San Francisco 49ers in der Sezierstunde

Reset-Button in San Francisco zum vierten Mal in Folge – und diesmal soll es ein „echter“ Neustart werden, wenn es nach der Ownerfamilie York geht.

Nachdem man mit Jim Harbaugh, Jim Tomsula und Chip Kelly in drei Jahren drei Headcoaches gefeuert hat, wurde nun bis nach oben ins Front Office eine komplette Rasur gewagt und sauberes Hausreinemachen durchgezogen.


Die neuen am Werk sind bekanntlich Head Coach Kyle Shanahan und GM John Lynch. Die Reihenfolge ist nicht zufällig gewählt. Alles deutet darauf hin, dass York vor allem Shanahan haben wollte und ihm mit Lynch einfach „irgendeinen“ kompatiblen General Manager zur Seite gestellt hat. Shanahan und Lynch kennen sich noch aus Zeiten in Denver, insofern scheint für York nach Jahren, in denen mit Trent Baalke ein GM vor allem gegen seine Coaches und für seinen eigenen Machterhalt gearbeitet hat, eine verständnisvolle Zusammenarbeit wichtig gewesen zu sein.

Die Symbiose soll langfristig angelegt sein: Shanahan und Lynch bekamen jeweils einen Sechsjahresvertrag, was in NFL-Verhältnissen einer Lebensversicherung gleichkommt.

Shanahan und Lynch sind beide Rookies auf ihrem Gebiet. Shanahan tingelt seit Jahren als mehr oder weniger erfolgreicher Offensive Coordinator durch die Liga. Schon in Houston und Washington (RG3-Debütsaison!) orchestrierte er gute Offenses, in Cleveland holte er mehr heraus als alle vergleichbaren Coordinators, aber den Durchbruch schaffte er erst letztes Jahr in Atlanta, als er aus dem großartigen Spielerpotenzial alles herauskitzelte, was nur möglich war und eine der komplettesten und ansehnlichsten Offenses überhaupt spielen ließ. Shanahan = guter Offensive Coordinator. Aber er war noch nie Chefcoach.

Lynch ist noch grüner auf seinem Gebiet. Er war lange Jahre Pro-Bowl Safety in Tampa Bay und Denver und verdingte sich nach seiner Spielerkarriere für einige Jahre als Co-Kommentator bei FOX. Er galt stets als smarter Typ, ging mir in den letzten Jahren mit immer banaler werdenden Einschätzungen aber zunehmend auf den Keks.

Seine Einstellung als GM in San Francisco erinnerte prompt viele an einen unglückseligen „Vorgänger“, der ebenso als einstiger Topspieler und Kommentator seine Sporen verdient hatte, ehe er in der Verantwortung eines GM eine NFL-Mannschaft in Grund und Boden managte: Matt Millen, zu trauriger Berühmtheit gelangt durch den Schlachtruf „Fire Millen“, und Architekt der 0-16 Mannschaft der Detroit Lions 2008.


Bashing ist eigentlich immer erwünscht, aber Lynch hatte einen guten Einstand als GM. Seine erste Glanzleistung im Draft war die Verarsche der Chicago Bears, denen er mehrere Draftpicks abluchsen konnte in einem Trade, der den 49ers niemals wehtun würde und nur Pluspunkte brachte (der Trubisky-Trade). Vielleicht ist „Geniestreich“ viel zu hoch gegriffen, aber es war zumindest viel, viel besser als das, was die schlimmsten Skeptiker ob seiner Unerfahrenheit befürchtet hatten.

Und Lynch zog noch eines durch: Er vermied es, auf Druck einen Quarterback zu holen, nachdem die 49ers richtigerweise erkannt hatten, dass der Top-Prospect Trubisky mit seinen Anlagen überhaupt nicht zur Shanahan-Offense passte.

Dafür bauten Shanahan und Lynch den Kader mit etlichen Transaktionen um. Es waren überwiegend „just guys“, die gekauft und verkauft wurden, aber wühlen wir uns mal durch das Dickicht.

Offense

Alle drei Quarterbacks des letzten Jahres – Kaepernick, Gabbert und Ponder – wurden ausgetauscht und durch Matt Barkley, Brian Hoyer (beide aus Chicago) sowie Draftee C.J. Beathard ersetzt. Hoyer und Barkley dürften temporär den Starter-Job unter sich ausmachen. Ob Beathard den Durchbruch schaffen kann, bleibt völlig offen. Er war in eigentlich keiner Diskussion um die ersten Runden im Draft vorgekommen, trotzdem zog in San Fran in der 3ten Runde.

