Vorschau Super Bowl LI: New Englands Offense vs Atlantas Defense

Super Bowl LI: New England Patriots (16-2) vs Atlanta Falcons (13-5). korsakoff hat in den letzten Tagen die beiden Mannschaft mit ihrem Background vorgestellt (Patriots hier, Falcons hier). Heute die Taktik-Vorschau Pats-O/Falcons-D. Morgen dann die andere Seite.

Das ist der beste Angriff der Liga. Seit Tom Brady in Woche 5 zurückgekehrt ist, hat New Englands Offense den höchsten DVOA-Wert der Liga – noch vor Atlanta. Nimmt man New Englands Durchschnitt ihrer vier schlechtesten Spiele mit Brady, wären sie nach DVOA der siebtbeste Angriff der Liga. Das ist Wahnsinn.

Das Erfolgsrezept ist im Grunde recht simpel. Die Patriots haben viel individuelle Klasse auf dem Platz, eine extreme taktisch-schematische Brillianz im Coaching Staff mit Bill Belichick und OC Josh McDaniels – und mit Tom Brady haben sie das perfekte Verbindungselement.

Der GM Belichick hat einen Kader zusammengestellt, der es erlaubt, sehr vielseitig und flexibel zu agieren. Je nach Gegner kann der dicke RB LeGarette Blount 30 Mal durch die Mitte laufen, die anderen RB James White und Dion Lewis zehn Swing Passes fangen, WR Julian Edelman zwölf Mal die gleiche Fünf-Yard-Route nacheinander laufen, Chris Hogan bei jedem Spielzug tief die Safeties attackieren, TE Martellus Bennett kleinere Linebackers ausboxen wie einst Charles Barkley oder James „Jimmy“ Develin spielt mal 50 Snaps als Fullback, Tight End, H-Back und noch drei anderen Positionen.

Der HC Belichick hat sich diese Typen so erzogen und hintrainiert, daß er jede taktische Variante, jeden erdenklichen Game Plan spielen lassen kann. So kann New Englands Angriff jeden Gegner an der schwächsten Stelle angreifen. Und Atlantas Defense nun, tja, die hat einige schwache Stellen.

Es ist insgesamt ein scheiß Match-Up für Atlanta – wie für die meisten Mannschaften. Für Tom Bradys Kryptonit – Druck auf den QB mit nur vier Pass Rushers und aggressive Cornerbacks and der LOS, die sich in Man Coverage nicht vom ersten Hüftwackler die Knöchel brechen lassen – haben die Falcons nicht die Zutaten.

Atlanta hat keinen Pass Rush. Der jetzt ob seiner 15 Sacks so hoch gepriesene Vic Beasley hat eine sehr hohe Conversion Rate von Pressure zu Sack, läßt ihn also statistisch viel besser aussehen als er tatsächlich ist. Zudem hat er den Großteil dieser Statistiken gegen die Obergurken Ulrick John, Ty Sambrailo oder Gary Gilliam gerissen. Er ist ein guter Pass Rusher, aber kein Großer.

In der Mitte – wo Brady Pressure immer am unangenehmsten ist – haben die Falcons nun gar keinen Pass Rush. Am häufigsten haben die Falcons unter Dan Quinn in dieser Saison Zonenverteidigung gespielt. Davon hat sich Quinn hoffentlich – im Sinne eines spannenden Spiels – schon vor zwei Wochen verabschiedet. Warum immer noch Teams softe Zonenverteidigung gegen New Englands Angriff spielen, wird für immer ein Geheimnis bleiben. Es werden zwar stetig weniger, aber selbst in den Playoffs ist das noch zu beobachten. Vor zwei Wochen beispielsweise haben Steelers HC Mike Tomlin und sein DC Keith Butler ein locker geschnittenes Modell aus dieser Kollektion Lachen/Kreissäge aufgetragen. Brady hat an diesem Tag im Alter von 39 Jahren seinen Playoffrekord für Yards in einem Spiel aufgestellt.


