Die Stimme der SEC verstummt

Heute, 21h aus Baltimore und bei CBS: Das Duell Navy Midshipmen vs Army Black Knights, die große Rivalry zwischen den beiden ältesten US-Militäreinheiten. Es ist nicht nur eine der ältesten Traditionsspiele im College Football, sondern heute auch der Abschied eines ganz großen Kommentators.


Der Kommentator, der heute die Bühne des College Football verlässt, ist Verne Lundquist, die „Stimme der SEC“ bei CBS. Lundquist ist für mich neben Christopher D. Ryan vom ORF die markanteste und mich am meisten prägende Stimme im Football.

Lundquist kommentiert seit 16 Jahren die SEC-Topspiele, die jeden Samstag um 21h kommen. Gemeinsam mit seinem Co-Kommentator Gary Danielson ist mir bei Lundquist vor allem seine Leidenschaft in Erinnerung geblieben. Lundquist war nicht immer fehlerlos, verwechselte Namen und Spielzüge, aber er konnte dich für das Geschehen am Feld begeistern. Ich hatte immer wieder das Gefühl, dass Lundquist und Danielson, wenn sie gewollt hätten, die Lebensgeschichten aller 120 Aktuere in beiden Mannschaften bis hin zur Haarfarbe der WAGs und Geburtstage der Tanten und Onkel hätten aufzählen können. So tief waren sie in der Materie.

Verne Lundquist hat eine über 40-jährige Karriere in den Medien hinter sich. Er begann in den 70ern als Radio-Kommentator der Dallas Cowboys, ging in den 80ern über zu Golf und Basketball und kommentierte in den 90ern den ultimativen Nervenkitzel im Sport: Eiskunstlauf der Frauen mit der ersten Sportentscheidung, an die ich mich jemals erinnern kann, Nancy Kerrigan „die gute“ gegen Tonya Harding „die Böse“.

Lundquist sagt von sich selbst, er sei lange Jahre frustriert gewesen, in den großen Networks nicht an Reporterlegenden wie Pat Summerall oder dem 2015 abgetretenen Brent Musberger vorbeigekommen zu sein. Nur so sei es möglich gewesen, dass er 2000 den Job als SEC-Frontmann angenommen habe. Die SEC war damals nicht das, was sie heute ist.

Aber Lundquist und die SEC war wie „richtiger Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort“. Die SEC entwickelte sich in den ersten Jahren der 2000er zur großen Conference in den USA und dominierte spätestens ab 2006 die komplette Landschaft. „S-E-C! S-E-C!“ wurde nicht nur zu einem Schlachtruf in den Stadien der Südstaaten, sondern zu einem ganz neuen Selbstverständnis der Bible-Belt Staaten. Und Lundquist war die Stimme der größten Bühne dieses Selbstverständnisses.

Dank NASN / ESPN America habe ich einige der großen Momente selbst „miterlebt“. Der Tebow-Shovel, die SEC-Finals von 2009 und vor allem 2012, Iron Bowl 2010 und in der Zeit nach ESPNA Iron Bowl 2013 sind bis heute Spiele, die man nicht vergessen kann. Chef-Kommentator immer: Verne Lundquist.

Lundquist und Danielson waren manchmal mehr „Fans“ als Kommentatoren und haben als solche auch einiges auf die Fresse bekommen. Ich habe das immer geschluckt. Die SEC war zwischen 2006 und 2013 die Conference schlechthin, und wenn dich die Kommentierung mitreißen kann, dann werde ich nie nein sagen.

Letztes Jahr hat Lundquist seinem Medien-Kollegen Richard Deitsch von SI.com ein fast einstündiges Interview gegeben, in dem er etliche Episoden aus seinem Privat- und Berufsleben erzählt. Schöne Einblicke eines unvergesslichen Mannes. Ein Großer tritt ab.

FCS Playoffs

Wem das Army-Navy Spiel mit seinen ca. 150 Triple-Option Spielzügen nicht Freakshow genug ist und wer neben dem Abschied von Verne Lundquist noch mehr Football sehen möchte, der kann heute in die Unterstufe des College Football wechseln, wo die FCS ihre Playoffs ausspielt.

FCS = „Football Championship Subdivision“, die sich von der FBS („Football Bowl Subdivision“) daringehend unterscheidet, dass sie schlicht die „zweite Ebene des College Football ist. Zur Erinnerung: College Sport in den USA wird in drei Ebenen eingeteilt: Division I, Division II und Division III.

