NFL Draftvorschauer 2017 – Edge Rusher

Die Edge Rusher gelten als eine der am besten besetzten Positionen im NFL Draft. Unter Edge Rushern klassifizieren wir den 3-4 Outside Linebacker, der seit Lawrence Taylors Zeiten als „der“ prototypische Passrusher gilt, sowie 4-3 Defensive Ends, der in der heute klassischen NFL-Aufstellung für den Dampf von den Flanken sorgt.

Man sagt der Klasse von 2017 sowohl Highend-Talent als auch die notwendige Breite nach. Manche Mock-Drafts sehen sechs oder sieben Edge Rusher in der ersten Runde vom Tablett gehen und haben an die 15 Edge-Rusher in ihren Top-100.

Myles Garrett

Als Superstar des Jahrgang 2017 gilt Myles Garrett von der Texas A&M University, aktuell der große Favorit auf den #1-Pick nächste Woche. Garrett wird seit Monaten hymnisch besungen als größtes Passrush-Talent seit dem epischen 2014er-Draft mit Jadeveon Clowney und Khalil Mack.

Garrett spielte in den letzten drei Jahren die Stammrolle bei Texas A&M und beendete seine College-Karriere mit 32.5 Sacks – eine beeindruckende Zahl, nimmt man zur Kenntnis, dass Garrett meistens gedoppelt wurde und einen Großteil der 2016-Saison mit Verletzungen zu kämpfen hatte. Da nimmt man auch in Kauf, dass nur deren 11 Sacks gegen die qualitativ hochwertigen SEC-Gegner zustande kamen, denn: Ein größeres Kompliment, als dass der Gegner seinen Gameplan auf dich fokussiert, kannst du einem Spieler nicht machen.

Garrett hat einen extrem schnellen Antritt und kann die Offensive Tackles auf mehrere Arten schlagen. Er ist kräftig und wendig, kann am Tackle außen und innen vorbei gehen und besitzt einen exzellenten „Bull-Rush“ um ihn zu überpowern. Seine Combine-Werte von 2017 sind so exzellent, dass Garrett auch von der wenig hype-verdächtigen Seite Football Perspective zum Combine-King 2017 ernannt wurde, sprich: Garrett ist nicht nur am Tape ein Star, sondern auch in den Drills.

Garrett gilt nicht als allerbester Run-Defender und wird vermutlich nie der beste auf diesem Gebiet sein, aber das ist in der gegenwärtigen NFL auch längst nicht mehr das große Manko. Wenn du Passrush kannst, wirst du immer deinen Platz in der NFL haben.

Garrett will aber nicht nur „einen Platz“. Garrett möchte der #1-Pick sein und hat damit quasi von Tag 1 an einen Anspruch auf die NFL-Elite. Die meisten Scouts sind sich einig, dass Garrett alles Potenzial dazu hat, aber es gibt einen großen Kritikpunkt: Garrett soll sich vor allem im letzten Jahr am College hie und da ein Päuschen am Feld gegönnt haben um sich nicht zu verletzen.

Nun gibt es das eine Lager, das Garrett (ähnlich wie vor drei Jahren Clowney) vorwirft, ein Weichei zu sein, und das andere Lager, das Garrett dafür bestaunt, überhaupt trotz etlicher kleinerer Verletzungen für die Aggies aufgelaufen zu sein. Egal in welchem Lager man sich befindet: Es ist der einzige ernsthafte Kritikpunkt an Garrett, und das ist im NFL-Scouting-Prozess heutzutage mehr als ungewöhnlich. Mehr noch: Es ist fast einzigartig.

Und so wäre es durchaus eine Sensation, wenn Myles Garrett nicht mit dem Top-Pick vom Tablett geht.

Derek Barnett

Der zweite der Star-Edgerusher im Draft 2017 ist Derek Barnett von der University of Tennessee. Barnett hat drei Jahre als Starter am College hinter sich; er hat dabei 33 Sacks fabriziert und somit eine ähnlich dominante Performance wie Myles Garrett hingelegt. Barnett hat einen ähnlich gewaltigen Antritt wie Garrett, gilt aber als technisch einen Zacken unausgegorener.

