NFL Draftvorschauer 2017 – Defensive Backs

Teil 4 der Draftvorschau 2017 mit den Defensive Backs, die sich klassischerweise aus Cornerbacks und Safetys zusammensetzen. Gestern schrieb ich bereits über die Überschneidung von Safetys mit Linebackern. Safetys sind eine der merkwürdigen Positionen der NFL: Man sieht sie im TV-Livebild fast nie, denn sie patroullieren 10-20 Meter hinter der Anspiellinie und greifen recht selten „aktiv“ in den Spielzug ein.

Es gibt klassischerweise die Unterscheidung zwischen dem eher auf Passverteidigung bedachten Free Safety und dem tendenziell mehr gegen den Lauf operierenden und somit näher der Anspiellinie positionierten Strong Safety. Auch hier sind die Übergänge fließend.

Bei den Cornerbacks unterscheidet die Fachliteratur heute zwischen dem Outside-CB, der links und rechts am Rande des Spielfeld die #1 und #2 Wide Receiver abdeckt, und dem Slot-Cornerback, der vor allem in der Spielfeldmitte operiert und den „dritten Mann“ abschirmt. Vorteil für den Outside-CB: Er hat mit der Seitenlinie eine natürliche Spielfeldbegrenzung als Freund. Nachteil: Die meisten Mannschaften stellen ihre besten Receiver nach wie vor „draußen“ auf.

Der Slot-CB hat es aber auch nicht so einfach, denn die Zeiten, in denen die Offense nur die wendigen Irrwische über die Spielfeldmitte flitzen ließ, sind vorbei. Etliche Offenses stellen mittlerweile aber schon richtige Brocken auf Wide Receiver in den Slot, z.B. Arizona mit Larry Fitzgerald oder Philadelphia mit Jordan Matthews. Setzt du dagegen einen 1,50-CB an, bettelst du um Verbrennung.

Cornerbacks

Ob des besten CB-Prospects herrscht in den USA keine Einigkeit. Fix ist, dass die weithin als Top-3 angesehenen Prospects allesamt extrem junge Spieler sind, die kaum mehr als ein Jahr am College geglänzt haben.

Marshon Lattimore von Ohio State gilt als größtes Spielertalent im Jahrgang: Extrem schneller, wendiger Corner, der die 40-yds in 4.36 Sekunden läuft und durch extreme Beschleunigung und Beweglichkeit auf engstem Raum auffällt. Lattimore hat zwar nur ein Jahr als Vollzeitstarter am College gespielt, dabei aber mit seiner Spielintelligenz sämtliche Beobachter begeistert. Er liest die Augen des Quarterbacks und kann Spielzugentwicklungen verlässlich prognostizieren.

Die Gefahr bei Lattimore ist seine Verletzungsanfälligkeit. Lattimore verpasste am College zu viel Zeit mit Leistenbeschwerden. Die Leiste ist immer ein kritisches Punkt für Footballer: Nicht nur ist es die häufigste Footballerverletzung – es ist auch eine der Wehwehchen, die noch nichtmal durch den Football hervorgerufen wird, sondern durch die Laufbewegung. Vor allem für einen sehr von seiner Beweglichkeit abhängigen Prospect wie Lattimore ist das ein ernsthaftes Problem und könnte Teams abschrecken.

Lattimores College-Teamkollege Gareon Conley ist für viele eine ähnlich attraktive Option wie der bekanntere Lattimore. Conley ist mit 4.44 Sekunden über 40 Yards einen Tick langsamer, gilt aber in Coverage als ebenbürtiges Talent. Conley galt 2016 als Wunder-Manndecker, ließ noch nicht einmal 15 Catches zu. Es war aber auch sein mit Abstand bestes seiner drei Jahre am College: 2014 und 2015 ließ man ihn mangels Zuverlässigkeit nur dann aufs Feld, wenn es unbedingt notwendig war – so bleibt die Frage: Eintagsfliege?

Das zweite große Risiko bei Conley ist seine schlechte Arbeit gegen den Lauf. Nicht nur ist Conley zu wenig physisch. Er verpasst auch noch etliche Tackles. Im Gesamtpaket macht das vermutlich einen Spieler, der nach Lattimore gedraftet wird.

Der dritte der großen, bekannten Cornerback-Prospect ist Marlon Humphrey von Alabama, ein sehr aggressiver, physischer Corner. Humphrey ist extrem flink. Er war vor vier Jahren in Donezk Vizejugendweltmeister über 110m Hürden. Er gilt als sehr wendig, hat aber im Tanz mit den Wide Receivers an der Anspiellinie nicht immer ausreichend Geduld. Seine Schwächen werden aufgedeckt, wenn er downfield im 1-vs-1 mit dem WR angespielt wird und große Schwierigkeiten hat, den Kopf zu drehen um den Ball zu finden.