Auf Runningback ist die entscheidende Verpflichtung jene von FB Kyle Juszczyk, der aus Baltimore kommt. Fullback? Nicht unterschätzen: Shanahan ließ wo immer es ging mit einem Fullback spielen. In Atlanta kam zuletzt sogar Patrick DiMarco zu landesweiter Bekanntheit. Juszczyk ist in den USA auch eine bekannte Größe, seit er sich im Christtagsknaller gegen die Pittsburgh Steelers durch die Abwehrreihen fräste.

Auf Runningback scheint man mit Carlos Hyde nicht vollends zufrieden zu sein. Ich bin darüber etwas erstaunt. Nicht nur ist Hyde ein mit 44% Success-Rate überdurchschnittlich effizienter Runningback. Er bricht auch noch viele Tackles. Im RB-Register wurden mit Hightower und Bipps zwei weitere Jungs für die Rotation eingekauft.

Größer ist der Umbau im Receiving-Corps: Torrey Smith wurde verschickt, dafür Pierre Garcon aus Washington geholt. Garcon ist eine nicht zu unterschätzende Größe. Er war in den letzten Jahren ein echter WR1. Ob er mit über 30 noch den Level halten kann, bleibt abzuwarten, aber er sollte gegenüber dem schlechten Route-Runner Smith ein Upgrade sein. Dazu kommen mit Robinson und dem Sprinter Goodwin zwei Ergänzungsspieler für die Tiefe eines im letzten Jahr unterirdischen WR-Corps.

In der Offense Line holte man sich mit C Zuttah (aus Baltimore) und RT Gilliam (aus Seattle) zwei Ergänzungen, wobei Zuttah durchaus gute Aussichten auf einen Stammplatz haben sollte. Die Hoffnung der 49ers dürfte sein, dass sich RG Josh Garnett (1st Rounder 2016) steigern kann und RT Trent Brown mit Gilliams Konkurrenz im Nacken zu einem besseren Run-Blocker entwickelt.

Wirkt alles in allem noch sehr wie Stückwerk, die ganze Offense. Die QB-Position ist eine Großbaustelle und eigentlich jeder ist überzeugt, dass San Francisco seinen Langzeitstarter aktuell nicht im Kader hat. Es gerüchtelte lange Monate, dass die 49ers nach Washingtons QB Kirk Cousins greifen wollen, aber bislang keine Bewegung diesbezüglich. Vermutlich wartet man nun erstmal ein Jahr ab ehe man via Draft zuschnappt. Aber dieses eine Jahr könnte sehr harzig bis hin zu unansehnlich werden.

Defense

Wie schon 2015 und 2016 holten sich die 49ers fleißig Defense Liner mit ihren ersten Draftpicks. Nach DT Arik Armstead und DT DeForest Buckner war es diesmal mit dem #3-Overall Pick DT/DE Solomon Thomas von der nahe gelegenen Stanford University. Ergänzt wurde der Thomas-Pick durch den ebenso in der 1ten Runde einberufenen LB Reuben Foster, der nach etlichen Negativschlagzeilen in den letzten Wochen unverhofft bis zu den 49ers durchgereicht wurde.

Thomas ist ein flexibel einsetzbarer Mann für die Defense Line. Er soll im Stile eines Michael Bennett eingesetzt werden. Foster soll sich im Idealfall zu einer Art „neuem Patrick Willis“ an der Seite von ILB Navorro Bowman entwickeln.

Die Frage ist bloß, wie all diese Supertalente in das neue Defense-Schema von DefCoord Robert Saleh passen. Saleh ist zum ersten Mal in der Verantwortung eines DefCoords und er will wohl eine 4-3 spielen lassen. San Francisco spielt seit Jahren 3-4 und sowohl Armstead als auch Buckner wurden just wegen dieses nun abgeschafften Systems geholt. Es spricht vieles dafür, dass Buckner und Armstead die beiden DT-Positionen übernehmen werden und Thomas als Defense End aufgestellt werden. Aber damit verschenkt man vielleicht ein wenig Potenzial von Thomas.

Möglich ist auch eine Aufstellung mit Buckner und dem via Free Agency aus Miami geholten Earl Mitchell auf Defensive Tackle und ein End-Pärchen Thomas/Armstead. Aber ideal sind all diese Aufstellungsvarianten nicht, und auch ein DE Aaron Lynch, eigentlich besser als 3-4 OLB, sollte noch irgendwo seinen Platz in der Rotation finden.

