Cleveland Browns in der Sezierstunde

Die Cleveland Browns bleiben ihrem Plan treu. Schauen wir zurück auf ihre Offseason.


Cleveland kommt aus einer 1-15 Saison, die um ein Haar als sieglose Spielzeit geendet wäre. Die Mannschaft war eine der schlechtesten nach praktisch allen erdenklichen Metriken. Gemessen an dem Hausreinemachen, das das neue Front Office um GM Sashi Brown, Chefstratege Paul DePodesta und Head Coach Hue Jackson in der letzten Offseason 2016 durchgezogen hatten, kam das schwache Abschneiden nicht überraschend.

Die Offseason 2017 zeigte ganz deutlich: Die sportliche Leitung der Browns bleibt bei ihrem Plan.

Clevelands Plan in der Free Agency war die Stärkung der Offensive Line, während man im Draft die „Stats-Methode“ des Downtrades perfektionierte und einmal mehr etliche Draftpicks investieren konnte. Ein Beispiel: Cleveland hat den Downtrade von 2016 (den Philadelphia nutzte um Carson Wentz zu holen) in bislang neun (!) Picks umgemünzt und hat 2018 noch einen 2nd Rounder übrig.

Die Browns hatten dieses Jahr zehn Draftpicks, drei davon in der ersten, und sie werden im nächsten Jahr erneut mit zwei 1st und drei 2nd Roundern massiv Holz in den frühen Runden zur Verfügung haben. Ach, und: Die Browns haben über 50 Mio. Dollar Cap-Space.

Die Browns scheuten noch nichtmal vor dem „Cap-Dumping“ Trade zurück, als sie den Monstervertrag von QB Brock Osweiler aus Houston inklusive eines 2nd Round Picks einkauften. Ein Move, der unisono als „analytisch“ gepriesen wurde, von dem ich selbst noch nichtmal so überzeugt bin (weil Cap-Space in die Zukunft verschoben werden kann und du effektiv einen 2nd Rd Pick für 16 Mio gekaufst hast… ein realer 2nd Rounder kostet aber eher 2 Mio, keine 16, und Osweiler ist Ramschware).


Aber gehen wir mal die wichtigsten Moves der Browns in der Free Agency durch:

  • Verlängerung von LB Jamie Collins
  • Verlängerung von OG Joel Bitonio, der für „nur“ 51 Mio über sechs Jahre verlängerte, ein moderater Preis verglichen mit dem, was andere, teils schwächere Guards bekamen
  • Einkauf von OG Kevin Zeitler, der für massiv Kohle aus Cincinnati runterwechselt: 5 Jahre, 60 Mio
  • Einkauf von C J.C. Tretter, der aus Green Bay kommt
  • Einkauf von QB Osweiler via Trade, nebst 2nd Rounder im Gepäck
  • Abgang von WR Terrelle Pryor, dem man entgegen aller Erwartungen nicht die Franchise-Tag gab
  • Einkauf von WR Kenny Britt als Pryor-Ersatz

Im Draft verstärkten sich die Browns mit folgenden Spielern:

  • #1 DE Myles Garrett, dem anerkannt besten Prospect im gesamten Draft
  • #25 DB Jabrill Peppers, für den man nun ein Jahr lang die geeignete NFL-Position finden kann
  • #29 TE David Njoku, erst 20 Jahre alt. Für ihn tradete Cleveland sogar hoch in die 1te Runde und erkaufte sich somit eine „5th Year Option“ für diesen Jungspund, einen Rohling, aber einen sehr formbaren Rohling
  • #52 QB DeShone Kizer, den prototypischen NFL-Quarterback, der noch als zu schleifen gilt.
  • #65 DT Larry Ogunjobi für die Tiefe in der Defense Line

Dazu einige Tiefe in den hinteren Runden für Cornerback, Offensive und Defensive Tackle. Die Browns haben damit nun noch längst keinen Kader beisammen, der sie in die NFL-Oberklasse hievt, aber sie haben Grundlagen geschaffen.

Offense

Stärke der Offense ist eindeutig die Offensive Line, die sich nun mit LT Joe Thomas, LG Joel Bitonio, C J.C. Tretter, RG Kevin Zeitler und einem rechten Tackle, der zwischen Shon Coleman, Austin Pasztor und Cameron Erving ausgespielt wird, präsentiert. Right Tackle ist damit eindeutig die große Schwachstelle. Wenn du mir zehn bessere Offensive Lines in der NFL geben kannst, zahle ich dir drei Bier. Vielleicht wirst du noch nichtmal fünf finden.

