Eloge auf Les Miles – und was uns sonst noch an diesem Wochenende bewegte

Im Anschluss an College-Football Woche 4 ist der erste große Trainer entlassen worden: Les Miles, Head Coach der Louisiana State Tigers. Die Entlassung kommt nicht überraschend. Sie kommt höchstens überraschend schnell: LSU verlor am Samstag knapp bei den Auburn Tigers, weil es den letzten Spielzug nicht rechtzeitig ausgespielt bekam.

Aber es war nicht bloß dieser Spielzug. Miles wäre so oder so bald fällig gewesen.

Miles war schon im letzten November auf der Abschussliste gestanden, und nach einer Booster-Revolte konnte ihn nur mächtiger Rückhalt in der Mannschaft, im Athletic Department sowie von den Fans im Sessel halten. Miles ging in die anstehende Saison mit hohen Erwartungen: LSU war die Preseason #5 der AP Rankings – und verlor zwei der ersten vier Spiele.

Da bist du fällig, auch wenn du der vielleicht beste Coach in der Geschichte der LSU Tigers bist. Les Miles war 12 Jahre Coach in Baton Rouge. Er gewann mehr als drei Viertel seiner Spiele, holte 2007 den BCS-Landesmeistertitel und stand 2011 erneut im Endspiel, das er deutlich gegen Alabama verlor.

Jenes zweite BCS-Finale gilt als Wendepunkt von Defensivkünstler Miles. Fortan sah er mit seinem eindimensionalen Approach in der SEC kein Land mehr gegen Alabama, das sich im Gegensatz zu Miles („Ich brauche keine Quarterbacks“) weiterentwickelt hatte.

2012 sah Johnny Manziel und die Spread-Offense in der SEC Einzug halten, und Manziel war Auslöser einer Spread-Revolution, die fortan auch Alabama oder Auburn erfasste. LSU fuhr zwar weiterhin monströse Defenses auf, aber diese reichten nicht mehr zu 13-0 Saisons, sondern nur noch zu 9-3. Seit dem BCS-Finale 2011 verlor Miles in vierkommairgendwas Saisons 16 Spiele. Zu viel für LSU, das sich theoretisch auf Augenhöhe mit Alabama sieht.

Ich habe Miles immer gemocht. Er war ein markanter Charakterkopf, nie verlegen um einen kultigen Spruch auf einer Pressekonferenz. Im Gegensatz zum supersterilen Erzrivalen Nick Saban streute Miles an gut gelaunten Tagen immer mal wieder einen Trickspielzug oder eine aggressive 4th Down Entscheidung ein und machte die LSU-Spiele damit mehr als einmal zu echten Hinguckern.

Im Prinzip ist meine älteste Erinnerung an Les Miles der Oktober 2007, als er mit Außenseiter LSU zuhause gegen das rekordträchtige Florida von Tim Tebow antrat – und nach fünf (!) geglückten 4th Downs knapp 28-24 gewann. Die Partie war so elektrisierend, dass LSU am Saisonende trotz zweier Saison-Pleiten ins BCS-Finale gewählt wurde… wo man ein überfordertes Ohio State 38-24 abschoss.

Aber Miles konnte auch anders. Er konnte ultrakonservativ. So gewann er 2011 das „Spiel des Jahrhunderts“ auswärts bei Alabama mit 9-6 in Overtime. Es war der unterhaltsamste Langweiler, den ich je gesehen habe. Zwei Monate später wurde man in besagtem „Re-Match“ im BCS-Finale von Alabama 0-21 in die Einzelteile zerlegt.

Miles konnte unfassbar glücklich, wie zum Beispiel 2010 gegen Tennessee, einer Partie, dessen Ende ich bis heute nicht fassen kann. Und Miles wohl selbst nicht.

Eine Woche später war Miles wieder im Brennpunkt – diesmal indem er sein Glück erzwang: Wieder gegen Florida – wie schon 2007 – wieder ein 4th Down. Und der Lateral des Jahres.

Unvergessen ist auch die Szene, als Miles mitten in einem Thriller gegen Alabama 2010 begann, das Spielfeld zu essen. Es zahlte sich aus, LSU besiegte Alabama.

Les Miles war der einzige Coach in der SEC, der länger als Nick Saban im Amt war. Miles war gleichzeitig der Coach, der LSU von eben jenem Saban übernommen hatte – 2005, kurz nachdem Saban mit LSU den National Title geholt hatte. Er holte auch für sich selbst einen – und konnte sich mehr als eine Dekade im Amt halten.


Louisiana State ist heute einer der Traumjobs im College Football. Ich behaupte nicht, dass LSU ein Top-5 Job ist; die kompletten, über allen anderen stehenden Blaublüter sind wohl die „Big Eight“ Michigan, Ohio State, Alabama, Florida, Texas, Oklahoma, USC und Notre Dame. Aber LSU ist ein knappes Jota dahinter, neben Florida State, Penn State, Nebraska, Tennessee, Georgia, Auburn und – wenn motiviert – den Miami Hurricanes. LSU ist vielleicht der beste Job in dieser 1B-Kategorie der College-Granden – es hat mit der SEC die Conference schlechthin im Hintergrund.

