Akademische Viertelstunde im November: Alles und nichts hat sich geändert

Ich hätte es wissen müssen: College Football und November, das sorgt in Kombination nicht zum ersten Mal für Chaos. So fühlten sich bereits die samstags eingangs formulierten Zeilen vom „eher mauen Spieltag“ gefährlich nach Jinxen an – und so ist es gekommen. Drei der Top-4 im Playoff-Ranking haben am Samstag als hohe Favoriten verloren, mit dem Ergebnis, dass sich im Prinzip… doch nicht so viel verändert hat.

Aber der Reihe nach.

Beginnen wir mit dem Contender, der verschont blieb. Es ist natürlich das unverwüstliche #1 Alabama, das Mississippi State humorlos 51-3 plättete. Ich sagte immer, wette nicht gegen Alabama. Das fühlt sich immer richtiger an. Crimson Tide spielt derart überlegen, dass es aktuell nur einen klipp und klaren Titelfavoriten geben kann. Alles andere als der 5te Titel (!) in den letzten 8 Jahren wäre eine Sensation.

Dahinter: Upsets galore.

#2 Clemson verliert durch ein Last-Second Fieldgoal zuhause gegen Pitt mit 42-43. QB Watson mit einer rekordträchtigen Performance gegen Pitts wie erwartte überrumpelte Pass-Defense, 70 Würfe für 580 Yards, aber Clemson beging zu viele Fehler. Watson mit 3 INT und Clemson mit einer Latte an Strafen zu ungünstigen Zeitpunkten.

#3 Michigan mit einer ähnlich verblüffenden Pleite: 13-14 auswärts gegen Iowa. „Auswärts in Iowa“ ist nicht der einfachste Ort um im College Football eine Partie zu bestreiten, zu furchteinflößend ist das enge, an aufgeregten Tagen in imposant knallgelb gefärbte Kinnick Stadium. Aber dass Michigan, das noch jedes Spiel komplett dominiert hat, verlieren würde? No Way. Iowa spielte die Partie, umsie zu gewinnen: 4th Down zum Touchdown, Safety der Defense und 33yds-Kick mit auslaufender Uhr zum sensationellen Sieg.

Am ehesten hätte man ein Stolpern von #4 Washington erwartet: Die Huskies verlieren zuhause 13-26 gegen #20 USC. QB Browning, noch das ganze Jahr eine fehlerlose Touchdown-Maschine, kam mit dem Druck der Front-Seven nicht zurecht und machte zu viele Böcke wie Incompletions. Bei USC gefiel QB Darnold, ein bis vor wenigen Wochen völlig unbekannter Grünschnabel, unter dem die Offense plötzlich äußerst vernünftig aussieht.

Hingegen Siege für die #5 und #6. Die #6, Louisville, putzte Wake Forest 44-12, aber der Endstand sieht klarer aus als der Spielverlauf, denn Louisville lag noch eingangs des Schlussviertels in Rückstand. Dann aber die gewohnte Show, 34 Punkte en suite für die Cardinals zum Kantersieg.

„Kantersieg“ ist auch das Stichwort bei #5 Ohio State, das Maryland sogar noch klarer wegräumte als ich („zwischen 30 und 50 Punkten“) angekündigt hatte: 62-3. Die Machtverhältnisse waren so klar wie das Endresultat vermuten lässt.

Big Ten Conference

Trotzdem ist Ohio State vielleicht der Verlierer des Tages, denn: Die Buckeyes verlieren durch die Ergebnisse massiv an Hebelwirkung. Als Erklärung: Divisionsrivale #10 Penn State gewann sein Spiel, Michigan verlor. Ein „3 Way Tie“ in der Big Ten Eastern Division wird damit extrem unwahrscheinlich – und: Ohio State ist in einer schlechten Tie-Breaker Situation, weil es gegen Penn State bekanntlich verloren hat.

Penn State, Michigan und Ohio State halten aktuell bei einer Conference-Niederlage. Ohio State und Michigan State spielen in ca. 10 Tagen gegeneinander – heißt: Ein Team wird sicher 2 Pleiten haben.

Penn State hat noch Partien gegen Rutgers und Michigan State, zwei völlig enttäuschende Mannschaften in diesem Jahr. Gewinnt Penn State beide Spiele, hängt der Ausgang der Division von „The Game“ zwischen Ohio State und Michigan ab:

  • Gewinnt Michigan, ist Michigan Divisionssieger (wegen 49-10 Sieg im direkten Duell gegen Penn State)
  • Gewinnt Ohio State, ist Penn State Divisionssieger (Head-to-Head gegen Penn State)

Penn State hat nach dem ESPN FPI eine 46% Chance, die Division zu gewinnen. Michigan 43%. Ohio State 11%. Sprachlos.

