NFL Draftvorschauer 2017 – Defensive Interior

Auftakt zur großen Positionsvorschau im NFL Draft 2017. Disclaimer: Da ich aufgrund einer sehr aufwändigen ERP-Einführung in den letzten drei Monaten fast nur noch gearbeitet habe und ergo so gut wie gar nichts von der NFL-Offseason mitbekommen habe, besteht die Serie in weiten Teilen aus Angelesenem bzw. aus persönlichen Anmerkungen aus dem College Football. Wer sicher sein will, dass der Verfasser stundenlang Tape geschaut hat, ist bei den Kollegen von Der Draft richtig.


Für mich ist die Serie damit mehr „so wie früher“: Vorbereitung dank Bloggen. Das war der ursprüngliche Sinn vom Sideline Reporter – dass der Blogger letztlich vorbereitet am Sonntagabend das Spiel schauen konnte. Erst seit ich nicht mehr jeden Tag schreibe, habe ich gemerkt, wie tief ich eigentlich im Thema war, wenn man jeden Tag auch nur eine halbe Stunde für das Blog aufwendet. Die Zeilen sind irgendwann geflutscht, weil ich wusste was ich schreiben will. Früher wollte ich wissen, was ich schreiben werde.

Erste Position: Defensive Interior. Darunter verstehen wir die Zusammenfassung der relativ ähnlichen Positionen des 4-3 Defensive Tackles (1-tech und 3-tech), des 3-4 Nose Tackles (0-tech, 1-tech) sowie des 3-4 Defensive Ends (3-tech). Von „techs“ keine Ahnung? Bitte auf diesen alten Artikeln nachschlagen. Grundsätzlich gilt: Defensive Interior Linemen schlagen sich mehr mit Center und Guards herum als mit Offensive Tackles.

Die Klasse auf Defensive Interior gilt als ingesamt eher dünn besetzt. Es gibt zwar den einen oder anderen Top-Prospect, aber ab der 2ten-3ten Runde soll der Talentpool eher mau sein.

Jonathan Allen

Der “eine” Top-Prospect ist Jonathan Allen von der University of Alabama. Mit 1,91m und 130 kg ist Allen fast eher gebaut wie ein Defensive End als ein Defensive Tackle, und ein Teil seiner Einsatzzeit am College war dann auch an den Flanken. Allen gilt demnach als ein vielseitiger Prospect, der auf mehreren Positionen eingesetzt werden kann.

Allen war in den letzten beiden Jahren am College Starter, wenn er auch eine echte Vollzeitrolle erst 2016 innehatte (2015 nur ca. 400 Snaps). Seine große Stärken am College war der Pass Rush, wo er mit seinen quicken Händen die Guards gleich reihenweise verbrannte. Dieser Guard von Texas A&M dürfte noch immer Albträume haben:

 

Man ist sicher aber nicht sicher, ob Allen auch in der NFL als so dominanter Passrusher auftreten kann, da Allen der letzte große Zacken Explosivität im Antritt abgeht. So denken viele, dass Allen eher ein starker Run-Defender werden kann – auch wenn er just diese Rolle am College eher selten in aller Dominanz ausübte.

Die meisten Scouts scheinen davon auszugehen, dass Allen in den ersten beiden Downs tendenziell als Waffe gegen den Lauf und als Defensive End aufgestellt werden kann, um dann im dritten Down nach innen zu wechseln, um gegen die hölzernen Guards mehr Richtung Pass Rush zu gehen.

Eine Frage, die sich bei Allen alle stellen: Ist er noch entwicklungsfähig oder bereits ein „fertiger“ Spieler? Inwieweit hat er bereits das Maximum seines Potenzials ausgeschöpft? Die Fragen kommen bei den Top-Prospects immer dann auf, wenn es hinter ihnen ein athletisches Wunder gibt, das am College eben nicht sein „ganzes“ Potenzial abrufen konnte.

