Washington Redskins in der Sezierstunde

Die Washington Redskins gehören zu den Teams mit einer, nun sagen wir: mittelprächtigen Offseason. Ein Jahr nach dem überraschenden Gewinn der NFC East folgte 2016 ein letztlich enttäuschendes Ausscheiden aus dem Playoffrennen am allerletzten Spieltag gegen einen um die goldene Ananas spielenden Gegner – aber das waren noch friedliche Zeiten verglichen mit dem, was in der Offseason folgte.

Zum einen hat man QB Kirk Cousins mit sich über Monate hinwegziehenden Verhandlungen schon fast vergrault. Zum anderen sorgte ein halböffentlich ausgetragener Machtkampf im Front Office („GM McCloughan ist ein Säufer und rückfällig geworden!“) zur vorzeitigen Entlassung von eben GM Scot McCloughan, während sich Teampräsident Bruce Allen auf Owner Snyders Schoß ausgeweint hat und nun wieder alle Macht im Haus besitzt.

Wer draufzahlt? Der Fan, denn die Redskins verlieren in McCloughan einen der anerkannt besten Scouts der Liga. Ich schrieb vor zwei Jahren über McCloughans Karriere in den letzten Jahren in der NFL: Erst baute er den 49ers-Kader, der zwischen 2011 und 2013 die Liga dominierte. Wurde wegen Alkoholproblemen gefeuert und baute den Seahawks-Kader, der zwischen 2012 und 2015 die Liga dominierte. Soff weiter. Trocknete aus und ging nach Washington („Ich kann ein paar Bier trinken ohne rückfällig zu werden.“).

Dort wurde in den letzten zwei Jahren aus einer grauenhaften Mannschaft ohne allzu viele Ressourcen ein Team gebaut, das nach dem RG3-Debakel schneller als gedacht wieder um den Divisionssieg mitspielen konnte. Doch McCloughan musste trotzdem gehen. Es ist nicht ganz klar, ob es wegen erneuter Alkoholprobleme ist. Aber klar ist: Es gab wieder einen Machtkampf im Hause der Redskins. Wieder stützte Owner Dan Snyder den umstrittenen Allen. Wieder gab es ein prominentes Opfer. Wieder war das Opfer nach objektiven Maßstäben das falsche.

Rückfall in dunkelste Zeiten.

Die Offense

Washington verlor im Zuge der Offseason seinen jungen QB-Coach McVay und besetzte ihn in Matt Cavanaugh mit einer internen Lösung nach um Kontinuität zu wahren.

Washington zögerte die Verhandlungen mit QB Cousins erneut hinaus und ist nun auf einem Punkt, an dem Cousins nicht sicher verlängern wird. Sieh die Situation mal aus der Perspektive von Cousins: 2012 als RG3-Backup in die Liga gekommen und sich in vier Jahren zum Starter hochgearbeitet. Kein 100%-Elite-QB, aber in einer QB-armen Liga noch einer der besseren seines Fachs: 2016 mit 7.5 NY/A die zweitbeste Pass-Offense, und Cousins ist mittlerweile nicht mehr Harakiri-QB #1 der Liga mit 20 Interceptions, sondern streut die ganz hirnlosen Würfe nur noch an Sonntagen ein, nach denen er ganz schlecht geschlafen hat.

Cousins hatte in Washington eins: Einen starken Coach, eine gute Offense Line und das vermutlich beste Passfänger-Quartett der Liga mit WR Garcon, WR Jackson, WR Jamison Crowder und TE Jordan Reed. Garcon und Jackson sind nun weg. Cousins ist mit 29 vielleicht am Zenit. Eine bessere Chance abzucashen wird vielleicht nicht mehr kommen, dann 2017 riskiert er in einer signifikant schlechter besetzten Redskins-Offense als Kaiser ohne Kleider enttarnt zu werden. Also wird um jeden Dollar gestritten.

McCloughan wurde der pro-Cousins-Fraktion zugeordnet. Allen gilt eher als Gegner. Cousins steht momentan unter der Franchise-Tag und wird angeblich von den 49ers und ex-Cousins-Coach Kyle Shanahan umworben. Die beste in-House Alternative ist Colt McCoy. Ausgang offen.

In der Offense wurden Garcon und Jackson (zusammen 135 Catches in 214 Anspielen für über 2000 Yards und 7 TD) durch WR Terrelle Pryor und die interne Beförderung vom jungen Josh Doctson (12st Round Pick 2016 von TCU) ersetzt. Pryor spielte 2016 erstmals als Wide Receiver und machte in Cleveland mit seinen horrenden Quarterbacks an der Situation gemessen sensationelle 77 Catches für über 1000 Yards. Er gilt nicht als fertiges Produkt. Man sagt ihm gigantisches Potenzial nach, aber auch Risiko doch noch zu floppen. Doctson ist ähnlich gelagert: Toptalent, aber eben auch recht ungeschliffen. Vor allem in der ersten Saisonhälfte ist die Kombo Doctson/Pryor sicher ein Downgrade zu Garcon/Jackson.

