäbe…
    @korsakoff: Klasse Link. Green Bay finde ich persönlich einen mutigen Tipp. Allein der Ausfall von Jordy Nelson schien mir ein massiver Schlag ins Kontor letzte Saison. Der Gute muss wieder 100% sein UND gesund bleiben. Gespannt bin ich auch auf Eddie Lacy.🙂 Würde mich freuen, wenn Green Bay weit kommt.

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