Malik McDowell

Womit wir beim nächsten Kandidaten – dem „anderen“ Top-Prospect –  wären: Malik McDowell ist als Jahrgang 1996 noch ein Jahr jünger als Allen, mit 1.98m ist er größer und mit 134 kg ist er noch einen Tick schwerer als Allen. Er kommt von der Michigan State University, wo er in den letzten drei Jahren viel Einsatzzeit bekam, aber nicht immer konstant überragende Statistiken erzielte.

McDowell gilt wie Allen als vielseitiger Prospect. Manche sehen in ihm einen ebenso guten End wie Tackle, aber Stand heute gilt er als erstklassiges Tackle-Prospect. McDowell ist ein hervorragender Run-Defender und ist sehr breit bei Passrush-Techniken aufgestellt, allenfalls einen halben Schritt zu langsam im Antritt.

McDowell hat am College viele Double-Teams gesehen, sich dabei aber hervorragend geschlagen. Er gilt als nicht lange 1-vs-1 kontrollierbar, und weil er Spielzugentwicklungen gut lesen kann, ist er auch nicht so einfach zu verarschen.

Das Problem an McDowell habe ich schon angeschnitten: Er konnte sein Potenzial nicht immer voll abrufen. Alle Scouts sind sich einig, dass McDowell langfristig vielleicht mehr leisten könnte als Allen, aber wer McDowells Tape vom letzten Jahr gesehen hat, dem fiel ein teilweise völlig desinteressierter Genosse in der Defense Line auf. Das wirft Fragen ob seines Committments zum Sport auf. Auch seine Interviewserien in der Combine sollen die NFL-Teams eher enttäuscht zurückgelassen haben.

So ist McDowell der klassische Gegenpool zum bereits hoch entwickelten Allen: Etwas unfertiger, etwas mehr Potenzial. Mehr Fragen hinsichtlich Willen. Aber auch mehr feuchte Träume dank mehr Potenzial. So ist McDowell nach Common-Sense zwar durchaus ein 1st-Runde Talent. Aber Allen gilt auf den meisten Big Boards als Top-10 Prospect.

Die zweite Garnitur

Hinter Allen und McDowell wird es schnell dünn. Ein oft genannter Name für die 2te Runde ist Caleb Brantley von Florida. Brantley war am College kein Vollzeit-Starter, hatte nie mehr als 450 Snaps und gilt demnach vorerst eher als Rollenspieler. Sein größtes Talent ist sein extrem schneller Antritt, dank dem er meist schnell durch die Lücken zwischen Guard und Center schießen kann. Brantley gilt als spekulativer Spieler, der gerne mal eine Offside-Strafe in Kauf nimmt, weil er zu aggressiv losmarschiert (10 Offside-Calls die letzten zwei Jahre). Gegen Double-Teams ist er als wirkungslos, was aus ihm vor allem in der frühen Karrierephase einen Teilzeitarbeiter machen wird.

Brantley soll einer dieser Spieler sein, die eigentlich keine große Lust auf Football haben. Zumindest gab es im Zuge der Combine Fragen in die Richtung, ob der Spieler überhaupt mit dem Herz bei der Sache sei. Einige glauben: Eher nein.


Keine Fragen hinsichtlich Willen gibt es bei Ryan Glasgow von Michigan. Ohne die Rassenkeule schwingen zu wollen, aber passiert es nicht häufig, dass auf eigentlich „schwarzen“ Positionen immer dann ein Prospect wegen seiner Einsatzbereitschaft gelobt wird, wenn er ein Weißer ist? Glasgow ist ein Weißer, und er soll immer 110% geben.

Glasgow ist etwas kleiner, aber ein wenig schwerer als McDowell. Er ist hat lange Arme um sich gegen Guards durchzusetzen. Sein Antritt ist längst nicht Spitzenklasse, aber weil er technisch gut drauf ist und über ausreichend Power verfügt, gilt er als breit genug aufgestellt um als wertvoller Rotationsspieler in jeder Defensive Line das Seine beizutragen.