Defense

Die Defense war 2016 ein echter Hemmschuh: 6.6 NY/A gegen den Pass und mit 54% die zweitschwächste Run-Success Rate der Liga rissen die Redskins zu oft nach unten. Nun ist mit Greg Manusky ein neuer DefCoord am Werk. Personell wurden zwei Verstärkungen gewagt: LB Zach Brown aus Buffalo und DT Terrell McClain aus Dallas, die für mehr Tiefe in der Front Seven sorgen sollen.

Dass es mit den beiden getan ist, ist zu bezweifeln. Zu wenig Punch hatte vor allem die Defense Line – und in DE Baker ist einer der wichtigsten Starter gen Tampa abgewandert. McCloughan hätte mit Verve Defensive Liner gedraftet. Was wird sein imaginärer Nachfolger tun?

Front Seven hin oder her: Das größte zu stopfende Loch bleibt auf Safety, wo man weiterhin auf die Dienste des ollen Deangelo Hall vertraut und in DJ Swearinger einen recht jungen Neuling geholt hat. Washingtons zentrale Mitte galt letztes Jahr als Pulverfass, das, wenn angespielt, fast NY/A zuließ.

Ausblick

Es bleibt einiges zu tun in Washington. Die Redskins haben sich personell auf Wide Receiver kurzfristig sicherlich ein Jota zurückentwickelt und sehen sich ernsthaften Fragen ob der Motivation von QB Cousins ausgesetzt. Es gilt als nicht unwahrscheinlich, dass Cousins im Verlauf der nächsten Wochen auf einen Abgang drängt, und dann wäre die Redskins-Saison 2017 bereits vor Kickoff im Arsch.

Selbst wenn Cousins bleibt und selbst wenn der junge WR-Corp schnell zueinander findet, bleibt noch immer die Sorge ob der zu zahnlosen Front Seven. Wo soll ausreichend Power gegen den Lauf und genügend Deckung im Backfield zustande kommen?

Wer so früh auf die kommende Saison wetten möchte, dem ist eher Hände weg! von den Washington Redskins zu raten.

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4 Kommentare zu “Washington Redskins in der Sezierstunde

  1. Hallo,
    danke für die Übersicht zu den Skins. Leider hat sich das FO in eine schlechte Situation manövriert, wo jetzt alle Hebel bei Kirk Cousins liegen. Die Skins müssen eigentlich bis zum Draft einen Deal mit Cousins aushandeln, andernfalls verlieren sie die Verhandlungsmacht vs Cousins. Wenn es keinen Deal vor der Draft gibt, müssen die Skins den Draft wohl leider so angehen als würde Cousins spätestens nach Ende von 2017 das Team verlassen und einen QB draften. Vielleicht nicht in Rd 1, aber sicher spätestens einen 2nd Pick um einen jungen QB nachzuziehen.
    Bei Cousins sehe ich nicht so sehr die Angst seine Leverage wegen 2017 zu verlieren. Er kann warten. Die Skins brauchen einen Backup Plan wenn sie Cousins nicht zum Draft binden, nicht umgekehrt.

    Abschließend möchte ich aber auch betonen dass das FO der Skins keinen so leichten Job mit Cousins hatte. Ja, guter QB, aber Elite QB mit 25 Mio/Jahr? Da würde ich auch überlegen ob ich die Cap Money investiere in einen solchen QB. Cousins ist echtes QB Purgatory, weil er nie die Klasse eines TB oder AR haben wird aber ähnlich bezahlt sein will.

    Insofern kann man die zögerliche Herangehensweise der Skins schon verstehen, allerdings hat man jetzt wohl schon zu lange gewartet und alle Hebel liegt bei Cousins. Leider.

  2. @Lenny: Warum sollte Cousins nie die Klasse eines Rodgers oder Brady erreichen? Cousins schaut für mich gut aus, ebenso wie seine Zahlen. Wenn Belichick Cousins coachen würde, ich glaube, da würde das Bäumchen brennen.
    Wenn 25mio seine Forderung sind, ist das tatsächlich ein wenig forsch, aber vielleicht ist das auch nur das exklusive Angebot für sein „geliebtes“ Washington.

  3. @Dizzy: Auszuschließen ist natürlich nichts, aber es spricht viel dagegen, dass Cousins kein Elite QB mehr wird. z.B. das Alter (wird 29) oder die sehr günstige Situation mit einem überragenden WR Corp zuletzt. Und trotzdem hat Cousins nicht dominiert.

    Ich sehe ihn außerhalb der Top 10 QB, wenn auch die Entwicklung über die letzten Jahren erfreulich positiv war.

    Seine hohe Forderung ist ein Fluch für die Skins, aber natürlich nur konsequent im QB Markt, wo die besten QB wie Rodgers im Vgl. zu den Tier 2 QB wie Cousins unterbewertet sind. Geht aber allen Teams ähnlich, siehe Flacco, Stafford oder Eli.

  4. Gegen welche CBs musste Pryor eigentlich in Cleveland ran? Hat er als #1 WR gespielt, also den gegnerischen Top-corner gehabt oder kamen die guten Zahlen gegen schwache Verteidiger zustande? (Mich wundert immer noch, dass ein WR-Neueinsteiger 90% der Kollegen, die seit Jahren keine andere Position spielen, so alt aussehen lässt..)

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