Auf Linebacker galt Foster stets als nahezu idealer Inside Linebacker, aber wenn San Francisco 4-3 spielt, wird die „Mike“-Position sicher bei Bowman bleiben. Foster ist eher etwas zu klein gewachsen. Er ist keine perfekte Besetzung als Strongside-Linebacker, also wird er eher der „Will“ (Weakside Linebacker) werden. Strongside klingt stark danach, als ob sie von Neuzugang Malcolm Smith (aus Oakland / ehemaliger Superbowl-MVP mit Seattle) besetzt wird. Aber was wird dann aus Ahmad Brooks, Eli Harold und Tank Carradine – alles Leute die ursprünglich als eine Art Hybrid-Linebacker in der 3-4 Defense geholt wurden, um abwechselnd auf Passrush und in Coverage geschickt zu werden.

Normalerweise werden solche Spieler sofort zum Trade angeboten, wenn die Systemumstellung klar ist. Aber San Francisco behielt sie, was auch dafür sprechen könnte, dass San Francisco sich durchaus nicht 100%ig auf ein Abwehrsystem festgelegt hat und die Fronten oft mitten im Spiel zu wechseln gedenkt.

Klar ist, dass das Defensive Backfield noch nicht auf der Höhe sein wird. Die beiden vermeintlich verlässlichsten DBs der letzten Saison, CB Brock und FS Bethea, wurden entlassen. Die Überbleibsel sind so naja: Die beiden Safetys Ward und Reid sind beide ehemalige 1st Rounder, die noch nicht viel gezeigt haben. Auf Cornerback wurde mit CB Witherspoon in der 3ten Runde ein weiterer Ergänzungsspieler geholt, aber die vermeintlichen Starter klingen mit Reaser, Johnson, Redmond und Williams nicht wirklich Vertrauen erweckend.

Ausblick

Wie der Sechsjahresvertrag für die sportliche Leitung schon andeutet: Langzeitprojekt. Die 49ers sind komplett im Umbruch, wie eigentlich schon seit Jahren, seit man den Headcoach Jim Harbaugh wegen zu viel Erfolgs ziehen ließ.

In einer einzigen Offseason kannst du nicht Weltbewegendes aufstellen, auch nicht in der NFL. San Francisco hat ganz viele Transaktionen angeschrieben, aber wie sie alle zusammenpassen, welches große Konzept im Hintergrund ist, ist noch nicht ganz klar. Zumindest ist es nicht offensichtlich. Was wir wissen, ist, welche Art von Offense Kyle Shanahan irgendwann spielen möchte. Was wir auch wissen: Diese Offseason bot ihm nicht das Spielermaterial, das er dafür braucht.

Die personell am besten besetzte Position, Front Seven, ist aktuell in der Schwebe, weil niemand so recht weiß, wie die vielen Talente am homogensten eingesetzt werden können. Das Defensive Backfield ist eine Baustelle.

Es ist unwahrscheinlich, dass San Francisco erneut bei 2-14 landet. Die 49ers hatten eine unglückliche 1-5 Bilanz in engen Spielen und sie hätten nach Pythagorean zumindest 4 Siege erreichen müssen, also wurden sie auch unter Wert geschlagen. Aber bei solchen Teams, bei denen du weißt, dass die QB-Position nur mit einer Übergangslösung besetzt ist, ist es immer schwer, sich eine wirklich vernünftige Saison auszumalen. Also wird es nächstes Jahr wieder ein Top-10 Draftpick werden.

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2 Kommentare zu “San Francisco 49ers in der Sezierstunde

  1. Ich stimme dir grundsätzlich in allen Punkten zu!
    Auch ich hab mir entgeistert an den Kopf gegriffen und musste auch direkt an Matt Millen denken.
    Ich wurde eines besseren belehrt: Im Gegensatz zu Millen weiß Lynch, was er nicht weiß. Er ist ein starker Kommunikator, der sich ein starkes Team mit Talentevaluatoren zusammengestellt hat, dass ihn unterstützt. Das erleichtert zumindest die Umstellung.

    Ich will ehrlich sein, ich als Fan tue mich schwer die Situation neutral zu sehen, aber sowohl Draft als auch FA erschienen mir gut.
    Im Optimalfall sehe ich in der nächsten Saison ein Team mit hoher Competition das Progress zeigt, sodass man in der nächsten Saison weiß auf welche Spieler man aufbauen kann.

    Ich würde auch mit einem weiteren Top-10 Pick rechnen, aber vermutlich mit keinem in den Top-3.

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