Glasgows Idealposition ist Nose Tackle, und zwar wohl eher die 1-tech als die 0-tech. Das macht aus ihm wohl eher kein Prospect für die 2te Runde, sondern eher Runde 3-5, aber es gibt kaum einen Tackle-Prospect 2017, bei dem die Meinungen ob seines Wertes weiter auseinander gehen. Die einen sehen Glasgow als #4 hinter Allen, McDowell und Brantley. Andere sehen ihn außerhalb der 10 besten DT-Prospects.


Es gibt noch einen zweiten Michigan-Man auf Defensive Interior im Draft: Chris Wormley, Glasgows Nebenmann am College, und wie Glasgow ein Weißer. Bei Wormley ist man sich relativ sicher, was er sein wird: Ein guter Lauf-Verteidiger, dem die notwendige Explosivität abgeht um jemals ein Spitzen-Passrusher zu werden. Damit ist sein „Ceiling“ im Draft auf die 3te-4te Runde begrenzt. Die größte Kritik an Wormley ist, dass er sich zu sehr auf seine Kraft verlässt. Tritt er auf einen gleich kräftigen Guard, ist er mangels technischem Arsenal schnell aufgeschmissen.


Wie Wormley und Glasgow ist auch Dalvin Tomlinson, Allens Nebenmann bei Alabama, kein großartiger Passrusher, wird aber dank seiner exzellenten Arbeit gegen das Laufspiel seinen Platz in der NFL finden. Tomlinson ist über 310 Pfund schwer, eine Masse, die auch von kräftigen Guards kaum zu bewegen ist. Das spricht für einen Pick in Runde 3-5 für Tomlinson.


Für die mittleren bis hinteren Runden gibt es in Tanoh Kpassagnon von der kleinen Villanova University noch einen freakig gebauten Prospect: 2m groß, 128kg schwer. Kpassagnon spielte am College als 3-4 DE, fuhr aber trotzdem über 20 Tackles für Raumgewinn und mehr als 10 Sacks ein. Er gilt als technisch nicht ausgereift. Man liebt an ihm seine Einsatzfreude und seine rasante Entwicklung in den letzten zwei Jahren. Kpassagnon soll sich noch zu häufig aus dem Gleichgewicht bringen lassen, aber das lässt sich normalerweise mit 2-3 Jahren Trainingsarbeit beheben.

Die Frage, die sich bei ihm viele stellen: Ist er wirklich auf „Inside“ am besten aufgehoben oder sollte man ihn zu einem 4-3 Edge Rusher umschulen? Folgefrage: Wenn man ihn vor allem als Flankenmann sieht, ist er dann nicht plötzlich wertvoller? Aber wenn du mehr Zeit brauchst um ihn umzuschulen, solltest du dann nicht lieber einen billigeren Draftpick für ihn verwenden?

Die klassischen Fragen, die sich die Teamoffiziellen zu dieser Jahreszeit stellen. Die Wetten stehen nicht schlecht, dass sich an Kpassagnon jemand vergleichsweise früh vergreift, da er viel Rohdiamantentum mitbringt und wenn Coaches und Scouts eines lieben, dann ist es zu schleifendes Potenzial.

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4 Kommentare zu “NFL Draftvorschauer 2017 – Defensive Interior

  1. Exzellente Vorschau und Einordnung der Prospects! Ich hab mir mit meinen Amateur-Wissen auch viele Tapes angeschaut und kann die Einschätzungen hier alle teilen.

  2. Kann mir jemand erklären, wieso Ryan Glasgow eventuell später gezogen wird, weil er ein 1-tech und kein 0-tech ist? Ist er dadurch „schlechter“, bzw. „schlechter“ für seine Position geeignet? Oder ist er einfach weniger „wertvoll“, weil ein 0-tech eher gesucht wird?

  3. @bemsoe: Suboptimal formuliert. Das „weniger wertvoll“ soll sich eigentlich auf den „Nose Tackle“ als solchen beziehen, der gemeinhin als etwas unwichtiger im Vergleich zum klassischen, pass-rush-lastigen 4-3 Under-DT (3-tech) gilt. Oder anders: Die besten 3-tech werden früher gezogen und besser bezahlt als die besten Nose Tackles.

  4. Pingback: Vor dem NFL Draft 2017 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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