Fiesta Bowl 2016 Preview: #2 Clemson Tigers – #3 Ohio State Buckeyes

Das zweite Halbfinale im College Football Playoff wird heute in der Silvesternacht um 1h MEZ ausgespielt, live zu sehen bei DAZN und SPORT1 US: Die Fiesta Bowl mit #2 Clemson Tigers (12-1) vs #3 Ohio State Buckeyes (11-1). Gemeinhin gilt dieses Matchup als das bessere im Vergleich zur Peach Bowl, weil die beiden Mannschaften sportlich auf demselben Level verortet werden.

Clemson und Ohio State trafen vor drei Jahren zuletzt in der Bowl Season aufeinander und spielten dort ein intensives Match. Seither haben beide je eine Teilnahme am College Football Finale auf dem Konto: Ohio State gewann vor zwei Jahren die Meisterschaft, Clemson verlor letztes Jahr nach großem Kampf. Jetzt gibt es die Chance auf die Rückkehr.


Clemson von Head Coach Dabo Swinney hat als ACC-Champion keine vollends überzeugende Saison hinter sich. Vor allem zu Saisonbeginn kam Clemson schwerer als gedacht in die Gänge, was man mit der Neustrukturierung der Defense nach zahlreichen Abgängen zu erklären versuchte. Im Lauf der Saison fand Clemson dann seinen Groove und blieb bis auf den Stolperer gegen Pittsburgh unbeschadet. Auch Clemsons zu Saisonbeginn verlachter 6-Punktesieg über Auburn sieht im Rückspiegel eindrucksvoller aus als einst angenommen.

Ohio State hat die entgegengesetzte Kurve: Obwohl das Team nach einer historischen Draftklasse in vielen Units rundumerneuert auflief, fuhren die Buckeyes in den ersten eineinhalb Monaten über alles und jeden drüber als sei der Gegner nicht Oklahoma, sondern Georgia Southern. Ab Mitte Oktober wurde es aber zäher. Gegen Penn State setzte es eine überraschende Niederlage. Gegen Michigan State war man eine 2pts-Conversion von einer weiteren Schlappe entfernt. Gegen Michigan wurde man Hand aufs Herz drei Viertel lang stranguliert und musste sich heilfroh schätzen, mit einem Overtime-Sieg aus der Affäre gekommen zu sein.

Ohio State hat noch nichtmal seine Division in der Big Ten Conference gewonnen, aber mit Siegen über Michigan, Oklahoma, Wisconsin und Nebraska haben die Buckeyes trotzdem ein Resümee allererster Güte beisammen.

Wenn Ohio State den Ball hat

Ohio State spielt unter Headcoach Urban Meyer eine Run/Pass Option Offense, die in dieser Saison bei Würfen Marke Kurzpassgewichse daherkommt. Es ist keine einfach zu stoppende Offense, weil du zwar grundsätzlich weißt, was dich erwartet, aber wie der nächste Spielzug genau aussieht, stellt sich durch die Option meistens erst im Lauf der Spielzugentwicklung heraus.

Auf dem Papier hat die Offense einen Vorteil gegenüber der Clemson-Defense: Ohio State stellt das 2t-beste Laufspiel im Lande, während die Tigers-Defense eindeutig dafür konzipiert wurde, Passspiel kaltzustellen. Clemson ist nur die #33 gegen den Lauf.

Auf der anderen Seite geht der Buckeye-Offense dieses Jahr das tiefe Element im Passspiel ab, was gegen hochwertige Defenses schnell zum Problem werden kann. Denn Clemson hat das Schema und die Athleten um diese Art Passspiel kaltzustellen und eine gegnerische Offense komplett eindimensional zu machen. Je nach Spielverlauf kann das für Ohio State tödlich sein.

Clemsons Defense-Front verlor in den letzten zwei Jahren Superstars wie Vic Beasley, Kevin Dodd oder Shaq Lawson an die NFL und ist trotzdem wieder die #2 im Lande nach Sacks: 46 Stück in 13 Partien. Der Passrush lebt nicht von einem einzigen Mann, sondern ist Produkt aus Freshman-DL Dexter Lawrence, der mit 18 Jahren stolze 157kg auf die Waage bringt und 7 Sacks hat, DT Carlos Watkins mit 8 Sacks und aus der zweiten Reihe LB Ben Boulware mit 4 Sacks. Sie alle können immensen Druck auf gegnerische Quarterbacks entwickeln.