Offense Line ist immer eine gute Grundlage für eine stabile Offense. Die Browns mögen ihren Quarterback der Zukunft noch immer nicht im Kader haben, aber im Gegensatz zur vergangenen Saison hat man nun eine Situation geschaffen, in der entweder Cody Kessler oder Rookie Deshone Kizer unter NFL-würdigen Bedingungen operieren können.

Kessler galt letztes Jahr als viel besser als erwartet. Headcoach Jackson gilt als QB-Flüsterer, und auch wenn Kizer wohl noch zu roh oder zu schade ist um ihn sofort ins Getümmel zu werfen, so ist ein mögliches Auflaufen seinerseits nun keine Garantie mehr für die Vollkatastrophe.

Die Frage ist, ob Clevelands Skill-Player bereits höheren Ansprüchen genügend. Auf Wide Receiver ließ man in Pryor seinen besten Mann ziehen – und Pryor ließ schon gigantisches Entwicklungspotenzial aufblitzen. Man verzichtete aber trotz der günstigen Cap-Situation auf die Franchise-Tag – Nachlässigkeit, schierer Geiz oder doch bloß die Erkenntnis, dass Pryor auch keine echte #1 werden wird?

Für Pryor wurde Kenny Britt geholt, ein ehemaliger Risiko-Charakter. Britt soll sich bei den Rams aber erfangen haben und gilt in manchen Kreisen durchaus als kompetenter WR2. Ein WR2-Typ ist auch Corey Coleman, 1st Rounder von 2016, der letztes Jahr kaum gespielt hat. Dahinter laufen in Louis, Higgins und Payton Leute auf, die letztes Jahr in den hinteren Runden gedraftet wurden und noch nicht genügend NFL-Reife nachgewiesen haben.

Auf Tight End wurde Kultfigur Barnidge entlassen. Will man wirklich bereits alle Last dem Rookie Njoku aufhalsen? Njoku ist ein Supertalent, mit 20 zudem extrem jung, aber es ist schwer vorstellbar, dass Njoku mit Fokus 2017 geholt wurde. Hinter ihm sind mit Devalve (Draftjahrgang 2016) und Telfer (Draftklasse 2015) nicht viel erfahrenere Leute… Runningback bleibt das Reich des Duos Crowell / Duke Johnson, die sich ganz gut ergänzen, aber zuletzt auch keine 4yds/Carry machten.

Defense

Die Defense wird ab sofort von DefCoord Gregg Williams gecoacht, der für seine extrem aggressiven Schemen mit vielen Blitzes bekannt ist. Williams hatte damit nicht überall Erfolg, aber im Großen und Ganzen gilt er als Coach, der auf vielen seiner Stationen mehr aus dem Spielermaterial gemacht hat als andere Coordinators. Er ist seit dem Bountygate-Skandal bei den Saints US-weit verschrien und noch immer auf Wiedergutmachungstournee.

Die Browns könnten ein idealer Ort für bessere Reputation werden. Nicht „sein“. „Werden“. 2017 wird der Kader noch nicht komplett genug sein für ernsthafte NFL-Tauglichkeit, aber es sollte bereits deutlich besser werden als in der Vergangenheit.

Das beginnt mit der sehr vielversprechend besetzten Defensive Line. DE Myles Garrett ist als Superstar angedacht. Wenn Garrett die extrem hohen Erwartungen nur ansatzweise erfüllen kann, haben die Browns bereits einen respektablen Edge-Rush beisammen, denn die beiden 2016er-Draftpicks Ogbah (2nd Round) und Nassib (3rd Round) haben bereits Potenzial aufblitzen lassen.

Auf Defensive Tackle wird die Rotation hinter NT Danny Shelton und Desmond Bryant um Rookie Ogunjobi verstärkt, und vielleicht auch um DT Brantley, den Cleveland in der 6ten Runde draftete, den die Browns aber nur behalten wollen, wenn sich die aktuell laufenden Frauenschlägervorwürfe gegen ihn als haltlos erweisen.

Hinter dieser spannend besetzten D-Line ist der Linebacker-Corps unverändert geblieben. Man wird aber erstmals auf eine vollständige Saison von Jamie Collins zählen können, den man im Lauf der letzten Saison für einen 3rd Rounder aus New England einkaufte.

In der Secondary ist relativ wenig passiert. Für den Rookie Peppers muss man noch eine geeignete Position finden. Manche sagen, Peppers sei ein idealer Strong Safety, aber wenn dem so ist, haben die Browns keinen Free Safety von Format. Und hinter dem CB-Duo Haden / Taylor gibt es praktisch keinen vernünftigen weiteren Cornerback, und sowohl Haden als auch Taylor sprachen im letzten Jahr auch wohlgesinnte Beobachter NFL-Klasse ab. Möglich, dass der einstige Star-CB Haden mittlerweile zu langsam geworden ist. Aber auch möglich, dass er mit besserer Unterstützung einer Front Seven, die nun ihren Namen verdient, wieder zu alter Form findet.

