Jeff hat ausgefishert

Die Los Angeles Rams haben Jeff Fisher gefeuert.


Fisher ist in den letzten Wochen, Monaten und Jahren zu einer Art Lachnummer verkommen, weil er mit den St Louis / Los Angeles Rams über Jahre einfach keine Offense auf die Beine stellen konnte und seine Mannschaften Saison für Saison bei 7-9 Siegen landeten. Fisher trat diese Saison an mit dem Ziel, alles besser werden zu lassen – und endete wieder bei neun Niederlagen, allerdings schon nach 13 Spieltagen.

Die Rams verkündeten trotzdem erst letzte Woche ihre Vertragsverlängerung mit Jeff Fisher, die allgemein auf Unverständnis stieß. Ich konnte sie mir damit erklären, dass Owner Stan Kroenke seit Jahren klar gemacht hatte, dass sein Interesse fürs erste vor allem dem Business gilt – und erst in zweiter Linie dem sportlichen Teil der NFL. Kroenke hat alles durchgeboxt, was er wollte. Er hat die Rams gegen alle Wetten nach Los Angeles zurückgebracht. Es wäre ihm ein leichtes gewesen, Fisher vor Monaten zu ersetzen.

Dass die Rams Fisher am gestrigen Montag entlassen haben, ist nicht unwitzig: So hatte Fisher über den Sonntag die Chance bekommen (und genutzt), mit seiner 165ten Niederlage den Rekord für die meisten Niederlagen als Coach in der NFL einzustellen. Die katastrophale Performance der Rams gegen die Atlanta Falcons tat wohl ihr übriges, und Fisher war trotz aller komischen Presse der letzten Tage nicht mehr zu halten.

Jeff Fisher ist seit den 1990er Jahren Head Coach in der NFL. Er übernahm die am Boden liegenden Houston Oilers und führte sie durch den Wechsel der Franchise nach Tennessee, als sie zu den Titans wurden, 1999/2000 sogar in die Super Bowl, die um ein einziges Yard gegen Kurt Warner und seine St Louis Rams verloren wurde.

Fishers erste Jahre in Tennessee waren seine besten. Angeführt vom härtesten QB-Knochen ever, Steve McNair, und vom härtesten Runningback-Knochen ever, Eddie George, wuchteten sich seine Titans mehrmals ganz tief hinein in die Playoffs, nur um immer wieder knapp zu scheitern – mal an der Beton-Defense der Raiders, mal an der Offense von Rich Gannon und seinen Raiders, mal an der Patriots-Dynastie im Gefrierschrank von Foxboro.

Fisher überlebte, wohl noch immer vom Ruf seiner beinharten Titans-Truppen zu Beginn des Jahrtausend, einige schwache Jahre, ehe er 2008 wie aus dem Nichts eine 13-3 Saison aus dem Ärmel schüttelte, mit Kerry Collins auf Quarterback, in einem Jahr, das DT Albert Haynesworth zum teuersten NFL-Verteidiger aller Zeiten machte.

Ein Jahr später, 2009, hatte Fisher vielleicht das noch famosere Jahr mit seinen Titans, spielte um QB Vince Young und RB Chris Johnson eine echte triple option Offense in der NFL, die nach 0-6 Start in die Saison (inklusive einer 59-Punkte Niederlage gegen New England im Schneestrum) fast in den Playoffs geendet hätte – und die Legende von „CY2K“ begründete.

Fishers letztes großartiges Jahr war 2012, sein erstes bei den Rams in St Louis. Fisher beendete das Jahr 7-8-1, was erst dann beeindruckend klingt, wenn man sich den Kader anschaut, ein Kader, der den Browns oder 49ers von 2016 Konkurrenz macht.

Die Rams waren 2012 die Gurkentruppe der Liga. Zwischen 2009 und 2011 hatten sie zwei 2-14 Saisons hingelegt und SRS von -17.4 (!!), -6.7 und -10.4 hingelegt. Wirf Fisher rein, und die Rams holten gegen den toughsten Schedule der Liga siebeneinhalb Siege.

Wie sich herausstellte, war jene Saison gleichzeitig der Höhepunkt von Fishers Rams-Karriere. Danach ging es schnell abwärts, vor allem, weil er die Offense nicht entwickeln konnte. Fisher beendet seine Rams-Karriere mit 31-45-1 Bilanz, seine NFL-Karriere mit 173-165-1. Er war über seine NFL-Karriere fast haargenau Mittelmaß.

Ich war nie ein Freund von Fishers in-Game Coaching, und seine in den 1990ern stehend gebliebene Football-Philosophie („lass und 9-7 gewinnen damit wir bei 7-9 enden“) war sein größter Hemmschuh. Ich konnte Fishers Coaching-Strategie nie wirklich greifen, da er immer dann, als er totgeschrieben wurde, ein starkes Jahr raushaute, das uns wieder an ihn glauben ließ.


Für den jungen Kern in der Rams-Offense um QB Jared Goff und RB Todd Gurley bedeutet der anstehende Trainerwechsel wenigstens die Chance auf eine brauchbare NFL-Karriere, nachdem seit 2-3 Jahren gnadenlos offensichtlich wurde, dass es unter Fisher nichts mehr werden wird. 2016 kannst du abschreiben, keine Frage, aber 2016 kann nicht der Fokus sein.

Goff kam als Air-Raid Quarterback in die NFL – ohne ernsthaften Plan, ihn zum NFL-Quarterback umzuschulen, wird Goff in zwei Jahren als Bust verbrannt sein. Gurley kam als großer Power-Back in die NFL – ohne Offensive Line und ohne die geringste Entlastung durch das Passspiel wird Gurley auch weiterhin die meisten Negativ-Yards der NFL fabrizieren. WR Tavon Austin kam als Super-Irrwisch in die NFL und endete als Witzfigur, weil er 3 Pässe für 16 Yards im Slot serviert bekam. OT Greg Robinson kam als bestes O-Line Prospect seit Jahren in die Liga und war in den letzten beiden Wochen healthy scratch.