Und noch ein Risiko gibt es, für das Humphrey nicht unbedingt was kann: Seine Uni. So großartig die Alabama-Defense in den letzten Jahren war und als so guter DB-Coach Nick Saban gilt: Hochgejazzte Alabama-Cornerbacks wie Milliner oder Kirkpatrick waren in den letzten Jahren eher Enttäuschungen.


Die beiden Florida-Cornerbacks Quincy Wilson von Florida und Teez Tabor galten lange Zeit ebenso als heiße Aktien, aber beide haben im Scouting-Prozess mit üblen Comebine- und Pro-Day-Leistungen Vorschusslorbeeren verspielt.

Wilson bringt eigentlich ideale Maße mit: 1,88m und 96kg. Er bringt die notwendige Physis mit und ist ein exzellenter Manndecker. Viele wollten ihn ganz weit nach oben hypen, aber dann joggte er nur eine 4.54 über die 40-Yards, und plötzlich begannen die Scouts, seine Schwächen in Zone-Defense und gegen den Lauf aufzudecken, wo von seiner Physis an der Anspiellinie nicht mehr viel zu sehen ist.

Tabor trottete gar nur eine 4.62 Sekunden über die 40 Yards – fast ein Killer für einen Cornerback. Tabor ließ einer ernüchternden Combine einen noch schlechteren Pro Day folgen. Ihm wirft man nun vor, ein komplettes One-Trick-Pony zu sein: Guter Zone-Verteidiger, aber viel zu langsam um mit der NFL-Elite mitzugehen und außerdem einen Drogentest am College verpasst.

Für Wilson sehen die meisten am ehesten dann Erfolg, wenn er in eine Man Coverage-Defense kommt und als CB2 eingelernt werden kann. Auch ein Move auf Free Safety steht zur Diskussion. Tabor sieht man eher als geeignet für eine Cover-3 Defense. Beide werden eher nicht in der 1ten Runde gehen.


Wo Wilson und Tabor abgelost haben, gelten Leute wie Tre’Davious White (LSU) oder Kevin King (Washington) als potenzielle Gewinner in der Lotterie. Sie könnten als 1st-Rounder vom Tablett gehen (wobei man argumentieren könnte, dass du als 2nd Rounder besser dran bist, weil die Teams dann keine einseitige 5th-Year Option haben).

White, ein Senior, ist flexibler als Wilson und Tabor, weil er sowohl in Mann- als auch Zonendeckung eingesetzt werden kann. White ist mit 1,80m relativ klein und sorgte bei der Combine auch für Verwirrung, als er plötzlich 7kg schwerer war als unter der Saison. Da seine Sprintzeiten aber ganz okay waren, rechnet man ihm das zusätzliche Gewicht („mehr Physis“) aber als Pluspunkt an.

King ist mit 1.91m und 91kg hoch aufgeschossen, gilt aber trotzdem nicht als wirklich physischer Spieler. Sein Vorteil ist seine Vielfältigkeit. In Washington spielte er ein Drittel seiner Zeit als Safety, zwei Drittel als Cornerback. Er gilt als flexibel einsetzbar und hat das Näschen für Interceptions. In den letzten Wochen hat Kings Standing in den landesweiten Medien gewonnen – eine Einberufung in Runde 1 wäre keine Sensation mehr.


Ein „Problem“ bei King: Er war in Washingtons Secondary vielleicht nur der zweit- oder drittbeste Verteidiger (siehe später noch Rubrik Safetys). Der beste war Sidney Jones, ein sensationelles CB-Prospect, das sich leider die Achillessehne gerissen hat und seine Rookiesaison damit wohl verpassen wird. Damit ist Jones fast automatisch aus den ersten 1-2 Runden verschwunden. Aber: Jones, nicht King, war der Mann, den die Offensive Coordinators der Pac-12 Conference mieden, wenn es gegen die Washington Huskies ging.

Vielleicht erlaubt sich ein Team mit vielen Draftpicks den Luxus, Jones zu holen, ihn ein Jahr auskurieren zu lassen um dann 2018 plötzlich einen längst vergessenen Rohdiamanten auf die NFL loszulassen.