Die Division I hat sich Ende der 1970er aus verschiedenen Gründen in eine Division I-A und I-AA aufgeteilt. Im Lauf der Jahre wurde aus der Division I-A die FBS und aus der Division I-AA die FCS. Die FBS ist das, was auf diesem Blog für gewöhnlich mit „College Football“ gemeint ist: Die höchste Ebene, die am Saisonende um die Weihnachtszeit Bowls und das College Football Playoff ausspielt.

Die FCS dagegen spielt eine „richtige“ Meisterschaft mit 24-Team starkem Playoff aus. Nicht alle Mannschaften nehmen daran teil, weil traditionelle Elite-Unis wie Harvard, Yale oder Penn (die Ivy League Universitäten) zu dieser Jahreszeit nicht mehr Football spielen wollen, sondern ihre Studenten durch die Prüfungen jagen. Die schwarzen Unis (HBCU = Historical Black Colleges & Universities) spielen ihre eigenen Pseudo-Meisterschaften aus.

Die anderen spielen in den FCS-Playoffs. Heute sind die Viertelfinals, zu sehen im ESPN-Player.


18h: #1 North Dakota State Bison – #8 South Dakota State Jackrabbits. Das Prärie-Derby. Beide Dakota-Unis spielen in der Missoury Valley Conference, die seit Jahren von North Dakota State dominiert wird: NDSU ist Serienmeister in der FCS, hat die letzten fünf Meisterschaften gewonnen – und vermeidet trotzdem ums Verrecken einen Wechsel in die FBS.

Man erinnere sich daran daran, dass NDSU letzten April QB Carson Wentz als #2 Pick in die NFL geschickt hat, und man erinnere sich daran, dass NDSU im Anschluss in diesem Herbst auswärts bei Iowa aus der Big Ten Conference gewinnen konnte. Die Bisons haben mit Easton Stick jetzt einen neuen Star-QB, der hinter der dominantesten Offense Line in der FCS fast nie gesackt wird.

South Dakota State geht als klarer Außenseiter ins Spiel und wird vor allem auf Power-Running bedacht sein. Aber Achtung: Die Jackrabbits haben den Bisons im Oktober ihre einzige Saison-Niederlage zugefügt – und zwar auswärts im lauten Fargodome, in dem auch heute wieder gespielt wird.


20h: Youngstown State Penguins – Wofford Terriers. Zwei ungerankte Mannschaften, die beide bereits zwei Playoffrunden überstehen mussten. Beide konnten letzte Woche jeweils auswärts bei gerankten Teams gewinnen. Youngstown putzte #3 Jacksonville State, Wofford schlug #6 The Citadel. Youngstown State ist die Mannschaft, die von Bo Pelini gecoacht wird. Pelini, wir erinnern uns, war jahrelang der „9-4“ Headcoach von Nebraska. Penguins-DE Derek Rivers gilt als NFL-Kaliber. Wofford spielt eine Triple-Option Offense und ist schon allein deswegen einen Blick wert.


22h: #2 Eastern Washington Eagles – Richmond Spiders. Beide Mannschaften haben erfolgreiche Saisons hinter sich und haben mit Siegen über FBS-Teams aufhorchen lassen: Eastern Washington schlug in Woche 1 die Washington State Cougars, die in der Pac-12 für viel Wirbel sorgten. Richmond schlug das ACC-Team Virginia. Beide bangen in diesen Tagen um die Zukunft ihrer Headcoaches, die von größeren Universitäten umworben sind. So soll zum Beispiel EMU-Coach Baldwin bei Nevada im Gespräch sein.

Eastern Washington gilt als Favorit, nachdem man nicht bloß Washington State geschlagen hat, sondern sich auch auswärts den North Dakota State Bison erst in der zweiten Overtime geschlagen geben musste.

Reizvoll: Gespielt wird auf dem „roten Teppich“ von Eastern Washington, nach dem Blue-Turf von Boise der nächst-freakige Spielort im US-Football. Benannt ist das Stadion, dessen Spielfeld sie „Das Inferno“ getauft haben, übrigens nach dem Sponsor des Spielfelds, Michael Roos, bis vor wenigen Jahren Offensive Tackle der Tennessee Titans – und ehemaliger Student von Eastern Washington.


Das „vierte“ Viertelfinale war eigentlich das „erste“: #4 James Madison vs #5 Sam Houston State fand bereits gestern statt.

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