„Druck“ ist genau das, womit Ohio States QB J.T. Barrett nicht wirklich umgehen kann. Ähnlich wie gestern bei Alabamas Jalen Hurts haben wir auch heute eine PFF-Aufstellung, die belegt, wie krass Barrett abschmiert, wenn eine Front Seven ihm ordentlich einheizt. Barrett ist ein erstklassiger Läufer bei designten Laufspielzügen und er macht kaum eklatante Fehler im Passspiel, aber Barrett ist nicht imstande, konstant den Pass Rush zu schlagen – gegen Penn State, Michigan State und lange Zeit auch gegen Michigan sah Ohio States Offense komplett verloren aus.

Bleibt für Ohio State viel Melken von RB Mike Weber (177 Carries, 1072yds, 9 TD) und ein kreativer Einsatz von Star-Playmaker Curtis Samuel (704yds Rushing, 822yds Receiving, 15 TD). Gerade Samuel ist vielleicht der X-Faktor schlechthin: Er operiert vorwiegend im Slot und kann mit seiner Agilität großen Schaden anrichten. Clemson besitzt ein erstklassiges Defensive Backfield um Star-CB Cordrea Tankersley, aber Tankersley wird fast nie im Slot eingesetzt (nur 4 Snaps in 2016). Nicht ausgeschlossen, dass DefCoord Brent Venables seinen besten Manndecker entgegen bisheriger Tendenzen gegen die größte Waffe beim Gegner abstellt.

Was sogar sicher ist: Venables wird seinen Matchplan danach ausrichten, Ohio States Offense in der Spielfeldmitte zu halten. Sprich: Bei Laufspielzügen die Flanken absichern, damit Weber und Barrett über die Mitte gehen müssen, wo sie von LB Boulware mit offenen Armen empfangen werden. Damit könnte Clemson in der Theorie seine Nachteile in der Rushing-Defense ausgleichen und mit einem Mal die Überhand in diesem Matchup gewinnen.

Wenn Clemson den Ball hat

Clemsons Offense ist im Vergleich zu 2015 personell grosso modo unverändert geblieben. WR Mike Williams, letztes Jahr out for season, ist zurück und ersetzt Charon Peake. Williams ist mit 84 Catches für 1171yds und 10 TD auch gleich wieder erste Anspielstation für QB Deshaun Watson. Alle weiteren Personalien sind identisch.

Trotzdem fehlt der Tigers-Offense im Vergleich mit letztem Jahr das gewisse Etwas. Es ist ein bissl weniger spektakulär, etwas fehleranfälliger (24 Turnovers in 13 Partien!) und weniger explosiv (Pässe über 30yds: 2015 mit 29, 2016 mit 20 / Pässe über 40yds: runter von 15 auf 5). QB Watson wurde zwar in der Heisman-Wahl auf #2 gewählt, aber sein Gesamtkunstwerk erreicht nicht mehr den Glanz von 2015. Trotzdem ist Clemson eine Top-10 Pass-Offense, die über das ganze Spielfeld, sei es Slot oder Seitenlinie, Kurzpass oder tiefe Bombe, verstreut ihre Anspielstationen aufbieten kann.

Wo es hakt, ist Laufspiel: RB Wayne Gallman ist kein schlechter, aber er muss allein die Bürde tragen, was sich negativ auf die Effizienz auswirkt. Gallman hat nur noch 5.1yds/Carry. Auch Watson läuft weniger als vor einem Jahr (nur noch 9 Scrambles pro Spiel), aber wir kennen die Geschichte aus dem letzten Jahr, als Watson auch erst in den Playoffs richtig von der Leine gelassen wurde und für ein sensationelles Feuerwerk sorgte.

Das Matchup ist auch hier auf den ersten Blick nicht ungünstig für Ohio State, das zwar nur die #18 gegen den Lauf ist, dafür die #5 gegen den Pass. Damit ist man erstmal gut gerüstet für die Clemson-Offense.

Ohio State gewinnt seine Downs anders als die Sack-Walze Clemson nicht mit Passrush, sondern mit durch die Bank disziplinierter Coverage rund um den exzellenten CB Lattimore sowie FS Hooker, die zusammen keine 45% Completion-Rate in der Secondary zulassen und insgesamt 25 Interceptions produzierten. In Kombination mit dem extrem kompletten Ankermann, LB McMillion, kannst du ein Argument aufbringen, dass die Unit allein Ohio State im Knaller gegen Michigan im Spiel gehalten hat.