Ausblick

Cleveland baut an seinem Fundament, und offensichtlich hat Owner Jimmy Haslam noch immer Geduld. „Noch immer“ mag strange klingen nach nur 16 Monaten, aber wenn man bedenkt, dass die Browns wirklich unkonventionell agiert haben (komplett-Rasur im Kader, Osweiler-Trade, konstante Down-Trades im Draft) und erst einen Sieg auf der Habenseite verzeichneten, strahlt die oberste Führungsriege bei den Browns ungewöhnliche Ruhe aus.

Ich halte den Prozess der Strategen um Sashi und DePodesta für richtig. Ich hoffe auch, dass Haslam weiter Ruhe bewahren wird, unabhängig davon, wie 2017 enden wird. Entscheidend ist ab 2018 und 2019. Bleibt die Frage: Was würde für die Browns in der anstehenden Saison als Erfolg zu werten sein?

Ist es ausreichend, wettbewerbsfähiger zu sein, vielleicht mehr als eine Handvoll enger Spiele zu bestreiten, auch wenn die meisten verloren gingen und man, sagen wir, 2-14 endet?

Ist es ein 6-10, in dem man wirklich mithalten kann? Oder ein „instabiles“ 6-10 mit vielen knappen Siegen?

Wäre ein 9-7 bereits ein phänomenaler Erfolg, der im nächsten Jahr den „Win Now“ Modus antriggert?

Auf der anderen Seite: Wäre nicht ein 2-14 zum letzten Mal der „erfolgreichste“ Weg, da er erneut den Top-Pick garantiert mit einer weiteren, finalen Chance, einen Franchise-Quarterback im nächsten Jahr zu draften, anstelle mit 6-10 das stuck in the middle Phänomen zu erleben, in dem die besten QB-Prospects bereits vom Tablett sind wenn man dran ist, oder man Chiefs-like etliche 1st Rounder opfern muss?

Oder ist es schon ein Erfolg, wenn ein QB wie Kizer NFL-Klasse andeutet und man mit ihm in die Zukunft gehen kann? Wenn sich ein Corey Coleman als WR1 erweist? Die Defense Line sich findet und man im nächsten Jahr allenfalls noch auf die Stärkung des Defensive Backfield schielen muss?

Viele Fragen. Die Antworten werden auf sich warten lassen. Bis dahin rate ich weiterhin, „Das Experiment“ in Cleveland aufmerksam zu verfolgen, denn es bleibt der ungewöhnlichste Neuaufbau, den ich in der NFL bislang erlebt habe.

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2 Kommentare zu “Cleveland Browns in der Sezierstunde

  1. Super geschrieben und alles wichtige erwähnt und die Aspekte beleuchtet.
    100% d´accord.
    Schau mer mal, was aus Osweiler wird
    GO Browns

  2. Zunächst einmal, danke korsakoff, dass du weiterhin so umfassend deinen Blog betreibst, trotz dem Stress den du in letzter Zeit hattest. Sidelinereporter ist aufgrund deiner neutralen, analytischen Art eine echte Bereicherung wenn es um die NFL geht.

    Zu den Browns:
    Die Offseason und der Draft waren bislang richtig richtig gut. Man kann eigentlich alles unterschreiben was du geschrieben hast. Angeblich waren die Browns wirklich an einem Trade dran um Trubisky in den Top-10 zu picken. Zum Glück ist daraus nichts geworden. Das Team hat immer noch zu viele Baustellen um First Round Picks für QBs mit riesigen Fragezeichen zu verschwenden. Die Addition von Kizer war dementsprechend perfekt. Kizer ist uns ja an #52 praktisch in den Schoss gefallen.

    Insgesamt hat man jetzt nach dem Draft zwei nominell starke Lines. Überhaupt ist die Front-seven sehr gut aufgestellt. Auf WR und CB muss man in den nächsten Jahren allerdings noch einmal zulegen. In der Breite ist der Kader auch noch nicht wirklich gut besetzt, aber insgesamt erfolgt der (notwendige) Rebuild rasch und gezielt.

    Die wichtigste Verpflichtung war mMn übrigens Tretter. Cam Erving auf Center war nicht mehr zu unterbieten (PFF Grade, 39,6). Mal schauen welcher QB daraus am ehesten Kapital schlagen kann.

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