Und LSU hat jedes Jahr fassungslos viele Talente im Kader. Was die Tigers allein in den letzten paar Jahren an Kalibern in die NFL geschickt haben, geht auf keine Kuhhaut mehr. Leute wie CB Patrick Peterson, WR Odell Beckham, OT Whitworth, DT Kyle Williams, FS Tyrann Mathieu oder DT Michael Brockers sind nur eine kleine Auswahl an top end Spielern, die allein Miles in die NFL geschickt hat.

Die Gerüchteküche über die Nachfolge von Miles wird nun monatelang brodeln. Als heißesten, ja „logischen“ Kandidaten würde ich Houstons Tom Herman sehen, der als Offense-Coach mit Affinität zu gewaltigen, physischen Defenses gilt. Herman kommt aus dem Trainerstab von Urban Meyer und hat mit Houston einen potenziellen Juggernaut aufgebaut.

Andere Namen, die im Raum stehen, sind FSUs Jimbo Fisher, der lange Jahre als OffCoord bei LSU gearbeitet hat und die Uni in- und auswendig kennt, oder der aktuelle DefCoord Dave Aranda (unwahrscheinlich, weil wieder Defense). Fix ist nur, dass sich LSU nach der Ära Miles nicht mit einem durchschnittlichen Kandidaten zufrieden gibt. Dafür spricht der frühe Zeitpunkt der Entlassung von Miles. Dafür spricht auch das Selbstverständnis der Uni, die sich auf Augenhöhe mit Alabama sieht.

AP Rankings nach Woche 4

#1 Alabama – „auf Augenhöhe“  mit Alabama ist aktuell noch niemand: Am Wochenende ein lockerer 48-0 Kantersieg über Kent State.

#2 Ohio State
#3 Louisville
#4 Michigan
#5 Clemson
#6 Houston

#7 Stanford – Stanford mit einem 22-13 Sieg über UCLA, der nicht so klar ausfiel, wie er ausschaut: Das Cardinal lag kurz vor Schluss noch 9-13 in Rückstand, RB McCaffrey machte keinen Stich, aber dann scorte man spät im Schlussviertel den Go-Ahead TD und legte einen Fumble-Return TD im letzten Verzweiflungsdrive von UCLA nach.

#8 Wisconsin – der erste Bezwinger von LSU im ersten Saisonspiel hat mit einem 30-6 Auswärtssieg bei Michigan State für einen weiteren Paukenschlag gesorgt. Wisconsin, das zu Saisonbeginn niemand so recht ernst genommen hat, tritt nächste Woche auswärts bei Michigan an.

#9 Texas A&M
#10 Washington

#11 Tennessee – die Vols besiegten Florida nach zwischenzeitlichem 3-Touchdown Rückstand mit 38-28, u.a. dank einer phänomenalen zweiten Halbzeit, in der QB Dobbs die Gators mit fünf Touchdowns en suite zerlegte. Tennessee ist damit als klarer Favorit der SEC East anzusehen, auch wenn man noch @Alabama und @Georgia antreten muss.

#12 FSU

#13 Baylor – bleibt ungeschlagen in der Big 12, nachdem man am Wochenende Oklahoma State 35-24 besiegte. Die Offense scheint weiterhin wie am Schnürchen zu funktionieren, Briles-Entlassung hin oder her.

#14 Miami/FL
#15 Nebraska
#16 Ole Miss
#17 Michigan State
#18 Utah
#19 San Diego State
#20 Arkansas
#21 TCU
#22 Texas
#23 Florida
#24 Boise State

#25 Georgia – Georgia hat im Vergleich mit Tennessee schon einen klaren Nachteil: Es hat bereits eine SEC-Niederlage: Am Samstag wurde man von Ole Miss 14-45 geplättet. Damit ist auch unwahrscheinlich, dass die Bulldogs ohne eine weitere Pleite durchkommen.


Weitere spektakuläre Ergebnisse vom Wochenende: Notre Dame verliert 35-38 gegen Duke und feuert DefCoord Van Gorder. Und Oregon kassiert eine Heimpleite gegen Colorado: 38-41. Colorado damit mit dem längst ersehnten Statement-Sieg nach Jahren in den Niederungen. Bei den Oregon Ducks kehrt mit der überraschenden Pleite die Einsicht ein, dass man dieses Jahr vielleicht doch nicht gut genug für die Pac-12 Spitze ist.


Vorausschau auf den kommenden Spieltag – wir haben einige Super-Spiele vor der Brust:

  • #5 Clemson vs #3 Louisville, wo vielleicht ACC-Titel und Playoffs auf dem Spiel stehen
  • #10 Washington vs #7 Stanford, das den Finalisten der Pac-12 North entscheiden könnte
  • #4 Michigan vs #8 Wisconsin und die Frage „wie gut ist Wisconsin wirklich?“
  • #25 Georgia vs #11 Tennessee und wenn die Vols gewinnen, ist die SEC East so gut wie entschieden
  • #21 TCU vs Oklahoma als Duell der Preseason-Favoriten in der Big 12, die beide einen enttäuschenden September erlebt haben.

3 thoughts on “Eloge auf Les Miles – und was uns sonst noch an diesem Wochenende bewegte

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s