NFL 2016, Woche 2: Frühschicht im Rückspiegel

Drei Stunden Condensed-Tape am Montag, und als Preis dafür vier Spiele der 19-Uhr Schicht von Woche 2 – die Rückschau.


Allgemein schien der gespielte Football mir deutlich unansehnlicher zu sein als in Woche 1. Vor allem in der Partie Detroit – Tennessee regnete es gelbe Flaggen, dass die Kommentatoren zwischendurch sogar einen Angriff des NFL-Strafenrekords andiskutierten. Die Qualität der Offenses war im Vergleich zur ersten Woche – zumindest in den Spielen, die ich gesehen habe – ebenso deutlich schwächer.

Auffällig bleibt weiterhin das Kickreturn-Game. Ich frage mich, wie lange auch der letzte Special-Teams Coordinator braucht um seinen Spielern die richtigen Taktiken einzubläuen. Es ist offensichtlich, dass jeder Returner, der weiter als 2 Yards aus der eigenen Endzone den Ball rausträgt, sofort gebencht gehört – gefühlte 95% der Returns kommen nie an die 25yds „Touchback“ Line – und dann kommen da noch die ewigen Strafen wegen Holding.

Beziehungsweise: Gehört der Coordinator gefeuert, wenn er diese Anweisungen nicht an seine Spieler weitergibt. Es ist unfassbar, wie viele Mannschaften freiwillig 8-12 Yards Feldposition aufgeben, nur weil die Returner unmotiviert aus der Endzone kommen.

Die dritte Beobachtung ist eine angenehme: CBS verzichtet allem Anschein nach auf die Bottom-Line. Damit lassen sich auch Tapes außerhalb der Nachtspiele ohne Spoilergefahr verfolgen.

Houston Texans 19, Kansas City Chiefs 12

Interessantes Spiel zweier AFC-Teams, die man mangels dynamischer Offense nicht zu den absoluten Spitzenteams zählt. Es entwickelte sich dann auch eine von den Defenses dominierte Partie, in der beide Offenses zwar den einen oder anderen Big Play herauswringen konnten, aber nie wirklich in einen Groove fanden.

Vor allem die Chiefs-Offense enttäuschte über weite Strecken schwer. Es war das prototypische Alex-Smith Spiel: Extrem viele Completions auf kurzen Routen, aber kaum Raumgewinn. Bei langen Bällen maximal 1/3 Completion-Quote. Ich glaube bis ins letzte Viertel hinein hatte Smith keine einzige Completion über 10-12 Yards, ehe RB Ware einen Slant über 34yds das Feld hinuntertrug.

Dafür mehrere Big-Runs der RBs West und Ware. Die Protection der Chiefs sah horrend aus. OT Fisher mit drei Penaltys, und seine Flanke sah noch wie die bessere aus. Dazu eine merkwürdige Verteilung der Anspiele: TE Kelce, der in der Spielfeldmitte weder von CB Johnson noch von CB Jackson verteidigt werden konnte, hatte nur handgezählte 6 Anspiele.

Auf der anderen Seite ist Houston ein Team Marke „fun to watch“. „Fun“ darf man dabei nicht immer als Qualitätssiegel verstehen, aber da sind in Offense und Defense schon einige grenzgeniale Einzelspieler unterwegs.

Die Offense-Strategie von Headcoach O’Brien wird schon nach dem zweiten Spiel immer klarer: Man möchte den sprintstarken WR #15 Will Fuller in Szene setzen, so oft es geht. Fuller wurde vor allem in der Anfangsphase immer wieder auf tiefen Go-Routen gesucht. Das führte u.a. zu einer sehr langen Completion, aber das war dann die volle Will-Fuller Experience: Dem CB Marcus Peters auf und davon gelaufen, meilenweit offen, Ball kommt aber nicht sofort gefangen sondern nur jongliert, und dadurch kriegt der Cornerback die Zeit für den rettenden Tackle.

„Der Cornerback“ ist Marcus Peters, und der lässt dieser Verarsche die Marcus-Peters Experience folgen: Zwei Plays später die Interception in der Endzone. Peters in der zweiten Halbzeit mit einer zweiten Interception, als ihm ein vom Wide Receiver abgefälschter Ball in die Hände fällt.

Jener abgefälschte Ball ist ein zu weit nach außen geworfener Ball von Texans-QB Brock Osweiler, für mich eine der auffälligsten Erscheinungen in dieser Partie. Osweiler hat eine schreckliche Wurfbewegung, wirft häufig stupide hohe Bälle – man könnte fast den Terminus „Arm Punt“ verwenden – in gute Deckungen. Osweiler schaut nicht lange seine Progressions durch. Er bekommt die Anweisung von draußen, und wirft zu seinem 1st read. Das ist Cam-Newton-Auburn-one-read-Offense in Reinform.