Der Knackpunkt für Ohio State könnte nichtsdestotrotz der Pass Rush werden: Clemson Offense Line und Watson machen im Verbund einen exzellenten Job beim Vermeiden von Sacks. Ohio States Adjusted-Sack Rating ist nur #92 im Lande, eine der schwächsten Ratings von Power-5 Units. Wenn du keinen Druck auf Watson ausüben kannst, kann Watson unbeschwerter die tiefen Bomben auspacken – und Clemson hat die Individualisten um auch Top-CBs wie Lattimore zu schlagen (Williams natürlich, aber auch WR Cain, der 32 Catches und 19.4yds/Catch hat!).

X-Faktoren

Wie so oft: Turnovers und Coaching. Clemson hat in diesem Jahr keine gute Turnover-Quote, ist bei +/- 0 über die Saison. Sprich: Die Defense kreiert durchaus viele Takeaways, aber die eigene Offense gibt auch viele Bälle ab. Ohio State dagegen ist ein Monster: +16 bei Turnovers, drittbester Wert im Lande. Turnovers sind extrem volatil und können in jedem gegebenen Match auch die konservativste Offense treffen, aber Clemsons Offense ist qua risikoreichem Spiel und mehr tiefen Bällen eher gefährdet für den einen oder anderen Fehler. Watson leistete sich gegen Pitt und Louisville jeweils 3 INT. Gegen Ohio State endet das zu 95% in einer Niederlage.

Und schließlich die Coaches. Bei Clemsons Dabo Swinney ist noch immer schwer zu greifen, was ihn als in-Game Coach ausmacht. Swinney gilt als total detailverliebt, aber trotzdem wurde ich über die Jahre nie den Eindruck los, dass er sich vor allem um das Big-Picture kümmert. Eine meiner Erkenntnisse: Swinney lässt ihn kritischen Spielen seinen Quarterback von der Leine. Sprich: Wir können uns auf einen entfesselten Deshaun Watson freuen.

Swinneys Gegenüber ist Urban Meyer, dreifacher National Champion mit Florida und Ohio State, der als nächstbester College-Coach hinter dem unantastbaren Nick Saban gilt. Meyer ist der Belichick des College Football: Er schlägt fast durch die Bank die Wetten, seine statistische Erwartung. Das kommt von punktgenauer Vorbereitung auf den Gegner – man erklärt sich zum Beispiel die extrem guten Turnover-Quoten seiner Mannschaften nicht allein mit Zufall, sondern auch mit zielgerichteter Einstellung seiner Verteidigung.


Ohio State ist in den Wettbüros mit 3 Punkten favorisiert. Das deckt sich mit den meisten mir bekannten statistischen Modellen. Wir haben also ein knappes Duell, in dem Kleinigkeiten entscheiden werden. Der besser eingestellte Gegner, ein Turnover im richtigen Moment, der Spielstand… was macht Ohio State, wenn es gegen diese druckvolle Pass-Defense einem Rückstand hinterherlaufen muss?

Das Schöne an der Sache: Wir wissen, was uns im Groben erwartet. Clemson gewinnt mit Aggressivität die Passing Downs in Offense und Defense. Ohio State gewinnt mit Disziplin die Rushing Downs in Offense und Defense. Bleibt nur die Frage, wer damit die Fiesta Bowl gewinnt.

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4 Kommentare zu “Fiesta Bowl 2016 Preview: #2 Clemson Tigers – #3 Ohio State Buckeyes

  1. 1A verfasst. Danke für die hochwertige Preview.
    Einzig schade, dass der Rose Bowl diese Saison zur europäisch unfreundlichen Zeit Montag Abends stattfindet. Da muss man sich zu Neujahr wohl mit der NFL zufrieden geben :D.

  2. Na das war eine sehr einseitige Sache. Bring on Bama. Go Tigers! #ALLIN

    @Jogi: Der findet immer an Neujahr statt, außer wenn es ein Sonntag ist, weil da die NFL spielt.

  3. Beeindruckende Offense-Vorstellung von Clemson, die OSU Defense ist eine der besten im Lande. Ohio State auf der anderen Seite hätte mit seiner Offense gar nicht erst zum Finale anreisen brauchen.

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