Wo soll also Pressure herkommen? Blitzen, zum Beispiel mit dem schnellen Deion Jones? (Stimmt es, daß Jones keine 100kg wiegt?) Oder De’vondre Campbell? Der ist immerhin 1,93m groß und erinnert entfernt an einen drahtigen Jamie Collins, aber nur He-Man fühlt sich inmitten von Blitzen noch wohler als Brady. In diesem Super Bowl ganz besonders, denn da, wo seine Hot Reads sind, verteidigen Rookies. Neben Jones und Campbell als LBs ist da noch Safety Keanu Neal, der vor dem tiefen Safety Ricardo Allen freelanced und Brian Poole, seines Zeichens sogar UDFA und Cornerback im Slot. Und da im Slot wartet auf diesen C-Prominenten eine wahre Dschungelprüfung mit der Eidechse Edelman, Aal Amendola, Riesenheuschrecke Hogan und manchmal auch Beast Bennett.

Und um nochmal auf die Hänflinge Jones, Campbell und Neal zurückzukommen: die sind zwar alle sehr schnell und explosiv, wiegen aber alle keine 100kg. Die werden jetzt gerne verglichen mit ihren Pendants bei den Seahawks – Bobby Wagner, K.J. Wright und Kam Chancellor – aber das sind ausgewachsene Jagdhunde mit hart trainierten Instinkten; die Falcons sind Welpen. Weil ihre Instinkte noch nicht so weit ausgebildet sind, können smarte Gegner ihre Explosivität gegen sie wenden. Mit 80km/h ist man schneller in der falschen Gap als mit 40km/h. Und mit 95kg siehst du Sterne, wenn nacheinander Shaq Mason (140kg), Develin (115kg) und Blount (115kg) deinen Körperkontakt suchen. Laufen können die Patriots also hier auch, wenn sie das wollen. In der Mitte steht nur Laufkundschaft mit Ra’Shede Hageman, Grady Jarrett, Tyson Jackson und Jonathan Babinauex.

Die anderen beiden RB, White und Lewis, können zu allem Überfluß auch noch Safeties und Linebackers im Paßspiel schlagen, wenn du Man Coverage spielst. Die Patriots-O steht hier unter Druck zu liefern, denn einerseits haben sie das Potential zu 30+ Punkten – andererseits hat Atlantas Offense das auch.

Vielleicht wäre es aus Atlantas Sicht das beste, einfach wilde Sau zu spielen. Komische Blitzes von den Cornerbacks, anspruchsvoll rotierenden Coverages und Traps, Cover-0 Blitzes, wasweißich. Wollen sie nicht zerfleddert werden wie die Steelers, müssen sie aggressiv proaktiv sein; sind sie nur reaktiv, verlangen sie von ihrer eigenen Offense 40 Punkte. Das ist der Knackpunkt: traut Quinn sich, hier Risiko zu gehen? Es wäre untypisch für einen NFL-Coach, die in der Regel risikoavers sind, aus Angst, von Medien und Owner auf den Deckel zu bekommen. Belichick ist eben auch so gut, weil er davor keine Angst hat (und, zugegeben: auch keine Angst haben muß).

Man oder Zone? Blitz oder kein Blitz? Vielleicht wird das gar keine große Rolle spielen – Brady kann alles zerlegen. Es gibt im American Football zwei wirkmächtige Stellschrauben, wie man im Bürodeutsch sagen würden: individuelle Klasse und taktisches scheming. Individuelle Schwächen kann man taktisch ausgleichen. Bestes Beispiel: das zone running game aus dem Hause Shanahan. Man erinnere sich an Olandis Gary, Mike Anderson, Clinton Portis oder auch Arian Foster. Auf der defensive Seite sei erinnert an das Playoffspiel Jets vs Patriots 2010, als Rex Ryan als einer der ganz wenigen Mal Belichick und Brady hat alt aussehen lassen. Andererseits ist manchmal gegen individuelle Klasse kein taktisches Kraut gewachsen. Bestes Beispiel sind die Giants in Super Bowl XLII: meine vier Pass Rushers sind einfach so viel stärker als deine Offensive Linemen, daß sie deine taktischen Überlegungen unter die Grasnarbe prügeln. Die Falcons-D ist individuell heute einfach zu schlecht. Und taktisch müßte Dan Quinn schon seine Seele an den Teufel verkauft haben, um Belly/McDaniels/Brady vor unlösbare Probleme zu stellen. Unmöglich? Nein. Unwahrscheinlich? Sehr.