Houston gewann die Partie trotzdem, weil die Defense hielt und weil Houston nicht bloß Osweiler und Fuller in der Offense hat, sondern auch den wirklich famosen WR Nuk Hopkins, der in 10 überwiegend unpräzisen Anspielen die entscheidenden 7 Catches für weit über 100 Yards machte – und den Touchdown in enger Deckung. Hopkins hätte um eine Haaresbreite einen zweiten Touchdown gemacht, der nur Zentimeter aus dem Spielfeld war.

Das war die eine der umstrittenen Catch-Entscheidungen im Spiel. Die andere war eine tiefe Completion für WR Harris, der den Ball fing und zu Boden stolpernd nach drei Schritten wieder verlor. Die Refs gaben incomplete. Das wurde heiß diskutiert, aber aus meiner Sicht gibt es wenig zu diskutieren. Ich hätte mit 100%iger Überzeugung ebenso incomplete gegeben, da die Bedingung „has to be able to make a protective move“ nicht ansatzweise erfüllt war. Also beide Catch-Entscheidungen – Hopkins und Harris – knapp, aber richtig entschieden.

Noch was? Defense Front der Texans könnte man noch erwähnen. 4 Sacks gegen QB Smith, und das quasi ohne Blitz-Verstärkung. Gefühlt wäre noch mehr drin gewesen, denn DE Watt und DE Clowney gehen immer außen an ihren Offense Tackles vorbei. Smith mit zwei Tippelschritten nach vorn, lässt den Pass Rush ins Leere laufen. Da steckt immenses Potenzial drin, dass die Texans hier in ein paar Wochen eine atemberaubende Defense aufstellen, wenn mal einer von ihnen innen durch geht.

Zumal sie relativ schlecht getackelt haben und trotzdem nur 12 Punkte kassierten. Im ganzen ersten Viertel vier Drives für 9 Yards. Die einzigen Punkte der ersten Halbzeit aus einem 53yds-Fieldgoal. Schwaches Tackling, aber drei erzwungene Fumbles, zwei gegen Smith, einen gegen RB Ware.

Letzte Story: Die Returner. Ich denke, man könnte dem Texans-Returner #34 Irvin vieles vorwerfen, aber keine Homophobie. Was Irvin da immer wieder trotz heranstürmender Coverage an Fair Catches vermied um nach Sekundenbruchteilen volles Karacho in die Gunner hineinzurennen, war haarsträubend und muss den Coaches den blanken Angstschweiß auf die Stirn getrieben haben.

Als K Santos einen Kickoff ins Aus setze, wartete ich nur darauf, dass Irvin auch diesen aufnimmt um ihn 12 Yards an die 15 Yards Line zu returnieren. Irvin verzichtete zu meinem Verblüffen, und einen Kickoff später kniete er sogar in der Endzone ab. Gutes Coaching.

Auf der anderen Seite haben die Chiefs 15 Jahre nach Dante Hall wieder einen potenziellen Star-Returner im Kader: #10 Hill macht diese Saison mindestens einen Return-TD. Sehr wendiges Männlein.

Pittsburgh Steelers 24, Cincinnati Bengals 16

Wichtiger Heimsieg für die Steelers in einem potenziellen Tie-Breaker Matchup in der AFC North gegen ein offensiv enttäuschendes Cincinnati. Bengals-WR #18 Green war bei CB Cockrand abgemeldet, und damit war eine ganze Offense abgemeldet. QB Dalton beendet die Partie mit 31/55 für 367 Yards und 1 TD, was mich fassungslos hinterlässt. Ich hätte nach Sichtung des Tapes eher auf 18/35 für 160yds getippt, aber da war vieles Garbage-Time nach 9-24 Rückstand.

Nur eine Pass-Route funktionierte: Dalton gegen LB Shazier, der immer wieder von TE #87 Uzamah ausgespielt wurde. Uzamoh hatte in Q3 sogar einen vermeintlichen Touchdown, als sein Knie im Fallen in der Endzone runterkam. Refs gaben fälschlicherweise keinen TD. Beschweren kann sich der Cincinnati-Kassenpatient dabei bei Headcoach Marv Lewis, der zu meiner Verblüffung keine Flagge warf.

Dafür ließ Marv Lewis in bester Marv-Lewis Tradition zwei kurze Fieldgoals innerhalb der 5yds-Line schießen. Ich liebe Marv Lewis und ich wünsche ihm den Super Bowl, aber Marv Lewis wird in-Game Coaching nicht mehr lernen. Leider.

Die Bengals können aber eines mitnehmen: Wenn die Offense versagt, ist die Defense immer noch stark genug um eine der besten, gefährlichsten Offenses im Lande weitgehend aus dem Spiel zu nehmen. Cincinnati mit einer großartigen Abwehr-Vorstellung, brachte QB Roethlisberger zur Verzweiflung: 2 INT gegen Big Ben, Roethlisberger musste mehrfach die alten Scrambles auspacken um irgendwie trotzdem 1st Downs zu machen. Er musste an die Grenze gehen.