Barnett gewinnt seine Duelle mit den Offense Tackles meistens, indem er sie über außen übertölpelt; „übertölpeln“ kann dabei überlaufen und unten-durch-Ducken bedeuten. Auf alle Fälle kommt er vergleichsweise selten innen vorbei, weil er nicht alle Inside-Moves drauf hat. Sein Bull-Rush gilt im Vergleich zu Garrett als laues Lüftchen und seine Arbeit gegen den Lauf ist nicht immer am höchsten Level.

Trotzdem gilt Barnett weithin als möglicher Top-10 Prospect. Er ist 1-2 Inside-Moves davon entfernt, in der NFL richtigen Passrush-Terror zu veranstalten, und das ist den meisten Teams wertvoll genug um einen solchen Spieler ganz hoch zu draften. Und: Scouts scheinen bei ihm weniger Sorgen ob seiner Motivation zu haben als bei Garrett… aber das kann auch am typischen Vor-Draft-Geplänkel liegen.

Solomon Thomas

Der vielleicht kompletteste Defensive Liner im Draft ist Solomon Thomas von der Stanford University. Thomas gilt als bester Run-Defender im Jahrgang. Er hat am College vor allem Defensive Tackle gespielt, gilt in der NFL aber als zu leichtgewichtig dafür: Thomas wiegt nur 124 kg bei 1.91m Körpergröße. Damit wirst du als Ankermann schnell mal in alle Richtungen geschoben.

So sehen viele Scouts Thomas eher als Defensive End. Thomas wirkt auf den ersten Blick nicht wie ein athletisches Wunderkind der Marke Myles Garrett, aber Fakt ist auch, dass er lt. oben verlinktem Artikel die zweitbeste Combine aller (!) Teilnehmer hatte. Er ist also ein Super-Athlet. Das zeigt auch seine Produktivität am College: Knapp 400 Pass Rushes, dabei insgesamt 44 QB-Pressures – ein starker Wert.

Die meiste Kritik an Thomas fokussiert sich auf sein manchmal verschwendetes Potenzial. Zu viele Plays blieben liegen, weil er entweder den falschen Read machte oder zu wenig Einsatzbereitschaft zeigte. Hier haben wir eine ähnliche Diskussion wie bei Garrett. Trotzdem wird Thomas sehr hoch im Draft gehen. Weil er in einer Base-Defense einen verlässlichen Edge Rusher geben kann und in der Nickel-Defense durchaus als veritabler Defensive Tackle auflaufen kann, wäre es überraschend, wenn Solomon Thomas in die zweite Hälfte der ersten Runde fällt.

Viele Beobachter sehen übrigens einen gar nicht so großen Unterschied zwischen einem Solomon Thomas und einem Jonathan Allen. Beide sind für Defensive Tackles etwas leichtgewichtig (Allen ist aber 5kg schwerer als Thomas). Beide haben vielleicht nicht „die“ fixe NFL-Position. Aber bei Thomas gilt es als wahrscheinlicher, dass er mehr Snaps an den Flanken verbringt als der etwas antrittsschwächere Jon Allen. Insofern auch meine Einteilung in zwei verschiedene Kategorien, die man aber auch gut und gerne aufbrechen kann.

Die Klasse 1B

Es gibt noch mehr als eine Handvoll weiterer Edgerush-Prospects, die in der 1ten Runde vom Tablett gehen könnten:

  • Carl Lawson von Auburn
  • Jordan Willis von Kansas State
  • Haason Reddick von Temple
  • Tim Williams von Alabama
  • Taco Charlton von Michigan
  • Charles Harris von Mizzou
  • T. J. („J.J.s Brother“) Watt von Wisconsin
  • Joe Mathis von Washington

Die Liste ist je nach Präferenzen erweiterbar. Carl Lawson (55 QB-Pressures in nicht einmal 350 Pass Rushes 2016) gilt als meisterhaft bei seinen Outside-Moves. Er soll mit seinen Pranken jeden Tackle wegschlagen können, der gerade nicht zu 100% seine Balance hält. An Lawson kritisiert man vor allem seine Tendenz, ins Offside zu hüpfen, sowie seine nicht immer konstant gute Arbeit gegen den Lauf, aber als Passrusher fehlen ihm vor allem Beständigkeit und 1-2 gute zusätzliche Moves. Damit schreibt man über Lawson ähnliche Sachen wie über fast alle anderen Prospects.