Es gibt gute junge Talente in der Rams-Offense, und auch wenn nicht alle zu Superstars werden, so ist es dennoch wahrscheinlich, dass der nächste Trainerstab aus diesen Spielern mehr herausholt als es der Fisher-Stab in den letzten Jahren machte.

Und im Prinzip ist es das, was die Rams machen müssen: Ein junges und mit vielen hohen Draftpicks gespicktes Team so zu formen, dass die streckenweise aufregende Defense endlich den Support bekommt, den sie verdient. Dann haben die Los Angeles Rams auch mit einem desinteressierten Owner die Chance, in der NFC West für Furore zu sorgen.

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11 Kommentare zu “Jeff hat ausgefishert

  1. Das wurde nun auch endlich Zeit. Es war einfach nur noch traurig anzusehen, was die Offense fabrizierte. Die Vertragsverlängerung hat er anscheinend schon vor der Saison bekommen. Sie wurde nur erst letzte Woche bekannt gegeben.

  2. Fisher hat in meiner Wahrnehmung der Titans um die Jahrtausendwende zunächst gar keine Rolle gespielt. Das war für mich immer McNair und Georges Team. Erst nach der MVP Saison als es dann bergab ging habe ihn so als Coach „bemerkt“. Er flog einfach unter dem Radar. Die wilden Jahre mit Young, Collins, CJ2K war er dann mehr zu sehen. Seitdem wieder unter dem Radar. Dass man jetzt lieber andere den Neuaufbau starten lässt, halte ich für eine gute Idee. Fisher passt nicht nach LA.

  3. Verstehe die Moves der Rams überhaupt nicht. Zuerst tradet man hoch und holt einen QB, der offenbar (noch) nicht geeignet für die NFL ist.
    Dann verlängert man den HC vorzeitig um ihn kurz danach zu feuern. Und das ganze auf einer kurzen Woche.
    Wie ist es damit eigentlich um GM Snead bestellt? Darf der noch einen neuen HC holen?

  4. Die Vertragsverlängerung stand/fand statt schon vor der Saison, um eine „lame-duck“-Situation zu verhindern. Das größte Problem ist nun, dass die Rams in den nächsten Jahren kaum wirkliche Top-Picks haben.

  5. Warum jetzt plötzlich? Er hat 4 Siege. Es ist eine kurze Woche. Sein Vertrag wurde vor wenigen Monaten extra verlängert. Was ist jetzt gerade vorgefallen, dass der Owner ihn quasi über Nacht schasst? Der Owner, der ihn seit Jahren schalten und walten lässt. Der im Sommer noch überzeugt war Fisher vorerst halten zu müssen. Der eigentlich vorerst keinen Wert auf sportlichen Erfolg legt. Da stimmt doch was nicht…

  6. Für mich war es auch unverständlich, dass man Jeff Fisher im letzten Sommer behalten hat. Der Umzug nach LA wäre eigentlich dafür prädestiniert gewesen eine Kahlrasur zu wagen und mit neuem Coaching Staff und neuem QB frisch anzufangen.
    In einem Artikel auf TheRinger heißt es, dass Fishers‘ Agent der Vater von Rams COO Kevin Demoff ist. Ich möchte den Personen nichts unterstellen, aber vielleicht könnte es daran liegen, dass er sich in diese Saison retten konnte.

    Ausschlaggebend für die Entlassung waren letztendlich vermutlich die Worte von Todd Gurley. Stan Kroenke als Geschäftsmann glaube ich zwar, wenn er sagt, dass ihm der sportliche Erfolg zunächst egal ist. Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass er möchte, dass sein Team in irgendeiner Weise lächerlich gemacht wird. Was ja mit der Bezeichnung „High School Offense“ der Fall war.

  7. @Korsakoff
    MMn wäre Chris Petersen ein sehr interessanter Mann für den Job…. Glaubst du er hätte Interesse in die NFL zu kommen?

  8. Chris Petersen hat zu Boise-Zeiten größere Universitäten ausgeschlagen, weil er sich kulturell nicht bei USC und Konsorten wohl gefühlt hätte. Er hat sich letztlich für das „mittelgroße“ Washington abseits des ganz großen Tamtams entschieden.

    Ein Wechsel von Petersen in die NFL, noch dazu nach Los Angeles, würde mich aus den Socken hauen.

  9. @Dansk51 genau da kann man aber auch andersherum ansetzen. Der Umzug ist eine riesige Veränderung für alle, mit dem HC hat man zumindest eine Konstante, die das Einleben erleichtert. Jetzt nach nem halben Jahr ist das erreicht, die Mannschaft steht in LA, und man kann sich Coaches suchen, die einen QB entwickeln können.
    Es bleibt Spekulation, ausser Managment äußert sich, was aber eher selten ist.

    Idealerweise würde ihnen jetzt jemand wie Mike McCarthy den Schoß fallen. Coughlin wollte auch noch mal ran. Kyle Shanahan wäre ein OC dem man den Sprung zu HC zutraut.

  10. @moep: Ich hatte am Anfang den selben Gedanken wie du. Wenn ich als Management aber weiß, dass mein Coaching Staff keine Offense hin bekommt und mein neuer #1 Rookie QB Zeit braucht um sich auf die NFL umzustellen, dann geben ich ihm doch lieber jemanden als Coach, der nachweislich mit QBs etwas anzufangen weiß.
    Man hat sehr viel für Goff bezahlt und jetzt ist seine erste Saison quasi „verschwendet“

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