Und keine 3yds/Carry für die Run-Offense, obwohl RB #34 Williams „optisch“ hervorragend aussah. Die einzigen Wermutstropfen für Cincinnati waren die beiden tiefen Completions für WR #14 Coates, der 2 Catches für 97yds gegen CB #21 Dennard hatte. Coates wurde immer und immer wieder auf Go-Routes gesucht. Mehrere Incompletions, aber die Geduld zahlte sich mit den beiden langen Catches aus. Beide führten direkt im Anschluss zu Touchdowns.

Alles in allem ein äußerst knackiges Spiel. Es war nicht immer schön und die Offenses kamen nie wirklich in Schwung, aber es ist auch schön anzuschauen, wenn zwei Offenses alle Ecken und Kanten in ihrem Playbook auspacken müssen um überhaupt zu Yards zu kommen, weil beide Defenses groß aufspielen.

New England Patriots 31, Miami Dolphins 24

Ein Ergebnis, das knapper ist als das Spiel. New England fuhr in der Anfangsphase über Miami drüber als wären es Schulbuben. QB #10 Garoppolo eröffnet mit einer Latte an Completions, treibt eine Gronkowski-lose Offense zu drei schnellen Touchdowns und 21-0 Führung das Feld hinunter, ehe er verletzt vom Feld geht und der third stringer, QB #7 Jacoby Brissett, ranmuss.

Mit Brissett wurde die Offense bedeutend simplifiziert. New England stellte das Passspiel nahezu komplett ein und warf in zweieinhalb Vierteln nur mehr 7 Pässe. Brissett musste nicht ein einziges Mal tief gehen. Dafür viel RB Blount über die Mitte, 30 Rushes für 130 Yards. New England fiel in den Modus „Führung über die Zeit bringen“, was relativ problemlos gelang – obwohl Miami einen letzten Drive mit Chance auf den Ausgleich bekam.

QB Tannehill wurde mal wieder für seine Performance mehr gelobt als ich ihn gelobt hätte. In der Anfangsphase, als New England mit Garoppolo einen Touchdown nach dem anderen auf das Feld zauberte, produziert Tannehill 3/out auf 3/out. Erst als New England immer konservativer wurde, brachte Tannehill die Kurzpass-Offense einigermaßen in Gang.

Das Spiel wäre ein Blowout geworden, hätten die Pats nicht zur Pause sämtliche Bemühungen eingestellt. Ich bin gespannt, wie die Offense am Donnerstag gegen Houston aussieht. Jenes Houston, das eine ähnliche auf Kurzpässe ausgerichtete Offense der Chiefs abwürgte und einen Turnover nach dem anderen produzierte: Brissett ist nicht bekannt dafür, unbedachte Interceptions und Fumbles zu werfen.

Detroit Lions 15, Tennessee Titans 16

Ein unansehnliches Spiel mit 29 Strafen. Die Detroit Lions mit einer selbstverschuldeten Heimniederlage, die die gute Stimmung nach dem Auftaktsieg in Indianapolis doch erheblich trübt. Nur phasenweise sah die Offense gut aus. QB Stafford mit einigen haarsträubenden Aktionen, u.a. ein Scramble mit zweimal Helm voraus in den Gegner hinein. Stafford war aber nicht allein das Problem: WR Tate und Co. Mit insgesamt sieben Drops. Das ist zu viel, selbst gegen eine limitierte Mannschaft wie Tennessee.

Am Ende entschied ein wobbeliger TD Pass von Mariota auf TE Walker die Partie. Das Hauptproblem hatte Detroit schon vorher: Ein Drive von der eigenen 1yds-Line führte 98yds über das Feld zur 1yds-Line vom Gegner. Dann Touchdown, zurückgepfiffen wegen Holding. Erneut Touchdown, zurückgepfiffen wegen Holding. Dann False Start, und so wurde aus einem 1st/Goal von der 1 ein 1st und 26 und letztlich nur ein langes Field Goal. Das waren wieder die alten Lions, wie man sie kennen und hasslieben gelernt hat.

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4 Kommentare zu “NFL 2016, Woche 2: Frühschicht im Rückspiegel

  1. Ich hätte heulen können, als ich das Spiel der Lions gesehen habe 😦
    Genau so ein Spiel habe ich erwartet. Man geht in der ersten HZ in Führung und hält die gegnerische Offense in Schach und die zweite HZ wird dann wie schon typisch für die Lions, dauergeschenkt, als hätte man gar keine Lust, zu gewinnen.

    Die Drops (vor allem) von Jones waren neben die anzählen Strafen das Hauptproblem. Ich schlimmer, Ziggy Anzah und Amir Abdullah mussten früh verletzt raus. Weiß jemand über deren Stand bescheid, ob sie am Sonntag in Green Bay zur Verfügung stehen?

    Auch hier habe ich schon wieder Bauchschmerzen. Wenn ich richtig liege, haben wir hier seit über 20 Jahren schon nicht mehr gewonnen oder?

  2. Dedüm 😂🙈
    Ein toll informierter Fan bin ich 😄

    Sorry 😄
    Abdullah ist für mindestens 6 Wochen außer Gefecht 👎🏼

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