In der Paralleldivision ist #7 Wisconsin dank Tie-Breaker gegen Nebraska fast durch. Wisconsin wäre im Big-Ten Finale gegen Michigan und Ohio State jeweils ca. 4:1 Außenseiter, aber gegen Penn State 3:2 Favorit. Wie wahrscheinlich ist es, dass ein eventueller Big-Ten Champ Wisconsin mit 11-2 Bilanz und bloß knappen 1-Score/OT Niederlagen gegen Michigan und Ohio State in die Playoffs durchgewunken wird?

Szenarien – Sicher durch wären ein Big-Ten Champ Michigan oder Ohio State mit 12-1 Bilanz. Möglich durchschlüpfen könnten aber sogar 11-2 Big Ten Champs Penn State und noch um einiges wahrscheinlicher Wisconsin. Auch möglich: Ohio State schlägt Michigan, Penn State erreicht das Conference-Finale. Und während sich dort Wisconsin und die Nittany Lions die Kante geben, ruht sich Ohio State zuhause auf seinem 11-1 Record aus und wird hernach klammheimlich vom Komitee ins Playoff gewählt. 2014 hat bewiesen, dass die „Marke“ Ohio State so viel Strahlkraft besitzt, dass sie logischere Argumente zu überstrahlen vermag.

Großer Pluspunkt für Wisconsin Stand heute: Strength of Record.

Die anderen Power Conferences

In der ACC hat sich Clemson nicht allzu tief ins Verderben geritten. A), weil auch die Playoff-Konkurrenz „extern“ ihre Spiele verlor. B), weil Clemson danke Tie-Breaker noch immer vor Louisville liegt und am anstehenden Samstag mit Sieg über Wake Forest die Finalqualifikation in der ACC klarmachen kann. Und: Auch ein 12-1 Clemson mit ACC-Championship wäre ein recht sicherer Playoff-Tipp.

Louisvilles einzige Hoffnung ist momentan, beide restlichen Spiele zu gewinnen und zu hoffen, eventuell durch die Hintertür das ACC-Finale zu erreichen. Ohne ACC-Finale hat man nur mit 11-1 Bilanz und Chaos in anderen Conferences eine Playoff-Chance. Plus für Louisville: Es hat mit FSU einen genialen Qualitätssieg und könnte zusätzlich auf einen (eventuellen) Sieg über Houston sowie eine nur knappe Auswärts-Pleite bei Clemson verweisen. Und man hat den Favoriten auf die Heisman-Trophy…

In der Pac-12 hat sich das Rennen in beiden Divisionen verschärft. Im Norden läuft alles auf den Gewinner des „Apple Cups“ nächste Woche hinaus: Washington State vs Washington. Die Huskies haben sich mit der Heimpleite gegen USC nicht ins Verderben geritten, was ihre Pac-12 Ambitionen angeht. Aber sie haben den Skeptikern Futter geliefert, von wegen „Washingtons Schedule ist doch eher mau…“ ohne Perfect-Record wird es nun schwierig, da manche ein 11-1 Louisville über ein 12-1 Washington mit Pac-12 Championship argumentieren wollen.

In der South Division haben derzeit Utah, USC und Colorado die größte Finalchance mit jeweils ca. 20%. #12 Colorado ist der Favorit.

Die Big 12 ist seit Wochen aus dem nationalen Fokus geraten. #11 Oklahoma ist momentan das einzige Team ohne Conference-Pleite, hat aber noch zwei Partien gegen #16 West Virginia und das „Bedlam Derby“ gegen #13 Oklahoma State vor der Brust. Zwei potenzielle Szenarien:

  • Oklahoma fährt über die beiden drüber, gewinnt locker die Big 12 und steht Anfang Dezember als 10-2 Team mit Niederlagen gegen Houston und Ohio State da und schreit laut nach seiner Playoff-Berechtigung.
  • West Virginia fährt über Oklahoma drüber und gewinnt die Big 12 mit 11-1 Siegen und reklamiert seinen Playoff-Platz über einen möglichen 2-loss Champ in einer anderen Conference.

Die SEC ist bereits entschieden. In der SEC West ist Alabama auch schon faktisch durch, weil Auburn am Wochenende gegen Georgia (Head Coach dort: Alabamas ehemaliger DefCoord Kirby Smart) verlor. Gegen wen Alabama im Conference-Finale antritt, ist scheißegal – es wird ein Blowout. Alles andere wäre die Sensation des Jahres.

Pro Forma: Florida hat sein Schicksal momentan in eigener Hand, aber Florida muss diesen Samstag im Nachholspiel @LSU antreten. Daher ist in den Wahrscheinlichkeitsrechnungen aktuell Tennessee in der Pole-Position, Alabamas Schlachtopfer auf der Bank zu geben.

Mid Majors

Große Sympathien für die #21 Western Michigan Broncos, deren 10-0 Record mittlerweile so gut aussieht, dass WMU in oben verlinktem SOR (Strength of Record) an #10 rausläuft. Noch zwei Spiele plus Conference-Finale zur Perfect-Season, was den Broncos eine Einladung in die New Year’s Bowls einbringen würde.