Ein ganz interessanter Spieler, auch in der Pre-Draft Bewertung, ist Michigans CB Jourdan Lewis. Ein 1,78m Männchen, keine 80kg schwer, aber drei Jahre hochwertige Starting-Erfahrung am College. Lewis gilt als extrem reaktionsschnell gegen den Receiver, hat aber nicht die Physis, um #1-WR auf einer Insel zu verteidigen. Er wird auf tiefen Routen verbrannt werden und sollte am besten im Slot einsetzbar sein – es sei denn, man gibt ihm Safety-Hilfe gegen hoch aufgeschossene Top-WR. Aber wenn du Safety-Hilfe brauchst, bist du kein Corner, für den Teams einen hohen 1st-Round Draftpick opfern wollen.


In der zweiten Ebene der CB-Prospects gibt es noch lustige Namen wie Clemsons Cordrea Tankersley, oder die beiden Colorado-Corners Ahkello Withterspoon und Chidobe Awuzie.

Tankersley hätte schon 2016 in den Draft gehen können, blieb dann aber noch sein Senior-Jahr am College um die verdiente Meisterschaft zu gewinnen und – noch wichtiger – seine Technik und Raffinesse zu verfeinern. Er hat Gardemaß, ist schneller als die meisten Artgenossen und kann alle Deckungsarten spielen. Zweifel gibt es ob seiner horrenden Tackling-Qualitäten und seiner manchmal zu fummeligen Hände, die Flaggen provozieren. So richtig weiß ich aber nicht, warum Tankersley bei den meisten Scouts nur auf der zweiten oder dritten Seite notiert wird.

Witherspoon ist groß und schnell, hat aber Probleme beim „Back-Pedaling“ und ist ein Nullfaktor gegen den Lauf. Er hat ebenso wie King Argumentationsschwierigkeiten, da er u.a. mit Awuzie einen vielleicht noch besseren Teamkollegen am College hatte. Awuzie ist etwas kleiner als Witherspoon und damit in der NFL wohl auf die Position des Nickelbacks limitiert.

Safetys

Bei den Safetys gibt es zwei unisono als 1st-Round Talente anerkannte Prospects. Der eine ist Jamal Adams von LSU, der andere Malik Hooker von Ohio State. Nur in wenigen Mock-Drafts fallen sie aus den Top-20 Picks raus.

Adams gilt nicht unbedingt als freelancender Playmaker im Stile eines Earl Thomas, sondern mehr als der blaue Flecken verteilende Hulk und Bruder im Geiste eines Eric Berry.

Adams wurde dann auch lange Wochen eher als Box-Safety gehandelt, bis er beim LSU-Pro Day einen sensationellen 40-Yards Sprint in 4.33 Sekunden hinlegte und plötzlich viel mehr ist als ein physisches Hitting-Phänomen. Adams war zwei Jahre Starter bei LSU und spielte relativ nahe an der Anspiellinie – was keine Kritik an seiner Arbeit sein muss, sondern oft auch einfach am LSU-Schema liegt, das sehr darauf bedacht ist, die Anspiellinie zu überladen.

Dagegen gilt Hooker eher als tiefer Freelancer. Hooker spielte nur ein Jahr als Starter bei Ohio State, aber dieses eine Jahr war so gut, dass die Draftniks bereits Vergleiche mit Earl Thomas und Ed Reed anstellen – also mit den besten der besten. Hooker gilt als extrem spielintelligent und stets in Ballnähe operierender Abfangjäger, der, wenn er seine PS in der NFL schnell auf den Boden bringen kann, schon im ersten oder zweiten Jahr zu den Superstars der Liga zählen soll.


Hinter den beiden Star-Safetys gibt es eine Reihe an Alternativen mit 2nd-Round Ambitionen. Budda Baker zum Beispiel. Er kommt von Washington – er ist der dritte der Defensive Backs von Washington. Baker ist ein Top-Athlet mit unzähmbarem Zug zum Ballträger, aber er gilt vor allem in dieser frühen Karrierephase noch als zu leicht zu verarschen von Richtungswechseln. Er ist schlicht zu aggressiv, aber weil Baker gerne die großen Hits austeilt, wird er auf etlichen Big Boards hoch eingestuft sein.

Auch 2te-Runde Talent: Marcus Maye von Florida. Maye verpasste 2016 viel Zeit mit Verletzungen, gilt aber als einer der besten Strong-Safety Prospects im Draft. Du darfst ihn nur nicht zu tief einsetzen. Gib ihm ein paar Runningbacks zum Verprügeln, und du wirst Mayes Freund sein.