Auch über Jordan Willis könnte man ähnliches behaupten. Bei Willis hebt man vor allem seine Ausdauer hervor; Willis hat fast 900 Snaps gespielt. Ihm fehlen in den meisten Bereichen ein paar Prozent auf Elite-Prospects wie Garrett oder Barnett. Auffällig an Willis war sein exzellentes Senior-Jahr 2017, das im Vergleich zu 2016 eine andere Welt gewesen sein soll. In solchen Momenten musst du dich als Front-Office entscheiden: Deutet das auf gewaltiges Entwicklungspotenzial hin oder folgt die gefürchtete Regression zur Mitte?


Tim Williams ist aufgrund seiner prominenten Rolle bei Alabama auch den meisten Gelegenheitszuschauern ein Begriff. Er ist ein exzellenter Speed-Rusher (rekordverdächtige 4,68sek in der 40-Yards Dash), aber gleichzeitig auch etwas leichtgewichtig.

Etwas überraschend verglichen mit seinem Bekanntheitsstatus war Williams mit nicht einmal 700 Snaps in den letzten beiden Jahren zusammen bestenfalls ein situational pass rusher. Er wurde unter Verschluss gehalten. Das kann in der NFL immer noch zu einer sehr guten Karriere reichen; ein Terrell Suggs zum Beispiel war als Rookie auch nur ein sehr dosiert eingesetzter Rusher.

Bei Williams gibt es aber zwei Fragezeichen. Einmal kühlte er gegen Saisonende 2016 merklich ab, was Zweifel an seiner Beständigkeit aufwirft. Und zum anderen musste er im Zuge der Combine zugeben, in der Vergangenheit Drogenprobleme gehabt zu haben.


Haason Reddick ist ein Zwitterfall zwischen Edge-Rusher und klassischem Linebacker. So richtig einig sind sich die Auguren ob seiner Einstufung nicht. Er hat relativ viel in Coverage gespielt, was sich als echter Linebacker nicht schlecht macht. Er hat aber auch 45 QB-Pressures in nicht einmal 250 Pass Rushes erzeugt – selbst in der kleinen AAC eine sensationelle Quote.

Reddick stammt aus der Tristesse von Camden/NJ und spielte seinen College-Football überm Fluss bei Temple in Philadelphia. Er gilt als extrem athletischer, aber oft zu überaggressiver Pass Rusher, der von erfahrenen Blockern gern ins Leere geschickt werden wird. Er ist zu diesem Zeitpunkt in seiner Karriere ein Talent, bei dem sich Coaches einen Feuchten abwichsen, weil er sich formen lässt, aber auf der anderen Seite kann ein schlampiges Genie auch Trainerkarrieren kosten – besonders wenn es sich um 1st Rounder handelt.

Reddick hat neben seinem ungestümen Spielstil noch ein zweites großes Problem: Er verpasst zu viele Tackles (ca. jeden fünften im Schnitt). Trotzdem sehen ihn viele als möglichen Erstrundenpick.


Das ist auch beim hoch aufgeschossenen Taco Charlton (1.98m, 124 kg) der Fall. Er kommt wie schon gestern seien Kollegen Glasgow und Wormley von der University of Michigan. Charlton gilt als sehr reifer Spieler, der Spielsituationen gut lesen kann. Er ist nicht ein Athlet vom Schlage eines Myles Garrett, aber er ist in allen Phasen seines Spiels ein ausgereifter Mann. Damit gewinnst du nicht den Preis um den feuchtesten Traum, aber du gewinnst Superbowlringe, zumindest manchmal.


Charles Harris ist einer der Fälle „überzeugendes College-Tape“ gefolgt von einer unterirdischen Combine. Es gibt Scouts, die Harris als besten (!) puren Pass-Rusher im Draft sehen, vor allem der Spin-Move soll gigantisch sein. Harris ist relativ klein und leichtgewichtig. Er erinnerte mich am College ein wenig an den ehemaligen Colts-Rusher Freeney, der auch so gedrückt ums Eck schoss, zu flink für den Offense Tackle, unter dem er durchtauchte. Bloß: Freeney war etwas schwerer als Harris, und hatte bessere athletische Testwerte.

Positiv für Harris: Sein Pro Day war bedeutend besser als die Combine, und dann gibt es noch den „Mizzou-Faktor“: Die Tigers haben in den letzten Jahren etliche exzellente Front-Seven Prospects in die NFL geschickt – Aldon Smith, Sheldon Richardson, Shane Ray, Kony Ealy.