Straucheln die Broncos, stehen andere Broncos bereits: Die #22 Boise State Broncos. Sie sind 9-1 und in der Mountain West Conference plötzlich wieder quicklebendig, weil Wyoming (das den direkten Tie-Breaker gegen Boise hält) am Samstag in der dritten Overtime gegen UNLV 69-66 verlor. Die Mountain-Division ist damit ein 3-Way Tie mit Boise, Wyoming und New Mexico auf #1 mit 5-1 Conference Record.

Wyoming und New Mexico treffen noch aufeinander. Woyming muss zudem noch diesen Samstag auswärts gegen San Diego State (6-0 Conference-Record) aus der Paralleldivision antreten. Gewinnt Boise seine zwei letzten Spiele, ist es wahrscheinlich, dass man an Wyoming vorbeizieht, da Wyoming zweimal leichter Außenseiter ist.

Kann ein 12-1 Boise ins Playoff rutschen? Nope.

Kann ein 13-0 Western Michigan ins Playoff rutschen? Nope.

Zu viele veritable Kandidaten aus den Eliten. Zu wenig Lobby für den kleinen Mann. Daran ändert sich auch nach dieser Wahl nichts. Garantiert nicht.

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9 Kommentare zu “Akademische Viertelstunde im November: Alles und nichts hat sich geändert

  1. zu deinem letzten Abschnitt:
    Einfach ausgewählte Spiele als neutraler Zuseher genießen, dabei auch den Blick auf mögliche Draftspieler richten.
    Interessant wäre allerdings noch wer sich für welche NeujahrsBowls anbietet, sprich welche möglichen Paarungen nebst den 4 Playoff Kandidaten.

  2. Wegen solcher Wochenenden liebe ich College Football! 🙂

    Kleiner Verschreiber im 2. Absatz der Big10:
    “Ohio State und Michigan spielen in ca. 10 Tagen gegeneinander“ (nicht Michigan State)

    Wie würdest du denn die Chancen für die Mountaineers einschätzen, in die Playoffs zu rutschen? Unter der Voraussetzung, dass sie bei der einen Niederlage bleiben. Haben die einen klangvollen Namen in der College Football – Welt oder doch zu klein? West Virginias Schedule war jetzt nicht der schwerste, die eine Niederlage gegen Oklahoma State könnte da vielleicht schon genug sein, um keine Rolle mehr zu spielen, oder? Zumal ihre Siege größtenteils auch keine Schützenfeste waren…
    Danke!

  3. Danke für die tolle Rückschau!

    Ich hab noch eine andere Frage:
    Warum spielt die MAC z.Z. in der Woche und das kommt auch noch im national-tv? Da sitzen zum teil keine 5k im Stadion was doch deprimierend ist. Kann doch der Conference auch nich gefallen. Keine blackout-rule in college?

  4. @Jens
    Aus dem selben Grund warum die Bundesliga und die NFL auch immer mehr und mehr Anstoßzeiten haben. TV Sender wollen halt gerne möglichst viel live Sport zeigen und zahlen dementsprechend halt auch mehr. Die MAC an nem Samstag um 15:30 juckt keine Sau, aber an nem Dienstag oder Mittwoch um 20:00 Uhr läuft man dann auch ESPN2 und wird entsprechend bezahlt (plus die landesweite Aufmerksamkeit). Da machen die paar tausend Leute die dadurch evtl. weniger kommen können halt scheinbar nichts aus.

  5. @plap
    Danke!

    Ich seh auch grad das die MAC was die Zuschauer angeht 2015 die schwächste war. Also man hilft sozusagen den schwächsten mit diesen Übertragungen.
    Das machts ja wieder irgendwie sympathisch.

  6. Bin da nicht wirklich drin, aber glaube für den akademischen Teil des ganzen sind die Spiele unter der Woche nicht wirklich positiv. Sowohl was die Belastung für die Spieler angeht („student athletes“), als auch den normalen Unibetrieb. Für die Fans die evtl. eine Anreiße zu den Spielen haben (Alumni…) dürften nur mäßig begeistert sein.
    Aber scheint sich für die TV-Sender genug zu lohnen, das jetzt auch die Big Ten angekündigt als Teil eines neuen TV-Vertrages auch Freitags zu spielen.

  7. „Zu viele veritable Kandidaten aus den Eliten. Zu wenig Lobby für den kleinen Mann. Daran ändert sich auch nach dieser Wahl nichts. Garantiert nicht.“

    Geht es nur mir so? Herrlich doppeldeutig 😉

  8. Louisville dürfte nach der letzten Nacht wohl raus sein aus dem Rennen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein noch möglicher 11-2 ACC-Champ Louisville in die Playoffs gewählt wird

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