Allrounder

Zwei extrem bekannte College-Defensive Backs verbleiben, über deren Zukunft in den USA kein Konsens herrscht, die aber in keiner Preview fehlen dürfen.

Der eine ist Michigans Safety-Cornerback Jabrill Peppers, dessen Allrounder-Qualitäten ihm fast die Heisman-Trophy eingebracht hätten. Der aus sehr schwierigen Verhältnissen stammende, aber persönlich nie auffällig gewordene Peppers ist nicht limitiert auf Cornerback oder Safety, er ist noch nichtmal limitiert auf die Defense: Peppers bekam etliche Snaps auf Runningback und galt 2016 als bester Kick- und Puntreturner im College Football. Allein diese Qualitäten werden ihn in den ersten beiden Runden vom Tablett gehen lassen.

Trotzdem ist man sich nicht einig, wo er in der NFL am besten einzusetzen ist. Er begann seine Laufbahn am College als Cornerback, wurde dann auf Safety geschoben und spielte zuletzt streckenweise auch als Linebacker. Er hat zwar zwei Starter-Jahre auf dem Buckel, aber so richtig feingeschliffen ist er auf keiner Position. Zu oft verließ er sich auf seine Instinkte um Plays zu machen.

Das wird in der NFL nicht reichen. Man geht davon aus, dass Jabrills beste Position auf Free Safety sein wird (Betonung auf dem Futur), aber dass er 2017 in der Defense vor allem eine Teilzeitrolle einnehmen wird um die Feinheiten der Position zu lernen.

Unabhängig von seinem Einsatzgebiet in der Defense kann man sich schon einmal auf den einen oder anderen tollen Puntreturn gefasst machen, denn Peppers mit dem Ball in der Hand und etwas Raum sehen zu dürfen, ist schon eine Augenweide.


Der andere der Star-Athleten ohne klar definierte NFL-Position ist Adoree Jackson von den USC Trojans. Jackson ist mit 4.39 Sekunden über 40 Yards noch sieben Hundertstel schneller als Peppers und er ist ein noch wendigerer, schnellerer Athlet auf engstem Raum. Auch Jackson ist ein famoser Returner.

Aber Jackson gilt als triebgesteuerter Spieler, der sich im College fast ausschließlich auf seine überlegene Physis und Geschwindigkeit verließ anstelle sich wie seine untalentierten Artgenossen ins System der Coaches zu fügen. Jackson ist eigentlich kein echter Cornerback, und wenn man ihn beim Fangen von Bällen und beim Versuch des Tacklings beobachtet, könnte man sogar auf die Idee kommen, dass er besser in der Offense als Wide Receiver beraten wäre denn als manndeckender Cornerback in der Defense.

Anyhow: Jackson ist einer dieser Leichtathleten, die sich zufällig auf ein Footballfeld verirrt haben. Sie fallen schon qua ihrer Irrwisch-Qualitäten auf, aber bei ihnen ist immer die Frage, inwieweit sie sich in ein NFL-System coachen lassen. Müsste ich wetten, würde ich meine Jetons immer darauf setzen, dass Peppers deutlich vor Jackson geht – und auch, dass Peppers ein besserer NFL-Profi wird als Jackson.

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8 Kommentare zu “NFL Draftvorschauer 2017 – Defensive Backs

  1. Kam jetzt raus, dass Peppers bei der Combine eine verdünnte Probe abgegeben hat. Das soll daran liegen, dass er wegen der Belastung (Flug, Workout für LBs und DBs…) 8-10 Flaschen Wasser vorm Insbettgehen getrunken haben soll. Weiß nicht, ob das irgendeine Konsequenz haben wird, aber interessant ist es trotzdem.

  2. Gilt normalerweise als positive Dopingprobe, was zur Konsequenz hat, dass der Spieler im Drogenprogramm der NFL hochgestuft wird und einen Schritt näher an künftigen Suspendierungen ist.

  3. Warum tut man sich mit der Position von Peppers so ultra schwer? Warum sieht man in ihm nicht den nächsten Kam Chancellor?

  4. Pingback: Vor dem NFL Draft 2017 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  5. Vielleicht ist es echt nur der Name, aber Safety Eddie Jackson von Alabama war Defensive MVP des Championship Games 2016 und ich kann mich erinnern, wie alle 2017 gemeint haben, es sei ein herber Rückschlag für Alabama, so einen Spieler zu verlieren (gebrochenes Bein glaub ich). So ein Spieler bekommt ein 4-5rd. grade auf NFL.com – kann ich nicht ganz nachvollziehen.

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