T.J. Watt ist der Bruder von J.J. Er ist 1.94m groß, wiegt aber nur 114kg, relatives Leichtgewicht also für Pass Rusher. Er wurde in Wisconsin meistens nur situativ auf Pass Rushes geschickt. Er war dabei sehr produktiv, aber man legt ihm gleichzeitig die vielen „unblocked“ QB-Pressures zur Last. Hat nur ein Jahr College-Erfahrung in einer prominenteren Rolle und ist damit ein relativer Risikopick in höheren Runden.


Die große Wildcard ist Joe Mathis von den Washington Huskies: Er verpasste die halbe Saison 2016 mit einer schweren Verletzung, fuhr aber in der ersten Saisonhälfte über 30 QB-Pressures ein. Mathis‘ Tape sieht super aus; er konnte aber in keinen athletischen Tests im Scouting-Prozess teilnehmen. Gemeinhin geht man davon aus, dass Mathis ohne seine Verletzung ein sicherer 1st Rounder gewesen wäre.

Der zweite Anzug

Selbst hinter dieser Myriade an Passrush-Talenten gibt es noch Kollegen, bei denen keiner überrascht wäre, wenn sie in der 2ten oder 3ten Runde vom Tablett gehen. Ein Takkarist McKinley von UCLA. McKinleys Anlagen ähneln jenen von Tim Williams: Relativ klein, extrem schnell. Sein Problem: Er war zu unbeständig, tauchte immer wieder ganze Spiele völlig unter.

Ein Ryan Anderson von Alabama ist wie Williams ein bekannter Name, wird als Draft-Prospect trotzdem nicht so hoch eingeschätzt wie mancher Artgenosse. Ihm wirft man zu wenig Power und einen zu schwachen Antritt vor.

Trey Hendrickson von FAU kommt aus einer kleinen Conference, wo er zwar extrem viele QB-Pressures holte, aber das überzeugt den gemeinen Top-League Scout nur bedingt. Hendrickson hätte eine Chance gehabt, im „East West Shrine Game“ zu glänzen, galt in jener Partie aber als Enttäuschung.

Ein Deatrich Wise aus Arkansas ist mehr das Zwitterwesen ohne fixe Positionszuordnung. Ich habe Berichte gelesen, die ihn als 3-4 Defensive End sehen, aber mit 1.98m und nur 123 kg könnte er dafür zu leichtgewichtig sein. Wise konnte im Gegensatz zu Hendrickson beim Shrine Game voll überzeugen und dürfte sich damit trotz seiner wenig geschliffenen Tools an Hendrickson vorbei geschlingert haben.

Ebenso ein möglicher Sleeper: Dawuane Smoot aus Illinois. Bei ihm konzentrieren sich die Zweifler auf sein vergleichsweise enttäuschendes Senior-Jahr, in dem er nicht an seine früher am College gezeigten Leistungen anknüpfen konnte. Das macht aus ihm einen potenziellen „Steal“: Wenn seine „Regression towards the mean“ Jahr genau 2016 war, kriegt irgendein Team für einen relativ billigen Draftpick einen sehr guten Spieler.


Es gäbe wahrscheinlich noch mehr erzählenswerte Passrusher, aber es ist auf dieser Position wie auf jeder anderen: Die Perlen aus den hinteren Reihen kann keiner erraten. Du weißt bloß, dass welche ohne Vorankündigung den Durchbruch schaffen werden und dann fragt sich jeder, wie er dieses Toptalent übersehen konnte.

Das, was in dieser Draftklasse fix ist: Bei Edge Rushern ist viel Talent auch in der zweiten Reihe vorhanden. Und von Power-Rushern bis zu Speed-Rushern ist für jeden Stil auch etwas dabei. Es werden vermutlich viele Mannschaften schon recht früh sich in diesem Topf bedienen.

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2 Kommentare zu “NFL Draftvorschauer 2017 – Edge Rusher

  1. Garrett ist ein echtes Monster, wie groß ist eigentlich die Chance dass die Browns ihn _nicht_ an Nr. 1 draften werden? Gibt ja momentan wieder Gerüchte, dass sie an einem QB wie Trubisky interessiert sind und Angst haben, dass er auf Nr. 12 nicht mehr am Board ist.

    Ich bin auch gespannt wo Thomas gedraftet wird. Die Unterschiede zu Allen scheinen ja wirklich nur gering zu sein aber Thomas ist bei den meisten Mock Drafts höher eingestuft.

  2. Pingback: Vor dem NFL Draft 2017 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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