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10 Kommentare zu “Vorschau Super Bowl LI: New Englands Offense vs Atlantas Defense

  1. Zitat @Herrmann: „Die Falcons-D ist individuell heute einfach zu schlecht.“
    Ok, was bleibt?
    Falcons Offense muss über die Uhr Bardy so lang wie möglich auf der Bank verweilen lassen….und natürlich die lange dauernden Drives mit Punkten abschließen.
    OC Kyle Shanahan hat mit seinem variablen Gameplan bewiesen zu was seine Truppe fähig sein kann.
    Für QB Matt Ryan wäre die Umsetzung der „Meisterbrief“ schlechthin.

  2. Vielen Dank für die Analyse, Hermann! Was mich allerdings wundert: wenn es so glasklar ist, dass die Falcons-D keine Chance hat, warum ist es dann in den Wettbüros so knapp? Drei Punkte? Das hieße ja im Umkehrschluss, die Pats-defense hat ebensowenig eine Chance gegen die Falcons-offense. Trotz Belichick. Trotz Patricia. Oder übersehe ich da was?

  3. @Dizzy: Die Falcons-Offense hat bisher gegen jede Defense, egal wie gut, ihre Punkte gemacht in dieser Saison. Die Wettbüros gehen bestimmt davon aus, dass dies auch gegen die Patriots so sein wird. Hier treffen zudem zwei sehr gute Teams aufeinander, ein Klassenunterschied ist zwischen beiden meiner Meinung nach dann doch nicht festzustellen. Dazu kommt, dass im Football vieles auch vom Glück abhängig ist, wenn man ein einzelnes Spiel betrachtet. Allein deswegen sollte man die Falcons hier nicht abschreiben. Ein Turnover in der Redzone von Brady, dazu zwei Monstercatches von Julio Jones und vielleicht ein Bock in den Special Teams und die NY/A sind vielleicht gar nicht mehr so entscheidend…

  4. Pingback: Vorschau Super Bowl LI: Atlantas Offense vs New Englands Defense | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  5. @Dizzy
    Mich wundert der Spread auch. Vielleicht wird New Englands Offense unterschätzt.

    Das interessante ist ja, daß der Spread sicht nicht bewegt hat. Für gewöhnlich setzen die Buchmacher den Spread und dann bewegt er sich bis zum Spiel noch in die eine oder andere Richtung, je nach Wettverhalten der Menschen. Küchenpsychologisch würde ich das am ehesten darauf zurückführen, daß Atlantas Offense gegenüber New Englands Offense überschätzt wird, weil sie „neu“ und überraschend sind und darum alle talking heads über sie reden. Ähnlicher Effekt wie beim „Coach of the Year“: man will nicht jedes Jahr Belichick oder Pete Carroll den Award geben, sondern lieber einem „Neuen“, einer tollen Story. Ein anderer gambling-sprezifischer Aspekt wäre: backdoor cover. Ein anderer möglicher Aspekt: ich schätze das einfach falsch ein 😉

  6. Vielleicht liegt es auch daran, dass Atlanta gar nicht so viel schlechter ist als angenommen.

    DVOA sieht in New England auch nur einen 2.5 bis 3 Punkt Favorit.
    FPI sieht 2.5 bis 3 Punkte.
    Power Ranking sieht z.B. nur 1.5 Punkte. (Wobei das Power Ranking im Prinzip seit der ersten Veröffentlichung die Atlanta Falcons im Vergleich zu den anderen mir bekannten Modellen höher eingeschätzt hatte.)

  7. Pingback: Superbowl-Warmup 2017 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  8. Gratulation an @Herrmann -in der Nachbetrachtung.

    Die Falcons Defense ist nach einer heroischen 1.Hälfte im weiteren Verlauf (ein Spiel dauert 60 Min.) Powermäßig eingeknickt. Die O-Line konnte nicht mehr dominiert werden, gepaart mit einem physischen wie mentalen Leistungsabfall, Die Strafen gaben dann den Rest zum Vorteil der Patriots.

    Dass der Sack an der 23 Yard FG Line von Atlanta Dan Quinn nicht zugemacht wurde, war im Nachhinein ein Poker, den ein HC Belichick bei gleicher Konstellation (Spielstand und Restzeit) vermutlich anders „geblinkt“ hätte.

    Alles in allem großartiges Kino, der Regisseur und die Darsteller haben einen Oskar verdient.

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